Nekrophilie als Aktivismus

CNN veröffentlicht wieder einmal die aktuelle Ziehung der Opferzahlen in Syrien. Gestern sollen im ganzen Land um die 60 Leute umgebracht worden sein, davon in Idlib zirka 10, in Taftanaz rund 20. Am Vortag – Dienstag – seien es landesweit 74 gewesen. Ach, hunderte. Tausende! In derselben CNN-Nachricht steht nämlich auch die Summe aller vom blutigen Regime Umgebrachten je nach Quelle: 9.000 (UN), 11.000 (Local Coordination Committees), 12.000 (Strategic Communications and Research Center). Die Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte erzittern in nekrophiler Ekstase. Wer bietet mehr?
Und woher stammen diese Zahlen? Richtig, von den Aktivisten. Auf Nachfrage, wo denn all diese Toten sind, vermelden die Aktivisten, sie seien von der syrischen Armee „gestohlen“ und irgendwo „eilends in Massengräbern verscharrt“ worden. Außerdem liest man immer wieder von willkürlichen Verhaftungen und Entführungen, nur eine Sache taucht selten oder nie auf, und niemand fragt danach: die Zahl der Verwundeten.
Bei diesen horrenden Opferzahlen dürfte die Zahl der Verwundeten mehrere Zehntausend betragen. Entsprechend müsste es Notrufe der verschiedenen Krankenhäuser und Meldungen über deren hoffnungslose Überfüllung geben. Hier greift ja eines nicht: man kann schlecht sagen, dass die syrische Armee diese Verwundeten ebenso entführt und irgendwo eilends … behandelt. Schwerverwundete haben mitunter die Eigenart, ihren Verletzungen zu erliegen. Mit solchen Angaben sieht es aber irgendwie mies aus – die Aktivisten geben keine solchen Statistiken bekannt. Das mutet doch einigermaßen seltsam an, wenn man die offenkundige Informiertheit der Aktivisten bedenkt, so dass gar die UN sich deren Zahlen zueigen macht.
Und noch etwas in diesem Zusammenhang. Die selbsternannten „Freunde Syriens“, allen voran die USA, sponsern die „Freie Syrische Armee“ freigebig mit Geldern und… Kommunikationstechnik. Ganz einfach deshalb, weil es nach Angaben der FSA gerade an dieser Technik katastrophal mangelt. Die Aktivisten nun haben scheinbar keinerlei Probleme damit – sie bekommen non-stop Informationen und sind permanent online in Verbindung mit den entlegensten Orten Syriens, wo gerade zufälligerweise die syrische Armee durchgreift. Sieht fast so aus, als würden die freiwilligen Informanten ihre Nachrichten mit Dreck auf die Stiefeln der Getöteten kritzeln und sich nebenbei noch für die unleserliche Schrift entschuldigen.
Tatsächlich muss die Armee vor der Deadline des 10. April – dem Datum, an dem sie aus den Städten abgezogen werden soll – sich wirklich intensiv mit Säuberungsaktionen und der Ausschaltung noch vorhandener Widerstandsnester beschäftigen. Allein schon deshalb sind Meldungen über Zusammenstöße nicht aus der Luft gegriffen. Ebenso logisch erscheinen Meldungen über Opfer an sich – an den Händen der FSA klebt zu viel Blut, als dass deren Kämpfer sich bei drohender Ergreifung nicht zur Wehr setzen würden. In solchen Situationen führt keine Staatsmacht der Welt diplomatische Tänze auf und versucht, den bewaffneten Widerstand durch Totreden klein zu kriegen. Sagen wir, in den bereits erwähnten, demokratischen Vereinigten Staaten hat jeder Schütze, dem es einfällt, in der Gegend herumzuballern, kaum Überlebenschancen bei seiner Ergreifung. Wenn in irgendeinem Afghanistan ein Haus mit Bewaffneten umstellt ist, und man auf das Angebot, sich zu ergeben, auch nur einen Schuss hört, wird dieses Haus einfach „weggemacht“. Seltsam ist, dass die Weltöffentlichkeit der syrischen Armee ein solches Vorgehen nicht zubilligt.
Trotzdem sind die Zahlen der „Aktivisten“ gerade dadurch zweifelhaft, dass man nie genau weiß, wen sie unter die Opfer summieren. Kämpfer, Soldaten, Zivilisten? Indem sie alles auf einen Haufen werfen, Zivilsten mit Soldateska, Polizeikräfte und Armeeangehörige vermengen und multiplizieren, tun sie nichts weiter, als zu betrügen und maßlos zu übertreiben. Das ist als Medienkriegführung wahrscheinlich legitim, aber damit geht die Sache aus dem faktischen ins psychologische, und die UN täte gut daran, diesen Unsinn nicht einfach zu übernehmen.
Wahrscheinlich hat der Westen schon allein aus Trägheit nicht mehr die Fähigkeit, in diesen Berichten Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen, und die Bevölkerung hört halt zu und ist daran gewöhnt, sich in den inzwischen eingefahrenen, der Stillung des Bedürfnisses an Stellungnahme zu Krisen dienenden Bahnen innerlich und politisch korrekt über das „blutige Regime“ zu empören.

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