Glüwüce

Es scheint, als sei der berüchtigte Gleiwitz-Zwischenfall von 1939, der dem Deutschen Reich den Überfall auf Polen und damit den Beginn eines Weltkriegs ermöglichte, eine dermaßen geniale Idee gewesen, dass sie bis in die jüngsten Tage auf die eine oder andere Weise, in dem einen oder anderen Ausmaß wiederbelebt wird und fleißig Gründe für gerechte Kriege liefert. Man denke nur an solche Legenden wie den „Hufeisenplan“, die „Brutkastenlüge“, Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen, Gaddafis angebliche Luftangriffe gegen „das Volk“, Irans angebliche Atombombe und so weiter und so fort… in jedem dieser Fälle wird spätestens seit 5.45 Uhr „zurückgeschossen“, denn die, die so bestialisch angreifen, das sind logischerweise immer die Bösen.
Syrische Truppen beschießen ein
Flüchtlingslager im türkischen Kilis
Und so schreibt vorhin z.B. die „Berliner Morgenpost“ unter der vielsagenden Überschrift „Syrische Soldaten schießen auf Flüchtlinge“, „der Zwischenfall habe gegen 04.00 Uhr am Montagmorgen begonnen“. Tja, wie das eben in Gleiwitz so ist. Interessant ist die Überschrift im Zusammenhang mit dem weiteren Gehalt; klar, syrische Soldaten schießen auf Flüchtlinge, sicher! Also auf Frauen und ältere Männer, die mit Koffern, Leiterwagen, Kind & Kegel durch unwegsames Gelände stolpern. Fast zu überlesen im selben Artikel steht allerdings, wie es dazu kam: „Kämpfer der Opposition hätten syrische Soldaten am Grenzübergang Salameh angegriffen. Es sei zu einem längeren Feuergefecht gekommen, bei dem sechs Regierungssoldaten ums Leben gekommen seien, erklärte ein Sprecher…“. Aber das kommt lange nach der Überschrift und wird folglich nur noch von rund 30% der Leserschaft rezipiert. Eine genauso legitime Überschrift könnte also lauten: „Die Türkei hat heute Nacht zum ersten Mal auf syrischem Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 4 Uhr wird jetzt zurückgeschossen, und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten.“
Die türkische Stadt Kilis liegt tatsächlich relativ nahe an der syrischen Grenze, ob das allerdings bedeutet, dass die Syrer sie oder ein nahe gelegenes Flüchtlingslager beschossen haben, ist kein Fakt. In dieser Region gibt es genügend Gesellen, die in die Rolle der polnischen Żołnierze schlüpfen könnten, welche damals den erwähnten Dorfsender auf Reichsgebiet angegriffen haben, wahrscheinlich, um von dort aus irgendwelche unangenehmen Dinge über die Verwandtschaft des Führers in der Gegend herumzufunken. Die Żołnierze wurden natürlich recht schnell „gegenliquidiert“, der Vorfall wurde allerdings genutzt, um den in diesem Augenblick zufälligerweise gerade zur Reife gediehenen Plan unter dem Decknamen „Fall Weiß“ in die Tat umzusetzen.
Denn ebenso zufälligerweise hat die türkische Regierung ausgerechnet jetzt verlauten lassen, sie habe unter Zusammenarbeit zwischen Außenministerium und Generalstab einen „Krisenplan“ für den Fall konzipiert, dass der „Plan Annans“ scheitert. Das beinhaltet eine Umsetzung der schon vor einiger Zeit bekannt gewordenen Forderung nach „Korridoren“ und „Zonen“, einschließlich einer expliziten Beteiligung von türkischen Bodentruppen in Syrien. 
Solche schieren Zufälle sind interessant und vielsagend. Wir erarbeiten gegen unseren Feind einen Plan für den „Krisenfall“ – hier: sollte der Plan Annans zufälligerweise scheitern – und kaum sind wir damit fertig, siehe da, da haben wir auch schon allen Grund, diesen „Krisenplan“ – anders gesagt, einen Angriff auf Syrien – gleich umzusetzen. Nach über 70 Jahren ist „Gleiwitz“ immer noch ein tragbares und zukunftsfähiges Konzept.
Syrien hat, genau genommen, nur eine vage Chance, einen Überfall der „Freunde Syriens“ hinauszuzögern und vielleicht zu vereiteln: es müsste die „humanitären Korridore“ selbst einrichten und Beobachter aus befreundeten Ländern – Russland, China, auch Iran – dabei involvieren. Ohne „Friedenstruppen“ wird die Sache so oder so nicht ausgehen, allerdings kann Syrien noch bestimmen, was das für ein Kontingent sein wird.

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