Rondo alla Turca

Da ha’m wer’s doch: „Türkei droht Syrien mit Intervention“. Und das alles aufgrund eines ominösen Gleiwitz-mäßigen Zwischenfalls, bei dem gestern irgendwelche verirrten Projektile in irgendein „Flüchtlingslager“ auf türkischem Gebiet geflogen sein sollen. Dabei werden heute die Dispositionen geklärt: in den meisten Quellen sind die gestern noch Verletzten heute schon Getötete, und was gestern noch Streufeuer war, ist heute bereits gezielter Beschuss.
Man kann sich in etwa vorstellen, was das für „Flüchtlinge“ gewesen sein müssen, wenn man sich vor Augen hält, dass sie nur vermittels einer Schießerei am syrischen Grenzkontrollpunkt vorbeikamen, und mit welchen Waffen man offenbar versucht hat, ihnen Paroli zu bieten – das „Flüchtlingslager“ ist einen guten Kilometer vom syrischen Grenzposten entfernt. Vor diesem Hintergrund klingen die Worte eines gewissen Jay Carney, Pressesprecher des Weißen Hauses, schon recht beeindruckend, der meint, es gäbe anstelle einer Erfüllung der Versprechungen des „Assad-Regimes“ nur „Brutalität und Aggression“.

RIA Nowosti kündet nun zum Beispiel noch von den im totalen Schock geweiteten Rehaugen der Frau Nudelman vom US-Außenministerium: „Wir sind von der Gewalt schockiert und werden alles tun, um den Druck auf Syriens Präsident Baschar al-Assad zu verstärken. Wir werden auch das syrische Volk unterstützen, solange es nicht die Zukunft erlangt hat, die es wünscht und verdient.“

Gestern freilich – heute bereits unauffindbar – berichtete die türkische Nachrichtenagentur Andolu Agency, dass die beiden Toten (nach der offiziellen Version von Al Jazeera und der westlichen Medien starben sie in einer Containerunterkunft im Lager, der eine durch einen Schuss in den Kopf, der andere durch Bauchschuss) gar nicht im Lager umgekommen, sondern nach dem gewalttätigen Grenzdurchbruch tot ins Lager gebracht worden sind (Sekundärquelle).
Wie dem auch sei, die Türkei kommt ins Spiel. Das ist nur logisch, denn in der Region gibt es keine andere adäquate Militärmacht, die fähig wäre, Syriens Militärmaschine zu zerschlagen. Alle anderen sind entweder militärisch wesentlich schwächer oder wollen auf keinen Fall direkt militärisch an diesem Konflikt beteiligt sein – das sind in erster Linie Israel und die USA.
Die Frage ist natürlich, was die Türkei von einer Aggression gegen Syrien hätte oder davon, eine solche Aggression wenigstens loszutreten. Weder die Europäer, noch die Amerikaner, noch die wahhabitischen Golfmonarchien erwecken den Eindruck, als würden sie geduldig darauf warten, bis die Türken nach dem Untergang Syriens von ihrem „Ius primae noctis“ Gebrauch machen – alle Genannten beißen den Arm bis zum Schlüsselbein ab, wenn sie auch nur einen Fingernagel zwischen die Zähne kriegen. Wenn sich die Türkei also auf dieses Abenteuer einlässt, riskiert sie es, als primärer Hauklotz zu dienen und erst einmal das komplette Feuer auf sich zu ziehen, abgesehen davon, dass sie eine Reihe weiterer, sehr unangenehmer Probleme auf sich zieht. Jedenfalls sind die Kurden und Iraner, welche bereits angekündigt hatten, Syrien im Falle einer Aggression zu unterstützen, recht unangenehme Gegner. Die funktionierenden Beziehungen und die fragile Stabilität zu diesen zu riskieren, um schwer zu erreichende Vorteile davon zu bekommen, wäre für die Türken doch sehr unlogisch.
Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit einer türkischen Aggression einerseits nicht wirklich hoch. Alles, was jetzt passiert, sieht eher nach einer psychologischen Druckausübung aus. Aber genau darin besteht ja auch letztlich die Gefahr – in einer allseits angespannten Lage wächst die Wirkung von zufälligen Faktoren ins Unermessliche – und die Möglichkeit eines Konflikts aufgrund von nichtigen Gründen ist durchaus gegeben.
Die Türken spielen andererseits ihr eigenes schlaues Spiel. Sie sind eigentlich genau wie Russland nicht daran interessiert, dass die arabischen Monarchien Syrien unter ihre Fittiche nehmen und ihre Öl- und Gaspipelines an Russland und der Türkei vorbei ans Mittelmeer ziehen. (Zur Erinnerung – der Krieg in Syrien ist unter anderem ein Krieg um die künftigen Versorgungswege Europas.) Denn momentan gibt es nur zwei Länder, die tatsächlich in der Lage sind, Energierohstoffe aus Asien Richtung Mittelmeer und Europa zu liefern – das sind Russland und die Türkei. Insofern sprach vieles dafür, dass die Türken zumindest vage auf der Seite der Russen stehen und Baschar al-Assad decken.
Wenn sie allerdings der Meinung sind, dass Assad schon so gut wie weg ist, könnten die Türken durchaus erwägen, auf Seiten der USA, der EU und der Golfmonarchien gegen Syrien Krieg zu führen und dabei zu versuchen, ihre eigenen Interessen zu sichern. In solch einem Fall müssten sie davon ausgehen, dass es ihnen gelingt, einen gewissen Teil Syriens zu besetzen (Stichwort: türkischer  „Krisenplan“ und „Pufferzonen“), womit sich alle abzufinden hätten. Und wenn dann noch jemand Pipelines ans Mittelmeer ziehen will, bittschön, hier entlang. Ein solcher Appetit gefällt der EU, den Arabern und Amerikanern natürlich nicht. Fußtritte gab es da schon genug, wie etwa Sarkozys demonstrativer Einsatz für das Gesetz, das u.a. die „Leugnung“ des Genozids an den Armeniern unter Strafe stellt. Der Westen hat sein eigenes Spielchen, er wird möglicherweise versuchen, die Türken dazu zu animieren, Assad kostenlos zu beseitigen und dann abzuhauen. Dann gäbe es die Pipelines als sichere Transportwege für die Westmächte und hernach folglich einen relativ ungestörten Angriff auf den Iran.

Tags:,

Trackback von deiner Website.

  • Die Tuerkei Bitdog of Nato hat immer die rolle des guten dieners gespielt.for mehrere jahrhunderte haben die kalifat die turken als sklaven aus zentralasien zu in diesen gebieten gehoert u.als bitdog gegen die perser,die ihnen ueberlegen waren benuzt.Neuzeitlich benutzt man sie als kanonnen futter.Man hat sie in korea krieg geschickt alles sind gefluechtet,aber die tuerken sind geblieben u. bis zu letzte man umgekommen.Jetzt benuzt man gegen lybien u. syrien u. eigentlich gegen alle nachbarlaendern. Sie werden sicher spaeter den konsequenz haben. Die dienen so den westen mit der hoffnung das man diese zentral asiatish-mongolisches volk vieleicht mal europaer nennen kan u. nicht mehr turken.

    • Ich würde nicht sagen, dass die Türkei Kanonenfutter ist – nicht in der Situation jetzt. Die Türken sind keine Karte, sie sind einer der Spieler. Militärisch den Syrern mindestens ebenbürtig. Ob sie sich „spielen lassen“ und hoffen, damit genug Vorteile für sich selbst herausschlagen zu können, ist die Frage. Es steht für die Türken viel auf dem Spiel. Wenn sie aber in Syrien intervenieren und ihre „Pufferzonen“ einrichten, machen sie das sicher in erster Linie aus eigenem Kalkül.