In Doha nichts Neues?

Kofi guckt verbissen: es gibt gleich Haue in Doha
Heute findet in Doha (Katar) ein Außenministertreffen der Arabischen Liga zu Syrien statt. Dabei soll Kofi Annan mit einem Sachbericht zur Situation in Syrien sprechen.
Der tags zuvor in Rom weilende Emir Al-Thani hat Annan und seinen Plan mehr oder weniger in den Boden gestampft und geäußert, dass er kein Verständnis dafür habe, wie die Weltöffentlichkeit derart gleichgültig auf die Leiden des syrischen Volkes blicken kann. Mehr noch, der Emir hat auch den UN-Sicherheitsrat einer „völligen Amoralität“ beschuldigt.
Der Emir bezweifelte den Erfolg der Vermittlungsmission des Sondergesandten der AL und der UNO, Kofi Annan, sowie der Beobachtermission in Syrien und sagte im Einzelnen:

„Die Erfolgsaussichten dieser Bemühungen zur Beendigung der Gewalt liegen im mageren Bereich von ungefähr drei Prozent.“ Das Versagen der internationalen Gemeinschaft, zu handeln und die friedlichen Forderungen der syrischen Opposition zu im Verlauf des vergangenen Jahres zu unterstützen führte dazu, dass die Opposition zu den Waffen griff und damit zur Gefahr eines weit reichenden Bürgerkriegs.

Es sieht danach aus, als bekommt Kofi Annan heute auch vom Premierminister und gleichzeitigen Außenminister des Katar, Scheich Hamad ben Dschasim Al-Thani, schön die grauen Haare gewaschen, denn in außenpolitischen Fragen singt der Emir faktisch nichts anderes als das Lied des Scheichs.

Wirklich nichts Neues in Doha?

Dabei gibt es heute auf der Seite der iranischen Nachrichtenagentur Fars eine Meldung über den Versuch eines Putschs im Katar. Bestätigt wird insoweit durch AhlulBayt mit Verweis auf Al-Arabiya, dass es diesen Militärstreich gab und das er angeblich erfolglos verlaufen ist. Auf FarsNews heißt es noch, dass die Macht des Emirs auf eine Gruppe aus 30 Militärs übergegangen sei, der Emir sei durch einen amerikanischen Hubschrauber evakuiert worden usw.
Im September 2011 gab es auch eine Meldung über einen Mordanschlag auf den Emir, die nie allzu weit ans Licht der Öffentlichkeit (will heißen: der Medien) gelangt ist.
Wenn das Treffen der Arabischen Liga heute läuft, als sei nichts gewesen, dann kann eine solche Meldung natürlich eine Ente sein, vielleicht aber auch eine weitere Warnung an den Emir, der sich – nach Meinung vieler in der arabischen Welt – mit seinen Projekten doch insgesamt etwas überhebt.
Al-Attiya (links) und Emir Al-Thani (rechts von Shell-CEO
Peter Voser); ganz rechts noch ein Minister
Angenommen, die Meldung ist echt, dann ist folgendes Detail interessant: „heftige Kämpfe zwischen der Armee und der königlichen Garde des Emirs“. Der Emir ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Allerdings heißt der Generalstabschef nicht Al-Thani, sondern Al-Attiya. Konkret: Generalmajor Hamad bin Ali Al-Attiya.
Der Clan der Attiya rangiert, seiner Bedeutung nach, im Katar an zweiter Stelle nach den Al-Thanis. Er besitzt keine Rechte auf den Thron, allerdings ist der Einfluss der Clanmitglieder auf Politik und Wirtschaft des Katar durchaus mit dem Einfluss der Al-Thanis zu vergleichen. Der „Macher“ des katarischen „Gaswunders“ Abdallah bin Hamad al-Attiya ist ähnlich einflussreich wie das Mastermind des vergangenen Umsturzes, Premier Hamad Dschassim Al-Thani, durch welchen der jetzige Emir an die Macht gekommen ist.
Trotzdem wäre es nahezu aussichtslos für die Al-Attiyas, einen Umsturz ohne Unterstützung aus den Reihen der Al-Thanis durchzuführen. Aber eine solche gibt es. Die Sache ist, dass rund ein Viertel der Al-Thanis gegen die Machtergreifung des jetzigen Emirs opponierte – ein Teil von ihnen ist emigriert, einen Teil hat der Emir überzeugt, aber sicher nicht vollständig. Mehr noch, die Lieblingsfrau des Emirs, Scheikha Mozah, und ebenso der Thronerbe Tamim bin Hamad sind eher auf Seiten von Abdallah Al-Attiya, was dessen Opposition zu Premier Hamad angeht.
Jedenfalls ist das ein für arabische Verhältnisse normales Intrigenspiel und ein erträglich verwirrendes Szenario. Der Emir hat Opponenten im Clan der Al-Attiyas, aber auch bei seinen eigenen Al-Thanis. Im Wesentlichen ist der Premier Scheich Hamad relativ eindeutig nichts weiter als ein Dieb. Nicht einfach ein Langfinger oder Trickbetrüger, sondern ein millionenschwerer, korrupter arabischer Potentat. In seiner Verantwortung liegen die Gelder des staatlichen (also: privaten, den Al-Thanis gehörenden) katarischen Investmentfonds, über die er frei gebietet, und als Koinzidenz hat sich sein Privatvermögen über die Jahre seiner Amtsträgerschaft signifikant gemehrt. Wie gesagt, in einer Monarchie gehört alles Staatliche dem Monarchen, und der Premier schaltet und waltet damit, wie er will.
Die zweite Frage, der sich der Emir gegenübersehen muss, ist die Außenpolitik, die er ebenso auf Handreichung des Scheichs Hamad führt. Und das sind Milliardenausgaben für Dutzende von radikalen Gruppierungen im gesamten Nahen Osten und in Nordafrika. Erst jüngst auf dem Treffen der „Freunde“ Syriens in Stambul gab es Zusagen zur Finanzierung der Freien Syrischen Armee. Was in Libyen lief, wissen wir alle. Was allein das potemkinsche Tripolis in der katarischen Wüste gekostet haben mag, welches  Aljazeera als Kulisse für irgendwelche hollywoodmäßigen Rebelleninszenierungen gedient hat, kann man vielleicht ahnen. Jedenfalls gibt es von Seiten des Katar gigantische Investitionen in den so genannten Arabischen Frühling. Faktisch ist der Katar der Hauptsponsor der Unruhen in Syrien. Bei alledem ist die Wirtschaft des Katar, so radikal sie auf Expansion ist, in finanzieller Hinsicht doch recht fragil. Der Katar hat, unter anderem, eine Menge an Krediten mit kurzer Laufzeit zur Finanzierung gigantischer Infrastrukturprojekte, einer enormen Gastanker-Flotte, für Großprojekte in Zentralasien und Gasterminals in Europa aufgenommen – anders gesagt, das Risiko ist enorm, die momentanen Möglichkeiten stehen in keinem Verhältnis zum getriebenen Aufwand, und deswegen gibt es eben die uns bekannten Kriege, welche zu diesen Möglichkeiten führen sollen.
Dazu noch beruht die Exportpolitik des Katar ziemlich auf Dumping – das katarische Gas wird für einen relativ niedrigen Preis abgesetzt, und Ziel dessen ist es, Marktanteile zu gewinnen. Kurzum, die Finanz- und Wirtschaftspolitik des Tandems aus Emir und Premier ist maximal unausgeglichen und eine riskante Investition in eine Zukunft, die nur durch Umstürze und Krieg im Nahen Osten und in Zentralasien/Iran gesichert werden kann.
Es gibt daher bei bestimmten, einflussreichen Leuten im Katar durchaus eine gewisse Nervosität. Eine potentielle Opposition zum Emir und zum Premier.
Als Fazit dieser Überlegungen kann man die Meldung über einen Umsturz im Kern zumindest als wahr erkennen. Es kann durchaus zu einem Umsturzversuch gekommen sein. Eigentlich ist der Zeitpunkt auch günstig gewählt gewesen – der Emir war in Italien und ist nur ein paar Stunden vor dem angenommenen Militärputsch in Doha gelandet.
Bleibt also nur abzuwarten, was dazu noch an Meldungen durchdringt. Vielleicht gibt es Hinweise bei Berichten über die Außenministerkonferenz der Arabischen Liga.

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