Archiv für Mai, 2012

Divide et dele

Wo Sanktionen nicht helfen, werden die Beziehungen des Iran mit seinen Nachbarn vergiftet. Das gute alte „teile und herrsche“ in all seiner Pracht am Beispiel des Eurovision-Gastgebers Aserbaidschan.
Zwischen Aserbaidschan und Iran gibt es territoriale Streitigkeiten. Bisher werden sie lediglich auf einer rein verbalen Ebene angeschaukelt, aserbaidschanische Parlamentarier äußern seit Wochen laute und hastige Statements, der Iran nennt Aserbaidschan nur noch den „Baku-Staat“, hat unlängst seinen Botschafter aus Aserbaidschan abberufen. All das sind die jüngsten Entwicklungen, infolge derer die Beziehungen zwischen den beiden Staaten innerhalb von nur Monaten auf quasi Null zusammengebrochen sind. Es gibt Anzeichen dafür, dass es bald in den Negativbereich geht. Es gibt faktisch keinen diplomatischen Kontakt zwischen den beiden Ländern mehr.
Ein dümmlicher Nationalismus ist durchaus in der Lage, einem Menschen, und eher sogar noch einer Gruppe davon sozusagen ein paar Latten aus dem Zaun des gesunden Menschenverstands zu entfernen. Wenn man ihm fortwährend einredet, dass dieser Maulbeerstrauch da am anderen Ufer rechtmäßig eigentlich seinen Urahnen gehört, dann fängt sein Blut zu kochen an und dieser Mensch beginnt davon zu träumen, wie er diesen Maulbeerstrauch umarmt. Die Frage, wozu er ihn überhaupt braucht, bleibt außerhalb seines Verständnisses.
Im Fall mit Aserbaidschan und dem Iran muss man gar nicht mehr anmerken, dass diese Sache ziemlich gut in die Entwicklungen der jüngsten Zeit passt. Aserbaidschan selbst ist noch in Clintons Zeiten, genau wie der ganze Kaspi-Raum, zur nationalen Interessenszone der USA erklärt worden, und diese haben nicht erst seit der Eurovision 2012 eine Basis für diese ihre Interessensvertretung in Baku aufgebaut.
Der unter schwerem Sanktionsdruck stehende Iran wird, wenn sich die Beziehungen zu Aserbaidschan weiter verschlechtern, seine wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Land einschränken oder gar einstellen müssen. Damit wäre er gezwungen, seine überdies schon schlimme Lage noch weiter zu verkomplizieren. Und, nicht wahr, das ist es doch, was seine geopolitischen Feinde wollen… und für einen solchen eurovisionären Coup könnte man Aserbaidschan auch unter der Hand ein „Demokratie“-Zertifikat zukommen lassen.

Al-Hula: eine Rekonstruktion

Dieses traurige Thema scheint kein Ende zu nehmen; hoffentlich kommen bald friedlichere und freundlichere Zeiten. Die Dokumentation von ANNA-News scheint allerdings momentan die einzige vor wirklich vor Ort recherchierte Version der Ereignisse zu sein, wessen sich offenbar kein Staat, keine UNO und keine Medien zu befleißigen gedenken. Hier folgt die Übersetzung des Textes von ANNA-News, deren Team am 26.05. in Al-Hula war und sich derzeit wieder in Damaskus befindet. Der entsprechende russischsprachige Videobeitrag ist am Ende des Textes eingebunden.

Unser Team von ANNA-News war in der Gegend Al-Hula und Taldo unterwegs und hat auch das Militärlazarett in Homs besucht. Auch in Homs selbst ist es uns gelungen, mit Bewohnern von Al-Hula und Taldou zu sprechen, die vor den Banden, die ihre Siedlungen besetzt haben, geflohen sind.
In der Nachbereitung dieser Fahrt stellen wir Ihnen das Material vor, das wir im Zuge unserer eigenen Recherchen der Vorkommnisse zusammengestellt haben.
Am 25. Mai 2012 gegen 14 Uhr haben bewaffnete Einheiten unter Einsatz starker Kräfte die Kleinstadt Al-Hula in der Provinz Homs angegriffen und erobert. Al-Hula besteht aus drei Bezirken, den Dörfern Taldou, Quarlahiya und Taldahab, in jedem von welchen um die 25-30 Tausend Einwohner leben.
Tayyār al-Mustaqbal

Die Kleinstadt wurde von Nordosten her von Einheiten bewaffneter Kämpfer und Söldner angegriffen, insgesamt um die 700 Leute. Die Kämpfer kamen aus Ar-Rastan (speziell die ca. 250 Mann starke Al-Farouk-Brigade der Freien Syrischen Armee unter dem Kommando des Terroristen Abdul Razak Tlas), aus dem Dorf Akraba (unter dem Kommando des Terroristen Yakha Al-Yusef) sowie aus dem Dorf Farlaha, dazu kamen in Al-Hula ansässige Banditen. Ar-Rastan ist seit geraumer Zeit schon von praktisch allen friedlichen Zivilisten verlassen worden. Dort haben jetzt wahhabitische Kämpfer das Sagen, die vom Libanon aus von einem der Hauptorganisatoren im internationalen Terrorismus, Saad Hariri, welcher die antisyrische politische Bewegung „Tayyār al-Mustaqbal“ („Zukunftsbewegung“) anführt, mit Geldern versorgt werden. Die Straßen von Ar-Rastan bis Al-Hula führen durch beduinisches Gebiet, werden von den Regierungstruppen praktisch nicht kontrolliert, weshalb der Angriff der bewaffneten Kämpfer auf Al-Hula für die syrische Regierung vollkommen unerwartet kam.

Als die Einheiten den unteren Kontrollpunkt im Zentrum der Stadt (örtliche Orientierungshilfe – der Wasserturm) und die anbei gelegene Polizeistation eingenommen haben, begann eine Säuberungsaktion gegen alle in der Nachbarschaft wohnenden Familien, welche als „regimetreu“ galten; das betraf auch Alte, Frauen und Kleinkinder. Insgesamt wurden mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht. Unter den Opfern gab es einige „Konvertiten“, die von der sunnitischen Richtung des Islam zur schiitischen übergetreten sind. Diese Menschen wurden mit dem Messer oder mit Schüssen aus nächster Nähe hingerichtet. Die Toten wurden der UNO und der Weltöffentlichkeit später als Opfer eines schweren Beschusses durch die syrische Armee präsentiert, obwohl vor Ort keine Spuren von Artilleriefeuer zu entdecken waren.

Dass die UN-Beobachter im Hotel „Safir“ in Homs nachts Artilleriefeuer aus Richtung Al-Hula gehört haben wollen, kann ich nicht anders bezeichnen als einen dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat. Von Al-Hula bis Homs sind es rund 50 Kilometer. Was sollen das für Panzer oder Kanonen gewesen sein, die auf Al-Hula schießen? Ja, sicher, in Homs wird jeden Tag bis rund nachts um 3 Uhr intensiv geschossen, auch aus schweren Waffen. Aber beispielsweise erklärt sich der Schusswechsel in der Nacht von Montag auf Dienstag dadurch, dass die Sicherheitskräfte die Kontrolle über einen Korridor entlang der Tarik-Al-Scham-Straße, die nach Damaskus führt, wiederherzustellen versuchten. Übrigens wurde den bewaffneten Banden ein paar Stunden nach unserem Eintreffen über uns Meldung gemacht (d.h., dass Russen in Homs sind), und ich denke, dass die Beobachter hier ihre Finger im Spiel haben.
Bei einer visuellen Inspektion der Stadt Al-Hula waren auch nur irgendwelche Spuren neuerer Zerstörung nicht zu entdecken, ebenso gab es keine Hinweise auf Bombardierungen oder Artilleriebeschuss. Mehrere Male am Tag wird der letzte in der Stadt verbliebene Kontrollposten an der Einfahrt nach Taldou von den Banden unter Beschuss genommen. Die Kämpfer gebrauchen auch schwere Waffen, in der Stadt sind mehrere Scharfschützen aktiv, die sich aus professionellen Söldnern rekrutieren.
Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen und unter diesem Druck eilends eine dem Westen notwendige Resolution des UN-Sicherheitsrats „durchzudrücken“, welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte. Angemerkt sei, dass zu seiner Zeit eine ganz ähnliche Aktion der Todesschwadronen schon erfolglos geblieben ist, bei der 49 Frauen und Kinder in Schumaria (Homs) starben. Auch diese Aktion wurde gezielt einem Besuch von Kofi Annan vorangestellt. Diese vorherige Aktion wurde sehr schnell aufgedeckt, denn es stellte sich sehr schnell heraus, dass die 49 Leichen von zuvor verschleppten Alawiten waren. Auch in Al-Hula gibt es eine Menge Ungereimtheiten – die Namen der Ermordeten gehören ausschließlich zu „regimetreuen“ Familien, es gibt keine Spuren von Artilleriebeschuss usw., allerdings ist die Provokation angelaufen und die Propagandamaschine arbeitet. Heute hört man von Seiten der NATO-Staaten bereits direkte Drohungen, Syrien zu bombardieren, es erfolgt die koordinierte Ausweisung syrischer Diplomaten und so weiter.
Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in Al-Hula keine syrischen Streitkräfte, trotz alledem hört man immer wieder Maschinengewehrsalven. Dabei ist nicht klar, ob die Banditen hier miteinander hadern oder ob die Säuberungsaktionen gegen die Anhänger von Baschar Assad in der Stadt weitergehen.
Die bewaffneten Kämpfer feuern gezielt praktisch auf jeden, der sich der Stadt zu nähern versucht. Direkt vor uns wurde ein UN-Konvoi beschossen – zwei der gepanzerten Jeeps der UN-Beobachter wurden dabei beschädigt -, als dieser versuchte, sich einem Kontrollposten der Armee in Taldou zu nähern. Beim Überfall auf diesen Konvoi wurde ein zwanzigjähriger Terrorist beobachtet. Er feuerte gezielt auf die ungepanzerten Schrägen des ersten Jeeps, die hintere Tür des zweiten Jeeps wurde von einem Splitter getroffen. Unter dem Begleitpersonal gab es Verletzte.
Ein verwundeter Soldat:
„Am nächsten Tag kamen die UN-Beobachter an unseren Kontrollposten, und gerade als sie an den Posten herangekommen waren, schossen die Banditen auf die Beobachter. Drei von uns wurden verletzt. Einer am Bein, der zweite am Rücken und ich am Becken.

Als die Beobachter eintrafen, konnten sie noch eine Frau hören, die bei ihnen stand, weinte und sie anflehte, ihr zu helfen – sie vor den Banditen zu beschützen. Als ich angeschossen wurde, sahen die Beobachter, wie ich zu Boden ging, aber mir kam niemand von ihnen zu Hilfe. Unser Kontrollposten existiert nicht mehr.

In Taldou gibt es keine friedlichen Zivilisten mehr. Dort sind nur noch die bewaffneten Kämpfer. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu den Einwohnern. Sie waren uns gegenüber freundlich, baten die Armee, nach Taldou einzurücken. Wir wurden auch von Scharfschützen angegriffen.“
Leider, so muss man sagen, gibt es unter den bewaffneten Banden eine Menge an professionellen Scharfschützen.
Rund 100-200 Meter von unserem Filmteam entfernt haben die Banden einen Schützenpanzerwagen angegriffen, der zu einer Wachablösung an den Kontrollpunkt gefahren kam. Dabei bekam einer der Soldaten – ein Rekrut – eine Quetschung sowie eine leichte Wunde durch einen Streifschuss am Kopf, als er von einem Scharfschützen beschossen wurde. Er betrachtete den vom Projektil durchgeschlagenen Kevlar-Helm und konnte es in dem Moment gar nicht fassen, dass er nur durch ein Wunder überlebt hat.
Die Scharfschützen töten täglich bis zu 10 Soldaten und Polizeikräfte, die an den Kontrollposten eingesetzt sind. Sicher, früher gingen die täglichen Verluste der Sicherheitskräfte in Homs in die Dutzende. Allerdings wurden in unserem Beisein bereits 10 Uhr morgens 6 getötete Soldaten und Polizeikräfte in die Leichenhalle gebracht. Die meisten davon wurden von Scharfschützen mit Kopfschuss getötet. Und das war erst der Beginn dieses Tages.
Hier die Namen der in den Morgenstunden des 29. Mai getöteten Soldaten:
  1. Ibrahim Halyuf (Sergeant)
  2. Salman Ibrahim (Sergeant)
  3. Mahmud Danaver (Polizist)
  4. Ali Daher (Rekrut)
  5. Wisam Haidar (Sergeant)
Der Name des sechsten umgekommenen Soldaten konnte nicht festgestellt werden.
Eine MG-Salve feuerten die Banditen auch auf unsere Gruppe von Journalisten, obwohl klar ersichtlich war, dass es sich hier um eine ganz normales Filmteam handelt, das aus unbewffneten Zivilisten besteht.

Wie der Angriff ablief

Nach dem Gebet am 25. Mai, gegen 14 Uhr, wurde der Kontrollposten der Armee aus Richtung der Moschee durch die Gruppe unter Said Fayez Talha Al-Iksh durch Granatwerfer beschossen, um die Sicherheitskräfte so zu Gegenfeuer zu provozieren. Das Gegenfeuer aus dem Patrouillenfahrzeug traf auch die Moschee, wodurch das erste Ziel dieser Großoffensive bereits erreicht war.
Danach folgte ein Angriff auf den zweiten, oberen Kontrollpunkt am Ostende der Stadt durch zwei Einheiten bewaffneter Kämpfer unter der Leitung der Terroristen Nidal Bakkura und Al-Hassan aus dem Al-Hallaka-Clan, mit Unterstützung einer Gruppe von Söldnern. Um 15.30 Uhr wurde dieser obere Kontrollpunkt eingenommen, die gefangen genommenen Soldaten wurden hingerichtet: einem sunnitischen Rekruten wurde die Kehle durchgeschnitten, ein anderer – Abdulla Shaui aus Deir az-Sora wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.
Beim Angriff auf den oberen Kontrollpunkt im Osten haben die Kämpfer 25 Opfer zu verzeichnen gehabt, welche später den UN-Beobachtern unter den insgesamt 108 Toten als „Opfer des Regimes“ präsentiert wurden, die angeblich durch Bombardierung und Artilleriebeschuss seitens der syrischen Armee zu Tode gekommen sind. Was die übrigen 83 Toten angeht, darunter 38 Kleinkinder, so handelt es sich dabei um von den Banditen hingerichtete regimetreue Familien.
Interview mit einem Mitarbeiter der Sicherheitskräfte:

Ich heiße Al-Hosan, bin ein Mitarbeiter bei den Sicherheitskräften. Ich diente im Dorf Taldou, Bezirk Al-Hula in der Provinz Homs. Am Freitag wurde unser Kontrollpunkt von einer großen Gruppe bewaffneter Banditen angegriffen. Es waren Tausende…

Frage: Wie haben Sie sich verteidigt?

Antwort: Mit einfachen Waffen. Wir waren insgesamt 20, wir haben Unterstützung angefordert, und als diese eintraf, wurde ich getroffen und kam erst im Krankenhaus wieder zu mir. Die Angreifenden waren aus Ar-Rastan und Al-Hula. Die Kämpfer haben Taldo jetzt unter ihrer Kontrolle. Sie haben Häuser angezündet, ganze Familien umgebracht, weil diese der Regierung gegenüber loyal waren. Die Frauen wurden erst vergewaltigt, die Kinder wurden umgebracht…

Interview mit einem verwundeten Soldaten:

„Ich bin Mahmud Ahmed Al-Hali. Ich bin aus Manbidsch. Ich bin bei der Verstärkung gewesen, welche unseren Kameraden am Kontrollposten zur Hilfe kam.

Die Kämpfer haben zwei Schützenpanzerwagen und ein Patrouillenfahrzeug vernichtet, die am Kontrollposten standen. Wir kamen mit einem Schützenpanzerwagen nach Taldou, um unsere Verwundeten vom Kontrollposten innerhalb der Stadt abzutransportieren. Sie wurden mit diesem Schützenpanzerwagen weggebracht, und ich blieb an ihrer Stelle.

Nach einiger Zeit kamen die UN-Beobachter. Sie kamen zu uns, wir führten sie in die Häuser der von den Banditen umgebrachten Familien und ihrer Kinder. Ich sah eine ganze Familie, die aus drei Brüdern und ihrem Vater bestand, in einem Zimmer liegen. In einem anderen Zimmer fanden wir drei getötete Kleinkinder und ihre Mutter. Noch ein anderer, alter Mann lag tot in dem Zimmer. Insgesamt fünf Männer, eine Frau und die Kinder. Diese Frau, die vergewaltigt worden und mit Kopfschuss hingerichtet worden war, habe ich mit einer Decke zugedeckt. Die Kommission hat all das gesehen. Sie haben die Leichen in ihr Auto geschafft und weggefahren. Ich weiß nicht, wohin sie sie gebracht haben, aber wahrscheinlich wollten sie sie begraben.“

Ein Bewohner von Taldou auf dem Dach der Polizeistation:

„Freitagmittag war ich zu Hause. Ich hörte Schüsse und lief hinaus, um zu sehen, was vor sich geht und sah, dass im Norden geschossen wird, ungefähr da, wo sich der Kontrollposten der Armee befand. Da die Armee das Feuer nicht erwiderte, kamen sie an die Häuser heran, in denen sie später die Familien umbrachten. Sie nahmen sich die Frauen und Kinder als lebende Schutzschilde und feuerten weiter auf die Kontrollposten. Als die Armee schließlich das Feuer erwiderte, zogen sie sich zurück und verschwanden. Die Armee nahm sich der verbleibenden Frauen und Kinder an und schaffte sie an sichere Orte. Gleichzeitig kamen über Al-Jazeera schon Meldungen und Fotos davon, dass die Armee in Al-Hula ein Massaker veranstaltet hätte. Aber in Wahrheit haben sie selbst dieses Massaker veranstaltet, friedliche Zivilisten und Kinder. Sie stehlen alles, was ihnen unter die Finger kommt: Weizen, Mehl, Öl und Gas. Die Mehrheit der bewaffneten Kämpfer kommt aus Ar-Rastan“.

Nachdem sie die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht haben, wurden die Leichen der gefallenen Kämpfer sowie die der von ihnen ermordeten Zivilisten in die Moschee gebracht. Dafür nutzten sie Pickup-Fahrzeuge der Marke KIA.
Am 25. Mai um 20 Uhr waren die Toten bereits in der Moschee. Am nächsten Tag kamen um 11 Uhr die UN-Beobachter zu der Moschee.
Um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und insbesondere, um die Position von Russland und China in die „richtige“ Richtung zu korrigieren, wurden vorab Texte und Untertitel in russischer und chinesischer Sprache mit folgendem Inhalt erstellt: „Syrien – Homs – Stadt Hula. Eine schreckliche Bluttat, ausgeführt von den Kräften des syrischen Regimes gegen friedliche Zivilisten der Stadt Hula. Dutzende Opfer, die Zahl steigt ständig, vor allem Frauen und Kinder, die infolge von UNGEZIELTEM BESCHUSS DER STADT zu Tode gekommen sind.“ (Hervorhebungen wie im Original – MM.)
Am übernächsten Tag, dem 27. Mai, als bereits Berichte und Videoaufnahmen von den Bewohnern bekannt wurden, aus denen es keine Zeugnisse über Artilleriebeschuss oder Bombardements gab, wurde der Text der Videonachrichten durch die Kämpfer verändert. Am Ende des Textes tauchte nun die Hinzufügung auf: „und einige wurden durch Messer getötet“.
Marat Musin, Olga Kulygina; Al-Hula, Syrien.
(Hier die Übersetzung ins Englische)

Der russischsprachige Videobeitrag von ANNA-News mit diesem Transkript:

Der gewöhnliche Faschismus der zivilisierten Welt

Marat Musin von ANNA News in al-Hula, Syrien

Marat Musin von ANNA News publiziert das erste seiner Interviews mit einer Zeugin der Ereignisse in Al-Hula. Dazu gibt es eine namentliche Liste von FSA-Kommandeuren, welche für den Überfall und den Massenmord verantwortlich sind. In der recht einfachen Sprache und vielleicht chaotischen Schilderung bekommt man eine vage Vorstellung davon, was tatsächlich in Al-Hula und Taldou abgelaufen ist und insbesondere, welche Art Menschen hinter den Terroraktionen stehen. Im Folgenden die Übersetzung des Transkripts eines russischsprachigen Videobeitrags, der weiter unten eingebunden ist.

Augenzeugin

Während unserer Reise nach Al-Hula in der Provinz Homs haben wir Berichte von einem knappen Dutzend Augenzeugen der Attacke auf die Stadt Al-Hula vom 25. Mai 2012 auf aufgezeichnet und dokumentiert. Der Angriff erfolgte durch eine Einheit bewaffneter Kämpfer aus Ar Rastan, an ihr waren mehr als 700 Bewaffnete beteiligt. Sie brachten die Stadt unter ihre Kontrolle und begannen mit einer Säuberungsaktion gegen regierungstreue Familien, einschließlich alter Menschen, Frauen und Kinder. Die Toten wurden von den Banden der UNO und der Weltöffentlichkeit als Opfer der syrischen Armee präsentiert; damit verfolgte man das Ziel, Druck auf die Staatengemeinschaft auszuüben und die schnelle Verabschiedung einer „geeigneten“ Resolution gegen Syrien durch den UN-Sicherheitsrat „durchzudrücken“.

Heute feuern die bewaffneten Banditen zielgerichtet praktisch auf jeden, der ihnen vor die Läufe kommt. Nur eine Stunde vor unserem Eintreffen wurden zwei gepanzerte Fahrzeuge der UN-Beobachter beschossen, als diese versuchten, zu einem Kontrollpunkt der Armee in Taldou zu gelangen; das haben wir auf Video dokumentiert. Auch auf uns wurde eine MG-Garbe abgefeuert, obwohl klar zu erkennen war, dass wir nur ein Filmteam sind, das aus unbewaffneten Zivilisten besteht. Danach wurde nur 100-200 Meter von uns entfernt ein Schützenpanzerwagen der Armee angegriffen, der eine Wachablösung auf einem der Kontrollpunkte durchführte. Dabei wurde einer der Soldaten durch einen Streifschuss aus einem Scharfschützengewehr am Kopf verletzt und konnte es gar nicht begreifen, dass er den Zwischenfall nur wie durch ein Wunder überlebt hat. Leider erging es vieren seiner Kameraden an dem Kontrollpunkt später, um 10 Uhr morgens, nicht mehr so gut – sie haben es nicht mehr geschafft, sich vor den Scharfschützen in Deckung zu bringen. Und das war erst der Beginn dieses Tages.

Die Arbeit einer Untersuchungskommission der Syrischen Arabischen Armee und von uns dokumentierte Zeugenaussagen gestatten es derweil bereits jetzt, einige der Terroristen, welche diese schrecklichen Verbrechen begangen haben, beim Namen zu nennen:

  1. Radwan Farhan Said
  2. Mashhur Massoud, Spitzname Tyurkavyi (ein bekannter Terrorist)
  3. Abdelkarim Al-Rahal
  4. Akram Rashash Amer
  5. Muhyiddin Mahmud Shihab, Spitzname Muhyiddin Dscharban
  6. Eine Bande von Terroristen aus dem Al-Iksha-Clan
  7. Abdul Rasak Tlas
  8. Yakha Al-Yousef
  9. Said Fayez Talha Al-Iksh
  10. Nidal Bakkur
  11. Ein Terrorist aus dem Al-Hallaka-Clan mit dem Spitznamen Al-Hassan
  12. Ikram Al-Saleh
  13. Haysam Al-Hallak

Im Folgenden bringen wir das Interview mit unserem ersten Zeugen, das Aufschluss über die Chronologie dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit gibt:

Marat Musin (MM): Was genau ist am 25. und 26. Mai in Ihrem Heimatdorf Taldou vor sich gegangen, was haben Sie selbst gesehen?

Frau aus Taldou: Ich bin in Taldou geboren und lebe bis heute hier. Am ersten Tag der Ereignisse, am Freitag, haben sie die Kontrollpunkte der Armee am Rande der Stadt angegriffen. Die Armee erwiderte das Feuer und hat den Mann, welcher sie mit dem Granatwerfer unter Beschuss nahm, am Bein verwundet. Die Banditen nahmen ihn in ihr Feldlazarett mit und jetzt ist er wieder gesund und munter. Er heißt Said Fayez Talha Al-Iksh. Bei uns in Taldou lebt seine Familie, die Al-Talhas.

Noch vor dem Überfall am 25. Mai haben sie (die Unterstützer der Banditen – ANNA) uns angekündigt, dass bald die Stunde X kommt. Das haben wir von den hiesigen Banditen gehört. Sie redeten ständig davon, dass sie viel Lärm darum machen müssen. Aber ich habe nicht erwartet, dass es auf so etwas hinausläuft. Vorher haben sie ständig die Kontrollpunkte der Armee beschossen, jeden Freitag nach dem Gebet. Der Beschuss dauerte ein paar Stunden, danach gingen sie in ihre Orte zurück. Manche der Kämpfer haben Kameras, und damit filmten sie ständig alles, was vor sich ging. Sie hatten auch Funktelefone (Trunking-Telefone – ANNA) und wir haben in unserem Haus ständig ihre Telefongespräche gehört.

Als am Freitag, dem 25. Mai, nach dem Gebet gegen 14 Uhr der Kontrollpunkt beschossen wurde, hat die Armee das Feuer erwidert. Eine zweite Gruppe der Banditen, angeführt von Nidal Bakkur sowie eine weitere Gruppe sammelten sich derweil zu einem Angriff auf den zweiten Kontrollposten, der sich auf einem Hügel befindet. Die zweite Gruppe bestand aus Leuten vom Al-Hallaka-Clan, der bei uns unter dem Namen Al-Hassan bekannt ist. Sie haben beabsichtigt, den oberen und den zweiten, unteren Kontrollpunkt zu besetzen, der sich innerhalb des Dorfes befand. Den oberen brauchten sie, weil sie von dort aus auch den zweiten kontrollieren konnten. Nidal Bakkur telefonierte mit jemandem und bat darum, eine Gruppe von fremden Kämpfern zur Unterstützung zu schicken. Er telefonierte noch, als das alles begann. Als die Kämpfer den Kontrollposten überfielen, hatten sie schon 25 Mann verloren.

MM: Woher wissen Sie denn so genau, wie viele von den Kämpfern umgekommen sind?

Antwort: Als die UN-Beobachter eintrafen, haben die Banditen ihre Opfer gesammelt und den UN-Leuten präsentiert und gesagt, das seien friedliche Zivilisten, welche von der Armee umgebracht worden sind. Ich habe das selbst von ihnen gehört, als sie mit den Beobachtern sprachen, das seien die Leichen von Zivilisten, die sie in den Häusern gefunden hätten.

Gegen 15.30 Uhr haben sie den oberen Kontrollposten erobert. Einem der Soldaten von diesem Kontrollpunkt schnitten sie die Kehle durch und warfen ihn aus einem Fenster im 2. Stock. Bevor er umgebracht wurde, sagte er: Ich bin aus Kafar Batna (ein Vorort von Damaskus – ANNA), ich bin genau so ein Sunnit wie ihr. Sie antworteten: Du hast dich erst jetzt daran erinnert, dass Du ein Sunnit bist.

Zwei Soldaten nahmen sie gefangen. Einer von beiden hieß Abdullah, er war von den Shaui-Beduinen aus Dair az-Zaur. Ihn haben sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Ich selbst habe das nicht gesehen, aber alle herum schrieen, dass sie einen Soldaten verbrennen. Das war gegen 18 Uhr. Was mit dem zweiten Soldaten geschah, weiß ich nicht. Aber einer der Banditen, sein Name ist Ikram Al-Saleh, sagte: Wir bringen ihn nicht um, sondern wir zeigen ihn morgen als einen, der zu uns übergelaufen ist.

Kurz darauf eroberten sie auch den Kontrollpunkt und die Polizeistation in der Stadt. Gegenüber dieser Polizeistation sind die Häuser der ausgelöschten Familien, wo man auch die ganzen Kinder umgebracht hat. Sie haben alle Kinder aus dem Al-Saed-Clan umgebracht. Alles in allem drei Familien und 20 Kinder. Auch haben sie alle Leute aus der Familie Abdur-Razak getötet, insgesamt 10 Leute. Sie wurden umgebracht, weil sie alle der Regierung gegenüber loyal waren. Aus dem Al-Saed-Clan wurde die Familie des Bruders von Abdullah Al-Mashlab, dem drittwichtigsten Mann im syrischen Parlament, komplett ausgelöscht. Er selbst starb am 24., und am folgenden Tag, dem 25., wurde die gesamte Familie seines Bruders ermordet: der Bruder selbst, seine Frau und drei Kinder.

Um 19 Uhr kam der Chef der Al-Farouq-Brigade der „Freien Syrischen Armee“, Abdul Rasak Tlas. Mit ihm kamen mehr als 250 Kämpfer aus Ar-Rastan. Dabei waren noch zwei weitere Gruppen, eine aus dem Dorf Akraba unter der Führung von Yakha Al-Yousef und eine Gruppe aus dem Ort Farlaha. Während des Überfalls auf den Kontrollpunkt hat Nidal Bakkur einen der Kämpfer gebeten, sich bei der Moschee zu positionieren und ein paar Schüsse aus dem Granatwerfer in Richtung der Armee zu feuern, um diese so zu einer Erwiderung des Feuers zu provozieren, so dass die Moschee getroffen würde. Tatsächlich hat die Armee aus einem Patrouillenfahrzeug zurück geschossen und auch die Moschee getroffen. Nachdem sie den Kontrollposten erobert hatten, schafften sie ihre eigenen Toten und auch die der von ihnen umgebrachten Leute und deren Kinder in die Moschee. Das bewerkstelligten sie mit ihren KIA-Pickups.

Gegen 20 Uhr am 25. Mai befanden sich die ganzen Leichen bereits in der Moschee. Am nächsten Tag gegen 11 Uhr kamen die UN-Beobachter zu der Moschee. Die Armee hat derweil die Bewohner aus einigen Häusern evakuiert, die sich in der Nähe des Kontrollpostens befanden, und in sicherere Bereiche geschafft. Während des Schusswechsels haben die Kommandeure ihren Kämpfern fortwährend zugerufen, dass diese während ihrer Telefongespräche mit Al-Jazeera und Al-Arabiya unbedingt intensiver schießen sollen.

Zum Einbruch der Nacht hörte der Beschuss auf. Am nächsten Tag, dem Samstag, hörte ich aus ihren Funkgesprächen, dass jemand gesagt hat: ein Teil der Kämpfer soll bis zum Eintreffen der Beobachter die Uniform der syrischen Armee anziehen (um sie für desertierte Soldaten auszugeben – ANNA), die anderen sollen Zivilkleidung tragen, und danach zur Moschee kommen. Sie haben Felder und ein paar Häuser angezündet, um die Armee damit zu beschuldigen, diese habe die Stadt bombardiert.

Die UN-Beobachter habe ich nur von weitem gesehen. Sie waren von den Banditen umringt, welche die Uniform der syrischen Armee trugen, aber auch solche ohne diese Verkleidung. Es waren sehr viele Leute dort und haben das alles beobachtet. Aber es war niemand von den Verwandten der ermordeten, regierungstreuen Familien da. Alle riefen: Wir wollen das Regime stürzen. Dabei waren auch viele Verwandte der Kämpfer.

Die Kämpfer kamen in unser Haus und sagten, wir sollen aus den Häusern herauskommen und wegfahren, da die Stadt jetzt zu einem Kampfschauplatz würde. Wir sind allerdings nirgends hingegangen, aber viele gingen weg. Nachdem die Beobachter eingetroffen sind, haben die Kämpfer sie auch in die leeren Häuser geführt und dahin, wohin sie diese Leute gebracht haben. Den Beobachtern sagten sie, das seien Flüchtlinge.

MM: Wie sehen Ihre Brüder und Eltern diese Ereignisse?

Antwort: Mein Vater ist schon tot, aber ich habe noch meine Mutter, Brüder und Schwestern. Wir sind eigentlich alle einer Meinung.

MM: Gibt es auch in ihrem Dorf Leute, welche ihre Meinung teilen?

Antwort: Ja. Die Mehrheit teilt diese Meinung, sie haben Todesangst vor diesen bewaffneten Kämpfern.

Früher gab es unter ihnen sogar solche, welche zu Demonstrationen für die Regierung gegangen sind und an den Wänden ihrer Häuser Sprüche anbrachten, wie: „Raus mit der Freien Syrischen Armee“, und „Wir verfluchen die Bewohner von Daraa“ (von wo all diese Dinge ausgegangen sind). Die Banditen haben es allerdings jedem, der diese Sprüche schrieb, heimgezahlt.

MM: Welche Beziehungen haben Sie mit den Bewohnern der benachbarten Dörfer und weshalb wurden sie von den bewaffneten Kämpfern angegriffen?

Antwort: Sie haben ihnen niemals geschadet, sie stritten auch nie mit uns, wir hatten immer gute Beziehungen zu ihnen. Ganz im Gegenteil, die Kämpfer der FSA haben sie ständig angegriffen, weil sie zu einer anderen religiösen Gruppe gehören. Es gibt sogar einen Terroristen, der heißt Haysam Al-Hallak, der ein paar Leute aus Nachbardörfern entführt hat und Lösegeld – ein paar Millionen Lira – für sie verlangt hat. Und ein weiterer Kämpfer namens Abu Yassir, der aus einem Nachbardorf Mitarbeiter des staatlichen Elektrizitätsunternehmens entführt hat, weil sie zu einer anderen religiösen Gruppe zählen. Dieser Haysam hat einen der Entführten umgebracht, dem anderen eine Spritze mit Heizöl verpasst. Sie können diesen jetzt im Krankenhaus in Homs finden.

Diese Banditen haben sich in friedlichen Zeiten mit Schmuggeln befasst. An unserem Dorf vorbei führt eine Ölleitung, und sie haben damals einfach ihre Kräne direkt auf das Öl gestellt, darauf hatten sie große Pumpen. Alle im Dorf wussten davon. Größtenteils sind diese Leute einfache Banditen. Kaum einer unter ihnen hat die 8. Klasse geschafft. Sie entführen im Wesentlichen alle, die zu anderen Konfessionen gehören und solche, die Geld haben.

In unserem Dorf lebte eine Frau, die aus dem Libanon stammt. Sie lebte mit ihren drei Kindern bei uns im Dorf, hat als Putzfrau auf der Polizeistation gearbeitet. Sie wurde entführt, vergewaltigt und dann gehenkt. Man warf sie dann einfach auf das Feld, wo ihr Leichnam von Hunden zerfressen wurde. Das war ein schreckliches Bild, sie war vollkommen nackt.

Man kann diese Menschen nicht Moslems oder Araber nennen, das sind Tiere. Es gab noch einen Fall, als sie verschiedene staatliche Einrichtungen und die Verwaltung besetzt hatten. Sie zündeten alles nacheinander an, ließen die Kinder nicht zur Schule. Da gab es vier aus der Familie Al-Abbara und einen aus der Familie Al-Yusifa, der hatte AIDS und ist heute schon tot. Sie haben eine Frau aus dem Nayla-Clan vergewaltigt und sie mit der Krankheit angesteckt. Sie hatte damals ein drei Monate altes Kind. Nach der Vergewaltigung hat sie es weiter gestillt, und das Kind ist gestorben.

Es gab auch solche Fälle zu Beginn der Unruhen, als Krankenhäuser überfallen und die Blutkonserven gestohlen wurden, die wurden dann bei den Demonstrationen eingesetzt. Man goss dieses Blut über die Gesichter von vermeintlichen Opfern oder über „Verletzte“, um so eine Show für Al-Jazeera und Al-Arabiya zu inszenieren.

Wir sind normale, friedliche Leute und wollen, dass wieder Frieden in unseren Dörfern und in unseren Häusern einkehrt. Wir wollen keine Einmischung von Außen, wir wollen Frieden.

Marat Musin, Olga Kulygina, Agentur ANNA-NEWS, Taldou (Al-Hula), Syrien.

Schockstarre nach Al-Hula

Die Medien weltweit fälschen die Tatsachen in ihren Berichten zum Massaker von Al-Hula und verschweigen, was gegen die Agenda läuft. Die inzwischen veröffentlichte Liste der Opfer spricht dabei eindeutig von der Auslöschung einer Großfamilie. Nachfolgend Berichte und Videoaufnahmen aus erster Hand in Syrien.
Das Szenario in und um Syrien nimmt immer bedrohlichere Züge an. Frankreichs Präsident Hollande spricht davon, dass er nach den Massenmorden in Al-Hula und Taldou Syrien angreifen würde. Westliche Länder verweisen die syrischen Botschafter des Landes. General Mustafa Ahmad al-Sheikh ruft hysterisch nach Bomben, Bomben, Bomben.
Niemanden interessiert die Wahrheit oder wenigstens ein Anflug davon. Der Journalist Marat Musin von ANNA News schrieb gestern in seinem Blog:

„Wir sind soeben aus der Gegend von Al-Hula und Homs heimgekehrt. Die Welt ist offenbar verrückt geworden. Zumindest die USA und Europa. Gelder, professionelle Söldner, kaltblütige Morde an Kleinkindern, jeden Tag Leichen. Zurzeit läuft eine totale Säuberungsaktion gegen alle, die in der Region Al-Hula noch mehr oder weniger loyal gegenüber der Staatsmacht sind, die Banditen ballern gezielt auf absolut alle, die ihnen vor die Läufe kommen – sie schießen auf die UN-Beobachter, auf Militärs und selbst auf uns Journalisten. Die Kämpfer besitzen hochpräzise Waffen, Scharfschützen- und Maschinengewehre, Panzerabwehrwaffen, Granatwerfer, Granaten. Die Zahl der von Ar Rastan gekommenen und in Al-Hula eingefallenen wahhabitischen Kämpfer und Terroristen geht über die 700, momentan ist der Ort in ihrer Hand und wird von ihnen gehalten. Wir übersetzen gerade die Zeugenaussagen von Überlebenden ins Russische und arbeiten an einem Videobericht, den wir über Nacht hier im Blog und bei ANNA News veröffentlichen werden. Die syrische Regierung macht bei dem Katz-und-Maus-Spiel offenbar nicht mit, vor Ort, so scheint es, waren wir die einzigen filmenden Journalisten. Deshalb bitte ich um Hilfe bei der Verbreitung dieses Materials.“

Die in Damaskus befindliche Journalistin Anhar Kotschnewa veröffentlicht Dokumente, aus denen ersichtlich ist, dass es sich vollkommen anders verhält, als von den Massenmedien dargestellt. Doch selbst diese Dokumente interessieren niemanden.

„Das erste Dokument ist das Statement von General Mood, auf das man sich in der Presse immer bezieht, als würde darin stehen, die syrische Armee sei an allem schuld. Kein Wort von einer Schuldzuweisung an die syrische Armee (…).
Das zweite Dokument ist ein Teil einer von der „Opposition“ erstellten Liste der Opfer. Nur 4 der Opfer sind infolge der Anwendung von schweren Waffen gestorben (und dabei erinnern wir uns daran, wie gern die Banditen mit Granatwerfern herumfuchteln). Die übrigen 104 Personen wurden mit Schüssen oder dem Messer getötet.
Und noch etwas: von 108 Toten haben 62 ein und denselben Familiennamen. Die anderen haben fast alle Doppelnamen. ALLE Opfer sind untereinander verwandt. Das sieht nach der Auslöschung einer Sippe aus und ganz und gar nicht nach Artilleriebeschuss.“
Es ist mehr als nur offensichtlich, dass Syrien es hier mit einer Provokation im Stil von Gleiwitz (seligen Andenkens) zu tun hat. Es ist für alle offensichtlich – nur scheint es niemanden zu interessieren. Man interessiert sich für „Vergeltung“. Nur an wem? Die syrische Regierung verweilt derweil entweder in Schockstarre, oder es gibt bereits Verrat auf höheren Ebenen. Anders kann man ihre relativ verhaltenen Reaktionen und ziemlich unangemessene Tatenlosigkeit kaum erklären.

UPDATE. Gerade erst gestern ist neues Videomaterial aufgetaucht, das fast alles zeigt, was in Al-Hula vor sich gegangen ist. Hier das Video mit Übersetzung der Einblendungen:

Syrische Dörfer: nochmals zu Al-Hula

Zum Massaker von Al-Hula gibt es mehr Fragen als Antworten, dabei stehen die Schuldigen für die Westmächte von vornherein fest. Auf die Frage „Cui bono?“ könnte dabei der Moskaubesuch von William Hague eine mögliche Antwort liefern.
Selbst nach der Stellungnahme der UN (General Mood legt sich übrigens nicht fest, auf wessen Gewissen die Toten gehen) gibt es zu der Geschichte in Al-Hula mehr Fragen als Klarheit. Abgesehen vom besonders bei diesem Zwischenfall wichtigen „Cui bono?“ sind das noch ein paar weitere interessante Dinge.
1. Die Journalistin Anhar Kotschnewa schreibt aus Damaskus, sie habe lange eine detaillierte Karte der Provinz Homs studiert und darauf keinen Ort namens „Al-Hula“ (oder „El-Houleh“, so bei der UNO) gefunden. Sie kennt sich dort aus, hat auch selbst bereits aus Homs berichtet. Google Maps ist in Syrien nicht zu erreichen, wo es dieses „Houla“ tatsächlich gibt. Das ist aber nur die lateinische Version des Ortsnamens, denn auf Arabisch liest sich der Ort, an dem dort das lateinische „Houla“ steht, etwa wie „Kafr Laha“. Ein Dorf namens „Houla“ (so auch auf Arabisch) gibt es im Südlibanon. Google ist unlängst dadurch aufgefallen, dass es die Bezeichnung „Persischer Golf“ aus Google Maps gestrichen hat. Bereits im Februar hatte sich Google bezüglich geographischer Bezeichnungen gerade in Syrien als Kollaborateur der bewaffneten Banden entpuppt: selbst Straßennamen in Damaskus wurden dort auf Betreiben des SNC geändert. Als brauchbare Quelle in diesem Konflikt ist „Google Maps“ also zumindest zu hinterfragen. Oder anders: wo liegt dieses Hula?
Zu den Kartenausschnitten: links ein Screenshot von der Seite „tiptopglobe.com“, die auf Basis desselben Google Maps arbeitet. Vielleicht sind dort ältere Daten gecached, auf jeden Fall ist dort der lateinische geschriebene Name „Kafr Laha“ deutlich zu lesen. Rechts ein aktueller Screenshot von Google Maps, und dort steht „Houla“. Eigenartig. Auf jeden Fall gibt es ausgerechnet hier Unregelmäßigkeiten.
2. Selbst eine solch offenbar nicht syrienfreundliche Quelle wie BBC begleitet die Nachrichten aus Al-Hula mit dem für die tendentielle Berichterstattung aus Syrien üblichen Feigenblatt “International media cannot report freely in Syria and it is impossible to verify reports of violence.“ Das betrifft die Darstellung der Rebellen, Artilleriefeuer und gezielte Exekutionen durch die syrische Armee seien Ursache des Todes von mehr als 90 Menschen, darunter 32 Kindern, in Al-Hula. Trotz alledem haben natürlich verschiedene westliche Politiker die Schuld für das Massaker sofort der syrischen Regierung zugewiesen.
Aus Stalins Zeiten ist folgender Dialog aus dem Politbüro überliefert. Stalin meinte bezüglich eines „Staatsfeinds“: „Festnehmen, verurteilen und hinrichten!“ – Darauf Berija: „Vielleicht sollten wir eine Untersuchung der Sache durchführen?“ – „Sicher, Genosse Berija. Untersuchen Sie die Sache, und lassen Sie ihn dann unverzüglich hinrichten!“.
Die Authentizität dieses Dialogs ist ungewiss, aber genau so läuft die Sache mit dem Massaker von Al-Hula. Es ist nicht nachzuvollziehen, wer die Schuld dafür trägt, aber der Schuldige steht bereits von vornherein fest. 
Das Massaker in dem Dorf (oder Städtchen) ist an sich schon ein außerordentliches Ereignis, kann aber zur Ursache von noch viel schlimmeren Dingen werden. Die Zeichen stehen momentan so, dass hierfür Vergeltungsmaßnahmen oder auch eine Aggression gegen Syrien droht. In der allernächsten Zeit – sicherlich innerhalb der nächsten Woche – wird es eine Reaktion auf diesen Massenmord geben. Danach ist die Sache nicht mehr aktuell, insofern muss die Sache schnellstmöglich maximal ausgeschlachtet werden.

3. William Hague, der britische Außenminister, fliegt nach Moskau, um die Situation in Syrien zu besprechen. Der Anlass der Reise ist (auch) Al-Hula. Die Spontaneität, mit der hier Ursache und Wirkung aufeinander folgen, ruft doch ein gewisses höfliches Interesse hervor. Erst gestern wurden die Statements der UN-Beobachter publik, die an sich noch eine Menge an Fragen aufwerfen, und siehe da – Hague fliegt schon nach Moskau.
Guten Appetit, William Hague!
Warum der britische Minister das mit Moskau bespricht und nicht die „verrückte Clinton“, ist eigentlich auch klar. Spätestens seit der Sache mit Litwinenko sind die britisch-russischen Beziehungen ziemlich angespannt. Ob die russische Tscheka den undurchsichtigen Kerl in London wirklich mit exotischen Tees vergiftet hat oder nicht, kann man nicht genau feststellen, auf jeden Fall sind die Beziehungen der beiden Länder schlecht. Da London aber innerhalb der russischen Elite und Anti-Elite ein besonderes, fast sakrales Land ist, so hat Großbritannien hier seine Chancen. Das Thema ist auch klar: ihr überlasst uns Syrien, und wir machen die Beziehungen wieder gut.
Zufälligerweise schreibt auch ausgerechnet jetzt Chodorkowski an Cameron und bittet diesen, rund 300 russischen Regierungsbeamten ein Einreiseverbot nach Großbritannien auszusprechen. Hier ist etwas im Busch.
Alles in allem, das klassische Szenario: ein Handel, Zuckerbrot und Peitsche. Dabei ist der Handel für Russland natürlich unvorteilhaft, denn Syrien aufzugeben wäre unwiderruflich. Die Beziehungen der Briten sind so eine Sache. Man kennt das aus früheren Zeiten: die Russen haben sich in den Ersten Weltkrieg hereinziehen lassen, ohne irgendein Interesse daran zu haben, und mussten es mit dem Zerfall des eigenen Landes bezahlen. Es gibt also bereits solche Erfahrungen.
Die Sache ist eben, dass das Interesse der russischen Elite nicht unbedingt die Interessen Russlands widerspiegelt. Das Einreiseverbot kann also durchaus ein ziemlich schmerzhaftes Manöver gegenüber manch mächtigem Russen darstellen: Kinder und Ehefrauen, Geliebte und Liebhaber der Geliebten usw. usf. sind dort. Immobilienbesitz in London ist für die russische Elite eine Frage von Prestige. Das wissen die Briten. Genau deshalb kommen sie auch – gut, dass die untergebenen Banditen in Syrien gerade einen Anlass liefern.
Also vonwegen die Armee in Al-Hula. In dieser ganzen Konstellation kann es durchaus sein, dass die Armee überhaupt nicht in der Nähe war, aber das begleitende Druckmittel für die heutige Reise eines solchen Bosses nach Moskau konnte man ja nicht so einfach dem Zufall überlassen.

Situation in Al-Hula (Syrien)

Die Medienkampagne über das Blutbad in Al-Hula soll den Rückzug von umstellten Rebellenbanden ermöglichen. Dazu ist der „Freien Syrischen Armee“ und den assoziierten „Aktivisten“ jedes Mittel recht.
Die syrischen „Menschenrechtler“ sind über Nacht in Aufruhr über einen Angriff der Armee auf das kleine Städtchen Al-Hula in der Provinz Homs ausgebrochen. Sie sprechen von bis zu 100 Opfern, darunter Kinder, und beschuldigen die Armee dafür.
UPDATE (das vor dem Text stehen sollte). Die UN bestätigt den Angriff, die Zahl der Opfer und beruft sich dabei auf die UN-Mission vor Ort. Damit sind die Fakten klar. Vollkommen unklar ist allerdings in dieser Lesart der Anlass des Angriffs. Es spricht momentan nicht viel gegen die unten geschilderte Version. Die UN beschuldigt allerdings direkt die Regierungstruppen. Die FSA nimmt die Situation zum Anlass und verlangt einmal mehr eine Militärintervention und kündigt gleichzeitig ihre Unterstützung des Annan-Plans auf. Die groteske Provokation von Al-Hula könnte damit zum Casus belli werden.

Die momentan in Syrien befindliche Korrespondentin Olga (angesichts der Headhunter-Seiten der bewaffneten Opposition auf Facebook wird ihr Nachname nicht genannt; sie schreibt unter dem Pseudonym „Draft“) berichtet folgendes:
„In der Nacht auf den 25. Mai haben mehrere Gruppen bewaffneter Kämpfer, insgesamt mehr als 100 Personen, die Stadt überfallen. Angegriffen wurden staatliche Einrichtungen sowie das städtische Krankenhaus. Die Syrische Arabische Armee begann eine Gegenoffensive. Die Zahl der Opfer wird momentan noch geklärt, da die Operation andauert.
Von uns aus können wir hunzufügen, dass die Armee derzeit eine größere Gruppe bewaffneter Banditen in der Stadt blockiert. Es ist wahrscheinlich, dass die Medienkampagne Druck auf die syrische Führung ausüben soll, damit die Armee von der Stadt zurückgezogen und den festgesetzten Banden so eine Fluchtmöglichkeit eröffnet wird.
Die bewaffneten Kämpfer zeigen der Öffentlichkeit Aufnahmen von Kinderleichen, die in einem Raum gelagert sind. Es ist dabei unmöglich nachzuvollziehen, wie und unter welchen Umständen diese Kinder zu Tode gekommen sind. Man kann lediglich mutmaßen, dass sie nicht bei einem Artillerieangriff getötet wurden.“
Anders gesagt, es war nicht die syrische Armee, die aus unerfindlichen Gründen eine syrische Stadt angreift, sondern diese Stadt wurde von bewaffneten Banden besetzt. Da der Ort nunmehr von der Armee abgeriegelt und komplett umstellt ist, besteht die einzige Chance der Rebellen darin, dass die Armee von der Stadt zurückgezogen wird. Es zeichnet sich exakt das Gleiche ab, was man bereits aus dem ersten Tschetschenienkrieg oder auch der vormaligen Lage im syrischen Homs kennt: bewaffnete Kämpfer werden nur dadurch gerettet, dass man der Armee auf Befehl von „ganz oben“ Halt gebietet. Genau das ist das Ziel der heutigen Medienhysterie über „Bluttaten des Regimes“. Den „Menschenrechtlern“ ist nicht so sehr an der Rettung der Zivilbevölkerung gelegen, als vielmehr an der Rettung einer großen Zahl bewaffneter Banditen. Angesichts dessen, was in der Vergangenheit an Dokumentationen über die Brutalität der Banden zusammengestellt wurde, wäre es nicht verwunderlich, wenn der Tod der Kinder – sollte das wirklich in Al-Hula sein – auf das Konto der bewaffneten Opposition geht, die damit eine Medienkampagne zur eigenen Rettung lostreten will.

(Fortsetzung)

Neues von den Feldern Afghanistans

Da die negativen Nachrichten verschiedener Art aus Afghanistan in den Meldungen normalerweise dominieren, sind einzelne positive Nachrichten auf jeden Fall einer Erwähnung wert.

Die Mohn-Missernte in Afghanistan freut und beunruhigt Regierungsbeamte

KABUL. Afghanische Regierungsbeamte und Offizielle aus den Koalitionskräften äußern sich unterschiedlich zur offensichtlichen Missernte von afghanischem Mohn in diesem Jahr… Nach Meinung von Beobachtern erklären sich die schlechten Ernteergebnisse durch eine Krankheit der Pflanzen, durch ungewöhnlich kalte Witterung, für die Saison ungewöhnlichen Regen und eine merkliche Regierungspräsenz in der Provinz Gilmend, weshalb die Mohnbauern weniger fruchtbare Flächen bepflanzen mussten.

In Südafghanistan, einschließlich der Provinzen Kandahar und Uruzgan, kann nach den Worten eines Armeeoffiziers der Koalitionsstreitkräfte nur rund ein Sechstel der Ernte von 2011 eingefahren werden. Es gibt Informationen darüber, dass die Ernte in der Provinz Helmand, in welcher rund die Hälfte des Opiummohns in Afghanistan angebaut wird, um 75% unter dem Niveau des letzten Jahres liegt – in manchen Bezirken auch noch darunter.

UNODC Afghanistan Opium Risk Assessment 2013

„Das ist ein Schlag gegen die Aufständischen“, meint Toryalai Weesa, Gouverneur der Provinz Kandahar zur daraus folgenden Einnahmeausfall für Opium. Nach dem Rückgang der Finanzierung aus dem Ausland verlagern sich die Taliban wieder mehr und mehr auf den Opiumhandel, von dem sie ihre Operationen finanzieren.

Allerdings kann der drastische Preisanstieg für Opium zu einer Ausweitung der Pflanzungen im Jahr 2013 und zu bisher unvorhersehbaren Mehreinnahmen für jene Händler führen, welche sich 2011 mit Opium bevorratet haben, warnt Jean-LucLemahieu, Vertreter der UN-Kommission Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Afghanistan. Zum heutigen Zeitpunkt kostet ein Kilogramm Trockenopium bei den Farmern etwa 300 US-Dollar (14.900 Afghani), im Vergleich zu rund 200 US-Dollar (10.000 Afghani) im März.

Von der Physik eines Terroranschlags (Jemen)

Am 21. Mai schleicht ein Selbstmordattentäter von der al-Qaida unbemerkt und mit Unmengen von Sprengstoff unter seinem Hemd mitten in eine Militärformation, um diese in die Luft zu sprengen. Ein paar simple Fragen zu diesem Szenario.
Der Terroranschlag vom 21. Mai im Jemen hat bereits seine mehr oder weniger offizielle Deutung versehen bekommen. Ein gewisser, in eine Uniform verkleideter Selbstmordattentäter hat sich in eine Armeeformation eingeschlichen, die gerade dabei war, die Generalprobe für eine Militärparade abzuhalten und hat sich in ihrer Mitte in die Luft gesprengt. Deshalb auch die hohe Zahl der Opfer und Verletzten.
Die jemenitische al-Qaida soll für den Anschlag verantwortlich sein; deren Kämpfer liefern sich in der Provinz Abyan schwere Kämpfe mit den Regierungstruppen, weshalb also der Terroranschlag scheinbar den Sinn haben sollte, das Militär unter Druck zu setzen und sich an der Armee zu rächen.
Allerdings kommt man – betrachtet man die veröffentlichten Informationen näher – fast unausweichlich zu dem Schluss, dass diese Version doch einigermaßen phantastisch anmutet und elementarer Logik widerspricht.
Erstens, ein vollständiger Bericht darüber, dass es sich um einen Selbstmordattentäter in Militäruniform gehandelt haben soll, erschien quasi weniger Stunden nach dem Anschlag. Wenn man die enorme Wucht der Explosion in Betracht zieht, die direkt an Ort und Stelle 100 Menschen in den Tod riss und rund 300 weitere verletzte, dürfte von dem Terroristen selbst nichts übriggeblieben sein – trotzdem ist man sich gewiss darüber, dass es sich um einen Mann in Uniform gehandelt hat. Dabei sollte eigentlich relativ klar sein, dass es innerhalb von ein paar Stunden und inmitten von Leichen und Leichenteilen der rund 100 Menschen relativ schwer sein sollte zu bestimmen, dass der Attentäter „ein Mann in Uniform“ gewesen sein soll. Zeugen dafür kann man ganz sicher nicht mehr befragen.
Zweitens, die Wucht der Explosion führt zu der Überlegung, dass, handelte es sich wirklich um einen Selbstmordattentäter, dieser allein durch sein recht eigenartiges Erscheinungsbild hätte Verdacht hervorrufen müssen – sich ein derartig verheerenden Mechanismus umzuhängen, eine Militäruniform darüber ziehen und marschieren, nun, wie hätte das denn ausgesehen? Die „Welt Online“ schreibt gar noch, der Mann habe den Sprengstoff samt Zündmechanismus „für die anderen nicht sichtbar unter seinem Uniformhemd“ versteckt. Na, na. Höchstens, wenn er sich als Frau verkleidet hat. Und dann aber doch sichtbar.
Dabei lassen die Meldungen darüber, dass die Bombe inmitten der Formation detonierte und auch die Zahl der Opfer eigentlich keinen Zweifel daran zu, dass es technisch theoretisch genau so hätte laufen müssen – ein Mann in Uniform schafft eine gigantische Bombe, unter seinem Hemd versteckt, mitten in eine Rotte Soldaten. Die Vorstellung von einem Selbstmordattentäter, der mit Sprengstoff und Zündmechanismus behangen gewesen sein dürfte wie ein Weihnachtsbaum mit Lametta, lässt einen doch darüber grübeln, wieso eine solche Figur nicht den Verdacht der anderen, im Zentrum der Formation befindlichen Soldaten erregt hat.
Und nun das dritte Mysterium. Wenn der Terrorist etwa ein Militärangehöriger gewesen sein soll, so wäre sein Auftauchen in der Formation zu erklären – obwohl die Indifferenz seiner Kumpane und des Kommandos ihm gegenüber ein Rätsel bliebe. Wenn er freilich kein Soldat war, wie wollte man in diesem Fall sein „Eindringen“ in diese Formation erklären? Denn dazu wäre es notwendig, einen Absperrgürtel zu überwinden und sich dann irgendwie unbemerkt in die Formation einzuordnen. Die Fragen „Junge, was machst Du denn hier?“ sowie „Wo willst du hin mit all Deiner Bagage?“ wären an dieser Stelle absolut selbstverständlich. Insofern riefe das offenbar vollkommen unbeholfene und gleichgültige Verhalten der Sicherheitsdienste den dringenden Verdacht ihrer Komplizenschaft zum Anschlag auf den Plan. Oder zumindest einiger ihrer Mitglieder. Das heißt, die Version mit al-Qaida müsste zumindest schon einmal etwas korrigiert werden.
Die vierte Seltsamkeit. Das ist der Tag des Anschlags. Die Parade war auf den 22. Mai anberaumt. Am 21. lief die Probe. Anschläge während einer Militärparade oder im Verlauf öffentlicher Veranstaltungen wären durchaus logisch, da sie entweder gewisse Führungspersönlichkeiten zum Ziel hätten, welche diese Parade abnehmen oder daran teilnehmen, oder aber dem Anschlag eine gewisse Symbolik und weitere Resonanz verliehen werden soll. Zum Beispiel wurde Anwar as-Sadat während einer Militärparade in Kairo Opfer eines Attentats; Mutter und Sohn Gandhi sowie Benazir Bhutto wurden bei größeren Veranstaltungen umgebracht; am 9. Mai 2002 forderte ein Anschlag während der Siegesparade in Kaspijsk mehrere Dutzend Tote, exakt zwei Jahre später wurde Achmat Kadyrow auf einer ähnlichen Veranstaltung durch einen Anschlag getötet, und so weiter. Hier ist durchaus eine Logik in den perfiden Handlungen der Terroristen zu erkennen.
Es gäbe zwar eine seltsame Logik dahinter, die Armee für ihre Erfolge in der Provinz Abyan „zu bestrafen“; doch weitaus logischer wäre es, einen solchen Anschlag während der Parade selbst zu verüben, bei der höhere Militärs und der Präsident anwesend wären – wer weiß, vielleicht wäre es ja gelungen, den einen oder anderen davon zu töten oder zu verletzen. Trotz alledem läuft der Anschlag am Tag davor. Sozusagen bei der Übung. Wenn es schon auf phantastische Weise gelingt, irgendwie in die Militärformation vorzudringen, was hielt den Attentäter davon ab, ebenso phantastisch, nur eben am richtigen Tag an Ort und Stelle zu sein?
Und zu guter Letzt noch eine Überlegung. Ein Anschlag gegen die Armee sieht relativ dumm aus. Es ist unsinnig, sich an den Soldaten dafür zu rächen, dass sie Befehle ausführen. Das hat keinerlei Auswirkung auf die militärische oder operative Lage in der Provinz, in welcher gekämpft wird, ganz besonders nicht, wenn offensichtlich weder die Staatsführung, noch die höheren militärischen Ränge Ziel des Anschlags sind.
Unabhängig von der rein technischen Seite – nämlich der Frage danach, wie genau es dem Terroristen (sollte ein solcher überhaupt existiert haben) gelungen sein soll, einen solchen Anschlag auszuführen – tritt die Frage, was der Sinn dieser doch recht außerordentlichen Aktion gewesen sein soll? 100 Tote und 300 Verletzte sind ja, wie man zugeben muss, doch jenseits der „Standards“. Ein am Körper mitgeführter Sprengsatz dürfte nicht in der Lage sein, einen solchen Effekt hervorzurufen, schon allein deshalb, dass die relativ dichte Formation der Soldaten sowohl Druckwelle, als auch Splitter und Fragmente um die Explosion herum mehr oder weniger abschirmen dürfte. Die ganze Sache sieht so eher nach der Detonation einer Rakete oder Mine aus. Übrigens wurde weiland Präsident Saleh Ziel eines Raketenangriffs, infolge dessen er verletzt wurde. Und das in seinem Palast. Das heißt, dieser Angriff erfolgte sehr zielgenau und professionell. Zu der Zeit wurde, wie man sich erinnert, gerade die Professionalität dieses Anschlags hervorgehoben; eine Professionalität, die man wohl kaum in der jemenitischen Armee finden dürfte.
Dabei gilt es auch zu bedenken, dass Ex-Präsident Saleh und sein Kreis sowohl vor, als auch nach dem Rücktritt das Chaos im Lande eher anheizen, ein Chaos, das unvermeidlich ist, sofern Saleh und sein Clan die Kontrolle über das Land verlieren. Man bekommt den Eindruck, dass dieser in aller Hinsicht seltsame Anschlag zu al-Qaida in bestenfalls sehr entferntem Zusammenhang steht. Zu wenig profan und zu professionell für die simplen und rauen bärtigen Typen. Die ganze Geschichte sieht, alles in allem, wie eine Inszenierung aus, wie ein Zeichen für den erbarmungslosen Kampf zwischen jemenitischen Clans aus; die Opfer unter den Soldaten sind in dieser Tragödie lediglich Verbrauchsmaterial.