Quataria delenda est (Teil 2)

So paradox es klingt, die Schwachstelle des Katar ist sein schnelles Wachstum. In den letzten rund 10 Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt des Katar pro Jahr um durchschnittlich 13% gewachsen. Selbst in Krisenzeiten sind 9% nicht unterschritten worden, dagegen kann selbst China mit Hongkong nicht auf solche Werte verweisen.
Dabei korreliert der Wirtschaftszuwachs im Katar in erster Linie mit realen Zahlen, das heißt, in erster Linie mit der rasanten Steigerung der Gasförderung und dessen Absatzes. Einmal eine bislang unbesetzte Nische gefunden – nämlich die Verflüssigung von Erdgas (LNG) -, hat der Katar in sehr kurzer Zeit eine beeindruckende Infrastruktur zur Förderung, Verflüssigung, zum Transport und der Regasifizierung von Erdgas an dessen Absatzorten geschaffen.
Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah
Wie schon mehrfach angemerkt, ist das Mastermind dieses „katarischen Wunders“ der begabte und unerbittliche Vizepremier und bis Januar 2011 Minister für Industrie und Energie des Landes, Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah. Unter seinem Vorsitz hat der Katar den rasanten Sprung nach vorn unternommen und die Menge an abgesetztem Erdgas von 13 Mio. Tonnen im Jahr 2003 auf 75 Mio. Tonnen im Jahr 2011 erhöht. Auf Al-Attiyahs Konto gehen die gigantischen Logistikprojekte mit dem enormen neuen Hub an der Küste des Katar, nach dessen Inbetriebnahme möglicherweise die fast tausendjährige Bedeutung von Basra als dem zentralen Hafen im Persischen Golf zu Ende sein wird.
Nichtsdestotrotz ist der Preis für einen solchen Ruck sehr hoch. Die Staatsverschuldung des Katar wuchs nämlich ähnlich – waren es 2000 noch 10 Milliarden Dollar, so sind es 2011 bereits 71 Milliarden. Die grandiosen Pläne benötigen grandiose Investitionen – Katar liegt auf Platz 1 bei den Per-Capita-Investitionen. Aber auch das ist noch nicht genug, es werden weiter und weiter Kredite aufgenommen.
Das rasante Wachstum führte dazu, dass der Katar zu einem sehr attraktiven Markt für Spekulanten wurde – der Gesamtwert der offen gehandelten Aktien von Unternehmen aus dem Katar ist von 2006 bis 2009 von 61,5 auf 88 Milliarden Dollar angewachsen. Die Wirtschaft beginnt langsam heiß zu laufen.
Wenn man auf der Autobahn mit 200 Sachen unterwegs ist, dazu noch leicht bergab, so ist das dümmste, was man in einer solchen Situation tun kann, zu bremsen. Das Fahrzeug bricht aus, verliert die Traktion, wird von der Fahrbahn geschleudert etc. pp. Es bleibt nur, sich etwas fester ins Lenkrad zu krallen und mit dem Gas zu spielen und zu hoffen, dass die Reflexe, die Erfahrung und das Glück insgesamt genügen, um die Kurve am unteren Ende des Berges zu kriegen.
Ungefähr so sieht die Lage im Katar aus. Er kann nicht mehr anhalten – die enorme Gastankerflotte, bereits fertiggestellt oder noch im Bau, die insgesamt fast 100 Milliarden Kubikmeter Gas (im nichtverflüssigten Äquivalent) pro Jahr wird transportieren können, die Dutzenden Regasifikationsterminals, welche auf der ganzen Welt – in erster Linie in Europa – gebaut werden, die bedeutenden Investitionen in den „Arabischen Frühling“ und der aktuell noch laufende Versuch der Demontage des politischen Systems in Syrien stellen Schwungmassen dar, die dem Katar sehr gefährlich werden können. Die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums und das Vorhandenseins eines sehr großen Teils von Spekulationskapital ergibt eine zweite Gefahr – eine Verlangsamung des Wachstums könnte eine massive Kapitalflucht zur Folge haben. Und eine dritte Gefahr – ein solch massiver Vorsprung in der Wirtschaftsentwicklung ist nicht direkt durch eine adäquate Militärmacht abgesichert. Bis jetzt setzt der Katar auf die USA als Mittel zum Schutz der eigenen Interessen, und bisher ist das offensichtlich gerechtfertigt – allerdings wird die sich immer weiter erstreckende Transportinfrastruktur mit der Zeit immer anfälliger für punktuelle Angriffe auf der ganzen Welt. Die Amerikaner können das Territorium des Katar sicher recht gut verteidigen, obwohl es selbst dort schon Probleme geben kann. Aber weltweit die Interessen des Katar zu schützen dürfte selbst für die USA zu viel sein. Die faule und verfressene Jugend des Katar ist zwar komplett wehrpflichtig, doch als Kämpfer sind die katarischen Soldaten kaum für etwas zu gebrauchen, wenn man von einigen, zahlenmäßig sehr gering aufgestellten professionellen Armeeteilen einmal absieht. Dieses Problem wird durch das Anheuern von Militärfirmen gelöst, doch auch diese sind kaum in der Lage, die ganze Lieferkette zu sichern und beschränken sich in der Regel auf die schwächsten Glieder.
Noch eine Gefahrenquelle – vielleicht die bedenklichste – ist die Illoyalität eines gewissen Teils der angestammten Bevölkerung und ein enormes Kontingent an Gastarbeitern im Katar. Abkömmlinge aus dem Iran – rund 15% der Bevölkerung – fristen ein vom politischen Gesichtspunkt aus recht eingeschränktes Dasein. Dienst in den Streitkräften ist ihnen untersagt, ebenso jedwede Befehlsgewalt und politische Betätigung, wirtschaftliche Freiheiten sind eingeschränkt. Vom Standpunkt der Religion aus handelt es sich dabei um eine geschlossene schiitische Umma, die sich Richtung der historischen Heimat – dem Iran – orientiert. Sicherlich gibt es dazu keinerlei Untersuchungen oder Zahlen, doch die iranische Aufklärung fühlt sich in diesem Metier durchaus wohl.
Angesichts dieser Gefahrenquellen zeichnen sich deutlich die Richtungen und Orientierungen ab, mithilfe derer man den Katar unter Druck setzen kann, damit seine Expansion behindert, und, wenn es mal irgendwann ernst wird, kann man seine Wirtschaft auch kurzerhand über’s Messer springen lassen.
Die Verwundbarkeit des Katar verbirgt sich in der Notwendigkeit, die Stabilität der Implementation aller seiner Pläne zu gewährleisten, diese permanent und kompromisslos voranzutreiben. Jede kleine Änderung zieht eine Kettenreaktion nach sich, ähnlich, wie eine plötzliche Vollbremsung bei einem sehr schnell fahrenden Fahrzeug dieses in einen unkontrollierbaren Zustand versetzt.
Die Gewalten, welche durch den Arabischen Frühling in Bewegung kamen, müssen Emir Al Thani einen Schrecken eingejagt haben, denn er hat für 2013 Wahlen angekündigt. Man braucht fast keine Gedanken an die Wahrscheinlichkeit oder überhaupt Möglichkeit von „Fairness“ oder Sinnhaftigkeit dieser Wahlen verlieren – die Hälfte der Parlamentarier benennt ohnehin der Emir persönlich, und was die andere Hälfte angeht, so ist nicht klar, wer hier wie abstimmen soll. Fakt ist, dass man der schiitischen Minderheit möglichst enge Rahmen bei der Wahl setzen wird. Warum allerdings das Jahr 2013 gewählt wurde, scheint klar: 2013 finden im Iran Präsidentschaftswahlen statt. Dort gibt es ohnehin schon Stress mit den eigenen Reformatoren und Bewegungen unter den Jugendlichen und Studenten in den Städten, die fast unverhohlen eine Neuauflage der „Grünen Revolution“ vorbereiten. Deshalb wird der Iran in dieser Zeit kaum Möglichkeiten haben, sich um die Wahlen im Katar zu kümmern, und andere bedeutende Störer der katarischen Ruhe gibt es in der Region momentan nicht.
Trotzdem wäre das eine Chance. Eine nicht zu unterschätzende Chance, die Pläne des Katar in einer für dieses Land recht verwundbaren Zeit zu durchkreuzen – die meisten Infrastrukturprojekte dürften betriebsbereit sein, die tadschikischen und anderen Gastarbeiter noch nicht wieder zu Hause, und die Kurzzeitkredite werden bereits zur Tilgung anstehen.
Wenn Russland sich irgendeine Zukunft in Europa und Zentralasien sichern will – ob als Absatzmarkt, Interessenssphäre oder auch nur als Regionen ohne feindlich gesinnte Staaten – dann muss es das laufende Jahr dafür nutzen, die Beziehungen zum Iran zu intensivieren. Und zu Pakistan. Über Pakistan später; das Ziel der Kommunikation mit dem Iran: im Katar müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Unruhen nach dem Schema der „farbigen Revolutionen“ provoziert werden. Idealerweise passend zu den „Wahlen“ in der zweiten Jahreshälfte 2013. Russland, Iran und Pakistan müssen ihre Zusammenarbeit hinsichtlich der (Zer)Störung der Infrastruktur des Katar – Häfen, Regasifizierungsterminals, Tanker – koordinieren. Das wäre nicht der Beginn eines Kriegs: dieser läuft bereits. Sicherlich werden die USA mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Konter geben – und genau an der Stelle benötigte Russland die Koordination mit Pakistan, mit dem zusammen man den USA ein kleines Ultimatum bereiten könnte. Die Nachschublinien der NATO-Truppen in Afghanistan sind höchst fragil, denn die wichtigsten Versorgungslinien sind a) die nördliche, welche (noch) von Russland kontrolliert wird; und b) die Route durch Pakistan, deren Blockade in den letzten Monaten einige recht gravierende Einschnitte in die Versorgungslogistik der NATO-Truppen hervorgebracht hat. Droht man die gleichzeitige Blockade dieser Routen an, so kann man den Eifer der NATO/USA schätzungsweise doch deutlich dämpfen.
Die Sache liegt ja auf der Hand: selbst ein gar nicht so gewaltiger Schaden an der Gas-Infrastruktur des Katar zieht lawinenartig Folgen nach sich, nämlich primär die Flucht der Investoren, Schwierigkeiten bei dem Abschluss von Lieferverträgen für Gas und generell die Verschlechterung der finanziellen Situation des Katar. Da dieser in Sachen Erdgas primär auf dem Spot-Markt aktiv ist, sind solche Folgen durchaus plausibel; langfristige Lieferverträge sind (noch) die Ausnahme.
Wenn dazu noch mit den katarischen Gastankern auf einmal unangenehme Dinge passieren, so wird deren Versicherungssumme steigen und das ganze System in Bälde weniger rentabel werden.
Sicherlich gibt es auch weniger extreme Möglichkeiten, die überengagierten Scheichs etwas zu bändigen – zum Beispiel ein reiner Börsenkrieg oder ein Dumpingpreiskrieg auf dem Gassektor – doch all das ist weniger effektiv, als ein direktes und entschiedenes Einschreiten in die Pläne des Katar (vulgo Exxon Mobil und der USA), Russland mittelfristig in Stücke zu zerschlagen.
In dem Krieg mit dem Katar, der faktisch schon läuft, bleibt nur zu bestimmen, wer das neue Karthago ist, das letztlich fallen muss – Quataria oder Russia.

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