Schwarzes Gold

Hinter dem drastischen Preisverfall für Erdöl steckt geopolitisches Kalkül. Der längste Hebel der Golfmonarchien könnte den Iran und auch Russland zu Fall bringen.
Die Lage auf dem Erdölmarkt entwickelt sich weiterhin in Richtung Aussagen und auch den Handlungen des weltweit größten Erdölförderers, Saudi-Arabien. Die Saudis reden beharrlich davon, dass ihnen der jetzige Preis von 110 Dollar pro Barrel immer noch nicht behagt und dass sie willens sind, ihn auf ein ihrer Meinung nach „gerechtes“ Niveau von 100 Dollar pro Barrel zu drücken.
Dabei hat das arabische Königreich alle Trümpfe in der Hand – die strategischen Ölreserven sind weltweit auf einem Höchststand, die Förderquoten der OPEC wieder erhöht, das Erdöl aus Libyen ist wieder vollumfänglich auf den Markt zurückgekehrt. Die verminderte Förderung aufgrund der Sanktionen im Iran sieht vor diesem Hintergrund schon fast wie eine Lappalie aus.
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Für Russland ist das de facto eine Kriegserklärung, denn beim „gerechten“ Preis der Saudis bricht der russische Staatshaushalt zusammen, der von einem mittleren Jahrespreis von 118 bis 120 Dollar pro Barrel ausgeht. Mehr noch, wenn Saudi-Arabien es in den nächsten Wochen und Monaten unter Beweis stellen kann, dass es imstande ist, den Ölpreis zu regulieren (es ist klar, dass dieser durch eine Unmenge von Faktoren bestimmt wird, und genau deshalb ist ja die obige Forderung der Saudis praktisch eine Herausforderung – schaffen sie es mit den 100 Dollar pro Barrel oder nicht?), dann hätten sie in Zukunft die Möglichkeit, diesen zu diktieren.
Dabei konnte und kann Russland durch den bis vor kurzem noch recht hohen Preis nicht punkten, denn es hat praktisch keine Möglichkeit, seine Förderung zu steigern. Es wird angenommen, dass die Saudis es schaffen könnten, den Preis von 100 Dollar pro Barrel zum Jahresende zu erreichen. Schwer abzuschätzen, wie sich die russische Börse dann verhalten wird, aber die Wahrscheinlichkeit auf einen Absturz ihrer Indizes steigt.
Hierzu noch eine interessante Meldung, die es bisher nur bei ITAR-TASS in russischer Sprache gibt:
Washington, 17. Mai. ITAR-TASS. Das Absinken der Erdöllieferungen aus dem Iran kann zu einem Preisanstieg von 20-30% für das „Schwarze Gold“ führen. Der offizielle Vertreter des IWF David Hawley bestätigte das heute auf eine Frage des Korrespondenten von ITAR-TASS während eines regulären Briefings für Journalisten. 
Er erinnerte daran, dass solche Zahlen vor kurzem in einer Prognose des IWF über den Zustand und die Perspektiven der Weltwirtschaft genannt wurden. Hawley ergänzte allerdings, dass diese Prognose unter „zwei wesentlichen Bedingungen“ gegeben wurde.
Vor allen Dingen ist damit das „Fehlen einer kompensierenden Steigerung der Öllieferung aus anderen Quellen“ gemeint, sagte Hawley. Zweitens, so seine Ergänzung, „berücksichtigen die derzeitigen Preise für Erdöl offensichtlich bereits in gewissem Maße die Folgen des Ölembargos“ gegen den Iran.
Dabei wird davon ausgegangen, dass eine der kompensierenden Maßnahmen die Freigabe eines Teils der strategischen Erdölreserven werden kann, welche es bei den Industrieländern gibt. Hawley lehnte es allerdings ab, zu den möglichen Folgen solcher konkreten Maßnahmen Stellung zu nehmen. Er rief stattdessen in diesem Kontext in Erinnerung, dass „die Erdölpreise bereits die wesentliche Erhöhung der Fördermengen in den OPEC-Ländern berücksichtigen“.
Das Thema kam zur Sprache, weil die EU-Länder ab dem 1. Juli im Rahmen von Sanktionen im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm komplett auf Erdölimporte aus dem Iran verzichten wollen.
Diese bislang scheinbar kaum beachtete Nachricht könnte enorme Folgen mit sich bringen. Vor dem Hintergrund der Befürchtungen , die Hawley äußert, wäre Barack Obama bereit, die strategischen Erdölreserven teilweise freizugeben, um so auf dem Markt zu intervenieren. In diesem Falle würde die Verbilligung von Erdöl doppelt schnell vonstattengehen.
Was charakteristisch ist – entgegen den Aussagen Hawleys ist der Erdölpreis in der letzten Zeit ja auf Talfahrt – insgesamt fast 20% innerhalb der letzten 2 Monate. Saudi-Arabien, Libyen, Kuwait und der Irak haben ihre Förderungen enorm gesteigert und streben die „gerechten“ 100 Dollar pro Barrel an.
Die Logik hinter dieser Entwicklung ist klar – die Wahlen in den USA diktieren es der Obama-Administration, den amerikanischen Wähler zu bauchpinseln und ihm anhand seines Portemonnaies zu beweisen, dass die amerikanische Regierung pausenlos an seinem Wohlergehen arbeitet. Momentan haben die Vereinigten Staaten unter den Ölscheichen noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, so dass sie ihre Verbündeten sicher einfach um der Freundschaft willen um eine solche Hilfe bitten können.
Allerdings ist natürlich nicht nur Bruderhilfe Motivation für die „Wohlfahrt“ der Scheiche. Die Saudis haben die greifbare Möglichkeit einer empfindlichen Schwächung des Iran. Im nächsten Jahr sind dort Präsidentschaftswahlen, dabei verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage dort zusehends. Die Einbußen an Öl-Dollars können verschiedenen Schätzungen zufolge ein Minus von bis zu 30 Milliarden Dollar jährlich betragen. Bei einem Staatshaushalt etwas mehr als 400 Milliarden Dollar ist das ein wesentlicher Einschnitt. Das heißt, die Wahlen fänden vor einem Hintergrund statt, der im Vergleich zu dem der Wahlen von 2009, als die „Grüne Revolution“ stattfand, noch viel mehr Instabilität bedeutet.
Mehr noch. Glück kommt ja bekanntlich gleich haufenweise. Russland – der geopolitische Gegner der arabischen Monarchien – befindet sich gerade jetzt in einer schwierigen innenpolitischen Lage. Der Erdölpreis hat bereits jetzt die Schwelle unterschritten, oberhalb welcher das russische Budget kein Defizit ausweisen würde. Ein weiterer Preisverfall bringt für Russland enorme Probleme mit sich. Dazu kommen die nicht abebbenden Proteste und Provokationen in Moskau, die, bei aller ihrer inhaltlichen Nichtigkeit, eine Schwäche und Unentschlossenheit der Regierung demonstrieren. In Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten birgt das Sprengstoff.
Deshalb kann es den arabischen Monarchen durchaus gelingen, auf zwei Bällen gleichzeitig zu tanzen. Einerseits muss man Kumpel Barack helfen – dessen Bitte sicherlich sehr eindringlich und auch entsprechend hinterlegt gewesen ist. Da kommt man nicht umhin. Mitt Romney, der einen recht fulminanten Start hingelegt hat, macht den „Demokraten“ sicherlich Sorgen, so dass man hier etwas unternehmen muss.
Gleichzeitig können die Golfmonarchien zwei sekundäre Aufgaben angehen – wer weiß, vielleicht funktioniert ja wenigstens eines der Ansinnen (oder, der Scheitan treibt ja seine Späße, eventuell auch beide?): eine Revolution im Iran plus Unruhen in Russland – was könnte es denn besseres für die geduldigen Scheiche geben, die ja auch noch irgendwie mit ihrer syrischen Aufgabe zurande kommen müssen. Die Ausschaltung zweier mächtiger Gegner im Kampf um Syrien würde den Monarchen eine ganze Palette wunderbarer und verlockender Möglichkeiten bieten. Nach Wohlfahrt sieht es also ganz und gar nicht aus. Alles ist recht gut durchgerechnet und sieht nüchtern und rational aus.

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  • inwieweit die scheichs da ohne befehle aus washington handeln, müsste da noch geklärt werden.
    der ölpreis, bzw dessen manipulation, dürfte auch mit dem erstrebten „krieg“ der usa gegen china und rußland zusammenhängen. das konzept „wirtschaftskrieg“ bis der gegner zusammenbricht oder „einen krieg anfängt“ haben die usa ja schon öfters erfolgreich durchexerziert.

  • Hi,
    ebenfalls bei Tass las ich kürzlich die Auskunft eines seit einigen Jahren für „unabhängig“ geltenden – weil retired – Ölexperten, der berichtete, es schwämmen ca. 40mio Barrel gen USA die in den bisher bekannten Lagern (weil voll) gar keinen Platz finden könnten. Falls das stimmt, kann man das grundsätzlich so oder so interpretieren, aber die Vorstellung, in den USA würd man erst mal die Lagerkapazitäten erhöhen um sie dann taktisch wieder aufzulösen erscheint doch etwas far fetched.
    Link habe ich nicht, ist nicht so ganz mein Thema :)

    • Die US-Regierung gibt offiziell an, dass die Kapazitäten 727 Mio. Barrel betragen: http://www.fe.doe.gov/programs/reserves/
      Wenn noch 40 Mio. herumschwimmen, passt das fast beziehungsweise wäre das ein weiteres Indiz dafür, dass diese Reserven bald wieder angezapft werden.