Kalter Ölkrieg

Saudi-Arabien verdrängt erstmals seit 6 Jahren Russland von Platz 1 bei der Erdöl-Fördermenge. Aus russischer Sicht ist das der Eintritt in die kalte Phase eines Krieges.
Erdöl ist eines der Produkte, dessen Preis, der durch Börsenoperationen festgelegt wird, zu einem bedeutenden Teil auf Spekulation beruht. Anders gesagt spiegeln die reell auf dem Markt vorhandenen Mengen an Erdöl nicht direkt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider. Erdöl ist und bleibt ein sehr wirksames Instrument, gewisse „Blasen“ zu generieren.
Trotzdem kann man diese spekulative Komponente immer noch in ihrer Wirkung beeinflussen, indem man die Fördermengen erhöht (oder erniedrigt), und auf diese Weise versuchen, den Preis auf ein gewünschtes Niveau zu bekommen. Theoretisch wurde zu diesem Behufe ein Mechanismus geschaffen, innerhalb welchem die Erdöl fördernden Länder (mit Ausnahme der UdSSR und heute Russlands) durch Abstimmung der Förderquoten die Interessen der Förderer und der Käufer in Einklang bringen.
Allerdings ändern sich die Zeiten. Die OPEC-Mechanismen sind gut in friedlichen Zeiten. Heute allerdings wird die veraltete Weltordnung umgestaltet, momentan noch ohne größere „heiße Phasen“ in diesem sich abzeichnenden globalen Krieg. Ob dieser im engeren Sinne stattfindet oder nicht, ist natürlich noch vollkommen unklar. Doch das spricht keineswegs dagegen, dass die potentiellen Gegner sich gegenseitig maximalen Schaden zuzufügen versuchen und die bisherige Balance zuschanden machen. „Gegenseitig“ entspricht in dieser Formulierung nicht der momentanen Entwicklung – bisher hat eine der Seiten die permanente Initiative.
Eines der ersten Alarmzeichen in diesem momentan noch überwiegend kalten Krieg ist der Versuch, das „Iran-Problem“ endgültig zu lösen. Der Iran ist das industriell am weitesten entwickelte Land der islamischen Welt, und es geht dabei nicht um seine Vernichtung, sondern um „Regime Change“. Die Schwächung der iranischen Positionen ist deshalb vordergründige taktische Aufgabe des Westens. Dazu dienen die Sanktionen und ständigen Drohungen. Indem der Iran vom Erdölmarkt ausgeschlossen, oder seine Position nachhaltig geschwächt wird, muss der Westen gleichzeitig die Ölpreise unter Kontrolle halten, denn mit dem Fall des Iran könnte ein Chaos ausbrechen, das man so natürlich vermeiden will. Hier ist der Grund dafür zu suchen, weshalb Saudi-Arabien die Fördermengen in letzter Zeit signifikant erhöht und die G7-Staaten auf ihrem neuerlichen Treffen in Camp David darüber sinnieren, die strategischen Ölreserven anzuzapfen – alles das dient einer präventiven Stabilisierung des Ölpreises und ist, so gesehen, ein Vorbote von Krieg.
Heute kam die Meldung, der zufolge Saudi-Arabien erstmals seit 6 Jahren mehr Erdöl fördert als Russland. Dabei hat Russland keine Reserven bei der möglichen Fördermenge mehr, Saudi-Arabien kann die Förderung schätzungsweise noch ein Stück hochfahren. Damit bleibt das Bestreben Putins, Russland als eine Energie-Weltmacht zu etablieren, nichts als Wunschdenken, zu einer solchen Weltmacht wird aber immer mehr Saudi-Arabien, beziehungsweise der Pool an erdölfördernden arabischen Staaten, die unter der Fuchtel der Saudis oder derer stehen, dessen Proxy die ölfördernden Araber sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Krieg gegen Libyen damit ausgegangen ist, dass Libyen nunmehr fest im Orbit des Einflusses durch die arabischen Monarchien gelandet ist. Die lokalen Streitereien interessieren kaum noch jemanden, aber dass europäische Unternehmen aus Libyen verdrängt werden und stattdessen arabische und amerikanische Corporations dort das Zepter in die Hand nehmen, ist ein bedeutender hintergründiger Fakt.
Für Russland ist diese Entwicklung natürlich extrem bedenklich, denn nach der Erfahrung einer Verdrängung des Iran vom internationalen Ölmarkt können der Westen und die Golfmonarchien diese Erfahrung nun schon mit Russland anwenden. Die Reserven im direkten Einflussbereich Saudi-Arabiens, dazu die Möglichkeiten der libyschen Ölförderung könnten jetzt als massives Mittel zur Verdrängung Russlands von diesem Märkten dienen. Dabei ist Russland durch die „Bemühungen“ von Teilen der eigenen Machtelite derart von der Situation auf den Erdöl- und Erdgasmärkten abhängig, dass es nur innerhalb einer bestimmten Preisspanne für diese Ressourcen halbwegs stabil existieren kann. Das sich hinziehende Siechtum der russischen Industrie und die fast ausschließliche Abhängigkeit Russlands vom Ressourcenexport können selbst bei relativ geringem Preisverfall schon für kritische Situationen sorgen.
Selbst, wenn dieses Problem als ein solches begriffen und behandelt wird, so muss die russische Führung – unabhängig davon, wer sie gerade stellt – zwei fundamentale Aufgaben angehen. Erstens ist das die Überwindung des Einflusses der pro-westlichen und quasi kollaborationistischen Teile innerhalb der eigenen Machtelite, die bisher jeden Versuch einer Reindustrialisierung und Diversifikation der Risiken des Landes verhindert hat. Die zweite Aufgabe wären, selbst bei Überwindung dieses Widerstands, die enormen Kosten für den Auf- und Ausbau einer Industrie, die man derzeit wiederum nur aus dem Rohstoffexport beschaffen kann. Aus diesem Grunde ist Russland derzeit extrem verwundbar, und solange Russland eines der beiden Länder der Erde ist, das das gesamte Spektrum der Atomwaffen in seinem Arsenal besitzt, ist und bleibt es der Widersacher Nr. 1 für den Westen und besonders für die USA.
Saudi-Arabien verfolgt also schlicht und ergreifend das mittelfristige Ziel, Russland durch die Kontrolle der Erdölpreise in die Knie zu zwingen. Der Katar, momentan noch nicht so effektiv wie Saudi-Arabien, aber das ist nur eine Frage der Zeit, tut gleiches auf dem Erdgassektor. Ein weiterer Strick um den russischen Hals. Den Mechanismus eines Regime Change in Russland würden oder werden dann die Spezialisten aus den Vereinigten Staaten lostreten: vorher, wie im Falle des Iran, politischer Druck, Verdrängung von den Rohstoffmärkten und so weiter.
Unruhen in Moskau
Anders kann man die heutige Nachricht aus Saudi-Arabien aus russischer Sicht gar nicht interpretieren. Derzeit wird Russland durch die schätzungsweise im Herbst beginnenden, so oder so verlaufenden Unruhen vorbereitet, doch unter dem Trubel der Moskauer Flashmobs und des Karnevals der „Opposition“ auf den Straßen der russischen Hauptstadt wird allmählich, aber deutlich ein Krieg angezettelt – momentan natürlich noch dessen kalte Phase. Auch das ist nichts Neues – ganz genau so haben die USA Japan durch wirtschaftliche Maßnahmen niedergedrückt, bevor 1941 der Krieg begann. Eine bewusste wirtschaftliche Schwächung durch Sanktionen und Drohungen ist bisher so gut wie immer ein Vorbote des Krieges. Sanktionen sind nicht dazu da, irgendwen zum Einlenken in irgendwelchen sekundären Fragen zu bringen, sondern die Wehrhaftigkeit und Moral des Ziellandes vor dem Ausbruch direkter militärischer Handlungen zu schwächen.
Ob also Russland von dem hier so dargestellten „unterdrückerischen Regime“ befreit oder dieses Regime die „Triebe der Demokratie“ im Lande niederschlagen kann, ist nur eine der Fragen. Sicher nicht unbedeutend. Doch dahinter verbirgt sich die wichtigere Frage danach, ob und in welcher Form Russland in mittelfristiger Zukunft überhaupt noch existieren wird.

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  • Eine Woche später kommt auch ein „Insider“ drauf: Saudi Arabia’s oil war plan hinted.

    Daraus:
    „Saudi Arabia and its Sunni allies may right now be boosting oil production, aiming to plunge the market price to as low as US$60 per barrel. The ultimate goal is to cripple the economies of Shiite Iran and Iraq…“