Politiker vs. Staatsmänner

Die Ära der Staatsmänner ist Vergangenheit, heute sind Politiker an der Macht.
Der Westen beginnt vorsichtig und allmählich anzuerkennen, dass Syrien zu einem Übungsplatz für radikale islamistische Gruppierungen und Bewegungen zu werden beginnt, die den Kampf mit der syrischen Regierung spätestens seit Inkrafttreten des Annan-Plans und des damit verbundenen „Waffenstillstands“ an sich reißen.
Der vermeintliche Freiheitsdrang, von dem die Europäer in ihren bunten Träumen schwärmten, während sie die Augen vor der brutalen Gewalt, mit der die syrischen Rebellen vorgehen, verschlossen, beginnt allmählich, die Konturen der Schaffung eines terroristischen Kalifats anzunehmen, das per se keine Staatsgrenzen kennt. Die französische „Le Figaro“ veröffentlichte gestern einen vorsichtigen, aber gegenüber den wider Baschar al-Assad kämpfenden Kräften doch sehr skeptischen Artikel unter dem Titel „Syrien – neues Land der Wahl für Dschihadisten“ (La Syrie, nouvelle terre d’élection des djihadistes).
Vielleicht hat der Fortgang Sarkozys es den französischen Journalisten gestattet, langsam die Augen, Ohren und Münder zu öffnen, oder es ist einfach Zufall, auf jeden Fall ist es erkennbar, dass es mehr und mehr Publikationen gibt, die davon sprechen, dass an die Stelle der „Freiheitskämpfer“ schon längst bärtige, brutale und bösartige Typen getreten sind, die ihre eigene, recht spezifische Meinung über diese Freiheit vertreten.
Der Fehler der Europäer besteht darin, dass ständig sie ihre zivilisierten, ethischen Normen anderen Zivilisationen überzustülpen versuchen. Jemand, der gegen eine Diktatur kämpft, ist per definitionem ein Freiheitskämpfer, auch wenn er etwas andere Vorstellungen von Freiheit hat, als ein Europäer. Im Kopf der Europäer ist aber keine Denkmöglichkeit dafür vorgesehen, dass anstelle eines Diktators zum Beispiel ein religiöser Fanatiker treten kann, der den Diktator aus seinen eigenen Beweggründen heraus gestürzt hat und für jegliche Idee von Freiheit und Demokratie selbstverständlich vollkommen unempfänglich ist, dabei selbst aber archaische und brutale Ideale vertritt.
Aus diesem Grunde ist es für den Westen auch eine vollkommene Überraschung (in etwa wie Schnee im Winter), dass die Sieger, die im Zuge des Arabischen Frühlings in den arabischen Staaten an die Macht kommen, einer nach dem anderen tatsächlich schlimmer sind, als die Diktatoren, welche sie mit Hilfe der Bomben des Westens gestürzt haben. Mit diesen neuen Machthabern hat der Westen mit seinen Idealen überhaupt keine Berührungspunkte mehr.
Die Naivität der Europäer ist zu verstehen – in einer recht abgeschotteten und gut kontrollierten Informationssphäre, die von halbgebildeten Journalisten gestützt wird, ist es schwer, das Leben, besonders das anderer, fremder Völker, mehr oder weniger objektiv zu erfassen. Die Frage, die sich stellt, ist deswegen eine andere: haben die westlichen Regierungen bewusst oder aus der selben Unwissenheit heraus den Sturz der „Diktatoren“ unterstützt und damit die Machtergreifung solcher Nachfolger, mit denen man noch viel weniger verhandeln kann?
Diese Frage ist nicht müßig, denn die allgemeine Degradierung ist eine allen modernen und technologisch entwickelten Zivilisationen gemeinsame Verfallserscheinung. Dabei ist der moralische, geistige und schöpferische Verfall der herrschenden Strukturen, bzw. der „Elite“, offenkundig. Mitunter versucht man, die Aktionen der Westmächte mit irgendwelchen ungeheuer vorausschauenden und vielschichtigen Plänen zu erklären, aber es könnte auch durchaus sein, dass der Westen und überhaupt westliche Politiker keinerlei Plänen folgen, sondern einfach nur auf ihrem Niveau auf die Gegebenheiten reagieren. Dabei wäre eine Strategie schon längst schierer Taktik gewichen. Die kurzen Legislaturperioden gebieten es der Politik, Entscheidungen zu treffen, die dazu geeignet wären, sie erfolgreich durch die nächsten Wahlen zu bringen – alles andere, besonders die längerfristige Perspektive, ist einem Politiker (im Unterschied zum Strategen) relativ egal. Hier haben Monarchien einen eindeutigen Vorteil, denn in ihnen ist alles auf lange Sicht ausgelegt. Der Monarch sorgt sich nicht nur darum, selbst an der Macht zu bleiben, sondern diese Macht mit aller möglichen Stabilität auch an seine Nachkommen zu überantworten.
Seinerzeit äußerte Churchill sinngemäß, dass an der Ausbildung eines Politikers nichts eine solche Rolle spielt, wie das Wissen darum, wie man einen Wahlkampf führt. Ein Staatsmann hingegen sorgt sich um die kommenden Generationen. Es sieht so aus, als lebten wir in der Ära von Politikern, nicht von Staatsmännern. Und zu allem Unglück sind diese Politiker meist von der dummen Sorte.

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