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Von der Physik eines Terroranschlags (Jemen)

Am 21. Mai schleicht ein Selbstmordattentäter von der al-Qaida unbemerkt und mit Unmengen von Sprengstoff unter seinem Hemd mitten in eine Militärformation, um diese in die Luft zu sprengen. Ein paar simple Fragen zu diesem Szenario.
Der Terroranschlag vom 21. Mai im Jemen hat bereits seine mehr oder weniger offizielle Deutung versehen bekommen. Ein gewisser, in eine Uniform verkleideter Selbstmordattentäter hat sich in eine Armeeformation eingeschlichen, die gerade dabei war, die Generalprobe für eine Militärparade abzuhalten und hat sich in ihrer Mitte in die Luft gesprengt. Deshalb auch die hohe Zahl der Opfer und Verletzten.
Die jemenitische al-Qaida soll für den Anschlag verantwortlich sein; deren Kämpfer liefern sich in der Provinz Abyan schwere Kämpfe mit den Regierungstruppen, weshalb also der Terroranschlag scheinbar den Sinn haben sollte, das Militär unter Druck zu setzen und sich an der Armee zu rächen.
Allerdings kommt man – betrachtet man die veröffentlichten Informationen näher – fast unausweichlich zu dem Schluss, dass diese Version doch einigermaßen phantastisch anmutet und elementarer Logik widerspricht.
Erstens, ein vollständiger Bericht darüber, dass es sich um einen Selbstmordattentäter in Militäruniform gehandelt haben soll, erschien quasi weniger Stunden nach dem Anschlag. Wenn man die enorme Wucht der Explosion in Betracht zieht, die direkt an Ort und Stelle 100 Menschen in den Tod riss und rund 300 weitere verletzte, dürfte von dem Terroristen selbst nichts übriggeblieben sein – trotzdem ist man sich gewiss darüber, dass es sich um einen Mann in Uniform gehandelt hat. Dabei sollte eigentlich relativ klar sein, dass es innerhalb von ein paar Stunden und inmitten von Leichen und Leichenteilen der rund 100 Menschen relativ schwer sein sollte zu bestimmen, dass der Attentäter „ein Mann in Uniform“ gewesen sein soll. Zeugen dafür kann man ganz sicher nicht mehr befragen.
Zweitens, die Wucht der Explosion führt zu der Überlegung, dass, handelte es sich wirklich um einen Selbstmordattentäter, dieser allein durch sein recht eigenartiges Erscheinungsbild hätte Verdacht hervorrufen müssen – sich ein derartig verheerenden Mechanismus umzuhängen, eine Militäruniform darüber ziehen und marschieren, nun, wie hätte das denn ausgesehen? Die „Welt Online“ schreibt gar noch, der Mann habe den Sprengstoff samt Zündmechanismus „für die anderen nicht sichtbar unter seinem Uniformhemd“ versteckt. Na, na. Höchstens, wenn er sich als Frau verkleidet hat. Und dann aber doch sichtbar.
Dabei lassen die Meldungen darüber, dass die Bombe inmitten der Formation detonierte und auch die Zahl der Opfer eigentlich keinen Zweifel daran zu, dass es technisch theoretisch genau so hätte laufen müssen – ein Mann in Uniform schafft eine gigantische Bombe, unter seinem Hemd versteckt, mitten in eine Rotte Soldaten. Die Vorstellung von einem Selbstmordattentäter, der mit Sprengstoff und Zündmechanismus behangen gewesen sein dürfte wie ein Weihnachtsbaum mit Lametta, lässt einen doch darüber grübeln, wieso eine solche Figur nicht den Verdacht der anderen, im Zentrum der Formation befindlichen Soldaten erregt hat.
Und nun das dritte Mysterium. Wenn der Terrorist etwa ein Militärangehöriger gewesen sein soll, so wäre sein Auftauchen in der Formation zu erklären – obwohl die Indifferenz seiner Kumpane und des Kommandos ihm gegenüber ein Rätsel bliebe. Wenn er freilich kein Soldat war, wie wollte man in diesem Fall sein „Eindringen“ in diese Formation erklären? Denn dazu wäre es notwendig, einen Absperrgürtel zu überwinden und sich dann irgendwie unbemerkt in die Formation einzuordnen. Die Fragen „Junge, was machst Du denn hier?“ sowie „Wo willst du hin mit all Deiner Bagage?“ wären an dieser Stelle absolut selbstverständlich. Insofern riefe das offenbar vollkommen unbeholfene und gleichgültige Verhalten der Sicherheitsdienste den dringenden Verdacht ihrer Komplizenschaft zum Anschlag auf den Plan. Oder zumindest einiger ihrer Mitglieder. Das heißt, die Version mit al-Qaida müsste zumindest schon einmal etwas korrigiert werden.
Die vierte Seltsamkeit. Das ist der Tag des Anschlags. Die Parade war auf den 22. Mai anberaumt. Am 21. lief die Probe. Anschläge während einer Militärparade oder im Verlauf öffentlicher Veranstaltungen wären durchaus logisch, da sie entweder gewisse Führungspersönlichkeiten zum Ziel hätten, welche diese Parade abnehmen oder daran teilnehmen, oder aber dem Anschlag eine gewisse Symbolik und weitere Resonanz verliehen werden soll. Zum Beispiel wurde Anwar as-Sadat während einer Militärparade in Kairo Opfer eines Attentats; Mutter und Sohn Gandhi sowie Benazir Bhutto wurden bei größeren Veranstaltungen umgebracht; am 9. Mai 2002 forderte ein Anschlag während der Siegesparade in Kaspijsk mehrere Dutzend Tote, exakt zwei Jahre später wurde Achmat Kadyrow auf einer ähnlichen Veranstaltung durch einen Anschlag getötet, und so weiter. Hier ist durchaus eine Logik in den perfiden Handlungen der Terroristen zu erkennen.
Es gäbe zwar eine seltsame Logik dahinter, die Armee für ihre Erfolge in der Provinz Abyan „zu bestrafen“; doch weitaus logischer wäre es, einen solchen Anschlag während der Parade selbst zu verüben, bei der höhere Militärs und der Präsident anwesend wären – wer weiß, vielleicht wäre es ja gelungen, den einen oder anderen davon zu töten oder zu verletzen. Trotz alledem läuft der Anschlag am Tag davor. Sozusagen bei der Übung. Wenn es schon auf phantastische Weise gelingt, irgendwie in die Militärformation vorzudringen, was hielt den Attentäter davon ab, ebenso phantastisch, nur eben am richtigen Tag an Ort und Stelle zu sein?
Und zu guter Letzt noch eine Überlegung. Ein Anschlag gegen die Armee sieht relativ dumm aus. Es ist unsinnig, sich an den Soldaten dafür zu rächen, dass sie Befehle ausführen. Das hat keinerlei Auswirkung auf die militärische oder operative Lage in der Provinz, in welcher gekämpft wird, ganz besonders nicht, wenn offensichtlich weder die Staatsführung, noch die höheren militärischen Ränge Ziel des Anschlags sind.
Unabhängig von der rein technischen Seite – nämlich der Frage danach, wie genau es dem Terroristen (sollte ein solcher überhaupt existiert haben) gelungen sein soll, einen solchen Anschlag auszuführen – tritt die Frage, was der Sinn dieser doch recht außerordentlichen Aktion gewesen sein soll? 100 Tote und 300 Verletzte sind ja, wie man zugeben muss, doch jenseits der „Standards“. Ein am Körper mitgeführter Sprengsatz dürfte nicht in der Lage sein, einen solchen Effekt hervorzurufen, schon allein deshalb, dass die relativ dichte Formation der Soldaten sowohl Druckwelle, als auch Splitter und Fragmente um die Explosion herum mehr oder weniger abschirmen dürfte. Die ganze Sache sieht so eher nach der Detonation einer Rakete oder Mine aus. Übrigens wurde weiland Präsident Saleh Ziel eines Raketenangriffs, infolge dessen er verletzt wurde. Und das in seinem Palast. Das heißt, dieser Angriff erfolgte sehr zielgenau und professionell. Zu der Zeit wurde, wie man sich erinnert, gerade die Professionalität dieses Anschlags hervorgehoben; eine Professionalität, die man wohl kaum in der jemenitischen Armee finden dürfte.
Dabei gilt es auch zu bedenken, dass Ex-Präsident Saleh und sein Kreis sowohl vor, als auch nach dem Rücktritt das Chaos im Lande eher anheizen, ein Chaos, das unvermeidlich ist, sofern Saleh und sein Clan die Kontrolle über das Land verlieren. Man bekommt den Eindruck, dass dieser in aller Hinsicht seltsame Anschlag zu al-Qaida in bestenfalls sehr entferntem Zusammenhang steht. Zu wenig profan und zu professionell für die simplen und rauen bärtigen Typen. Die ganze Geschichte sieht, alles in allem, wie eine Inszenierung aus, wie ein Zeichen für den erbarmungslosen Kampf zwischen jemenitischen Clans aus; die Opfer unter den Soldaten sind in dieser Tragödie lediglich Verbrauchsmaterial.

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