Baba Amr

Anhar Kotschnewa
Die in Damaskus lebende Journalistin Anhar Kotschnewa hat nach einem Monat wieder Homs besucht. Konnte sie damals den noch nicht ganz „geklärten“ Stadtteil Baba Amr nicht besuchen, so war ihr das diesmal möglich. Die Bilder entstanden am 31.05.2012. Auf der Rückreise nach Damaskus ist sie und ihre Begleiterin unter Granatwerferbeschuss geraten, aber die Sache ist gottlob glimpflich ausgegangen.

Quelle für die Fotos und Kommentare dazu: anhar.livejournal.com

In wessen Kopf werden die unsinnigen Gedanken geboren, die syrische Armee überfalle irgendwen oder liefe auf der Suche nach Opfern im Lande umher? Unsinn. Tatsächlich müssen die Kameraden Leib & Leben verteidigen. Das ist Fakt.
Ich bin wieder in Homs, im Stadteil Baba Amr. Diesmal sind wir über eine andere Straße an das Kaufhaus herangefahren, das ich beim letzten Mal aus der Deckung eines Zauns heraus fotografiert habe. Ich verstehe jetzt, warum sie uns das letzte Mal nicht haben herangehen lassen: die Straße hinter dem Zaun wurde nicht beschossen; diese hier lag direkt in der Feuerlinie der Scharfschützen von der FSA.
So klappen die Geschosse zusammen, wenn im Gebäude eine Explosion passiert, welche die Wände wegreißt. 
Selbiges von der anderen Seite.
Ungeachtet der massiven Zerstörung leben hier noch Menschen, wie ich schon beim letzten Mal geschrieben habe. Hier ein Onkelchen, er radelt irgendwo hin.
Viele Gebäude haben solche durchgehenden Löcher: die Banditen haben sie in die Wände gerissen, damit sie sich von der Armee ungesehen durch die Stadtviertel bewegen können und die Straße dazu nicht benutzen müssen. Wäre hier kein Loch, müßte man um das Haus herumlaufen, um auf die andere Seite zu kommen. So kann man einfach zu der Seite herausgehen, die man braucht. Meistens sind diese Löcher nicht sehr groß und rund, aber es gibt eben auch solche großen.
Rechts wieder ein solches Loch. In das Haus sind sie anfangs wahrscheinlich eingebrochen.  Das Schloß, welches die Hausherren an die Schmucktür gehangen haben, hat ihr Domizil nicht vor den Banden schützen können.
In Baba Amr gibt es nicht nur illegal gebaute Häuser. Es gibt (gab) auch solche, durchaus anständigen  und legalen Wohnhäuser.
Das ist auch irgendwessen Wohnung…
Im Erdgeschoss dieses Hauses war eine Apotheke. Im Obergeschoß wohnte sicher der Apotheker mit seiner Familie.  Aus irgendeinem Grunde habe ich das Gefühl, dass es genau so war.
Das gleiche Gebäude, etwas näher.
Das ist sie, die Apotheke. Auf dem Aushängeschild steht der Name des Besitzers. Ob er noch am Leben ist? Im Hintergrund ein Gebäude aus diesen charakteristischen schwarzen Steinen. Schätzungsweise sehr alt, aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.
Eine der Gassen…
Wir hatten es eilig, nach Damaskus zurückzukehren, um unsere Reportage rechtzeitig zu den Abendnachrichten abzugeben. Aber die Soldaten, die uns durch Baba Amr begleitet haben, baten uns, noch diesen nebenan gelegenen medizinischen Versorgungspunkt in Augenschein zu nehmen.
Dieses Bild entstand im Innern des völlig ausgeraubten Ärztehauses.
Hier soll es Unmengen modernster und teurer Medizintechnik gegeben haben, bevor die Rebellen hier einfielen. Sie haben ALLES mitgehen lassen. Dieses Ärztehaus stellte der Bevölkerung seine Dienste kostenlos zur Verfügung. Aber dann kam die FREIHEIT.
Überall gibt es enorme Müllberge und Graffitti an den Wänden (diese hier wurden von den Banditen angebracht). Beeindruckend fand ich die durchgehenden Löcher in der Wand – wahrscheinlich von Granatwerfern.
Diese Graffitti stammen von den Unsrigen. Dort ist die Rede davon, was sie von dem verfluchten „Scheich“ Arur halten.
Im Hintergrund ein altes Haus, vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Als wir abfuhren, haben wir zufällig auch ein paar uralte Ruinen entdeckt. Offenbar ist das das historische Zentrum des Stadtteils. Daher gab es dort auch viele Tunnel. Diese Tunnel stammen noch aus antiken Zeiten. Solche gibt es fast unter ganz Homs.
Soll heißen: ich werde noch einmal hierher zurückkehren. Auf einer Studienreise.

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