Das kleine Einmaleins, Band 3

Die mythische Schabiha wird in der Berichterstattung der Medien zu Syrien eine neue Größe. Wenn man der syrischen Armee und den Sicherheitskräften nichts nachweisen kann, muss eine neue Strohpuppe her, der man – einschließlich einer organisierten Existenz – auch nichts nachweisen, um die herum man aber gerade deshalb bequemer Legenden spinnen kann.
Schabiha im Hintergrund
Die BBC bringt die nächste Geschichte über neue Gräueltaten des Assad-Regimes, welches wie besessen das ihm anvertraute Volk durch die Hände der geheimnisvollen und allmächtigen Schabiha ausrottet. Kurz – die „Opposition“ stellt der Weltgemeinschaft den Mord an 13 Fabrikarbeitern im Ort Al-Buwaida-asch-Scharkija (zwischen Al-Qusayr und Homs gelegen) vor; diese 13 Fabrikarbeiter waren in einem Bus unterwegs, die Schabiha hat diesen Bus angehalten und die 13 Unglücksraben selbstverständlich erschossen.
Man bekommt den Eindruck, dass die bewaffneten Oppositionskämpfer und die Schabiha sich ihre Arbeit praktisch teilen – die einen erschießen Menschen, die anderen filmen das unentwegt. Danach, so sieht es aus, tauschen sie ihre Werkzeuge und ihre Rollen. Alles in allem erinnern die Berichte dazu an das Gebrabbel von Blödsinnigen, sie werden aber trotzdem allen Ernstes in den seriösen Medien wiedergegeben und immer wieder hervorgeholt.
Am interessantesten ist, dass hie und da periodisch Fotos von dieser geheimnisvollen Schabiha auftauchen – in der Regel gewisse Personen in Zivil, meist stehen sie unter Waffen. Mitunter sieht man sie bei gewissem, nicht allzu freundlichem Umgang mit der Bevölkerung, dabei sieht man sie aber gerade nicht bei Bluttaten. Während es gleichzeitig massenhaft grauenhafte Videos von oppositionellen Kämpfern gibt, die unter ständigem „Allahu-akhbar“-Geplärr wieder einmal den nächsten „Kettenhund des Regimes“ hinrichten, sieht es mit der mythischen Schabiha derweil nicht so üppig aus.
Wenn man berücksichtigt, dass die Schabiha eine Bezeichnung für Einheiten der Bürgerwehr ist – ähnlich der GST den Kampfgruppen in der ehemaligen DDR – so ist ein solches Erscheinungsbild durchaus typisch für Gefolgsleute der Bürgerwehr: keine Zeremonien, aber Handeln ohne jedweden Extremismus. Sagen wir, das Foto in diesem Text hier stammt aus einer israelischen Quelle. Darauf sieht man am Boden liegende Zivilisten und dabei stehende Zivilisten unter Waffen. Die Situation auf dem Bild ist sicher kein Zuckerschlecken, aber man kann auch nicht sagen, dass sie brutal oder extrem ist – immer unter der Berücksichtigung, dass im Lande Krieg herrscht, die Bürgerwehr hilft den Sicherheitskräften. N’est-ca pas? Sie können ja wohl nicht mit bloßen Händen gegen automatische Waffen antreten. M.a.W., es kursieren spätestens seit Al-Hula viel zu viele Mythen über diese Shabiha, um ihnen blinden Glauben zu schenken.
Zurück zur Meldung der bewaffneten Opposition. Sicher, die BBC und andere Qualitätsmedien sprechen in diesem Zusammenhang wieder davon, dass diese Angaben nicht aus anderen Quellen, als aus denen der „Aktivisten“, zu verifizieren sind. Allerdings unterschieben diese Hyänen der Feder ihrem Publikum gleich wieder eine tendenzielle Interpretation, indem sie erwähnen, dass die UN-Beobachter irgendwann eigentlich einmal ein paar analoge Fälle bestätigt haben sollen, zum Beispiel den Tod der Ölarbeiter nahe Deir-az-Zur. Die Meinungsmache besteht nun darin, dass die UN-Beobachter auch in diesem Fall lediglich den Fakt der Ermordung dieser Menschen bestätigten, aber natürlich nicht, dass dieser Mord von der ominösen Schabiha zu verantworten sei. Trotzdem zeitigt das geschickte Hütchenspiel der Medien den gewünschten Effekt.
Interessant ist auch, dass im Zusammenhang mit dem Massaker in Al-Hula jetzt nirgends mehr von den ersten Meldungen der Opposition die Rede ist, die Menschen in Al-Hula seien durch massiven Artillerie- und Panzerbeschuss der Armee und der Sicherheitskräfte zu Tode gekommen. Die UN-Menschenrechtskommission redet davon, dass „die Mehrzahl der 108 Opfer von Al-Hula durch Feuerwaffen aus nächster Nähe und scharfe Waffen ermordet“ wurden, und „höchstens 20 der Opfer durch Beschuss mit schweren Waffen umkamen“. Wieder wirft das die Frage auf – was genau für Beschuss und durch wen genau wurde dieser ausgeführt – das wird dabei nicht gesagt. Bedenkt man, dass Marat Musin von ANNA-News, der sich direkt vor Ort befindet, darauf beharrt, dass es in der Nähe von Al-Hula gar keine größeren Armeeeinheiten gab und gibt, weshalb Al-Hula allgemein und Taldou im Speziellen bis zum jetzigen Zeitpunkt fest in der Hand der Banditen sind, so stellt sich doch die durchaus vernünftige Frage, auf wessen Konto der Beschuss geht. Darauf gibt es aber keine direkte Antwort.
Die Taktik der BBC und anderer Medien ist aber natürlich logisch. Es kommen Unmengen an Meldungen, in denen in unzähligen Variationen vom grauenhaften Tod von Zivilisten die Rede ist. Ein normaler Mensch, der sich nicht näher mit der Situation beschäftigt, merkt sich lediglich den Fakt, dass in Syrien immer wieder Menschen umgebracht werden – mehr wird von ihm auch gar nicht verlangt. Insofern lügen die Medien nicht direkt (denn das wäre unprofessionell – Fakten bleiben Fakten), aber die sie ständig begleitende Interpretation – das nun wieder Teil der Bestellung durch die Auftraggeber – gibt dem Publikum den richtigen Beigeschmack.

Tags:

Trackback von deiner Website.

  • Anonymous

    Hier muss ich jetzt aber mal Meckern. Die GST (Gesellschaft für Sport und Technik) war keine Bürgerwehr. Nicht im Mindesten. Als eine Art Bürgerwehr in der DDR können die Kampfgruppen gelten, die hauptsächlich in den Betrieben organisiert waren.

    • Einwand akzeptiert. Ich suchte auf die Schnelle nach einem hierzuland verständlichen Analogon. Ich habe es oben angepaßt, danke!

  • @apxwn
    Da braucht man gar nicht lange suchen. Bei uns spielen die Autonomen und die „Antifas“ diese Rolle. Die langen auch ganz schön hin, wenn sie es sich leisten können. Sie werden von der offiziellen Politik gedeckt und viele ihrer Mitglieder wurden durch Indoktrinierung an den Schulen gewonnen.