Der alte Mann und der Krieg

Senator John McCain bestätigt, dass es Waffenlieferungen und Finanzierung der syrischen bewaffneten Rebelleneinheiten durch die Golfmonarchien, speziell die Saudis gibt. Ungeachtet dessen, dass die Rebellengruppierungen dies bisher immer abgestritten haben, setzt die Nachricht von McCain hier doch einen endgültigen Punkt hinter dieses offene Geheimnis. Es gibt einen massiven Waffen- und Geldstrom an die Kampfeinheiten der syrischen „Opposition“.
Dadurch wird auch die zuletzt beobachtete erhöhte Aktivität von Ausländern in den Reihen der Banden erklärt. Sie werden einfach dafür bezahlt. Die Rede ist von Summen zwischen 50 und 100 US-Dollar pro Monat – das berichtet vesti.ru unter Berufung auf die „Washington Post“. Das ist sicher nicht gerade ein Blackwater-Sold, aber das Kontingent, das mit diesen Kopeken abgespeist wird, ist – gelinde gesagt – auch „Verbrauchsmaterial“. Es gibt genügend Hungerleider und Banditen in der Region, was es gestattet, sie in ein beliebiges Verhältnis zu abgeschossenen syrischen Soldaten zu setzen. Wenn mehr gebraucht werden, finden sich weitere Massen aus irgendeinem Staat, der seinen  „Arabischen Frühling“ schon durchlitten hat.
NB: Vielleicht ein Hinweis darauf, weshalb manche Politiker der Region so massiv gegen das bedingungslose Grundeinkommen agitieren. Im Iran beispielsweise wird seit Dezember 2010 ein solches bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt – lächerlich wenig zwar, aber das schneidet die armen Bevölkerungsschichten recht effektiv von der Anwerbung durch die Koordinatoren diverser „Revolutionen“ in der Region ab.
Der alte Senator ist nun recht gut darin, Informationen mehr oder weniger ungefiltert an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, wodurch er die „Großen“ immer mal wieder in unangenehme Situationen bringt. Andererseits ist der Zyniker McCain ein nettes Instrument im Informationskrieg. Er überbringt so von der Diplomatie völlig ungeglättete Nachrichten direkt an die jeweiligen Adressaten – wie zum Beispiel die Andeutung gegenüber Assad und Putin, diese könnten bald das Schicksal Gaddafis teilen. Offiziell kann man solches natürlich nicht verlauten lassen, aber hier kommt einem der alte Soldat mit seiner Wahrheitsliebe gerade recht.
Aus Syrien kommen derweil Meldungen über weitere ungefähr 70 getötete Zivilisten und 30 umgekommene Armeeangehörige. Wer die Armeeangehörigen umgebracht hat, wird dabei nicht gesondert beleuchtet.
Das Kinder-Thema wird in einer seiner Variationen wieder hervorgekramt. Angeblich setzt die syrische Armee Kinder auf ihre Panzer und wehrt so die Angriffe der bewaffneten Rebellen ab. Anders gesagt, die 30 Armeeangehörigen müssen durch böse Geister gemeuchelt worden sein, nicht durch die „Opposition“. Wie groß die Verluste in deren Reihen sind, wird dabei nicht gemeldet.
Der „lebende Schutzschild“ aus Kindern ist sicher nichts als eine ziemlich primitive Meldung des „Observatoriums“ (SOHR) in London und lässt sich in keiner Weise prüfen. Aber es bleibt eben im Gedächtnis und wird in Gedanken unter den bisher schon gehörten „Gräueltaten des Regimes“ abgeheftet.

Ebenso farbig und gewürzt sind die Meldungen darüber, dass die syrische Armee Hubschrauber und Raketenwerfer gegen die Rebellen einsetzt. Es ist klar, dass die UN-Beobachter nicht in Gebiete mit Kampfhandlungen gelassen werden. Al-Hula lief letztlich genau nach dem gleichen Prinzip: die Beobachter waren selbst nicht direkt da, sondern saßen im nahen Homs in einem Hotel. Nach Al-Hula konnten sie nur am nächsten oder übernächsten Tag mithilfe der Deckung durch die syrische Armee gelangen. Dabei wird natürlich nicht danach gefragt, wenn gleich nach den ersten Meldungen vom Massaker keine Begleitung durch die Armee gestellt werden konnte, wer denn da die Menschen in Al-Hula umgebracht hat.
M.a.W., der Informationskrieg befindet sich in seiner heißen Phase. Was die Situation in Latakia angeht, so hat Marat Musin schon vor über einer Woche recht genau beschrieben, was dort passiert, und die jüngsten Meldungen der Londoner Suppenküche bestätigen gerade diesen Lagebericht. Sicher, die Londoner „Aktivisten“ sprechen nicht davon, dass in Latakia jetzt Entführungen und Lösegeldforderungen an der Tagesordnung sind. Diese fungieren sowohl als Einschüchterung gegenüber der Bevölkerung, als auch als ein simples Business. Die algerischen Kollegen der syrischen Rebellen – die GSPC – haben sich ja in ihrem Wirkbereich bereits vollumfänglich auf dieses einträgliche Geschäft umqualifiziert, kombinieren es mit Drogen- und Waffengeschäften in der Region. Und was soll man sagen: das Geschäft floriert, der Dschihad wird zu einem netten Mäntelchen dieses Kleinunternehmertums. In Syrien ist dieses Business noch nicht vollumfänglich entfaltet, aber der Appetit kommt bekanntlich beim Essen.
Noch eine Fundsache im Informationskrieg war die zuletzt gemeldete Einnahme der Stellungen des 734. Luftabwehrbataillons nahe Al-Ghantoo zwischen Homs und Ar-Rastan durch die bewaffneten Rebellen und Berichte über ein massenhaftes Überlaufen ganzer Einheiten an den Feind (die Besatzung einer solchen Stellung beträgt mindestens 350 Mann). Belege dafür waren die üblichen Wackelvideos auf Youtube. Dieser Luftabwehrstützpunkt sieht auf diesen Videos aber reichlich seltsam aus. Die erste dort gezeigte Rakete vom Typ S-75 wäre in der Bauform gar nicht flugfähig, sie sieht aus, als sei sie aus drei Teilen zusammengeschustert. Entweder ist’s ein Übungsmodell, oder ein kompletter Fake. Es gibt auch keinerlei Hinweis auf eine Tarnung des Equipments und der Raketen. Die Funkstille innerhalb des letzten Tages zu diesem Thema lässt vermuten, dass der Bericht in vielerlei Hinsicht aus irgendwessen Fingern gesaugt worden ist. Es gibt auch keinerlei Reportagen mit dem Titel „Er entschied sich für die Freiheit“ mit Leuten von der Luftabwehr in den Hauptrollen.
Und zu guter Letzt gab es gestern noch Meldungen über Kampfhandlungen im Zentrum von Damaskus, die einen halben Tag gedauert haben sollen. Theoretisch möglich, aber dann ohne Schlussfolgerungen über die tatsächliche Lage. In Dagestan zum Beispiel wurden am Tag davor 3 bewaffnete Banditen einen halben Tag lang vom Speznas ausgeräuchert. Wenn es in Damaskus also solches gegeben hat, wird das dieselben Ursachen und dasselbe Ausmaß haben. Da das Interesse daran heute wieder gegen Null geht, wird schon nichts gewesen sein.
Alles in allem zeichnen die Meldungen (oder deren Ausbleiben) ein etwas optimistischeres Bild als noch vorgestern, aber wesentliche Veränderungen gibt es nicht.

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  • Super Berichterstattung in diesem Blog. Vielen Dank.

    „Das Kinder-Thema wird in einer seiner Variationen wieder hervorgekramt. Angeblich setzt die syrische Armee Kinder auf ihre Panzer und wehrt so die Angriffe der bewaffneten Rebellen ab.“

    Da werden natürlich sofort Erinnerungen an die Brutkastenlüge wach. Es ist immer wieder die gleiche Masche. Behaupten kann man eben alles, so lange man es nicht beweisen muss.

    • Es ist ja gar nicht Sinn der Sache, das zu beweisen. Man tropft Mal ums Mal Gift in das Bewusstsein der „Wähler“. Der Krieg braucht ein ruhiges und sattes Hinterland, das die Sache zumindest latent gutheißt.

      Ich bin eigentlich dagegen, die Medien pauschal einer Verschwörung zu beschuldigen, aber was gestern zu diesen Meldungen über die Kinder wieder an Vokabeln floss, ist haaresträubend: „weltweites Entsetzen“, oder „sexuell gefoltert“ (bei BILD).

      Da kombiniert man gekonnt übertriebene drastische Darstellungen und Dinge, die das Volk eigentlich interessieren (Stichwort „sexuell“) zu einem Futter für den Populus. Bei „Brot und Spielen“ muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass mit diesen „Spielen“ das Schauspiel oder ein Spektakel gemeint gewesen ist, das einen emotional stimuliert („Entsetzen“), sonst aber keinerlei eigene Beteiligung verlangt. Und genau das bekommen wir auch immer wieder vorgesetzt.

      Ansonsten Dank für die Blumen!

  • Ergänzend:
    Ria Novosti und etwas später Lavrov wiesen Clintons Behauptungen über Kampfhubschrauberlieferungen an Syrien umgehend zurück. DoD Sprecher Kirby teilte der Presse mit, er „habe keine Informationen über solche Lieferungen“ und Nuland wollte auf Anfrage Ria Novosti keine Quelle nennen, obwohl das Weiße Haus in einer Verlautbarungen von „Quellen“, Mehrzahl, gesprochen hat.

    Es sieht also danach aus, daß Clinton sich das einfach aus den Fingern sog / von ihrem Führungsoffizier / Seelenklemptner gespickt wurde.
    Nennenswert ist das deshalb, weil Clinton am selben Ort von „Truppenkonzentrationen im Raum Aleppo nahe der türkischen Grenze“ sprach, welche „sehr wohl eine Rote Linie der türkischen Seite überschreiten könnten“, sie „beobachte“ das „sorgfältig“. Entsprechende Nachrichten bzw. deren Ausbleiben wären daher ein – wenn auch nicht eben zuverlässiger – Hinweis darauf, ob die Verrückte wieder bloß als rasendes diplomatisches Schreckgespenst losgelassen wurde, oder ob sie irgend jemandem Befehle erteilt.

    Ich neige ja bekanntlich zu der Ansicht, das für Nebelgranaten zu halten, weil die „eigentliche“ Musik woanders spielt:

    „Col. Shmulik Olensky, commander of the “Barak” armored brigade on Israel’s northern front, said that the Israel Defense Force is “dealing with extensive preparations for fighting in Lebanon.”

    Speaking at a conference earlier in the week about the First Lebanon War, Olensky said that the next “Lebanon war is going to be different, different from the first and second…There are no longer Christian villages in the south, all have become Hizbollah military compounds, found at every level and in every village…“
    Eine klare Anspielung auf die Dahiya-Strategie, jeder Araber eine zu erledigende Beute. Damit wäre was „los“ zu machen.
    Datum der Meldung: 8.Juni
    http://stratrisks.com/geostrat/6392

  • http://www.smh.com.au/world/clinton-turns-on-russia-amid-talk-of-civil-war-20120613-20ady.html

    Auch Mitglieder des SNC sagen, dass die Aufrührer mit Panzerabwehr-Raketen aus der Türkei ausgerüstet wurden, mit finanzieller Unterstützung von Saudi-Arabien und Katar und Wissen/Einbeziehung der USA.

    Der Einsatz der Kampfhubschrauber ist eine Reaktion auf diese bessere Ausrüstung.

  • Die Aufständischen in Syrien sind heillos untereinander zerstritten und sehen sich durch den SNC auch nicht vertreten:

    http://english.al-akhbar.com/content/syria-alternatives-ii-no-homegrown-solutions

    Wenn ihnen ein Sturz der Regierung gelingen würde, wäre das selbe Chaos wie heute in Libyen zu erwarten. Keine Zentralregierung und überall rivalisierende Milizen.

  • Syrien, einmal anders gesehen

    Es gibt eine klare Linie vom Sturz Saddams zum Sturz Gaddafis bis zum beabsichtigten Sturz von Assad. Diese Linie wird vom Terrormanagemenrt der USA gezogen- und sie führt weiter, mindestens bis nach Teheran. Der größte Teil der syrischen Bevölkerung weiß, dass ein Rücktritt Assdads- ganz im Sinne der USA- zu noch mehr blutigem Chaos in Syrien führen wird. Über Jahrzehnte gelang es, einen Frieden zwischen den unterschiedlichen Gruppen in Syrien, dazu gehören Christen, Sunniten und Schiiten, zu bewahren. Was bei den letzten Anschlägen auffällt, ist deren professionelle Koordinierung.
    Das ist nicht das Werk freiheitsliebender Rebellen, sondern gezielter Terror gegen die syrische Regierung, zur Verunsicherung der Assad- Anhänger. Verübt von gemeinsam agierenden Al Qaida- und Geheimdienst- Milizen. Für das, was folgen soll, wird schon geübt. Auf jordanischem Boden, nahe der syrischen Grenze, mit einem großen Nato- Manöver, unter der Führung von US-General Ken Tovo.
    Dabei gibt es noch einen anderen interessanten Aspekt. Israel. Syrien gilt als Iran- freundlich und grenzt an Israel. Strategen wissen: soll der Iran „eingedämmt“ werden, führt der Weg über Syrien.
    Deshalb machen die Amerikaner alles, was nötig ist, um den syrischen Frieden unmöglich zu machen. Eben jenen Frieden, den sie von Syrien offiziell verlangen. Um dann, mit internationalem Mandat,
    in Syrien einfallen zu können.

    (Nachzuhören unter Siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=cUOcG-u6KyU)

    • NB den Namen des Militärmanövers in Jordanien: „Eager Lion“. Was für ein Zufall. „Assad“ heißt auf Deutsch „Löwe“.

    • Es stimmt zwar, dass es diesen Israel-Aspekt gibt. Ich hielte es aber für falsch, wenn man das als Dreh- und Angelpunkt ansehen würde. Hier geht es um Syrien. Spezifisch syrische Aspekte sind da ganz sicher wichtiger.