Kein Bürgerkrieg

Der neue Chef des SNC, Abdulbaset Sieda – ein Kurde aus Schweden, wo er sich seit 1996 in einer „freiwilligen Emigration“ (O-Ton Sieda) befindet –, hat sogleich damit begonnen, das ihm erwiesene tiefe Vertrauen zu rechtfertigen und lancierte zu diesem Behufe bereits eine Reihe von großen Statements. Leider schließen sie sich vom Sinn her gegenseitig aus. Es ist deshalb relativ schwierig festzustellen, was er der Welt wirklich sagen wollte.

  • Kleiner Exkurs. Auffällig war, dass als Nachfolger von Burhan Ghalioun als Kandidaten ein Kurde (Abdulbaset Sieda) und ein Christ (George Sabra) zur Wahl gestellt wurden und die Moslem-Brüder, welche den SNC dominieren, so in den Hintergrund zu treten schienen. Es hat für die Moslembrüder eine gewisse Tradition, aus der zweiten Reihe heraus zu agieren und die vorderste Front entsprechend zu manipulieren. Im Gegensatz zu den recht unscheinbaren Sabra und Sieda genießen die Moslembrüder ja eine breite Unterstützung von Seiten ihrer Glaubensgenossen im gesamten Nahen Osten. Die Aufstellung Siedas ist damit ein taktisches Manöver und soll die Kurden in Syrien mobilisieren, welche sich bislang der Haltung „mir nichts, dir nichts“ befleißigen und die Entwicklung der Ereignisse abwarten. Man kann weder den Sunniten Syriens, noch gerade den Türken, den Irakern, den Iranern oder sonst wem nachsagen, sie würden einen Kurden als neuen SNC-Chef begrüßen. Niemand braucht noch ein unabhängiges Kurdistan in dessen syrischer Inkarnation. Man weiß schon nicht so recht, was man mit der kurdischen Autonomie im Irak anfangen soll, und hier riskiert man ja auch noch eine syrische.

    Die kurdischen Gebiete in Syrien stehen momentan unter strenger Kontrolle kurdischer Bürgerwehren in Absprache und Koordination mit den syrischen Sicherheitskräften. Die FSA hat dort keinen Zugang. Um die syrische Armee vollkommen zu entnerven, braucht der SNC noch einen Unruheherd im Lande. Vielleicht ist die Aufstellung Siedas dazu da, den Aufruhr auch im syrischen Kurdistan ins Rollen zu bringen.

    Trotz dieses Ansinnens ist Sieda unter den Kurden wenig bekannt und nicht gerade populär. Er ist faktisch schon ein Fremder. Er hat keinen Einfluss in der PKK, die realiter in vielerlei Hinsicht auch die kurdische Enklave in Syrien kontrolliert. Aber einen Versuch war diese Personalie wohl wert.

Erst ließ Abdulbaset Sieda hören, Assads Herrschaft liege in den „letzten Zuckungen“:

Wir sind in eine heikle Phase eingetreten. Das Regime liegt in den letzten Zuckungen. Die sich häufenden Fälle von Massakern an der Zivilbevölkerung und von Artilleriebeschuss zeigen deutlich, dass das Regime in Schwierigkeiten geraten ist.

Unlogischerweise begann er gleich danach, den UN-Sicherheitsrat anzuflehen, dieser möge doch eine Resolution verabschieden, welche es gestatten würde, das „blutige Regime“ zu zerbomben, mit Raketen zu beschießen und in die Luft zu sprengen:

Die Situation in Syrien ist derart katastrophal, dass sie die Stabilität der gesamten Region bedroht. Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, im Interesse des syrischen Volkes zu handeln; es sind nicht wir, die eine Militärintervention fordern, sondern die derzeitigen Machthaber in Syrien zwingen die Welt zum Handeln. Die Politik der verbrannten Erde, welche vom derzeitigen Regime verfolgt wird, wird zu einer Militäroperation führen.

Welchen Sinn könnte es haben, implizit eine Militärintervention zu fordern, wenn das Regime in die letzten Tage seiner Existenz eingetreten ist? Scheinbar ist das Regime also noch ziemlich stabil und hat nicht vor, innerhalb der nächsten Tage oder Monate seinen Geist auszuhauchen.
Überhaupt sind die neuerdings ständig zu hörenden Mantras über einen Bürgerkrieg in Syrien kaum überzeugend. Zumindest bisher ist das nämlich wirklich nicht der Fall. Ein Bürgerkrieg geht seinem Wesen gemäß durch die gesamte Gesellschaft hindurch, aber derlei lässt sich in Syrien nun gerade nicht beobachten. Die Armee – als Teil dieser Gesellschaft – ist nicht in „Rote“ und „Weiße“ gespalten, gleiches gilt für den Machtapparat. Das wäre ja das wichtigste Anzeichen für einen Bürgerkrieg. Gibt es keine untereinander zerstrittenen Gruppen innerhalb der Machtelite, die sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen, ist es unsinnig, von einem Bürgerkrieg zu sprechen. Ein Beispiel aus der Geschichte: der Pugatschow-Aufstand war gerade kein Bürgerkrieg, auch wenn er enorme Ausmaße annahm – die herrschende Elite war einig und ungespalten. Der Versuch Pugatschows, sich als Zar Peter III. auszugeben (er habe wie durch ein Wunder das Attentat seiner Frau überlebt), war ja gerade der Versuch, diese Elite zu spalten, was aber nicht gelungen ist.
Es gibt in Syrien keine Anzeichen für einen Bürgerkrieg. In Syrien gibt es aber Anzeichen für einen Aufruhr und ein massives Eingreifen aus dem Ausland, was allerdings etwas vollkommen anderes ist als ein Bürgerkrieg. Insofern ist die erste der oben zitierten Verlautbarungen des alten Schweden eine glatte Lüge. Der Akzent seiner Botschaft liegt folglich im zweiten Zitat – in der Forderung einer Militärintervention. Ohne eine solche haben die Aufrührer keine Chance.

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  • Nochmal ein FAZ-Artikel von Rainer Hermann zum Massaker von Hula:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/arabische-welt/syrien-eine-ausloeschung-11784434.html

    Er erwähnt diesmal sogar Marat Musin „der für die kleine Nachrichtenagentur Anna arbeitet“.

    Jetzt folgt in der Jungle World wahrscheinlich wieder so eine plumpe Zurechtweisung von Oliver M. Piecha:

    http://jungle-world.com/von-tunis-nach-teheran/1715/

    • Piecha ist aggressiv und unkonstruktiv. Das einzige, worin er recht hat, ist das Problem, dass solche Nachrichten unter den „lunatic fringes“ populär werden. Und dort geraten sie in die bekannte, mit Esoterik und anderem Zeug angereicherte Melange von „Verschwörungstheorien“.

      Aber die Sache mit der FAZ ist gut. Ich habe kein schlechtes Gefühl, was den möglichen Verdacht angeht, Marat Musin sei ein Propagandist des syrischen Regimes. Siehe das Interview mit Qadri Jamil. Außerdem wurde er vorgestern auf dem Oppositionsmeeting in Moskau gesehen (Suchbild). Ohne dort freilich irgendeine Rolle zu spielen.

  • Hi apxwn,
    ich hoffe doch sehr, Du willst z.b. Sami Ramadani nicht ernsthaft zum „lunatic fringe“ rechnen?!
    http://www.informationclearinghouse.info/article31570.htm

    Überdenke vielleicht auch mal, ob Du im Zusammenhang mit Syrien überhaupt abfällig von Verschwörungstheorien reden willst – was läuft da bitteschön anderes, als gleich ein ganzes Bündel teils konfligierender teils zusammen wirkender Verschwörungen?

    Auch in anderen Zusammenhängen rate ich zu vorsichtiger Verwendung (oder Meidung) des elitären Totschlagswortes und inquisitorischen Autodafé-Titels „Verschwörungstheor(i)e/tiker/in, wozu ich hier nur ein Argment anbringen kann: So wird hübsch etwas verbuddelt, über das praktisch jedermann Bescheid weiß, nämlich daß Politik in westlichen Demokratien überhaupt NICHTS ANDERES als eine organisierte Verschwörung zu ihr ist, bei der von der kommunalen Ebene weg bestochen und geschmiert wird, daß es eine helle Freude ist.

    • Je sais, je sais. Ich glaube, es war Hörstel, der mal gesagt hatte, „Verschwörungstheoretiker“ ist ein Vorwurf von Verschwörungspraktikern. Das wird schon überwiegend so sein. Als ich den Kommentar oben schrieb, dachte ich im Zusammenhang mit „lunativ fringes“ eher an eine Plattform wie ASR oder irgendwas, wo die Berichterstattung aus Syrien zusammen mit „Chemtrails“ ähnlichem Stoff dargeboten wird. (Stelle gerade fest, dass ASR bei EsoWatch erfasst ist.)

      Aber der Begriff ist nun mal so konnotiert. Keiner will ein Verschwörungstheoretiker sein, die meisten wollen aber irgend eine verborgene Wahrheit kennen.

    • Anonymous

      Hi, ich lese schon länger diesen Blog aber mir sind die Begriffe wie Chemtrails, lunativ fringes oder EsoWatch unbekannt. Könntest Du diese Begriffe mal genauer erklären damit ich den Sinn verstehe?

      Danke! :)

    • Öhm… Du, ich werde mal auf eine Darstellung hier verzichten, um gar nicht erst in diese „fringe“ einzutauchen. Google möge Dir helfen. Mit „lunatic fringe“ meinte Piecha wohl das, was ein anderer mal als „Verschwörungsszene“ bezeichnet hat. Dem Sinn des Artikels nach sind das „Spinner“. Zu EsoWatch siehe esowatch.com.

  • Lawrows Konzept für die internationale Syrienkonferenz:
    http://un-report.blogspot.de/2012/06/russian-non-paper-concept-of.html

  • Hi antifo, all,
    der Gipshaxn des Konzepts (der Lavrov oder sonst jemandem nicht anzulasten ist, es ist der Gipshaxn aller Einmischung in Belange nationaler Souveränität die als keine GELTEN sollen /dürfen – weil mit Waffengewalt in diesem Status des „nicht gelten lassens/ gelassen werden“ gehalten)

    Punkt 4 hebt „parties in Syria“ aus, die per definitionem foreign parties sind bzw. qua „Einflußnahme“ gar erst noch vollgültig werden sollen .

    Und der nächste Punkt stellt dann die mit Punkt 4 unerfüllbar gemachte Forderung, das Ziel sei eine „Vereinbarung zwischen ‚den‘ Syrern“ (selbst).

    • Die syrische Regierung braucht jetzt nichts so sehr wie Zeit, lass die mal machen. Ist eigentlich das syrische TV abgeschaltet worden? Da ging doch, ich glaube von Thierry Meyssan, so eine Information aus. Meyssan ist seit einer Weile in Damaskus, muss so eine Art Extremsport-Journalist sein. Hätte ja auch von der Fussball-EM berichten können, aber nein…

  • Habe soeben eine E-Mail als Offenen Brief an den Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Philip D. Murphy, verschickt:

    http://antifo.wordpress.com/2012/06/15/syrien-offener-brief-an-philip-d-murphy-zum-massaker-in-hula/

    Die E-Mail ging einen größeren Verteiler, der neben Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Westerwelle auch den Botschafter der Russischen Föderation, Wladimir M. Grinin, enthielt.

    • Ja, auf die FAZ kann man sich nämlich berufen. Mal sehen, wie es dem guten Dr. Hermann demnächst ergehen wird… Ein Besucher (arprin) hatte gestern bereits auf einen Artikel bei „Reflexion-Blog“ verwiesen, in dem Marat Musin, eine der Quellen des FAZ-Artikels, als eindeutiger Antisemit und Holocaustleugner entlarvt wird, weil er stellvertretender Vorsitzender eines Komi­tees für Soli­da­ri­tät mit den Völ­kern Liby­ens und Syri­ens ist.

      Eva, die quasi-Vetterin des FAZ-Autors, hat eine solche Keule ja weiland schon zu spüren bekommen.

      PS. Was ist denn das für ein „größerer Verteiler“, in welchem auch die Kanzlerin steht?

  • Habe die Email an die Adresse weitergeleitet, die ich hier fand:

    http://antifo.wordpress.com/2012/05/24/libanons-meistgesuchter-sunnitischer-terrorist-sprengt-sich-in-syrien-in-die-luft/#comment-1341

    Ich denke, dass müßte Deine Adresse sein.

    Dr. Hermann abzusägen dürfte nicht so einfach werden. Der sonstige Tenor seiner Berichterstattung ist nämlich durchaus auf NATO-Kurs.

    Diese Angaben beim Reflexion-Blog sind ziemlich fragwürdig. Was sollen das z.B. für „Islamisten“ sein, mit denen Marat Musin zusammenarbeitet? Was auch immer diese „Islamisten“ vertreten, gegenüber den Salafisten in der Farouk-Brigade sind das Waisenknaben.

    Im Grunde ist das aber auch egal. Auch Oliver M. Piecha hat der Darstellung des Massakers durch Dr. Hermann ja nicht widersprochen.

    http://jungle-world.com/von-tunis-nach-teheran/1715/

    Er hat der FAZ nur Vorhalte gemacht, dass das nicht nützlich sei. Utilitarismus ist kein Argument bei der Ermittlung der Schuldigen dieses Massakers. Es spricht gegen die Unvoreingenommenheit des „Historikers“ Piecha und für eine heimliche Komplizenschaft mit diesen abscheulichen Mördern.

  • Eine Antwort von den Aktivisten aus Hula auf den FAZ-Artikel:

    http://www.ayyam.org/english/?p=484

    Dass 100% der Bewohner von Al-Houla (Taldo, Kafarlaha, Taldahab, al Tiba al Gharbiya) Sunniten wären ist nicht glaubwürdig. Wenn das heute so ist, dann vielleicht deshalb, weil alle anderen vertrieben oder umgebracht wurden.

    • Das ist generell nicht glaubwürdig, denn als Beweismittel werden hier unter anderem Videos „on Youtube for all to see“ heranzitiert.

      Ich denke auch nicht, dass der Akzent, die Opfer seien Schiiten oder Alawiten, der richtige ist. Richtiger wäre zu sagen, dass die gemordeten Familien „regierungstreu“ waren, wie etwa im Fall der Familie des Bruders eines der neuen Abgeordneten im syrischen Parlament.

      Ich meine, es sind ja viele Namen genannt worden. Ob sie Sunniten sind/waren oder nicht, ist für uns wirklich nicht nachzuvollziehen, aber diese „Antwort der Aktivisten“ ist so anonym und vage, dass sie an die Authentizität der ANNA-Reportagen aus Al-Hula nicht heranreicht. Diese „Antwort“ hätte auch Willi aus Buxtehude schreiben können.

    • Wenn man die Entgegnung liest, sieht man auch, dass sie offenbar nur einen Teil der Informationen aus den Artikeln von Dr. Hermann kennen. Ich habe den Aktivisten dort einen Kommentar hinterlassen, der u.a. die Links auf die beiden FAZ-Artikel enthält. Mal sehen, ob sie den Kommentar freigeben. Derzeit ist er noch in Moderation. Ist erst ca. eine Stunde her.

    • Hab‘ auch was geschrieben, kann mir aber fast nicht vorstellen, dass das durchkommt…

    • Abwarten. Unmöglich ist es nicht.

      „Al-Ayyam was founded by Syrian pro-democracy activists seeking to improve news reports coming out of Syria and to provide in-depth analysis by Syrians on the current situation.“

      http://www.ayyam.org/english/?page_id=91

      Wenn die das mit der Demokratie ernst nehmen, dann wird es freigeschaltet werden. Außerdem haben sie sich ja beschwert, dass Dr. Hermann sie nicht vorher kontaktiert hatte. Ich weiß ja nicht, wie er das hätte machen sollen. Wenn es aber stimmt, dass ihnen an einem Kontakt gelegen ist, dann werden sie sich über unsere Kommentare freuen.

  • Es wurde freigeschaltet!

  • Eine zweite, sehr windige Entgegnung von Piecha auf Dr. Hermann:

    http://jungle-world.com/von-tunis-nach-teheran/1724/

    • Piecha schreibt im Stile eines „rant“. Und (mein Augenmerk) bei der versuchten Kritik an Marat Musin verweist er auf einen anderen rant. Und zwar den eines Menschen, der nach eigenen Angaben „in seinem Elfenbeinturm in Berlin“ sitzt. Inhaltslos, nur Keulen. Aber na gut, da muss der Herman jetzt durch (falls er das mitbekommt); ich fürchte ein wenig, dass er bald wird zurückrudern müssen. Solchem „Shitstorm“ sind nicht viele gewachsen.

      Warum kontaktiert niemand von den Verfechtern der Wahrheit den Kollegen Musin selbst? Wäre doch kein Problem. Genau wie die Anhar Kotschnewa. Ist alles offen und da, man braucht bloß zu klicken. Sollen die doch versuchen, die auf’s Glatteis zu führen. Stattdessen werden „Briefe von Aktivisten aus Hula“ gebracht. Sehr fadenscheinig.