Menschenraub

Homs am 13.06.2012
Homs in diesen Tagen: abgesehen von wenigen Quartalen, in denen die syrische Armee die letzten Rebellenbefestigungen ausräuchert, scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen. Im relativen Machtvakuum in der Provinz ist derweil ein verstärktes Banditentum zu verzeichnen; besonders Entführungen werden mehr und mehr zu einem Teil des schmutzigen Geschäfts der „Freien Syrischen Armee“ und mit ihr assoziierter Bandengruppierungen. Anhar Kotschnewa berichtet aus Homs.
Quelle des Artikels: utro.ru, Fotos von Anhar.

Die Straßen von Homs am 13.06.2012
Meinen Gesprächspartner traf ich bereits im vergangenen Herbst in Homs: er und seine Leidensgenossen berichteten mir schon damals von ihren entführten und barbarisch ermordeten Verwandten. Nun bin ich wieder bei ihm in Homs, und während unseres Gesprächs kommt ein Mann herbei, der Listen mit weiteren Angaben zu Entführungsopfern mitgebracht hat.
Ich hatte damals schon vom Bruder eines Bekannten berichtet, der seit geraumer Zeit immer eine Handgranate dabei hat, um sich bei drohender Geiselnahme selbst in die Luft zu sprengen. Seither ist die Situation eher noch schlimmer geworden. Die Zahl der offiziell registrierten Entführten geht an die Tausend, darunter sind viele Kinder, Frauen und Alte.
Scheich Habib al-Fandi
Unter anderem zur Bekämpfung dieser Erscheinung wurde in Syrien eine gesellschaftliche Organisation gebildet, die um die zweieinhalbtausend Mitglieder hat und in deren Reihen in Syrien bekannte und geachtete Persönlichkeiten agieren. Sie leisten Beratung und Hilfe bei der Konfliktbewältigung. Letzteres ist besonders wichtig, da aufgrund der Clanstrukturen die Verwandten der Entführten oft zur Rache an solchen Clans greifen, die sie der Entführung ihrer Verwandten verdächtigen. Der eine Clan nimmt sich aus „Rache“ für die Entführung oder Ermordung eines Familienangehörigen eine Geisel aus einem anderen Clan, und so perpetuiert sich die Not der Menschen. Scheich Habib al-Fandi, der in dieser Organisation tätig ist, berichtet darüber, welche Mittel und Aktivitäten die Organisation anwendet, um solche Konflikte beizulegen und keine Selbstjustiz in der Bevölkerung zuzulassen.
Imad zeigt mir seine Computerdateien. Er zeigt auch, in welchem Zustand die Leichen der zuvor entführten Verwandten und Bekannten an die unglücklichen Familien zurückgegeben werden. Es gibt zahlreiche Spuren von Folter (zum Beispiel sieht man oft Brandwunden, die den Opfern offensichtlich mit glühenden Metallgegenständen zugefügt worden sind, auch Spuren von Schnittwaffen, mit denen man innerhalb mehrerer Tage methodisch die Wunden an den Körpern der Entführten vergrößert hat). Es gibt Leichen, an denen man die Weichteile des Gesichts komplett entfernt hat, damit man die Entführten und Ermordeten möglichst lange nicht identifizieren kann.
Wir entschließen uns, einige der Familien aufzusuchen, aus deren Reihen Menschen entführt worden sind. Junge Freiwillige aus der Organisation sagten uns, wir können einen beliebigen Namen aus der Liste wählen, um so zu zeigen, dass die Liste nicht einfach aus dem Telefonbuch stammt – man kennt hier ja auch die Listen der „Opfer des Regimes“, welche von der außersyrischen Opposition fabriziert wurden und die nichts als eine Abschrift von Telefonverzeichnissen darstellten.
Ein enges Gässchen. Eine kleine, bescheidene Wohnung. Wir treffen einen Jungen von ungefähr zehn Jahren, es ist der Jüngste der Familie, er ist seit dem frühen Kindesalter gelähmt – und er ist der einzige, der in diesem Haus lächelt. Der trauernde Vater und die von Not gezeichnete Mutter erzählen von ihrem am 8. März entführten ältesten Sohn. Jechha Issa wurde einen Monat vor seiner Entführung durch Maschinengewehrschüsse verletzt, als er während eines Überfalls auf einen Checkpoint zufällig an diesem vorüberging. Der 18-jährige brauchte aufgrund dieser Verletzung Krücken, und die Eltern waren gerade auswärts, um diese zu beschaffen. Vor den Augen der Nachbarn wurde der Junge direkt vor seinem Haus von Banditen in ein Auto gezerrt. Es gab seither keinerlei Versuche einer Kontaktaufnahme und niemand hat Lösegeld gefordert. Der Vater sagt, es kommen immer wieder Nachrichten, denen zufolge der Junge tot sein muss. Er sagt auch, dass sein Sohn von einer tschetschenischen (sic) Bande entführt wurde, die hier des Öfteren schon durch Entführungen, Mord und Vandalismus aufgefallen ist. (Ich kann das glauben, denn vor einigen Monaten sah ich selbst Tschetschenen unter der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ in einer anderen syrischen Provinz. – AK) Zum Abschied versuche ich, ein paar tröstende Worte zu finden, und wir fahren zu einer anderen Familie.
Die Eltern mit ihrem jüngeren Sohn
Der 18-jährige Jechha Issa, entführt am 8. März 2012 in Homs
Das ist ein älteres Paar, das gleich vier ihrer erwachsenen Kinder verloren hat. Die Kinder kamen zu den Eltern, um ihnen beim Umzug zu helfen und wollten Sachen in ein Auto verladen. Die Eltern hatten vor, zeitweilig nach Damaskus zu gehen. Fünf Bewaffnete haben die Söhne überfallen. Zwei wurden entführt, die beiden anderen an Ort und Stelle erschossen. Der 40 Jahre alte Ahmad und der 38 Jahre alte Muhammad hinterlassen eine Familie mit Kindern. Für die Rückkehr des 26-jährigen Wasim und des 32-jährigen Iyad betet die Familie in jedem Augenblick. Der weinende Vater sagt, dass die Wunden eines der beiden Älteren nicht sehr kritisch waren und das man ihn hätte retten können, zumal es nur 200 Meter bis zum nächsten Krankenhaus sind. Doch die Situation verlief so, dass sein Sohn am Blutverlust gestorben ist, denn die Entführer haben zu allem Übel noch das Haus der Alten angezündet. Sie haben nun keinerlei eigene Habe mehr, keine Sachen, keine Familienfotos. „Gott, nimm mein Leben, aber gib es meinen unglücklichen Jungs zurück!“, weint der alte Mann…

Vater und Sohn

Die Mutter hat ihre vier Söhne verloren.

Die Organisation für Familienangehörige der Entführungsopfer räumt ein, dass der Nachrichtenlage nach die meisten der als entführt gemeldeten Menschen umgebracht worden seien. Doch ist man sehr vorsichtig bei der Verbreitung solcher Informationen. Die verlorene Hoffnung auf die Rückkehr der Lieben könnte durchaus auch eine Ursache für irgendwessen verfrühten Tod werden.

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    • Jetzt, da die UNSMIS ihre Aktivitäten einstellt, ist das quasi der nächste logische Schritt. Da braut sich ja was zusammen…

  • Bis zu den Präsidentschaftswahlen im November wird Obama ohne UN-Mandat nichts machen, ebenso die anderen NATO-Staaten.
    Russland sollte die Initiative ergreifen und selbst eine Flugverbotszone über Syrien einrichten. Als Grund könnte man Berichte angeben, wonach Israel mit einem Luftangriff syrische Chemiewaffen zerstören will:

    http://www.rt.com/news/israel-syria-chemical-weapons-803/

    Das wäre eine Kriegshandlung, die zu einer internationalen Eskalation führen könnte. Darüber hinaus wäre die Zerstörung dieser Waffen natürlich eine Gefahr für die syrische Zivilbevölkerung. Um dieser Gefahr vorzubeugen, würde Russland den Schutz des syrischen Luftraums übernehmen.

    Damit würde verhindert, dass irgendein anderer irrer Staatschef vor die Kamera tritt und ein Ultimatum („Einstellung der Kampfhandlungen durch die syrische Armee und Rückzug in die Kasernen“) stellt. Wenn es dazu kommen sollte wird es für eine russische Reaktion zu spät sein!

    Russland würde sich der Sorgen Israels annehmen und notfalls ein paar blaue Pelzmützen nach Syrien schicken, die auf die Chemiewaffen aufpassen.

    Dem Vorhalt einer einseitigen Parteinahme für Assad könnte Russland damit begegnen, dass man auch unter irgendwelchen Nachfolgern Assads bereit wäre, für den Schutz Israels vor diesen Chemiewaffen zu sorgen.

  • Syrische Aktivisten antworten der FAZ
    http://wp.me/pt2oW-xQ