Das Fest geht weiter

Durch die Auflösung des Parlaments in Ägypten wird die „revolutionäre Phase“ des Landes verlängert. Wie sich herausstellt, ist das in aller Interesse.


Die ägyptische Militärregierung hatte auf Grundlage eines Beschlusses des Verfassungsgerichts über die Ungültigkeit der Parlamentschaftswahlen das Parlament aufgelöst. Wie es den Anschein hat, sind die Revolutionäre aller Couleur darob erleichtert: die Revolution geht weiter! Das Imperium hat einen Gegenschlag geführt, jetzt ist es natürlich die heilige Pflicht aller Mächte des Guten, sich wieder zu einen und das Böse zu bekämpfen.
Jede Revolution endet gleich: die an die Macht gekommenen Revolutionäre beginnen damit, diese Macht unter sich aufzuteilen. Und dabei gibt es immer mehr Revolutionäre als Posten mit genügend Macht, dass die Revolutionäre damit zufrieden wären. Das verstehen die professionellen Revolutionäre und mit ihnen assoziierten Laien aus den zu friedlichen Zeiten Gescheiterten auf instinktiver Ebene, und deswegen gibt es das Bestreben, die Revolution zu einer permanenten Erscheinung zu machen.
Ägypten bildet hier keine Ausnahme. Die Moslembrüder haben wirklich wenig Lust darauf, Verantwortung für die Routinearbeit an der Macht zu übernehmen. Das liegt unter anderem auch daran, dass der Staatsapparat und diejenigen, welche mit den vorigen Machthabern kooperierten, von ihnen zu Feinden erklärt worden sind. Wer soll sich denn zum Beispiel in Zukunft mit der Verfolgung von Kriminellen beschäftigen? Revolutionskomitees können bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Polizeikräfte ersetzen, genau wie das revolutionäre Bewusstsein in den „heißen Phasen“ anstelle eines Straf- oder Verwaltungsgesetzes stehen kann. Aber das geht nur eine kurze Zeit. Danach muss man so oder so neue Polizeikräfte bilden, mit bisher noch unklaren Prämissen diverse Gesetze machen – woher nimmt man nur die dazu nötige Zahl an halbwegs alphabetisierten Revolutionären?
Mit der Wirtschaft ist es genau die selbe Sache. Es braucht Profis, die nicht nur das Rechenbrett beherrschen. Von diesen sind aber alle „Funktionäre“ des weggeputschten Regimes gewesen. Verdächtige Elemente. Man müsste hinter jedem von ihnen einen bewaffneten Revolutionär postieren, um aufzupassen, dass er der Sache der Revolution keinen Schaden zufügt. Da haben wir auch schon das Problem: woher weiß der illiterate Arabische Frühlingsspross, in welchen Fällen dieser Agent der Mächte des Bösen für die Sache des Volkes wirkt, und in welchen er ihm schadet? Zahlen sind doch alle gleich unverständlich.
Mit anderen Worten, die Erleichterung, mit der man die Entscheidung der ägyptischen Interimsführung aufgenommen hat, ist vollkommen verständlich und begründet. Man will einfach noch eine Weile weiterleben, bevor ein beudetender Teil der Revolutionäre die bekannte Maxime von Revolutionen, diese verspeise ihre Kinder, mit voller Wucht am eigenen Pelz spürt.
Das Vorgehen der Militärregierung ist genauso verständlich – ihnen gefallen die Revolutionäre und die nach Macht strebenden Spinner einfach nicht. Sie können dagegen freilich nichts tun – man wird ihnen nicht länger gestatten, die Geschicke des Landes zu leiten, ganz abgesehen davon, dass sie dafür nicht ausgebildet sind. Alle Querulanten hinzurichten ist auch schlecht möglich. Also gibt es neue Wahlen. Die Bevölkerung ist in dem Jahr seit Beginn der Unruhen vom Chaos und der Flut der Ideologien und Ideen moralisch schon vollkommen aufgezehrt, sie will einfach nur irgend eine Stabilität und sehnen sich deshalb nach einer starken Hand – auch wenn die Zeit der „Dinosaurier“ vorbei zu sein scheint und an ihre Stelle in der ganzen Welt gesichtslose Räte, Politiker und „Demokraten“ treten, deren Verantwortung nach wenigen Jahren zu Ende ist. Die Losungen von Brüderlichkeit und gemeinsamem Glück werden am Ende des Trubels gewöhnlich und irgendwann auch beiseite gelegt – der Mensch lebt zwar nicht nur, aber doch auch vom Brot.
Eine starke Hand bräuchte aber Profis, ganz ungeachtet der zweifelhaften Vergangenheit. Und an dieser Stelle können die Militärs Führungspersönlichkeiten aus dem verblichenen Regime gut gebrauchen.
Die auswärtigen Teilnehmer dieses ägyptischen Spektakels – die diversen Vereinigten Staaten, Katars und Saudi-Arabiens, die sich ihre Hände am Feuer der ägyptischen Revolution wärmen – können auch vollauf zufrieden sein: das Chaos geht weiter. Das starke und einige Ägypten verdampft vor den Augen der Welt, wird durchgeschüttelt und homogenisiert, bis es eine arme und zu allem Übel bereite Masse darstellt.
Die Auflösung des Parlaments entspricht also dem Interesse aller Beteiligten. Deshalb sagen auch alle Akteure dem weisen Marschall Tantawi Dank und freuen sich auf die Fortsetzung des Banketts.

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