Luftabwehr

Buk-M2

RT bringt eine Meldung darüber, dass Russland die Lieferung von FlaRak-Systemen vom gefürchteten Typ S-300 an Syrien aussetzt. Dabei war es vorher nicht bekannt, dass es einen Vertrag über die Lieferung solcher Systeme an Syrien gegeben hat. Die Information, dass es sich offenbar doch so verhält, stammt aus dem Jahresabschlussbericht 2011 des Maschinenbauwerks Nischni Nowgorod, wo die S-300 montiert werden.

Zitat daraus (S. 13):

Zum heutigen Zeitpunkt befinden sich mehr als 10 Verträge über die Lieferung von Produkten und Leistungen im Stadium der Umsetzung. Die größten davon sind Verträge über die Lieferung von S-300-Systemen nach Algerien – Vertragsvolumen 39 Millionen US-Dollar – und nach Syrien – Vertragsvolumen 105 Millionen US-Dollar. Diese Produkte sollen im Verlauf des Jahres 2012 bis Anfang des Jahres 2013 ausgeliefert werden.

Ursprung der Meldung über den Stopp der Lieferung von S-300-Systemen nach Syrien ist vedomosti.ru, wo allerdings gleichzeitig mitgeteilt wird, dass die Lieferung anderer Waffentechnik – speziell Luftabwehrraketen-Systeme mittlerer Reichweite vom Typ „Buk-M2“ sowie des Systems Panzir-S und Petschora-2M (eine Modifikation der S-125, die zum Einsatz gegen Marschflugkörper geeignet ist) – weitergeht oder bereits ausgeführt worden ist.

Vedomosti.ru beruft sich auf eine Quelle in der Rüstungsindustrie und behauptet, die Aussetzung der Lieferung der S-300 geschah auf Druck des Westens:

Offenbar hat der Kreml entschieden, das leistungsstärkste von Russland entwickelte Luftabwehrsystem nicht mehr an Syrien zu liefern, um dem Westen und Israel damit einen Gefallen zu tun, so wie das schon 2010 hinsichtlich der Lieferung von S-300PMU-2-Komplexen an den Iran geschehen war, obwohl keinerlei internationale Sanktionen der Lieferung solcher Waffensysteme entgegenstehen; ebenso ist die Lieferung der S-300 an Syrien durch keinerlei Sanktionen eingeschränkt, gibt der Manager einer Rüstungsfirma an. Man kann dabei auch nicht ausschließen, dass die Syrer unter dem Druck der Sanktionen einfach keine Mittel zur Bezahlung dieser Waffen mehr haben…

Es ist schwer abzuschätzen, inwieweit diese Information überhaupt der Wahrheit entspricht, wenn man sie allerdings für bare Münze nimmt, kann man eine interessante Schlussfolgerung ziehen.

Waffensysteme sind ein Instrument. Für die einen Bedingungen sind sie gut, für andere weniger gut geeignet. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Besonderheiten in Syrien – geringe Distanzen und eher flaches Terrain – die besondere Taktik in der Luftabwehr des Landes für den Fall diktieren, dass es sich unter einem massiven Angriff durch Marschflugkörper und die Luftwaffe eines Feindes befindet. Für Lauerstellungen wäre es typisch, die Taktik „Angriff – Rückzug“ anzuwenden – dabei ist selbstverständlich die maximale Mobilität und größtmögliche Tarnung der Luftabwehr die wichtigste Bedingung, gleich wie die Möglichkeit, diese Systeme „chaotisch“ im gesamten Land und in allen Richtungen möglicher Luftangriffe zu positionieren.

Denkbar ist also durchaus, dass eine solche Taktik – kleinere Luftabwehrsysteme mit eigenen Radaren, die feindliche Flugzeuge aus geringer Entfernung angreifen und sich anschließend schnell umgruppieren – unter den Bedingungen in Syrien sinnvoller ist, wo sich die Militärflughäfen des Feindes in relativer Nähe von der syrischen Grenze befinden. Deswegen ist es möglich, dass Russland bei den S-300 – deren Nutzen unter den gegebenen Bedingungen fraglich wäre – dem Druck des Westens nachgibt, dafür aber die effektiveren Luftabwehrsysteme weiter liefert. Die NATO-Staaten zeichnen sich durch ein sehr behutsames Verhältnis zu ihren Flugzeugen und Piloten aus. Für den Fall, dass die syrische Luftabwehr genügend Ziele ausschaltet, könnte der Feind eventuell umdenken.

Gleichzeitig ist ein Luftangriff ohne vorherige Ausschaltung der Luftabwehr unwahrscheinlich; die Luftabwehr eines Landes ist dabei die Gesamtheit aller Luftabwehrsysteme, die aufeinander abgestimmt sein müssen. In diesem Zusammenhang kann man sicher auch den Test der syrischen Luftabwehr durch die türkische F-4 Phantom sehen. Mögliche Zusammenhänge mit der zuvor nach Jordanien geflohenen syrischen MIG 21 kann man hier nachlesen. (Notiz: Es wäre bis dato ohne Beispiel, dass jemand die Freund-Feind-Kennung von Flugzeugen „knackt“.)

Tags:,

Trackback von deiner Website.

  • Grüß Dich, apxwn.
    Hab einen Beitrag dazu seiner aufdringlichen Länge wegen bei mir untergebracht.
    http://tomgard.blog.de/2012/06/25/putin-entwaffnet-syrer-bestien-houla-13934403/#c17977563

    Gruß
    Tom

    • Les‘ ich gleich zu Hause… :)

  • Für den oben referenzierten Netz-Logbuchschreiber „TomGard“ ist Wladimir Putin offenbar nichts weiter als ein zionistischer Agent. Mir scheint das etwas paranoid. (Was nicht heißt, daß er keine interessanten Fakten mitzuteilen hätte.)

    • Robert,
      das „paranoid“ fiele auf Dich zurück … wenn es nicht andere Motive für bescheuerte Denunziationen dieser Art gäbe. *schmunzel*

    • Da ist er übrigens mit manchem Russen einer Meinung. Die Hoffnungen der meisten gehen jedoch nach wie vor in eine andere Richtung.

      TomGard, danke für die umfangreiche Antwort. Kern Deiner Gedanken ist für mich das durch die Aussetzung der Lieferung gestörte Gleichgewicht S-300 vs. B-2. Nun, die Technik ist die eine Seite, dass es andererseits mit den „Kriegern“ bei den Arabern, einschl. der Syrer, nicht allzu weit her ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Lieferung sollte bis Anfang 2013 abgeschlossen sein, auf die Montage & Platzierung kann man getrost weitere 3 Monate rechnen und dann… wer sollte die Dinger bedienen? Russische Instrukteure? Wie lange? Sicher ein paar Jährchen. Das Gleichgewicht läge also weit in der Zukunft.

      Dass Du mit der Einschätzung der syrischen Armee als Kaste oder Mafia (wie bei uns die Dekra oder die GEZ) nicht unrecht hast, sieht man an Ägypten…

    • Hi apxwn,
      „Das Gleichgewicht läge also in der Zukunft“ – ja und nein, auf der Ebene der internationalen Kriegsdiplomatie ist es Gegenwart.
      Richtung Iran ist ja fast dieselbe Nummer gelaufen: Waffenembargo, Russland sagte: Okay, den anhängigen S-300-Vertrag erfüllen wir aber, Obama sagte darauf erst einmal: Okay, akzeptiert. Israel tobte, Obama korrigiert sich: Hoppla, nein, geht gar nicht. Russland sagte: Okay, never mind. Fronten geklärt: Medvedev und Obama verständigten sich, daß die Zionisten zur Iran-Politik der USA zwar lautstarke Reden halten dürfen, aber nix zu bestimmen haben.

      An dieser Schnittstelle sind die Zionisten, angesichts ihrer „Feldergrenzen“, allenfalls „bishops“, Läufer im Spiel, in dem drei Parteien, unterstützt von turnierbeteiligten Kibitzen, sich bemühen, einen „Turm“ einzukreisen und zu fangen.

      Und nein, ein borniertes Weltbild, wie die von Dir zitierten Russen und der Herr Ketelhohn, pflege ich nicht.
      Gruß
      Tom

  • Anonymous

    Irgendwie verliere ich langsam den Überblick in der Syrienpolitik.

    Tag für Tag scheinen sich die Ereignisse zu ändern.

    Russland hält Hand über Syrien, Russland scheint Syrien aufzugeben, Russland wird einen Angriff auf Syrien nicht zulassen, Russland scheint sich von Syrien zu entfernen usw. und sofort…

    diese ganze Tendenzen der internationalen politik der staaten sind irgendwie wie das wetter. heute so, morgen so.

    wir alle wissen was syrien im geopolitischen spiel bedeutet für die imperialistischen länder, aber warum gibt es keine grundsatzhaltung auf die sich staaten wie china und russland einigen. ich komm da einfach nicht mehr mit.

    so long…

  • Anonymous

    Und wie schätzt du persönlich den Verlauf der Dinge ein in naher Zukunft?