Archiv für Juli, 2012

Nordsyrien am 31. Juli 2012

Syrien, Aleppo. Salahaddin, 31.07.2012: ausgeräuchertes Komm-Zentrum der FSA
Ehemaliges Kommandozentrum FSA in Salahaddin
Nachrichten aus Aleppo kommen weiterhin bruchstückhaft und in den meisten Fällen mit unbekanntem Wahrheistsgehalt. In der Stadt selbst sind dabei die derzeitigen Verhältnisse mehr oder weniger klar – der Westteil Aleppos, insbesondere die “Neustadt”, sind verhältnismäßig ruhig; in Salahaddin ist der Widerstand der Rebellen gebrochen und es wird “nachgesäubert”. Von den Rebellenbanden kontrolliert werden die Stadtviertel im Osten, von wo aus sie dann und wann versuchen, die Kontrolle über das Stadtzentrum wiederzuerlangen. Die erste Aktion der syrischen Armee am Samstag war es gewesen, das Stadtzentrum im Bereich der “Zitadelle” zu sichern, um die Rebellengruppierungen so voneinander abzuschneiden. Im Norden der Stadt gibt es stetige Ausbruchsversuche in Richtung der Türkei.

Syrien, Aleppo. Karte der umkämpften Stadtteile
Stadtkarte von Aleppo mit unruhigen Stadtvierteln; Quelle: BBC

Alles in allem scheint der Versuch der Rebellen, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bekommen, zum jetzigen Zeitpunkt gescheitert zu sein.

Eine von Rebellensympathisanten dann und wann erneuerte Karte von Aleppo mit darauf markierten Positionen und Blockaden der Regierungskräfte:

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Die Hauptgefahr geht derweil von einer nicht näher bezeichneten Gruppe von Kämpfern aus, die sich ausserhalb des Blockaderings im Norden befindet. Auf jeden Fall hat ANNA-News gestern folgende Nachricht gebracht:

Heute in den frühen Morgenstunden hat eine große Zahl von Rebellenkämpfern der FSA und ausländischen Söldnern – bis zu 10.000 Mann – von der Türkei aus die Grenze nach Syrien überquert, um ihre bislang ruhmlos sterbenden ungefähr 5.000 Einweg-Kameraden in Aleppo zu unterstützen. (…) Ziel der Rebelleneinheiten ist es, mit allen Mitteln Zeit zu gewinnen und eine Pufferzone zwischen Idleb und Aleppo zu schaffen, womit nach dem Modell des libyschen Bengazi Zerfallserscheinungen auch in Syrien eingeleitet würden.

Wie groß diese Gruppe tatsächlich ist, und wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass sich unter diesen Kämpfern auch Einheiten der türkischen Streitkräfte befinden, kann man derzeit nicht beurteilen. Dass auch die Türken in Aleppo kämpfen, wird einmal mehr dokumentiert:
Syrien, Aleppo. 31.07.2012. Türken kämpfen in Syrien
“Turkish passport found with militia member in Aleppo, July 31, 2012.” @nasermaya
In den Videoaufnahmen, die aus Aleppo zu uns dringen, sieht man Rebellen mit Panzerfahrzeugen, die offenbar von Regierungstruppen erobert wurden.
Zwei weitere Details rufen Besorgnis hervor, das wäre zum Einen ein nahe Aleppo gelegener Militärflughafen und Stellungen der syrischen Luftabwehr. Inwieweit diese gegen Angriffe gesichert sind, taucht in den Nachrichten nicht auf. Zum Anderen befindet sich etwas südöstlich von Aleppo in Al-Safirah ein Chemiewerk, in welchem nach manchen Quellen auch chemische Waffen gelagert werden. Die Unruhe, die der Westen hinsichtlich der Anwendung chemischer Waffen an den Tag gelegt hat, gibt gerade zu denken: es steht zu befürchten, dass die FSA und sonstigen Rebellen den Versuch unternehmen, solche Waffen entweder gegen die syrische Armee, oder gar gegen Zivilisten einzusetzen.
Vor dem Hintergrund der geschilderten militärischen Lage kommen inzwischen Nachrichten, dass die Rebellen direkt nach Errichtung der Kontrolle über Aleppo die Aufstellung einer Übergangsregierung verkünden wollten. Unter Berücksichtigung der Fraktionen der „Opposition“ war geplant, gleich zwei parallele Strukturen zu etablieren – die Übergangsregierung als solche sowie den Höchsten Militärrat (den es pro forma bereits gibt, er wird vom übergelaufenen Brigadegeneral al-Scheikh angeführt – in der Praxis hat dieses Organ aber bisher keinerlei Bedeutung, da die wesentliche Schlagkraft der Opposition die FSA ist). Diese „Übergangsregierung“ sollte im Wesentlichen aus den Emigranten des SNC bestehen, der Militärrat sollte vor allem die Überläufer aus den syrischen Streitkräften in sich vereinen. Inwieweit diese Neubildungen handlungsfähig gewesen wären, kann man nur spekulieren, aber Ziel ihrer Schaffung war es natürlich, der Welt von ihrer Existenz zu künden und damit eine innersyrische Grundlage zur Anrufung ausländischer Militärhilfe zu haben. Aus Ankara oder Doha, wo der SNC sich jetzt wahlweise befindet, geht das natürlich schlecht. Die Weltgemeinschaft hätte sicher dieser einzig legitimen Vertretung des syrischen Volkes auf rein bilateraler Ebene – also ohne irgendeine UNO – sogleich die ersehnte „Hilfe“ zukommen lassen. Benghazi lässt grüßen.
Eben dafür brauchten die Rebellenbanden Kontrolle über ein gewisses Territorium innerhalb Syriens, Aleppo und der danach zu unternehmende Marsch auf Idleb sollte zur ersten Etappe bei der Realisierung dieses Plans werden. Der „Vulkan in Damaskus“ hat es letztlich vorgesehen, die Armee in Scharmützel in der Hauptstadt zu verwickeln, und unter dem Lärm des Terrors in Damaskus wäre der Norden des Landes außer Kontrolle geraten – die Bildung der Gegenregierung in Aleppo hätte den Weg weiter ins Landesinnere geebnet, dann schon mit der bombastischen Hilfe der diversen „Freunde Syriens“.
Aber der schnelle Misserfolg der Banditen in Damaskus – es war also wirklich reines Kanonenfutter, das mit uralten und recht schlechten Waffen ausgestattet war – hat diesen Plan bisher zunichte werden lassen. Nichts desto trotz beherrscht die FSA einen durchaus bedeutenden Teil von Aleppo und wird sich mühen, die einmal gefassten Pläne doch noch erfolgreich zu verwirklichen. Dazu muss der Armee lediglich eine empfindliche Niederlage zugefügt werden, doch haben Guerillas, insbesondere solche, die in einer Stadt blockiert sind, dazu kaum die Möglichkeit.
Das einzige, was die Lage der Rebellen also jetzt noch entscheidend bessern könnte, wäre die Unterstützung zum Beispiel durch türkische Armeeeinheiten, die als Rebellen die Grenze überqueren und eine Art Vorschlaghammer unter den Banden der FSA bilden könnten. Sie müssten Aleppo aus der Umklammerung durch die Armee befreien und parallel versuchen, die um die Stadt herum konzentrierte Armee empfindlich zu schlagen.
Man kann nur auf die weitere Entwicklung warten.
Derweil ein paar aktuelle Bilder aus Aleppo, von der FSA weitgehend befreiter Stadtteil Salahaddin (31.07.2012, @nasermaya):
Syrien, Aleppo. Salahaddin, 31.07.2012

Syrien, Aleppo. Salahaddin, 31.07.2012

Syrien, Aleppo. Salahaddin, 31.07.2012

Syrien, Aleppo. Salahaddin, 31.07.2012

Wochenschau Nahost

Feuer auf dem Pamir: Unruhen in TadschikistanEs gibt ein interessantes russisches Projekt, das in wöchentlichem Rhythmus Nachrichten aus Nahost und Zentralasien in einer Art Zusammenfassung herausgibt. Diese Nachrichten werden auf eine gewisse zugängliche Art aufbereitet und liefern interessante Hintergründe und Analysen, und das auf allgemeinverständlichem Niveau. Das Projekt nennt sich „Umgestaltung der Welt“ (russ. „Mirowoj peredel“, englische Übersetzungen haben „Redivision of the world“) und meint damit die Prozesse, die dokumentiert werden.
Hier soll auf experimenteller Basis einmal das von Kollege Halfdralf erstellte deutsche Voice-Over der aktuellen, erst gestern erschienenen Folge gebracht werden, darunter der Text zum Nachlesen, der zu diesem Behufe auch mit einigen weiterführenden Links versehen wurde.

ab 00:43:
Die syrische Regierung führt Säuberungsaktionen in Aleppo durch. Diese nahe der türkischen Grenze gelegene Stadt sollte eine Hochburg der Opposition werden, ähnlich wie Benghasi in Libyen. Allerdings verläuft die Operation der syrischen Armee gegen die dort eingenisteten Rebellen recht erfolgreich, was offenbar im Westen deutlichen Unmut hervorruft.

Von der aussichtslosen Lage der Rebellen zeugt auch die vor kurzem verbreitete Erklärung der Freien Syrischen Armee, die zu einem Guerillakampf übergehen will. Das bedeutet, dass sie keine Kraft und Möglichkeiten mehr zu einer offenen militärischen Konfrontation mit der syrischen Regierung hat.

Das heißt natürlich nicht, dass in Syrien bald Frieden herrscht. Im Gegenteil, je schlechter die Lage der Rebellenbanden, desto merklicher wird der Druck aus dem Ausland. In dieser Woche ist im syrischen Konflikt erstmals der „kurdische Faktor“ zum Tragen gekommen.

Der „kurdische Faktor“

ab 01:38:
Kurdistan ist eine Region, die auf die Gebiete des Iran, Irak, der Türkei und Syrien fällt. Nach einigen Angaben gibt es ungefähr 60 Millionen Kurden. Seit 1840 führen die Kurden einen erbitterten Kampf um die Schaffung eines eigenen, unabhängigen Staates. Der bislang größte Erfolg ihres Unabhängigkeitskampfes war die Schaffung einer Autonomie – faktisch einer Unabhängigkeit – im Norden des Irak nach dem Sturz Saddam Husseins. Allerdings sieht das Projekt „Groß-Kurdistan“ die Angliederung der kurdischen Gebiete im Iran, der Türkei und Syrien vor. Gerade mit den Türken haben die Kurden ein äußerst schwieriges Verhältnis. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte führt die Kurdische Arbeiterpartei PKK einen bewaffneten Unabhängigkeitskampf mit der Türkei. Diesem Kampf sind bislang einigen Angaben zufolge insgesamt rund 35.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Es ist nur logisch, dass in dem sich entfesselnden Krieg im Nahen Osten der kurdische Faktor über kurz oder lang zum Tragen kommen musste. Die auf syrischem Territorium lebenden Kurden sympathisieren nicht allzu sehr mit der Regierung, lassen sich aber auch nicht von den Rebellen zu deren Zwecken gebrauchen. Dies hat sich Baschar al-Assad zunutze gemacht, die syrischen Truppen aus den Städten im Nordosten des Landes abziehen lassen und die Kontrolle dort an kurdische Milizen übergeben. Auf diese Weise haben die Kurden größere Landstriche im Grenzgebiet zur Türkei unter ihre Kontrolle bekommen und einen kurdischen nationalen Madschlis, also ein Parlament, zur Verwaltung ihrer Autonomie geschaffen.

Es fragt sich, wozu Assad diesen Schritt unternommen hat, denn es würde ja sicher sehr schwierig werden, den Kurden die einmal zugestandenen Privilegien wieder abzuerkennen. Jedoch haben die Türken, die wesentlich an der Aggression gegen Syrien beteiligt sind, auf diese Weise ein enormes Problem vor ihrer Haustür bekommen. Das Autonomiezugeständnis gegenüber den syrischen Kurden hat sofort Reaktionen der türkischen Kurden nach sich gezogen, die analoge Privilegien für sich einforderten; die Türken waren gezwungen, die Grenzen nach Syrien zu schließen und traten mit heftigen Attacken gegen die syrische Regierung auf. Das bedeutet, dass Assad ihren wunden Punkt genau getroffen hat.

Allerdings gibt es bei dieser Geschichte auch eine Kehrseite. Der türkische Premier Erdogan hat erklärt, dass sein Land sich das Recht vorbehält, kurdische Kämpfer auch auf syrischem Territorium zu verfolgen, sofern diese in den dortigen kurdischen Gebieten Zuflucht suchen. Als Reaktion darauf bezeichnete der Vorsitzende des Exekutivrats der Gemeinschaften Kurdistans, Marat Karayilan, einen solchen Schritt der Türkei als „wahnsinnig“ und drohte, dass in einem solchen Fall alle Kraft des kurdischen Volkes gegen die Türkei geworfen würde.

Mit anderen Worten, im Konflikt in Syrien ist der „kurdische Faktor“ inzwischen massiv ins Spiel gebracht worden und kann damit durchaus den Verlauf der Situation wesentlich beeinflussen.

Feuer auf dem Pamir

ab 04:34:
Eine komplizierte Lage herrscht in Tadschikistan. Wir hatten bereits von einer Konzentration bewaffneter Kämpfer an der afghanisch-tadschikischen Grenze berichtet.

In der schwer zugänglichen Bardudsch-Schlucht in den afghanischen Distrikten Baharak und Zebak (Provinz Badachschan) haben sich um die 150 bis 200 bewaffnete Kämpfer konzentriert. Sie bestehen aus Taliban, dem Dschamaat Ansarullah und der Islamischen Bewegung Usbekistans – eine Gruppe aus ethnischen Afghanen, Tadschiken, Usbeken und Tschetschenen.

Feuer auf dem Pamir: Unruhen in TadschikistanDiese Gruppierung kam über die Pässe Tupchon und Schochi Salem aus Pakistan und sammelt sich zum Eindringen in die zentralasiatischen Republiken über die Distrikte Eshkashem, Shegnan und Darvaz. Sicherlich nur dazu, um dem Genossen Rachmonow die Ehre zu erweisen.

Am vergangenen Dienstag begann in Tadschikistan eine Militäroffensive gegen bewaffnete Kämpfer im Autonomen Gebiet Berg-Badachschan. Es waren rund 3.000 Militärangehörige und Sondereinsatzkommandos mit Panzerfahrzeugen und Luftwaffe daran beteiligt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Videoreportage, also 4 Tage nach Beginn der Operation, haben die bewaffneten Kämpfer ihre Waffen noch nicht niedergelegt.

Nach offiziellen Angaben sind im Zuge der Auseinandersetzungen bisher 12 Armeeangehörige der Regierungskräfte umgekommen, Dutzende verletzt worden. Von Seiten der bewaffneten Militia gibt es 30 Tote, 40 wurden gefangengenommen, von denen 8 Afghanen von der Taliban-Bewegung sind.

Derzeit hat Tadschikistan die Grenze nach Afghanistan geschlossen, Afghanistan hat seinerseits die Militärpräsenz an dieser Grenze erhöht. Inoffizielle Quellen sprechen von mehreren Hundert Toten, unter denen viele Zivilisten seien.

Formaler Anlass für die Militäroperation war der Mord an Abdullo Nasarow, einem General der tadschikischen Sicherheitskräfte. Der Mord passierte in Chorog, der Hauptstadt des autonomen Gebiets Berg-Badachschan.

Diese Großoffensive soll es der Regierung offensichtlich gestatten, die ihrer Kontrolle entgleitenden Regionen von „unerwünschten Elementen“ zu bereinigen. Ziel ist es, die NATO-Nachschublinien zu sichern, die über die Gebirgspässe führen. Diese Region stellt ein ideales Rückzugsgebiet für die Taliban dar, von wo aus sie Anschläge auch in Tadschikistan unternehmen und die Lage so destabilisieren. Die harte Reaktion des tadschikischen Präsidenten Rachmon ist deshalb verständlich, allerdings wäre es verfrüht, über Erfolg oder Misserfolg zu urteilen. Wenn die Angaben über Opfer unter der Zivilbevölkerung bestätigt werden, kann dies zum Ausgangspunkt weiterer Auseinandersetzungen mit schwerwiegenden Folgen werden.

Wahhabiten in Tatarstan

ab 07:04:
Wir müssen erneut zu dem Zwischenfall mit den Anschlägen auf religiöse Führungspersönlichkeiten in Tatarstan zurückkehren. Es ist immer noch unklar, was die Motive für diese Anschläge sind – wirtschaftliche oder religiöse Konflikte.

Am Tag der Anschläge wurde im Internet eine Videoaufnahme verbreitet, wo ein gewisser „Emir der Mudschaheddin Tatarstans“ von seinem Treueschwur gegenüber Doku Umarov spricht. Das wäre eine Bestätigung für die verdeckte Präsenz eines wahhabitischen Untergrunds in Tatarstan und damit für die These von einer religiösen Konnotation der Anschläge.

Einzig Unvermummter in einer Gruppe offenbar islamistischer Militia ab 07:35:

Assallam Aleikum, Brüder und Schwestern. Mein Name ist Muhammed, ich bin der militärische Emir Tatarstans. Ich möchte eine Erklärung abgeben. Wir, die Mudschaheddin Tatarstans, haben im Jahr 2000 Doku Abu Usman die Treue geschworen. Jetzt schreiben wir das Jahr 2012, und wir wollen unseren Schwur erneuern. Wir, die Mudschaheddin Tatarstans, schwören Doku Abu Usman die Treue, schwören, allen seinen Befehlen zu gehorchen, was den Koran und die Sunna angeht. Assallam Aleikum, Brüder und Schwestern!


Was die letzten beiden Sujets angeht, so braucht man erst einmal nichts zu ergänzen, aber zu Syrien eine Anmerkung.
Tatsächlich hat die fast schon geniale politische Lösung des „kurdischen“ Rebus durch Assad die Positionen der Türkei um ein Vielfaches verschlechtert und ihr eine Vielzahl von Problemen beschert.
Auf diese Weise wird aus den früher geäußerten Vermutungen, der Westen sei bereit, den freiwilligen Machtverzicht Assads gegen Garantien über dessen persönliche Unversehrtheit einzutauschen, fast schon ein Fakt. Jedenfalls ist die durchgesickerte Nachricht, die „zivilisierte Welt“ sei bereit, Manaf Tlass als Führer einer Übergangsregierung anzuerkennen, eine Bestätigung dafür.
Es ist durchaus möglich, dass die Demokratisatoren unter Berücksichtigung dessen, welches Chaos aus der gegebenen Situation entstehen kann, bereit sind, eine Diktatur jeder erdenklichen Härte in Syrien zu akzeptieren, Hauptsache, diese verzichte künftig auf die guten Beziehungen zum Iran. Aber dazu müsste Assad, der sich derzeit auf einer Erfolgswelle befindet, eben freiwillig gehen. Und zwar bald, denn sonst gehen die ganzen schönen Pläne vor die Hunde. Mal sehen, was Baschar macht.

Kurden und Beduinen gegen die FSA in Aleppo

Kurdische Kämpfer auf Seiten Assads in Aleppo

Vesti.Ru brachte heute mehrere Meldungen über die Kämpfe in Aleppo. Die Nachrichten stellen an sich keine Sensation dar, allen ist inzwischen bekannt, dass die Offensive der Regierungsstreitkräfte gegen die bewaffneten Söldner und Rebellen seit dem Morgen des Samstag angelaufen ist. Ein Detail dieses Vesti-Berichts ruft allerdings Interesse hervor:

Gegen die bewaffneten Oppositionskämpfer sind [in Aleppo] nicht nur die regulären Streitkräfte angetreten. Gegen die Feinde Assads kämpfen hier auch Kurden sowie verschiedene arabische Stämme. Die Kämpfe in Aleppo stellen somit einen richtigen Bürgerkrieg dar.
Mit „arabischen Stämmen“ sind offenbar die Beduinen dieser Region gemeint. Im Prinzip ist diese Information von Vesti.Ru durchaus auf einer Linie mit anderen Quellen, die früher davon sprachen, dass sowohl Kurden, als auch Beduinen es in weiten Teilen abgelehnt haben, die Rebellen zu unterstützen und sie entweder von den von ihnen kontrollierten Territorien vertrieben oder gar nicht erst Zugang zu diesen gewährt haben. Ein allseits anerkannter Fakt ist zum Beispiel, dass die FSA zu keinem Moment der gesamten Unruhen in Syrien Zugang zu den Gebieten der syrischen Kurden bekommen hat. Diese Gebiete werden seit längerer Zeit von kurdischen Milizen mit Billigung und in Kooperation mit den syrischen Sicherheitsorganen kontrolliert.

Wenn es allerdings der Wahrheit entspricht, dass in den Kämpfen in Aleppo Kurden und Beduinen auf der Seite der Regierung beteiligt sind, so gibt das der Vorstellung von der Lage vor Ort einen merklichen „Shift“. Es ist trotzdem immer noch sehr schwer, von einem wirklichen Bürgerkrieg zu sprechen, auch wenn die Situation viele Anzeichen davon hat. Trotzdem – solange sich nicht Teile der syrischen Elite offen auf der Seite der Rebellen schlagen – die Causa Tlass ist bisher immer noch nicht eindeutig – so kann man nicht mit vollkommener Sicherheit von Bürgerkrieg sprechen.

Die Beteiligung von Kurden kann bedeuten, dass ein Teil der Kurden auf die Regierung setzt, von dieser vielleicht Garantien über eine künftige Autonomie ihrer Enklave erhalten hat. Bereits vor einem Monat, am 27. Juni, hatte Salam News folgendes mitgeteilt:
Syrien hat es der Terrororganisation PKK gestattet, ihre Fahnen in den Grenzgebieten zur Türkei zu hissen. (…) Der Fahnenmast steht auf der höchsten Erhebung des Ortes und ist vom türkischen Gebiet aus gut zu sehen. Es ist ebenso zu sehen, dass nur 200 Meter von diesem entfernt die Staatsflagge Syriens weht.
Der Duktus entspringt der Tatsache, dass Salam News eine aserbaidschanische Nachrichtenagentur ist und folglich naturgemäß mit der Türkei sympathisiert.

Vieles deutet darauf hin, dass unter den Kurden die „Autonomisten“ sich zum jetzigen Zeitpunkt gegen die „Separatisten“ behaupten konnten – sonst wäre kaum die Rede von kurdischen Kämpfern auf Seiten der Regierungstruppen in Aleppo.

In diesem Sinne kann die Beteiligung von Kurden und Beduinen – also gleich beider Bevölkerungsgruppen – so aufgefasst werden, dass die inoffiziellen Verhandlungen zwischen ihnen und der syrischen Regierung innerhalb des letzten halben Jahrs offenbar zu einem Einvernehmen geführt haben. Diese Minderheiten erfüllen jetzt ihren Teil der Abmachungen.

Walid Dschumblat, Führer der Drusen im Libanon, und Sayyed Nasrallah, Hisbollah
Währenddessen wird vom Führer der Drusen im Libanon, Walid Dschumblat, gemeldet, dieser rufe zum Mord an Assad auf. Er spricht weiterhin davon, dass wenn es denn nicht gelinge, Assad umzubringen, so sollte man ihn wenigstens nach Sibirien oder in die iranische Wüste verbannen.

Eigentlich ist es eher verwunderlich, dass der einstige treue Freund Syriens und des Assad-Clans nun seinen plötzlichen Zorn erst so spät anmeldet. Das einer Aussage Stalins zugeschriebene Meme „Polithure“ passte so viel eher auf Genossen Dschumblat als auf Trotzki. Im Libanon gibt es wohl keine politische Kraft, mit der der genannte Held nicht einmal in bestem Verhältnis stand und sie danach verraten hat. Noch im Januar 2011 war er ein eifernder Anhänger der Hisbollah und Syriens bester Kumpel, was ihn nicht daran hinderte, ein halbes Jahr später das „blutige Assad-Regime“ zu verurteilen und sich nun schließlich das Banner der FSA um die Hüfte zu schnallen. Er war praktisch an allen Koalitionen im Libanon beteiligt und hat sie alle wieder aufgegeben.

Assad ergeht es hinsichtlich des Walid Dschumblat also nicht anders, als unzähligen vor ihm. Je nachdem, woher der Wind weht, richtet der Drusenfürst seine Nase aus. Einen taktischen Sinn hat er auf jeden Fall. Auf strategischer Ebene jedoch ist er ein Verlierer und musste sich immer mit Brosamen zufrieden geben.

Aleppo und Damaskus – aktuelle Lage

Syrien: letzte Widerstandsnester in den Vororten von Damaskus werden gesäubert.
Aus Aleppo kommen Nachrichten über die aktuelle Lage. Das ist sicher kein militärischer Lagebericht eines Generalstabs der Armee, sondern das, was ein Einheimischer wahrnimmt und dokumentieren kann.
Quelle ist einerseits ANNA-News sowie andererseits einige Kommentare aus dem Twitter-Netzwerk.
Zuerst die Lagekarte, die von BBC veröffentlicht wurde:

Syrien, Aleppo: Stadtkarte mit "heißen Zonen" von BBC.
Kampfhandlungen in Aleppo. Quelle: BBC

Hier stimmt nicht alles mit der tatsächlichen Situation überein.
In Jamiliya und in der Altstadt gibt es keinerlei Kampfhandlungen, obwohl es in der Altstadt stellenweise Orte gibt, an denen es zuweilen unruhig ist.
In Neu-Aleppo ist es vollkommen ruhig. Der Stadtteil Salahaddin ist höchstens halb so groß, wie auf der Karte dargestellt; hier wurden offenbar zwei Stadtteile zu einem zusammengefasst. Auch in diesem zweiten Stadtteil ist alles ruhig, es sind keine bewaffneten Kämpfer vor Ort.
Saif al-Dawla wurde vor ein paar Tagen befreit, nachdem die bewaffneten Banditen heldenhaft das Postamt dort erobert hatten – ein durchaus ziviles Gebäude. Sie stürmten es nachts, als dort natürlich niemand zugegen gewesen ist.
Zwischen Sikari und Salahaddin gibt es einige Widerstandsnester der bewaffneten Banden.
In Bustan al-Qasr haben die Rebelleneinheiten eine Polizeistelle zerstört und das Gebäude in ihren besten Traditionen abgefackelt.
Sakhur, Hananu und Haidariya sind tatsächlich „heiße“ Orte. Der überwiegende Teil der Zivilbevölkerung ist vor drei Tagen von dort geflohen.
Die eingesickerten bewaffneten Banden wurden ein paar Tage lang fast gar nicht behelligt, inzwischen ist die Armee angerückt und die Säuberungsaktion hat begonnen. Dazu gibt es noch keine Details.
Die Rebelleneinheiten sind in die östlichen Stadtteile eingefallen – von der Seite des „Tors“ Tariq al-Bab. Es sind sehr viele, sie konnten leicht Zugang zur Stadt gewinnen und haben sich in den Wohnvierteln festgesetzt. Zivilisten sind von dort praktisch alle geflohen, es blieben die, die nicht fliehen können oder nicht wissen wohin.
In der Stadt spürt man natürlich ein gewisses Chaos und Engpässe, es gibt Schwierigkeiten bei der Versorgung mit einigen Grundnahrungsmitteln wie Brot. Im Westteil der Stadt ist es praktisch still. Im Ostteil der Stadt befinden sich im Wesentlichen arme, dicht bevölkerte Stadtviertel. Dort, wo sich die Rebellenbanden eingenistet haben, ist das Leben vollkommen zum Halten gekommen – es ist den Bewohnern nicht einmal möglich, die Häuser zu verlassen und sich Nahrungsmittel zu kaufen.
Es wird von vielen Fällen berichtet, bei denen die bewaffneten Banden sich einfach Zugang zu den Wohnungen verschaffen und den Bewohnern eine halbe Stunde zum Packen geben, um den Raum so für sich zu requirieren. In der Mehrzahl der Fälle benehmen sie sich aber den Zivilisten gegenüber anständig; sie versuchen, Vertrauen zu gewinnen.
Wie es passieren konnte, dass die Rebelleneinheiten einfach so Zugang zur Stadt bekommen haben, ist nicht klar, aber Fakt ist, dass es eine Verteidigung der Stadt nicht wirklich gegeben hat.
In den arabischen Medien gibt es kein Wort von einer „humanitären Katastrophe“ durch den Einfall der Rebellenbanden in die Stadt. Es läuft Propaganda, die Bewohner würden die „Befreier“ quasi mit Blumen begrüßen, was allerdings eine Lüge ist. Die Menschen fliehen vor den Banden wie vor der Pest.

Hierunter noch eine längere Dokumentation von ANNA-News von der Säuberung der letzten Widerstandsnester in den Vororten von Damaskus, datiert auf den 25. Juli 2012. Es wird nicht kommentiert, sondern nur gezeigt, was vor sich geht, so dass sich eine Übersetzung erübrigt.
Man bekommt nicht gerade einen Eindruck von der taktischen Überlegenheit oder der Professionalität der syrischen Armee, aber man muss mit Bitterkeit feststellen, dass die Armee gezwungen wird, im eigenen Land Krieg zu führen. Falls noch irgend jemand auf dieser Welt glaubt, es handelt sich bei den Rebellen, die lose in der „Freien Syrischen Armee“ oder dem SNC organisiert sind, um „Demonstranten“ oder „Opposition“, kann man sich hier davon überzeugen, dass es hier um etwas vollkommen anderes handelt, nämlich um schwer bewaffnete Banden, die keine Skrupel haben, in den syrischen Städten Terror und Gewalt zu üben. Wer diese Terrorgruppen einerseits sponsert und andererseits diplomatisch unterstützt, wird vom internationalen Terrormanagement „Freund Syriens“ genannt.
Quelle für das 18-minütige Video von den Kampfhandlungen: ANNA-News.

Die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln

Rote Armee in Washington am Weißen Haus
Der „Arabische Frühling“, der bereits das zweite Jahr anhält, ist zweifelsohne zu einer deutlichen Illustration von Kriegen der neuen Generation geworden, ein Experiment, das es gestattet, in groben Zügen die Perspektiven der künftigen Kriege um die Neugestaltung – oder gar die Umformatierung – von ganzen Regionen und Kontinenten zu zeichnen.

Eine „Neugestaltung der Welt“ ist von einem gewissen Standpunkt eine Sache, die seit langem ansteht, und die derzeit immer noch anhaltende Weltfinanz- oder Wirtschaftskrise zwingt geradezu zu einer schnelleren Umsetzung solcher Fragen. Der Kreditwirtschaft ist das Problem von nicht mehr einzutreibenden Schulden inhärent, genau deshalb folgen Krisen und Kriege, die solche Schulden auf null zurücksetzen, in einem immerwährenden Kreislauf und sind in einem solchen System „normal“.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ihren Hauptantagonisten – die Vereinigten Staaten – mehr oder weniger überrascht. Das Glück kam so unerwartet, dass die außenpolitischen Handlungen der Amerikaner danach zunächst rein reflektorisch waren. Doch schon ab der Mitte der 1990er Jahre begannen unter den Geostrategen der USA ernsthafte Bemühungen um die Formulierung einer neuen geopolitischen Strategie.
Bereits 1997 erschien in den USA eines der ersten bedeutenderen Werke zu diesem Thema: „Strategic Geography and the changing Middle East“ von Geoffrey Kemp und Robert Harkavy. Die Autoren legten ihre Sicht auf die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas dar und sprachen da schon von einer bevorstehenden Renaissance des Islam und der Unausweichlichkeit von Konfrontationen zwischen Nord und Süd. Es ist klar, dass die Autoren Huntingtons Werk über die Konflikte und Wechselwirkungen der Zivilisationen kannten, sich von diesem leiten ließen und es kreativ weiterentwickelt haben.
Es wurden Programme gestartet, in denen verschiedene Institute und Fonds, die sich der strategischen Forschung widmen, mögliche Entwicklungen der Welt nach dem Kalten Krieg prognostizieren sollten. Innerhalb einiger Jahre wurden die grundlegenden Prinzipien und Herangehensweise der USA hinsichtlich des Nahen Ostens, einer unbestreitbaren Schlüsselregion, formuliert. Resultat dieser ganzen Bemühungen war die Theorie des „Großen Nahen Ostens“, unter Bush Junior verkündet und durch verschiedene Äußerungen seines Verteidigungsministers Rumsfeld ergänzt.
Visualisiert wurde diese Theorie mithilfe verschiedener Karten der Region, deren bekannteste die Karte des Oberst Ralph Peters ist. Es gibt aber auch noch andere Beispiele, die nicht weniger interessant sind – beispielsweise die von Michael F. Davie so um 2005, die – geht man von den heutigen Ereignissen und Prozessen aus – vielleicht noch besser passt. Daran bekommt man eine Vorstellung davon, wie genau der neue Nahe Osten innerhalb einer Pax Americana 2.0 aussehen soll.
Neue Staaten in Nahost, nach Michael F. Davie - Großer Naher Osten
Neue Staaten in Nahost. Nach Michael F. Davie, 2005
Der Sinn der Neuzeichnung von Grenzen und der Umgestaltung von Gebieten liegt in der Schaffung eines neuen Monsters, das mit Feuer und Schwert durch seine nahen und fernen Nachbarn geht, selbst ausblutet und es den hinter dem Ozean befindlichen Staaten gestattet, in letzter Minute auf der Seite des Siegers in die Auseinandersetzung einzutreten, wenn die verfeindeten und aufeinander gehetzten Nationen und Strukturen sich gegenseitig aufgerieben haben. Faktisch dasselbe Szenario, das bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg realisiert wurde, doch beim vorigen Mal hat die USA ihr Ziel nicht vollständig erreicht – durch die Kriege wurde zwar Großbritannien so weit niedergeworfen, dass die Staaten seine Stelle eingenommen haben, aber der Preis war das Entstehen einer weiteren Großmacht, nämlich der Sowjetunion. Jetzt werden sie versuchen, diesen Fehler nicht zu wiederholen, und man muss konstatieren, dass sie Grund zum Optimismus haben.
Der Nahe Osten wurde natürlich nicht zufällig zum Rammbock gegen die Feinde der Amerikaner erkoren. Die Kolonialmächte haben beim Verlassen ihrer Überseeterritorien die Grenzen der Staaten so gezeichnet, dass dadurch die ohnehin bestehenden Widersprüche zwischen einzelnen Völkern durch neuen Konfliktstoff erschwert wurden. Die Zeit, die Früchte dieser Saat einzuholen, scheint gekommen.
Die 9/11-Anschläge haben den Vereinigten Staaten die Möglichkeit gegeben, mehr oder weniger zeitnah den Irak zu vernichten und einen Mechanismus anzuwerfen, der zum Untergang des Iran führen soll. Der Irak war der Übungsplatz, auf dem die taktische Umsetzungen der Strategie praktiziert und feingeschliffen wurde, fast nebenbei wurden die gestellten Ziele an der Peripherie der Region gelöst. Im Irak ist es gelungen, den ersten Bruch zu legen und gleichzeitig Desintegrationsprozesse auch in dessen Nachbarländern zu initiieren. Die Kurden, welche de facto eine Unabhängigkeit bekamen, konnten zwar erstmals in ihrer Geschichte einen mehr oder weniger stabilen Quasi-Staat schaffen, ihre inneren Spaltungen bestehen aber weiter. Die Sunniten, die aus dem Irak in die Nachbarländer flohen – vor allem nach Syrien – wurden zum Brennstoff, der sich mittelfristig entzünden sollte. Die Sunniten, die im Irak verblieben, spielten dieselbe Rolle, allerdings nicht zeitverzögert, sondern gleich und vor Ort.
Letztlich war es also der Irak, wo die Strategie des „Großen Nahen Ostens“ ihren Feinschliff erhielt und der es gestattete, Perspektiven einzuschätzen und Prioritäten für das weitere Vorgehen zu setzen. Das Wesen dieser Strategie („gesteuertes Chaos“) liegt darin, neue Grenzen zu ziehen und Schlüsselländer des Nahen Ostens in Teile zu zerlegen, während Zerfall und Desintegration der meisten übrigen zu einer enormen Archaisierung der islamischen Zivilisation führen.
Aber das Wichtigste: der Zerfall der Einheit der Region schafft Millionen Hungerleider und Benachteiligter, die zu den Soldaten dieses Krieges der neuen Generation werden. Libyen und Syrien sind die Übungsplätze für diese neue Art Kriegführung, an beiden Ländern kann man deutlich erkennen, wessen Interessen durch wen konkret am Boden umgesetzt werden.

Krieg der neuen Generation

Die Entwicklung der Militärtechnik an sich macht es unmöglich, Kriege nach „altem Format“ zu führen – mit Tausenden Kilometern Frontlinie, Panzerkeilen, Millionen an organisierten Menschenmassen. Stalin hatte es da noch gut: er schrieb ein erbostes Telegramm und schon baute das so inspirierte Kollektiv statt einer IL-2 pro Tag deren zwei. Die Heimat rief, und allein die Sowjetunion hat in den Kriegsjahren mehr als hunderttausend Panzer vom Band rollen lassen…
Nun sollte man einmal versuchen, in einem solchen Tempo moderne Jagdflugzeuge und Präzisionsbomben zu bauen und einen permanenten Nachschub modernster Waffentechnik an eine solche Front zu gewährleisten. Das geht einfach nicht.
Aus diesem Grund haben die Politiker und Militärs das Problem, dass sie die Zielländer damit vernichten müssen, was bereits vorhanden ist, ohne damit zu rechnen, dass ihre Waffenlager schnell wieder aufgefüllt werden. Unter solchen Bedingungen sind langwierige Kriegshandlungen nicht möglich.
Der Überfall auf Libyen hat diese klinische Tatsache nur bestätigt. Schon nach drei-vier Monaten nicht allzu intensiver Bombardements stellten die europäischen Aggressoren mit Beklemmung fest, dass die Vorräte an Bomben und Marschflugkörpern zur Neige gehen. Und das ohne jeglichen Widerstand seitens der libyschen Luftverteidigung. Gut möglich, dass hierin auch einer der Gründe ist, warum bisher keiner von ihnen nach Syrien geflogen kam. Die Rüstungsindustrie hängt hinterher.
Freie Syrische Armee, rekrutiert aus Hungerleidern und Halsabschneidern
Ein „traditioneller“ Krieg mit bombastischen Angriffen aus der Luft, explodierenden Bomben und Granaten tritt deshalb angesichts eines neuen Konzepts in den Hintergrund: nämlich der Zerrüttung des Gegners von innen, bis er zu keinem nennenswerten Widerstand mehr fähig ist. Erst dann wird mit einem entscheidenden Schlag das gestellte Ziel erreicht. Im Idealfall ist ein solcher Schlag nicht einmal mehr notwendig.

Das syrische Versuchslabor

Diese Konzeption wird heute in vollem Umfang auf Syrien angewandt. Vom Erfolg oder Misserfolg des „syrischen Experiments“ hängt es ab, inwieweit die Amerikaner diese Technologie in Zukunft an anderen, weit bedeutenderen Gegnern realisieren können.
In Syrien arbeitet man an der Schwächung des Landes von innen gleich in mehreren Richtungen: die Aufstände und der Terrorismus zwingen die Armee, in ihrem eigenen Land Krieg zu führen, Mensch und Material dabei aufzureiben. Das Embargo und die Sanktionen schlagen auf die Wirtschaft und verschlechtern die materielle Lage der Bevölkerung, vernichten auf lange Sicht die Industrie des Landes. Der Informations- und Medienkrieg lastet schwer auf der Psyche sowohl der Bevölkerung, als auch natürlich der Regierenden. Dabei erweisen sich die Berge an Waffen, die für die Abwehr einer Aggression von außen angehäuft wurden, als vollkommen nutzlos im Kampf mit dem inneren Feind. Mehr noch, man ist zu hohem Aufwand gezwungen, um diese Waffen nicht in die Hände von Insurgenten gelangen zu lassen – auch das bindet Kräfte und Mittel. Die Banden haben derweil keinerlei Einschränkungen bei ihrer Kriegsführung. Die Regierung schon. Innere Einschränkungen – es geht immerhin um Krieg auf dem eigenen Territorium, aber auch äußere. Die „Weltgemeinschaft“ sitzt ja die ganze Zeit knurrend da, bleckt die Zähne und versucht, irgendwelche Menschenrechtsverletzungen oder auch nur die Präsenz von Militärtechnik in der Nähe irgendeiner Grenze zu wittern.
Catherine Ashton, EU-Sanktionen gegen Syrien
Syrien ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt in all diesen Richtungen bereits massiv geschwächt. Dabei haben die Feinde Syriens das unter durchaus vertretbaren Ausgaben und Verlusten ihrerseits erreichen können. Der Terror und der Aufstand werden weitergehen, die Drohung einer Militärintervention wird präsent bleiben, die Sanktionen werden bleiben oder unter irgendwelchen Vorwänden weiter verschärft. Eine direkte Militärintervention ist gar nicht nötig. Die Aufgabe wird ja auch so schon gelöst.
Theoretisch gibt es eine vage Chance, dieses Laborexperiment zu zerschlagen. Sie besteht darin, dass die zukünftigen Opfer einer solchen Geopolitik – in erster Linie Russland und der Iran – hier aktiv werden. Auf diplomatischer Ebene ist das gerade in den letzten Tagen auch in bis dato nicht dagewesener Schärfe passiert. Bleibt zu wünschen, dass das so bleibt und noch konkreter wird.

Strategiewechsel bei den Saudis?

Der neuerliche Anschlag in Riad, der den stellvertretenden Chef des saudischen Geheimdienstes das Leben gekostet hat, ist – wie das bei kritischen Ereignissen in den Golfmonarchien so üblich ist – im Schatten geblieben und wurde in den Medien so gut wie nicht erwähnt. Es wurde alles unternommen, damit das Vorkommnis nach einer kurzen Meldung möglichst nicht erörtert wurde. Das Königreich hütet seine Geheimnisse, ganz besonders die Geheimnisse des Hauses Saud. Von Anfang an war allerdings eines klar: ein solcher Anschlag ist von den durchschnittlichen arabischen Schahiden nicht zu leisten, mindestens deshalb, weil deren Zellen sowieso von V-Leuten der Sicherheitsdienste unterwandert sind. Wenn also ein solcher Anschlag passiert, riecht es nicht gerade nach der Lunte arabischer Dschihad-Krieger.

Etwas später sind noch ein paar weitere Informationen durchgesickert, die es gestatten, ein paar interessante Schlüsse zu ziehen. Das erste wäre der Name des Opfers: Maschaal al-Qarni. Eine treue Beamtenseele, die bis 2009 – als Prinz Bandar bin Sultan noch Chef der Aufklärung war – bereits dieses Amt bekleidet hat. Er kündigte dort nach der Entlassung seines Chefs, dem er sehr nahestand, und ist erst vor kurzem wieder zu seinem Dienst zurückgekehrt, nämlich als Prinz Bandar wieder ins Kabinett zurückkehrte, aus dem er vor exakt drei Jahren heraus komplementiert wurde.

Vulkan des Unrats

Vorwort zu einem kurzen Lagebericht von ANNA-News aus dem Stadtteil Al-Midan in Damaskus: der Bericht erwähnt anhand der sichergestellten Waffen zwar, die Rebellen hätten sich bestens auf die Erstürmung von Damaskus vorbereitet, die Waffen allerdings, die gezeigt werden (ab 00:54), sind eher alter Schrott. So sieht man zum Beispiel ein MG darunter, das noch aus Al Capones Zeiten stammen muss.

Anhar Kotschnewa ist in ihrem Bericht da schon näher an dem, was man als „sorgfältige Vorbereitung“ der Rebellenbanden bezeichnen würde, deshalb kommen hier – vor dem ANNA-Bericht – erst ein paar kommentierte Fotos von ihr. Quelle für die Fotos: anhar.livejournal.com
In Al-Midan sichergestellte Munition. Außer Waffen brachten die Rebellen aber auch noch etwas anderes mit:

Videokameras. Um die “Erstürmung” von Damaskus schnellstmöglich auf Youtube hochzuladen.

Die Banditen haben die Straßen mit gestohlenen Fahrzeugen blockiert und diese angezündet. Dieses Feuer wurde von den meisten Medien als “brennende Polizeistation” gemeldet.

Auf diesem Minarett hatten sich Scharfschützen eingenistet. Sie wurden entfernt.

Die Moschee mit dem Scharfschützen-Minarett. Sie ist voll von wahhabitischen Graffitis. In der Moschee wurden Waffen und wahhabitische Literatur gelagert. Von dort aus wurden auch Armee, Polizei, Rettungsdienste und einfach Passanten beschossen.

ANNA-News-Kurzbericht vom 22.07.2012; Quelle: anna-news.info

Das Viertel Al-Midan ist vollständig von bewaffneten Banden befreit worden. Die von den bewaffneten Kämpfern liegengelassene Ausrüstung zeugt davon, wie sorgfältig sie die Erstürmung der Hauptstadt vorbereitet haben.
Sie haben hier ein Feldlazarett eingerichtet. Überall liegen große Mengen verschiedenster Medikamente und Waffen verstreut herum. Es ist unklar, wozu die Feuerlöscher dienen sollten. Ebenso finden sich verschiedene medizinische Instrumente. Am Eingang des improvisierten Hospitals steht ein kleiner Lastwagen, auf dem Verwundete transportiert wurden. Die auf den ersten Blick menschenleeren, engen Straßen werden jetzt von der Armee kontrolliert.
In Al-Midan ist eine große Menge an Waffen, Munition und Kommunikationstechnik und Ausrüstung sichergestellt worden. Daneben finden sich die Symbole der FSA. Der Großteil der Waffen sind Kalaschnikows des Kalibers 7,62 verschiedener Modifikationen, schwere MGs, panzerbrechende Munition, ebenso auch Infanteriegewehre und Pumpguns. Sichergestellt wurden auch Militäruniformen und Ausweispapiere.
Unweit haben die Bewaffneten die Leichen ihrer Kameraden liegengelassen – die Leichen der ausländischen Söldner wurden verbrannt, um eine Identifikation unmöglich zu machen. Einen haben sie in der Eile des Rückzugs nicht mehr verbrennen können. Die engen Straßen von Al-Midan sind von gestohlenen und anschließend verbrannten Autowracks blockiert; solche Barrikaden dienten als Schutz, haben die Banden aber nicht vor der Zerschlagung bewahren können. Ein Pickup war mit einem schweren MG ausgerüstet, das man bereits abmontiert hat. Es blieb die selbstgebaute Lafette auf dem verbrannten Wrack.
Der Bürgermeister von Damaskus, Bischr al-Sabban, hat den Stadtteil Al-Midan besucht und die Einwohner aufgerufen, in ihre Häuser zurückzukehren.
In einem Nachbarhaus fand man ein weiteres Feldlazarett. Auch hier – verstreut herumliegende Medikamente, Waffen und Symbolik der FSA. Hier sieht man taktische Pläne, die nie zur Umsetzung gelangen sollten.
Olga Kulygina, Agentur ANNA-News. Damaskus, Syrien.

Tlass Senior in Damaskus

Die „Flucht“ des Manaf Tlass aus Syrien wurde lauthals und breit von den Medien weltweit beleuchtet und als Triumph für die Aggressoren gewertet – „das Assad-Regime bröckelt“. Etwas weniger laut oder fast schon unbemerkt geblieben ist die Nachricht, dass Manaf Tlass sich nicht erst bei den sogenannten „Freunden Syriens“ meldete, sondern sich nach Paris zu seinem Vater Mustafa begeben hat. Und vollkommen ungehört geblieben zu sein scheint die Nachricht, dass er vorgestern nach Damaskus zurückkehrte. Nun stellt sich heraus, dass er nicht allein zurückkam.
Manaf ist gemeinsam mit seinem Vater Mustafa Tlass nach Damaskus zurückgekehrt.
Dass diese angebliche Flucht etwas seltsam aussah, war von Anfang an klar. Die Reise mit einem Linienflug eines Mannes, dessen Gesicht jedem Grenz- und Zollbeamten bekannt sein dürfte, sieht nicht nach einer Flucht aus. Das Ausbleiben von späteren Interviews und Pressekonferenzen zum Thema „Er wählte die Freiheit“, etc., brachte auch keine Bestätigung für den Wahrheitsgehalt der Fluchtmeldungen. Völlig neben der Linie der tendenziellen Berichterstattung lag dann das Endziel Manaf Tlass‘ – Paris, wo sein Vater lebt, welcher vor gar nicht so langer Zeit auf persönliche Bitte Baschar al-Assads mit dem außersyrischen SNC verhandelt hat. Wäre Manaf tatsächlich „geflohen“, hätte der Vater an der Stelle seinen mit einer „Tlass 1973“-Gravur versehenen Gold-Revolver ziehen und den Sohn fragen müssen, was er mit den Verrätern zu schaffen hatte.
Eine eigenartige Geschichte, die nun durch die eigenartige Rückkehr gekrönt wird.
Die Rückkehr von Tlass Senior nun kann bedeuten, dass die syrische Elite kurz vor einer Art Konsens steht und jetzt eine unanfechtbare Autoritätsperson prinzipielle Meinungsverschiedenheiten beseitigt oder bereits abgesprochenes bestätigt. Mustafa Tlass hätte eine solche Autorität. Dabei kann es bisher niemandem bekannt sein, worum genau es hierbei gehen könnte, aber irgendetwas dieser Art steht wahrscheinlich kurz bevor.

Ein wenig erinnern die derzeitigen Ereignisse in Syrien an die letzten Wochen vor der Besetzung Tripolis‘ vor einem knappen Jahr auf libyschem Boden, mit dem Unterschied, dass die Ereignisse in Libyen eher lokal an wenigen Brennpunkten abliefen.
Ein großer Teil der Meldungen dürfte Desinformation sein, aber auch das, was der Wahrheit näher sein dürfte, gibt keinen großen Anlass zu Optimismus. Die Reportage von Vesti.Ru aus Idleb zum Beispiel zeugt bei allem „Hurra“ ja auch davon, dass es in Syrien ganze Landstriche gibt, die seit Ewigkeiten nicht mehr von der Regierung kontrolliert werden. Die Gesamtzahl der jetzt aktiven bewaffneten Kämpfer übersteigt ganz klar die Zahl der möglichen „Revoluzzer“ aus syrischen Bauern & Viehzüchtern, die aus Unmut über die Regierung zur Waffe gegriffen haben könnten. Noch vor ungefähr zwei Monaten schätzte man die Mannstärke der FSA auf zwischen vier- und sechstausend, von denen ungefähr ein Drittel direkt auf syrischem Territorium operierte. Die Islamisten schätze man ähnlich stark. Ihre Taktik war typisch für nicht ausgebildete und waffentechnisch schlecht ausgerüstete Banden – sie haben ihre eigenen Ortschaften „erobert“ und sich darin festgesetzt, das eine oder andere Emirat ausgerufen und so weiter. Deshalb konnte die Armee auch recht erfolgreich dagegen vorgehen, indem sie die Ortschaften einfach gesäubert hat.
Allerdings hat sich dieses Bild seit ca. drei Wochen grundlegend geändert. Außer den immer noch aktiven Banden operieren nun mobile und gut ausgerüstete, zu recht komplizierter Koordination untereinander fähige Insurgentenbrigaden auf syrischem Gebiet. Jetzt erfolgen öfters tiefreichende Vorstöße und erbitterte Straßenkämpfe auch auf unbekanntem Terrain. Die Stabskultur der Operationen hat eine mächtige Aufwertung erfahren, was offensichtlich außerhalb der Möglichkeiten von desertierten Brigadegenerälen und Obersten irgendwelcher technischer Dienste der Armee liegt.
Anders gesagt, man kämpft nun lange nicht mehr mit „bewaffneten Demonstranten“, sondern mit Profis. Deserteure aus der syrischen Armee reichen da nicht heran – in Syrien besteht Wehrpflicht, und desertierte Wehrpflichtige können es mit den Profis aus der Republikanischen Garde nicht aufnehmen, selbst wenn man sie in der Türkei oder im Kosovo durch einen Crashkurs im Bombenlegen jagt.
Bei all dem neuerlichen harten Durchgreifen der Armee zielt diese allerdings auf die „einfachen Bauern“:
Flugblatt, das über Rebellenstellungen abgeworfen wird: „Das ist deine letzte Gelegenheit, der Gefahr zu entrinnen, indem du deine Waffen niederlegst. Du weißt, dass du der Syrischen Arabischen Armee keinen Widerstand zu leisten vermagst. Nutze diese Gelegenheit, vergeude sie nicht, kehre zu deinen Verwandten und Lieben zurück und sei kein Werkzeug in den Händen der niederträchtigen Feinde deiner Heimat. Das Oberkommando der Armee und der Streitkräfte.“
Es sieht derweil alles danach aus, dass die ganzen Horden, von denen vor einiger Zeit die Rede war – die 10.000 libyschen Medizintouristen in Jordanien, die 10.000 Bewaffneten aus dem Libanon, etc., alle in den letzten Wochen in die Schlacht geworfen worden sind.
Trotzdem hat es nicht den Anschein einer Agonie des „Regimes“, sondern eher, dass bald ein kritischer Moment eintritt: die Massen sind in der Hoffnung in die Schlacht geworfen worden, dass sie einen Wendepunkt herbeiführen. Der Westen macht sich aber scheinbar keine Illusionen zu den Erfolgsaussichten dieser massiv ins Spiel gebrachten Kampftruppen. Aus diesem Grund läuft parallel die intensive Bearbeitung der öffentlichen Meinung hinsichtlich einer Gefahr, die von einer unkontrollierten Verbreitung und Anwendung chemischer Waffen aus syrischen Armeebeständen ausgehe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in dem Moment, wenn der Westen die Lage seiner Banden in Syrien als kritisch oder aussichtslos einstuft, es zu irgendeiner Provokation mit der Anwendung chemischer Waffen in irgendeiner „entbehrlichen“ Ortschaft kommt. Zur Vorbereitung dazu werden die Informationskanäle aus Syrien blockiert, das Staatsfernsehen wird durch einen Doppelgänger ersetzt, was Gelegenheit gibt, auf eine solche Provokation gleich entsprechend zu reagieren. Mit der Chemie und dem Libanon wird Israel spitz gemacht, genau, wie man es vorher mehrfach mit den Türken unternahm (durch den angeblichen Beschuss von Kilis und den provozierten Abschuss der F-4). Man eskaliert.