Hoffähige Intellektuelle

RIA Nowosti meldet, dass Vertreter der in Syrien Krieg führenden Auslandsopposition (dieser sperrige Begriff, um nicht gleich zu Beginn mit Anführungszeichen hantieren zu müssen) demnächst auf hoher Ebene in Moskau empfangen werden sollen. Zu den geladenen Gästen gehört der Chef des SNC, Abdulbaset Sieda, sowie auch der „namhafte Politiker und Menschenrechtsaktivist Michel Kilo“.
Beide dieser Figuren leben nicht in Syrien. Von letzterem musste der russische Vizeaußenminister noch dazu erläutern: „Michel Kilo nimmt derzeit am Kairoer Treffen der Opposition teil… Er lebte in Paris und ist ein ziemlich einflussreicher Politiker“.

So, so. Es ist nicht ganz klar, in welchem Volk dieser, ein paar Ellen von Syrien entfernt lebende Politiker Einfluss und Autorität genießen soll. Aber nun hat man ihn schon einmal eingeladen, dann muss man ihn zumindest als wichtig beschreiben und Interesse demonstrieren.
Die von vornherein zu einer Totgeburt verdammte Idee einer Koalitionsregierung für Syrien, wie sie am Samstag in Genf aus dem Hut Kofi Annans gezaubert wurde, wird trotz aller Unsinnigkeit vorangetrieben. Wahrscheinlich sind sich alle der Mangelhaftigkeit und des fehlenden Realismus dieser Idee im Klaren. Bedenkt man die ganze Fülle der Probleme, vor denen Syrien bereits vor dem bewaffneten Konflikt stand, plus die massiv während des letzteren durch internationale Söldnertrupps hinzugekommenen, so kann man mit etwas Menschenverstand eigentlich nur konstatieren, dass die Lage im besten Fall von einer parteineutralen Regierung von „Technokraten“ gebessert werden könnte, die keine Zeit für Streitereien untereinander verschwenden, sondern ihre Energie auf die Lösung der anstehenden Probleme richten würden.
Abdulbaset Sieda (SNC)
Nichts desto trotz sieht die Genfer Idee vor, ein paar dem syrischen Leben vollkommen entfremdete Intellektuelle zusammenzuklauben und sie mal ein wenig „mit voller Exekutivgewalt“ ans Regierungssteuer zu lassen. Selbst, wenn man politische Betrachtungen außen vor lässt, so kann man sich leicht vorstellen, wozu solche Dilettanten beim Versuch, die recht verfahrene Lage zu entwirren, letztendlich kommen werden. Es ist ja nicht so, als gäbe es keine Beispiele in der jüngeren Weltgeschichte. Die Regierungen der meisten ehemaligen Sowjetstaaten hatten eine solche Phase: Gamsachurdia in Georgien, Eltschibei in Aserbaidschan, Ter-Petrosjan in Armenien… und von den diversen Machthabern im Kaukasus ganz zu schweigen, die in Zeiten ihrer Regierungsgewalt oder auch nur irgendeiner Machtausübung faktisch Non-Stop-Massaker vom Zaun brachen – Blut, besonders das von Fremden, war für sie wie Wasser, das schnell versickert. Das, was diese ganzen Redner und Schöngeiste zuallererst mit Feder und Mundwerk geschafft haben, war es, alles kaputtzubekommen, was sich noch irgendwie bewegte. Es wäre naiv anzunehmen, dass die nun nach Moskau und anderswohin zitierten „syrischen“ Intellektuellen da besser seien.
Trotz all dieser Dinge nicken alle weiter brav mit ihren Denkerhäuptern und machen bedeutsame Gesichter – ja, nur diese Leute können das ächzende syrische Volk retten. Wenn das Optimismus sein soll, dann ist er idiotisch. Eine andere Erkenntnis ist in diesem Zusammenhang viel wichtiger: wenn solche Leute auf dieser Ebene in Moskau empfangen werden sollen, dann hat Moskau Assad sehr wahrscheinlich aufgegeben. Die Aufgabe der hier eingeladenen  „Oppositioniellen“ wird es wohl sein, den Russen zu gefallen. Mal sehen, ob ihnen das gelingt.

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