Mobilmachung

Gestern hat Vesti.ru eine Reportage von Anastasia Popowa aus Homs ausgestrahlt. Eine Sache daran scheint es wert, sie sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: am Ende des Beitrags ist die Rede davon, dass „gut 10.000 Bewaffnete … inzwischen die Grenze vom Libanon aus überquert (haben) und versuchen, sich nach Homs durchzuschlagen“.
Die Zahl hält man im ersten Moment für eine Metapher oder die Phantasie von Journalisten, die den Beitrag möglichst effektvoll abschließen wollen. Aber die Erlaubnis, diese Reportage in Homs an den vordersten Linien zu drehen, hat das Team von Vesti „von ganz Oben“ bekommen. Vom ersten Mann im Staat. Und aus diesem Grunde bekommt „Vesti“ auch solche Informationen, die man anderweitig einfach nicht öffentlich machen kann. Deshalb sollte man diese Angabe durchaus ernst behandeln, zumal es eine solche Angabe auch bereits aus anderen Quellen (z.B. PressTV) gibt.
Zehntausend ist eine gigantische Zahl für solch einen Krieg. Hier geht es jedoch sogar darum, dass es 10.000 zusätzliche Bewaffnete seien… zusätzlich zu den Tausenden, die man in Homs noch bearbeitet und schon bearbeitet hat.
Das wirft zwei prinzipielle Fragen auf. Die erste ist die nach der Organisation. Faktisch hat man es hier mit einer Mobilisierungsmaschinerie des Westens zu tun, welche die Verluste unter den bewaffneten Banden kompensiert und weitere, unter Waffen stehende Menschenmasse nach Syrien einschleust. Ja, sie sind schlechter ausgebildet als die Armee, aber es sind eben Massen und es ist nicht schade drum, man kann diesen Zustrom praktisch endlos aufrechterhalten. Für Syrien bedeutet das, dass ohne eine „Gegenmobilisierung“ mit der Zeit einfach seine kampffähigen Einheiten aufgerieben werden, deren Gefechtsstärke angesichts dieser Wellen einfach verschleißt und sich ausdünnt. Für die Aggressoren ist es wie ein Ballerspiel mit Cheatcode – egal, wie stark der Gegner ist und welche „Level“ er hat, man bekommt ihn mit der Zeit sowieso klein.
Das ist ja gerade die Umsetzung des Gedankens, dass ein Krieg eigentlich eine Art Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Organisationsstrukturen ist. Die Organisation der Mobilmachung des „Aufstands“ und der Intervention ist immer noch stärker, als die der syrischen Regierung.
Die zweite Frage ist die nach der Durchlässigkeit der Grenzen. Ohne Grenzstreitkräfte und ohne selbst einen „Quasi“-Grenzschutz kann Syrien nichts gegen diesen Zustrom ausrichten. Man kann die zugereisten Schauspieltruppen noch so schnell und effizient ausschalten, wenn man jedoch die Grenzen nicht dichthält, so sind die ganzen Bemühungen, die bewaffneten Banden auszuschalten, wenn nicht sinnlos, so haben sie doch nicht die Perspektive, dass das jemals aufhört – in dem Sinne, dass kein Ende dieses Kriegs abzusehen ist. Die Menschen werden des Kriegs aber müde, und, ganz banal gesagt – die Menschen gehen zu Ende.
Einziger Ausweg aus der Situation mit dieser düsteren Aussicht – Grenzen dicht und Mobilmachung. Mobilmachung nicht einfach im Sinne dessen, dass man Waffen an die Bevölkerung verteilt, sondern im Sinne einer richtigen Mobilmachung. Baschar al-Assad hat unlängst eingeräumt, Syrien befinde sich in einem Krieg. Allerdings bleiben das leere Worte, wenn man sie nicht mit entsprechenden Maßnahmen unterstreicht, zum Beispiel, das Land unter Kriegsrecht zu stellen. Denn es ist schon richtig – wenn auch die syrischen Grenzen nicht gerade von Panzerkeilen durchbrochen werden, muss zur gegebenen Situation trotzdem eine militärische Antwort her. Und eine Mobilmachung wäre eine solche Antwort, das hieße konkret: die Wirtschaft auf den Krieg umschalten, Ausnahmezustand bzw. Kriegsrecht, Militärfeldgerichte, standgerichtliche Behandlung von Plünderern, Banditen und Verrätern. Sicher ist das nicht human. Aber es ist ja auch Krieg.
Anastasia Popowa und Baschar al-Assad
am 16.05.2012 in Damaskus
In der gleichen Ebene läge die Antwort auf die Frage, was die objektiven Verbündeten Syriens tun könnten und sollten. Das sind der Iran, China und Russland. Vielleicht auch Weißrussland, das wohl auch für eine kommende „Demokratisierung“ in der Warteschleife hängt. – Deren Aufgabe wäre es, Friedenstruppen (sit venia verbo) zu entsenden und mithilfe dieser die Grenzen zu sichern – auch die Grenze im Luftraum. Mit einer solchen Maßnahme könnte man die Syrer Syrer sein lassen, denn tatsächlich ist es deren ureigene Pflicht, im Land für Recht und Ordnung zu sorgen. Mit gesicherten Grenzen können sie das ohne weiteres in Ruhe tun.
Nichts anderes, das gleichzeitig realistisch wäre, kann das Problem lösen, von welchem in den letzten Sekunden des Vesti-Beitrags die Rede ist. Das sind denn auch die wichtigsten Sekunden dieses Beitrags, alles andere ist – bei aller unbestrittenen Echtheit – eher ein kleiner Adrenalinkick für den Zuschauer, als dass es großartigen Informationswert hätte.

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