Mobilmachung

Gestern hat Vesti.ru eine Reportage von Anastasia Popowa aus Homs ausgestrahlt. Eine Sache daran scheint es wert, sie sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: am Ende des Beitrags ist die Rede davon, dass „gut 10.000 Bewaffnete … inzwischen die Grenze vom Libanon aus überquert (haben) und versuchen, sich nach Homs durchzuschlagen“.
Die Zahl hält man im ersten Moment für eine Metapher oder die Phantasie von Journalisten, die den Beitrag möglichst effektvoll abschließen wollen. Aber die Erlaubnis, diese Reportage in Homs an den vordersten Linien zu drehen, hat das Team von Vesti „von ganz Oben“ bekommen. Vom ersten Mann im Staat. Und aus diesem Grunde bekommt „Vesti“ auch solche Informationen, die man anderweitig einfach nicht öffentlich machen kann. Deshalb sollte man diese Angabe durchaus ernst behandeln, zumal es eine solche Angabe auch bereits aus anderen Quellen (z.B. PressTV) gibt.
Zehntausend ist eine gigantische Zahl für solch einen Krieg. Hier geht es jedoch sogar darum, dass es 10.000 zusätzliche Bewaffnete seien… zusätzlich zu den Tausenden, die man in Homs noch bearbeitet und schon bearbeitet hat.
Das wirft zwei prinzipielle Fragen auf. Die erste ist die nach der Organisation. Faktisch hat man es hier mit einer Mobilisierungsmaschinerie des Westens zu tun, welche die Verluste unter den bewaffneten Banden kompensiert und weitere, unter Waffen stehende Menschenmasse nach Syrien einschleust. Ja, sie sind schlechter ausgebildet als die Armee, aber es sind eben Massen und es ist nicht schade drum, man kann diesen Zustrom praktisch endlos aufrechterhalten. Für Syrien bedeutet das, dass ohne eine „Gegenmobilisierung“ mit der Zeit einfach seine kampffähigen Einheiten aufgerieben werden, deren Gefechtsstärke angesichts dieser Wellen einfach verschleißt und sich ausdünnt. Für die Aggressoren ist es wie ein Ballerspiel mit Cheatcode – egal, wie stark der Gegner ist und welche „Level“ er hat, man bekommt ihn mit der Zeit sowieso klein.
Das ist ja gerade die Umsetzung des Gedankens, dass ein Krieg eigentlich eine Art Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Organisationsstrukturen ist. Die Organisation der Mobilmachung des „Aufstands“ und der Intervention ist immer noch stärker, als die der syrischen Regierung.
Die zweite Frage ist die nach der Durchlässigkeit der Grenzen. Ohne Grenzstreitkräfte und ohne selbst einen „Quasi“-Grenzschutz kann Syrien nichts gegen diesen Zustrom ausrichten. Man kann die zugereisten Schauspieltruppen noch so schnell und effizient ausschalten, wenn man jedoch die Grenzen nicht dichthält, so sind die ganzen Bemühungen, die bewaffneten Banden auszuschalten, wenn nicht sinnlos, so haben sie doch nicht die Perspektive, dass das jemals aufhört – in dem Sinne, dass kein Ende dieses Kriegs abzusehen ist. Die Menschen werden des Kriegs aber müde, und, ganz banal gesagt – die Menschen gehen zu Ende.
Einziger Ausweg aus der Situation mit dieser düsteren Aussicht – Grenzen dicht und Mobilmachung. Mobilmachung nicht einfach im Sinne dessen, dass man Waffen an die Bevölkerung verteilt, sondern im Sinne einer richtigen Mobilmachung. Baschar al-Assad hat unlängst eingeräumt, Syrien befinde sich in einem Krieg. Allerdings bleiben das leere Worte, wenn man sie nicht mit entsprechenden Maßnahmen unterstreicht, zum Beispiel, das Land unter Kriegsrecht zu stellen. Denn es ist schon richtig – wenn auch die syrischen Grenzen nicht gerade von Panzerkeilen durchbrochen werden, muss zur gegebenen Situation trotzdem eine militärische Antwort her. Und eine Mobilmachung wäre eine solche Antwort, das hieße konkret: die Wirtschaft auf den Krieg umschalten, Ausnahmezustand bzw. Kriegsrecht, Militärfeldgerichte, standgerichtliche Behandlung von Plünderern, Banditen und Verrätern. Sicher ist das nicht human. Aber es ist ja auch Krieg.
Anastasia Popowa und Baschar al-Assad
am 16.05.2012 in Damaskus
In der gleichen Ebene läge die Antwort auf die Frage, was die objektiven Verbündeten Syriens tun könnten und sollten. Das sind der Iran, China und Russland. Vielleicht auch Weißrussland, das wohl auch für eine kommende „Demokratisierung“ in der Warteschleife hängt. – Deren Aufgabe wäre es, Friedenstruppen (sit venia verbo) zu entsenden und mithilfe dieser die Grenzen zu sichern – auch die Grenze im Luftraum. Mit einer solchen Maßnahme könnte man die Syrer Syrer sein lassen, denn tatsächlich ist es deren ureigene Pflicht, im Land für Recht und Ordnung zu sorgen. Mit gesicherten Grenzen können sie das ohne weiteres in Ruhe tun.
Nichts anderes, das gleichzeitig realistisch wäre, kann das Problem lösen, von welchem in den letzten Sekunden des Vesti-Beitrags die Rede ist. Das sind denn auch die wichtigsten Sekunden dieses Beitrags, alles andere ist – bei aller unbestrittenen Echtheit – eher ein kleiner Adrenalinkick für den Zuschauer, als dass es großartigen Informationswert hätte.

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  • Anonymous

    Die Syrer befinden sich in einer von außen herbeigerufenen und am Leben erhaltene Katastrophe.
    Kein Land dieses Planeten könnte allein eine solche Situation meistern. Würden die Kanadier und Mexikaner alles dransetzen, die USA zu destabilisieren und die gleiche Taktik wählen, wären selbst die Amerikaner dem Untergang geweiht.
    Im Grunde müssen die „Freund Syriens“, bei allem Säbelrassens, nur so weiter machen und noch etwas mehr Zeit (und Söldner) ins Land gehen lassen und Syrien wird besiegt sein.
    Was also kann dieses verhindert werden:
    Wie schon richtig im obigen Beitrag erkannt wird, ist die Stationierung von (wirklich) befreundeten Truppen zur Sicherung der Grenzen noch die realistischste Variante, wenn auch hier eine unglaubliche Anzahl von fremden Soldaten in das Land eingelassen werden muss. Eine Truppenstärke von ca. 20.000 bis 30.000 Mann muss mindestens eingeplant werden. Alles andere als einfach, zumal Russland, China, Armenien, Weißrussland und evtl. der Iran dann massiv und definitiv aktiv und konsequenztragend an diesen Krieg beteiligt wären.
    Eine zweite Möglichkeit bestünde darin, dass die BRICS-Staaten von außen so massiv Druck auf den Westen (USA) ausüben würden, der dazu führen würde, dass die Unterstützung der Rebellen ausgesetzt würde. Das aber wäre eine sehr weit hergeholte Hoffnung, denn welch ein Druckmittel soll da eingesetzt werden können?

    Es bleibt also leider dabei: der Big-Player ist USrael, sowohl die erste wie auch die zweite Variante birgt das Risiko eines (Welt)Krieges, wenn die zionistischen Falken nicht an einer Deeskalation sondern nur, offensichtlich, an einer militärischen Option interessiert sind. Wie weit die andere Seite geht, um in der „Syrienfrage“ noch standhaft zu sein, ist die alles entscheidende Frage. Klar ist nur eins: Kommt keine Hilfe von aussen, wird der Westen mit seiner inhumanen und verachtenden Destabilisierungsstrategie in ein paar Monaten
    sein Ziel sicher erreicht haben.

    • Anonymous

      Der Westen wird zwar (s)ein Ziel erreicht haben, nämlich den Sturz der Regierung, aber das wird keineswegs das Land friedlicher machen, eher im Gegenteil. Und erst da wird der westliche Zuschauer, falls es ihn überhaupt noch interessiert (sieht man sich die Reaktionen ob der aktuellen Desaster in Libyen und dem Irak an), erkennen können, worum es seinen Demokraten in Syrien eigentlich gegangen ist. Den Millionen Nichtrebellen wird das nichts mehr nützen, aber das wird der Tagesschau-Nerd dann ja nicht mehr zu sehen bekommen!

  • Ich denke – weiß es aber nicht, extrapoliere nur eine Reihe von Variablen – daß die Mobilmachung (Kriegsrecht halte ich für verfehlt) buchstäblich der Knackpunkt ist, sprich, daß die politische und militärische Führung sie nicht anordnet, weil sie erwartet, sich in der Folge einem Putsch gegenüber zu sehen.

    Was immer die Zahl eingeschleuster Söldner, sie vermögen nichts, wenn sie nicht ein gewisses Minimum an Unterstützung, resp. Duldung („geht uns nichts an“) in der Bevölkerung finden. Umgekehrt wäre Syrien auch mit einer auffüllbaren Guerillatruppe von 5-8 hundert Leuten ein nicht zu gewinnender Krieg aufzuzwingen, wenn sie einen Teil der Bevölkerung auf ihre Seite ziehen können, siehe südamerikanische Beispiele oder erst recht Afghanistan.

    Deshalb sieht es und behandelt es Assad ganz richtig, der nicht auf die eigene Propaganda herein fällt, die eingeschleusten Kämpfer zum alleinigen Problem zu erklären. Wie ich auf meinem Blog erklärt habe und der berüchtigten und stets falsch zitierten Kabinettsrede Assads zu entnehmen ist, nimmt er diesen Krieg wohlweislich nicht an, rief stattdessen zur zivilen Mobilmachung gegen die internen Kriegsursachen auf!
    So ist’s richtig!
    Eure Träume, euer Gerede von 20 – 30 Tausend Interventionstruppen ist …. unterirdisch. Sie würden Assad allen Kredit kosten, den er in einer schwankenden Bevölkerung noch hat, in der die Frage Platz greift, ob man mit einer westlichen Gouvernementsregierung nicht doch besser bedient sei, weil: Gearbeitet werden solle immer und ein Brot und ein Benzin und ein Hochzeitskleid werde für die abgelieferten Dienste von jeder Herrschaft gegeben, auch einer von Killarys Gnaden.

    • Ich halte auch nichts von Interventions-Idee. Auch auf der Gegenseite haben manche verstanden, daß ausländische Söldner dem Anliegen nicht nutzen, sondern schaden:

      No to Arab fighters in Syria
      http://english.alarabiya.net/views/2012/06/26/222813.html

      Es ist zu hoffen, daß das den Dschihadisten-Strom nach Syrien langsam zum Austrocknen bringen wird. Auch auf diplomatischer Ebene spricht alles gegen eine weitere Unterstützung der Militanten. Wenn die syrische Armee weiter erfolgreich ist, dann wird dieser „Syrische Nationalrat“ irgendwann Geschichte sein. Im Grunde ist er jetzt schon tot, weil es ihm nicht gelingt, die Opposition zu einen, d.h. es fehlt ihm an der nötigen Legitimität. Daß deren Vertreter weiterhin den Rücktritt Präsident Assads fordern ist nicht mehr als eine Verlegenheitshandlung.

      Und auch die Clinton ist am Ende mit ihrem Latein. Zu einer militärischen Einmischung wird man sich nicht entschließen können. Die USA fürchten zurecht auf eine schiefe Ebene zu geraten. Davon sprach der frühere Außenminister James Baker in einer Talk-Sendung mit Hillary Clinton am 20. Juni (16:14 – 18:32):

      http://www.youtube.com/watch?v=VJcHiPusTS0

      Nach Bakers Auffassung wären Wahlen in Syrien der beste Weg, um aus dem Patt herauszukommen. Clinton hat dabei immer brav, um dann (18:32 – 20:48) weiter ihre falsche und wenig überzeugende Position abzuspulen. Baker gehört wohlgemerkt den Republikanern an.

    • Es ist vielleicht hilfreich, einmal die staatlichen Scherbenhaufen zu betrachten, welche die Amerikaner und ihre Gefolgen andernorts hinterlassen haben: Afghanistan, Somaliland, Irak, Libyen. Alles Zufall, weil die Amistrategen zu blöd sind? Oder nicht doch vielleicht Absicht? – Die Zerstrittenheit der „syrischen Opposition“ ist nichts Überraschendes, und sie steht den Plänen der auswärtigen Kriegsantreiber durchaus nicht im Weg. Im Trüben ist gut fischen, scheint das Motto der anglozionistischen Geopolitik zu sein. Ein zerrüttetes Land, ein „failed state“ – und wo Öl aus der Erde quillt, die örtlichen Sippen oder Stämme als gekaufte Bundesgenossen: Das und die weitestmögliche Schwächung oder Ausschaltung der Zentralgewalt, darum geht es. Ist die Zerstörung vollbracht: mission accomplished.

  • Anonymous

    @TomG. & Antifo

    Ich sehe das ein wenig und entschieden anders.
    Die USA/Israel haben eine Agenda, einen Plan, den sie vor Jahren gestrickt haben und der sich jetzt im Ausführungsmodus befindet.
    Es gibt nicht viel, was ein Einlenken dieser Staaten bewirken könnte, schon gar nicht ein eventuelles Verzichten müssen auf die eigentlich erhoffte militärische „Kurzsäuberung“ Syriens.
    Dieser Bund der „Kriegswilligen“ ist momentan derart von der sturen Haltung Russlands und chinas und vom so nicht erwarteten Verhalten des syrischen Volkes (kein Putsch, kein Volksaufstand, keine nennenswertes Desertieren) angefixt, dass er sich wie ein getroffener Hund verhält.
    So viel Energie, Zeit und Geld investiert um nun sogar zu scheitern – das sieht der Plan nicht vor. Also wird bis an die Grenzen des Erlaubten und weit darüber hinaus provoziert, gestreckt, unterstützt, subventioniert, gedroht und destabilisiert, bis man wieder auf Kurs ist, sprich den angepeilten Zeit- und Matchplan wieder im Visier hat. Hier ist für Diplomatie, Wahlen, Dialog und Deeskalation wahrlich keinerlei Platz, da die Ergebnisse, für den Westen, nicht kalkulierbar wären.
    Unter diesen Bedingungen kann die syrische Führung nur überleben, setzt sie diesen Mechanismen ebenbürtige Konsequenzen und Reaktionen entgegen: z.B. die Inanspruchnahme russisch-chinesischer Hilfe zur militärischen Überlegenheit.
    Ich denke nicht, dass Assad seine Reputation im Volk verlieren würde, sieht man sich die Reaktionen des Syrer beim Besuch von Lavrov an. Das Volk will Ruhe, alles, auch russische Soldaten an der Grenze, ist besser als die aktuelle Lage. So pragmatisch schätze ich die Syrer, Volk und Führung, dann doch ein.

  • @TomGard
    Dass eine Menge eingeschleuster Söldner ohne wenigstens teilweiser Unterstützung der Bevölkerung nichts vermögen, ist unter den Bedingungen, die der „Arabische Frühling“ geschaffen hat, sehr blauäugig. Es geht hier um Hunderttausende Hungerleider, denen man bloß irgendeine Wumme in die Hand zu geben braucht.
    Davon abgesehen hat man immer Bereiche, in denen die Bevölkerung den Söldnern „etwas mehr“ Unterstützung entgegenbringt als woanders. Wodurch sich Enklaven und „Hochburgen“ (Benghazi, Ar Rastan, Homs, …), oder im Duktus der Aggressoren „Pufferzonen“ bilden.

    Keine Chance ohne dichte Grenzen.

  • @Anonym
    In den USA findet Clintons falscher Kurs wenig Anerkennung. Der ehemalige US-Außenminister James Baker hatte sich kürzlich für Wahlen mit einer Teilnahme von Präsident Assad ausgesprochen:

    „Everybody … would have difficulty saying no, we’re not going to go for an election, particularly if you let Bashar run. Let him run. Make sure you have a lot of observers in there. Make sure they can’t fix the election. Why not try that?“

    Clinton wurde vom Moderator daraufhin gefragt, weshalb man das nicht versuche. Als Antwort sagte sie, daß man das ja eigentlich versuche und redete dann wieder nur Quatsch. Clintons Wortmeldungen werden immer wunderlicher.

    http://www.uspolicy.be/headline/clinton-former-secretary-bakers-interview-charlie-rose

  • @apxwn
    Wenn Clinton bis November keine Erfolge vorweisen kann, dann würde ich erwarten, daß ihr Nachfolger die Unterstützung dieses Nationalrats aufgibt oder doch zumindest zurückfährt. Es hängt wirklich alles davon ab, ob sich die syrische Armee gegen diese Banditen behaupten kann. Heute meldet SANA, daß bei al-Qsair gekämpft wurde. Das ist schon sehr nah an der libanesischen Grenze:

    http://www.sana.sy/eng/337/2012/07/08/430030.htm

    • Zu Al Qseir:
      http://tomgard.blog.de/2012/07/02/clinton-lavrov-vereinbarten-auszehrungskrieg-syrische-bevoelkerung-14021868/#c17999506
      nebst Folgekommentar.

      Zusätzlich: Das war schon in der ersten Schlacht um Homs ein Aufmarschpunkt. Daß es in vier Monaten nicht gelang, Stadt und Straße zu sichern, ist ein klares Zeichen, daß die Bevölkerung gegen die Regierung kooperiert.

      nicht an Antifo adressiert:
      Besatzungstruppen gegen die Bevölkerung Al Qseirs??!
      Aber ich versteh‘ eh nicht, warum apxwn dies Wolkenkuckucksheim errichtet hat, das für keinen Entscheider in Betracht kommt.

    • @TomGard
      Langsam, langsam. Daß es noch Widerstandsnester gibt könnte ein Zeichen dafür sein, daß die Bevölkerung dort gegen die Regierung kooperiert. Ebenso gut kann es ein Zeichen für die hohe Qualität der Scharfschützengewehr und/oder den Grad der militärischen Ausbildung derjenigen sein, die sie bedienen. Der Häuserkampf in Stalingrad in wurde auch nicht an einem Wochenende entschieden. Wenn die syrische Armee sich nun endlich Al Qseir annimmt, dann dürften die zivilen Bewohner schon längst geflohen sein. Daß sie flüchten muß gar nicht mal mit Repression den Angehörigen zu tun haben. Hunger genügt als Grund. Die Vorstellung, daß ganze Großfamilien die Terroristen unterstützen ist in der Form nicht realistisch. Sicherlich gibt es einzelne Sippen, die voll hinter dem bewaffneten Aufstand stehen. Aber Du glaubst doch nicht etwa, daß diese Großfamilien mit den Kämpfern durch die Lande ziehen. Die Front bewegt sich schließlich und neben den Kindern gibt es dann ja auch noch Oma und Opa. Die können nicht mehr so schnell, sind froh, wenn der HERRGOTT ihnen noch ein paar Jahre gibt, und allein deshalb schon gegen den Bürgerkrieg. Viel wichtiger scheint mir die Frage, wohin denn die Angehörigen der Kämpfer fliehen, wenn die Armee kommt und die Romanze plötzlich vorbei ist. Es würde mich nicht wundern, wenn die sich dann nach Jordanien oder in den Libanon absetzen, statt nach Damaskus zu gehen.

      Hier schreibt einer, daß die Kämpfer im Libanon „Urlaub machen“:

      http://english.al-akhbar.com/content/syrian-fighters-and-lebanese-coffee-break

      Es kann genauso gut sein, daß das ein ziemlich langer „Urlaub“ wird und daß sie das nur so erzählen, weil sie sonst zugeben müßten, daß ihnen in Syrien ganz gehörig der A**** aufgerissen wurde!

  • @apxwn
    „Es geht hier um Hunderttausende Hungerleider, denen man bloß irgendeine Wumme in die Hand zu geben braucht.“
    Ja & nein. Nein, weil Du „vergißt“, auswärts rekrutierte Söldner verlangen mehr, als e-e Wumme bzw. soweit sie nicht i. d. Position sind, mehr zu verlangen, stehen sie unter keinem Kommando, sind keine Söldner, sondern Freischärler, Plünderer, Vergewaltiger, Drogensüchtige, Psycho- und Sozipathen. Der Abschaum ist nützlich, wenn der Angriff rasch durchschlägt, deshalb erweist er sich zunehmend als toxisch für die Intervention.
    Andererseits:
    Ja – nur die Hunderttausende, denen man neben der Aussicht, sich Verdienste in der Gefolgschaft künftiger Herren von Gnaden der imperialen Übermacht zu erwerben, wenig mehr, als eine Wumme in die Hand zu drücken braucht, hocken IM Land, depravierte Syrer.

    Damit zurück zu echten Söldnern, die für einen beträchtlichen, ihren Familien ausgezahlten Sold kämpfen.
    Das wiederum sind keine Desperados ohne militärischen Verstand. Du hast zwei Propagandafilme – kein Vorwurf! eine Qualifizierung! – übersetzt, die darauf zielen, diese Typen das Fürchten zu lehren. Sie sagen ihnen: „eure usraelischen Präzisionswaffen & das Vermögen, sie zu handhaben, schützen euch nicht vor unserer Entschlossenheit und Opferbereitschaft, sie bewahren euch nicht vor dem Tod“.
    Die Filme enthüllten teilweise die Strategie, vielleicht auch nur erzwungene Taktik, die Typen dort zu stellen, wo man sie besser nicht erst hinläßt: Im urbanen Gefecht, dem sie andererseits gelungenenfalls nicht mehr entkommen können, sind sie einmal gestellt. In der Verknüpfung der Intervention mit der internen Logistik des Schmuggels, der Klein- wie Kapitalkriminalität sowie ubiquitärer Korruption, sehe ich mit fast absoluter Sicherheit den Grund für diese erzwungene Taktik. Die „Offiziere“ d. Intervention dürften auf dem Lande notorisch geschützt, gewarnt, verborgen werden, sodaß man dort i.d.R. nur das Kroppzeug zu fassen kriegt, das zu killen nicht selten mehr Schaden anrichten dürfte, als nützt.
    Deinen auf das Zitat folgenden Absatz nenne ich deshalb e-e Verniedlichung bzw. Verschleierung des Problems.
    Seit Wochen fehlt bei fast keinem „truth of events“-Eintrag SANA’s der Hinweis auf einen Beitrag von Informanten aus der Bevölkerung zur Aushebung von Terror“nestern“, Lagern, Schlupfwinkeln. Ob’s stimmt oder nicht, scheidet das die Einwohner mit einer bislang ÖFFENTLICH vermiedenen brutalen Konsequenz. Die Armee gibt in beträchtlichem Umfang die nicht loyale Bevölkerung zum Abschuß frei. Zugleich bietet die zivile resp. paramilitärische syrische Verwaltung jedem Einwohner, der es bislang mit der Intervention und ihren Parteigängern hielt – und sei es passiv – nicht nur Amnestie, sondern Gelegenheit zur Rehabilitation. Mit der Folge, daß Terroristen wie „Terroristen“, die erledigt wurden, neuerdings beim Namen genannt & so die Herkunftsfamilien öffentlich zur Offenbarung genötigt werden.
    Für das Verhältnis der Volksgruppen bzw. die Rolle dieses Verhältnisses im Krieg ist das eine „Nagelprobe“ – entweder geht’s daneben, oder nicht. Der Druck auf die bestimmenden Kräfte in der sunnitischen Volksgruppe, sich zu sortieren, wächst. Insofern kann die gegenwärtige Kriegsphase vielleicht „republikanisch“ genannt nennen, zumindest ist sie auf dem weg dahin.

    Eine Besatzungsmacht sabotiert den republikanischen Krieg. Gelingt es ihr, den potentiellen Verlierern des Streites um die Macht dieselbe zu erhalten, ist es ein Pyrrussieg, der eine – mit welchen Mitteln immer – dauerhaft gemachte Einflußnahme erzwingt. Das sollte Deutschen klar sein, die erlebten, wie die nach Import unzureichend etablierte „sozialistische Volksherrschaft“ den „Tag X“ des Endes der sog. „Fremdherrschaft“ nur Monate überstand.

    • @TomGard. Immer wieder danke für Deinen Input. Nur ein kurzer Kommentar: zu den Dollarn, welche an die Aufständischen fließen, hatten wir hier irgendwo bereits mal eine Nachricht. Ich denke nicht, dass die Dollars, die auswärts rekrutierte Söldner mehr verlangen, hier ein Problem darstellen, zumal offenbar nicht nur Dollars als Motivation herangezogen werden. Hier eine Passage aus einem Interview mit Anhar Kotschnewa, das vor ein paar Wochen bei Kopp publiziert wurde:

      „Ein paar Afghanen waren gefangengenommen worden, und man fragte sie, warum sie hierhergekommen seien. Sie antworteten: »Man sagte uns, wir würden nach Israel gebracht, und in der Nacht sollten wir israelische Busse beschießen. Wir kämpfen für die Befreiung Palästinas.« Das hört sich lustig an, aber es ist wahr. Die Leute waren sichtlich überrascht, als man ihnen erklärte, sie befänden sich in Syrien. »Wir sind hier in Syrien? Wir dachten, wir seien in Israel.«“

      Stabsmäßig arbeiten müssen in solch einem Setup nicht die verstreuten Freischärler, Plünderer, etc., sondern nur die, welche die Meldungen machen. Und dazu hat man solche Figuren wie den sattsam bekannten Abdul Razak Tlass und den Wechselbalg Khaled Abu Salah. Sicher nicht schlecht bezahlt.

    • PS. Der Krieg in Dagestan ist das, was mir zu diesem Szenario immer wieder einfällt. Nur ist es hier doch ein paar Dimensionen mehr. Der verlinkte Wikipedia-Artikel gibt einen ganz guten Überblick und ist zu diesem Thema sicher lesenswert.