Anastasia Popowa in Tremseh

Tausendsassa Anastasia Popowa von Vesti.Ru war mit ihrem Filmteam am Sonntag bereits in Tremseh. Die entsprechende Reportage enthüllt unter anderem einige interessante Fakten über die Rolle der UN-Beobachter vor Ort. Der Bericht war wichtig genug, dass sich der russische Außenminister Sergej Lawrow in seiner heutigen Pressekonferenz darauf bezog, das Außenministerium der RF twitterte sogar darüber. Die Reportage von Vesti.Ru macht einen etwas solideren Eindruck als die vorangehende von ANNA-News, bringt aber dieselben Fakten, interviewt sogar teilweise dieselben Personen in anderen Umständen. Das hat einen guten Nebeneffekt: es beseitigt Zweifel an der Authentizität der Reportagen von ANNA-News, bei denen die Interviews der Banditen in einem recht simplen Setup erfolgen.

Wichtiges Fazit: Tremseh ist nach wie vor größtenteils in der Hand der bewaffneten FSA-Banden und die UN-Beobachter geben diesen Deckung.
Hierunter eingebunden die Reportage von Vesti.Ru (14 Sekunden Werbung durchlaufen lassen) vom 16. Juli 2012, darunter die Übersetzung. Die Sache ist auf jeden Fall sehens- und lesenswert.
In Moskau finden heute Verhandlungen zu Syrien statt. Die Situation in der arabischen Republik wird Thema des Treffens zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem UN-Sonderbeauftragten Kofi Annan sein. Speziell soll es um die UN-Mission in Syrien gehen, deren Mandat in einer Woche abläuft. Tags zuvor haben die UN-Beobachter den Ort Tremseh besucht, von wo Ende letzter Woche Meldungen über Dutzende Tote kamen. Die Opposition hat die Regierungstruppen beschuldigt, für den Angriff und das Massaker verantwortlich zu sein, allerdings ist das nach Meinung der Einwohner eine Provokation von Seiten der bewaffneten Kämpfer gewesen. Unsere Syrien-Sonderkorrespondentin Anastasia Popowa hat sich mit Augenzeugen in Tremseh getroffen.

Luftaufnahmen ab 00:34: Das Städtchen Tremseh befindet sich rund 20 Kilometer von Hama entfernt. Berichte darüber, dass der Ort noch mit Panzern und Artillerie beschossen wird, stellen sich als unwahr heraus. Im näheren Umkreis gibt es keinerlei Militärtechnik.

Text ab 00:44: Auch von Boden ist nichts dieser Art zu sehen. Stattdessen treffen wir bei der Einfahrt in den Ort UN-Fahrzeuge. Sobald sie erfahren, dass es sich bei uns um ein russisches Filmteam handelt, stellen sie uns Bedingungen: erst verbieten sie uns, mit Augenzeugen zu sprechen, dann verbieten sie uns zu filmen, was bei den Treffen der UN-Beobachter mit Vertretern von der bewaffneten Opposition vor sich geht. Schlussendlich verbieten sie uns den Zugang zum Ort komplett, lassen uns umdrehen und begleiten uns weg und begründen das damit, dass wir für die bewaffneten Kämpfer angeblich eine Gefahr darstellen würden. Gleichzeitig bekommen Filmteams von westlichen Ländern grünes Licht von ihnen. Wir müssen den Ort also auf Umwegen anfahren.

Anastasia Popowa bei 01:12:

Das Massaker von Tremseh fällt von der Zeit her ins Vorfeld der nächsten Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Londoner Menschenrechtler warten dabei nicht auf die Untersuchungsergebnisse, sondern geben der Regierung die Schuld und sprechen von mehr als 200 Opfern. Jedoch die Einwohner des Ortes – Augenzeugen der Ereignisse – erzählen eine vollkommen andere Geschichte.

Text ab 01:27: Sie bitten uns, ihre Gesichter nicht zu filmen, denn wenn sie erkannt würden, hätten sie Rache zu fürchten, man würde ihre Familien umbringen. Schauhinrichtungen von Regierungsanhängern sind in den letzten Monaten in Tremseh zur Norm geworden. Kleinere Gruppen von professionell ausgebildeten Kämpfern, die seinerzeit am Irakkrieg teilgenommen hatten, hielten das Städtchen mit seinen 10.000 Einwohnern unter Kontrolle.

Zivilist bei 01:48:

Sie führten sich hier wie die Herren auf, stahlen Fahrzeuge, raubten Häuser aus und schlitzen Soldaten vor aller Leute Augen die Kehlen auf, um damit ihre Macht zu demonstrieren. Wir fürchten sie, deswegen schweigen wir auch. Ich war im Garten, als sie das Feuer auf die Armeeeinheiten eröffneten, die sich außerhalb der Stadt auf einem Hügel positioniert hatten.

Zivilist bei 02:04:

Die bewaffneten Kämpfer haben Menschen entführt und verlangten Lösegeld. Sie zerstörten die Häuser derer, die für die Regierung waren, und brachten viele von ihnen um. Ich habe zum ersten Mal gesehen, wie viele das eigentlich sind. Sie schossen gezielt auf uns, die wir unbewaffnet sind. Ich sah, wie sie Leichen aus den Häusern heraus- und irgendwo hinschafften. Dann wurde auch ich von einer Kugel getroffen und ging zu Boden.

Text ab 02:18: Die Hinrichtungen begannen mitten in der Nacht. Die festgenommenen Henker erzählen seelenruhig davon, wie sie in die ihnen bezeichneten Häuser einbrachen und die dort ansässigen Menschen umbrachten, die es bis zuletzt abgelehnt hatten, auf ihre Seite zu wechseln. Einer der bewaffneten Kämpfer ist seinem Ausweis nach aus der Türkei, aber der Großteil sind Ortsansässige. Jeder von diesen sagt, dass sie einfach keine Wahl hatten.

Festgenommener Bandit ab 02:33:

Vor einem Monat haben sie meine Schwester umgebracht und drohten meine Mutter abzuschlachten. Was sollte ich denn tun? In dieser Nacht haben wir Leute im Schlaf erschossen und schafften ihre Leichen in ein Zimmer. Als die Armee anrückte, ist ein Teil der unsrigen geflohen, der Rest versuchte, Widerstand zu leisten.

Festgenommener Bandit bei 02:49:

Die Terroristen haben meinen Bruder mit dem Messer aufgeschlitzt, drohten zwei anderen und meinem Vater. Ich ging also mit ihnen; wir sprengten ein Haus, um das der Armee anzulasten. Ich selbst habe dreien meiner ehemaligen Freunde, Soldaten, die Kehle aufgeschlitzt, habe gelogen, dass sie Vaterlandsverräter seien. Als die Soldaten anrückten, schoss ich auf sie. Geld habe ich nicht bezogen. Man versprach mir 12.000 Lira, bekommen habe ich nur dreitausend.

Text ab 03:06: Sie haben die Aufgabe bekommen, so viel wie möglich Menschen umzubringen und damit die Armee zu einem Beschuss zu provozieren. Danach zu urteilen, dass die Häuser noch intakt sind, ist dieses Ansinnen wohl gescheitert. Die Soldaten kamen erst zum Morgengrauen an den Ort heran – das sind Videoaufnahmen davon, wie man sie in Tremseh empfangen hat.

Text ab 03:24: Es ist ihnen gelungen, eine Reihe von Kämpfern gefangen zu nehmen und eine Menge an Waffen am Stadtrand zu beschlagnahmen. Doch die Operation musste abgebrochen werden – darauf bestand die UN-Mission.

Anastasia Popowa in einem Raum voller Waffen ab 03:33:

Das ist nur ein kleiner Teil dessen, was man in Tremseh sichergestellt hat. Sie können sich vorstellen, wie viel Waffen noch in dem Ort sein müssen. Es sieht so aus, als seien die Rebellenkämpfer bestens für Überfälle gerüstet gewesen: Granatwerfer, Scharfschützengewehre, Maschinengewehre, Kommunikationstechnik und Sprengstoff.

Text ab 03:45: Die genaue Zahl der Opfer und ihre Identität kann man momentan kaum feststellen. Tremseh ist nach wie vor in der Hand der bewaffneten Opposition. Die Einwohner, die dazu in der Lage sind, versuchen zu flüchten, meistens in die christlichen Nachbarorte, in denen es alles in allem ruhiger ist. In dem größten dieser Orte – Mahardy – hat sich einen Tag nach der Tragödie von Tremseh eine schwere Explosion ereignet. Ein mit einer Tonne Sprengstoff beladener Lkw fuhr in ein Gebäude der Sicherheitskräfte hinein. Ein benachbartes Wohnhaus ist mit eingestürzt. Unter den Opfern sind auch Kinder.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti, Syrien.

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