Mord an Ministern

Mitunter ist zu viel an Information genauso schädlich, wie ein Mangel daran. Die heutige Anschlagsserie in Damaskus wird nun aber selbstverständlich von allen Seiten mit massiven Medienkampagnen begleitet, und dabei sind alle Seiten selbst irgendwie in die Sache involviert und suchen ihren Nutzen, was es schwer macht, aus der Datenflut zu verstehen, was wirklich vor sich geht.
Nichts desto trotz: offensichtlich ist, dass die stabsmäßige Planung der heutigen Anschläge vom Niveau her um ein vielfaches höher liegt, als es die FSA und die x-te islamische Terrorzelle, welche heute jeweils die Verantwortung für die Morde übernommen haben, es je zu leisten imstande gewesen wären. 
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war einer der stärksten, wenn auch nicht offensichtlichen Faktoren, der die offizielle Version der Ereignisse mit den Islamisten und „Al-Kaida“ in Zweifel zog, ein rein psychologischer – ein Anschlag, der auf solch hohem Niveau geplant und umgesetzt wurde, braucht zweifelsohne eine Organisation von ein paar hundert involvierten Leuten. Dabei ist es schwer vorstellbar, dass unter einer solchen Menge an Involvierten, ganz besonders, wenn es sich um Araber handelt, niemand gewesen wäre, der sich im Vorfeld nicht verquatscht oder die ganze Aktion verraten hätte. Was eine Frau weiß, wissen bald alle. Was ein Araber weiß, weiß bald das ganze Universum. Das ist durchaus aktuell und kein Scherz.
Die jetzigen Anschläge in Damaskus reichen sicher nicht an das Niveau von „911“ heran. Jedoch ist bereits jetzt mehr als offensichtlich, dass die Vorbereitung dazu mit äußerster Sorgfalt und Umsicht erfolgt ist. Angriffe von Banditen in einzelnen Stadtteilen von Damaskus, eine außerplanmäßige Beratung des „äußeren Zirkels“ der Machtelite (davon mehr weiter unten im Text) und miteinander koordinierte Terroranschläge bei der Beratung der militärischen Führung und im Stab der Republikanischen Garde bedeuten, dass die Planung auch Varianten der Entwicklung der Ereignisse zuließ – Plan A, Plan B und so weiter. Unabhängig davon, wie sich die Sache entwickelte, würde eine jeweils vorbereitete Variante des Plans greifen. Das ist einfach höchste Kunst, zu der nicht allzu viele Geheimdienste auf dieser Welt fähig sind. Die Ausführenden bekamen ihre Instruktionen in letzter Minute, deshalb wird auch keine Information nach außen gedrungen sein. Die Anschläge gegen die höhere Führungsschicht wurden also sehr gekonnt geplant und umgesetzt.
In jedem Land, ganz besonders in einem autoritär regierten, existieren mehrere Entscheidungsebenen. In Syrien heißt das konkret – die höchste Führungsebene, der sogenannte innere Zirkel, sind vielleicht ein Dutzend Leute. Das ist Baschar al-Assad selbst, sein Bruder Maher, ihre Mutter – die Witwe des Hafez al-Assad Anissa, deren Bruder Muhammed Makhlouf und sein Sohn Rami. Die letzteren sind Geschäftsleute. Je nach Quelle kontrollieren sie bis zu 60% der gesamten syrischen Wirtschaft.
Der äußere Zirkel besteht aus den Kreaturen dieser Leute. In erster Linie sind das die Militärs. Verschiedene militärische und Sicherheitsstrukturen befinden sich unter Kontrolle eines jeden aus dem inneren Zirkel. Letztlich ist der äußere Zirkel das wichtigste Verbindungsglied zwischen der höchsten Führungsebene und dem ganzen Regierungsapparat. Die Ermordung des Verteidigungsministers und des Innenministers (der, den meisten der letzten Angaben zufolge, doch seinen Verletzungen erlegen sein soll) und der Leiter von Sicherheitsdiensten – Ash-Shawkat und Hafez Makhlouf -, die schwere Verletzung des Außenministers und einer Menge anderer ist ein Ereignis, das gerade den ganzen Entscheidungsprozess auf operativer Ebene abrupt und „nachhaltig“ desorganisiert.
Deshalb ist das Niveau der Planung und die Qualität der Ausführung dieser Morde ganz sicher außerhalb der Möglichkeiten all der Pfeifen, die dafür die Verantwortung übernommen haben. Selbst bei noch so chaotischen, typisch arabischen Zuständen kann Sprengstoff in ein Gebäude dieses Ranges nur dann gelangen, wenn es einen Verräter gibt, der mindestens auf dieser Ebene angesiedelt ist und dort entsprechenden Zugang hat. In die Kasernen und den Stab der Republikanischen Garde einzudringen ist auch keine Aufgabe für Typen von der Straße oder „bewaffnete Demonstranten“. Mit anderen Worten, hier hat man es höchstwahrscheinlich mit einer Episode der Zusammenarbeit eines oder einiger führender syrischer Clans mit westlichen Geheimdiensten zu tun.
Mit gesundem Menschenverstand betrachtet, kommt eigentlich nur ein konkreter Clan in Frage, der Zugang auf einer solchen Ebene hätte – der Tlass-Clan. Dabei geht es nicht einmal um den vor kurzem geflohenen Repräsentanten – Manaf – dieses Clans. Es geht eher um das Haupt – den ehemaligen Verteidigungsminister Mustafa Tlass, der in Paris lebt. Mustafa Tlass ist eine der einflussreichsten, klugen und fähigsten Personen der syrischen Elite. Im Prinzip war es genau er, der Baschar al-Assad an die Macht brachte und ihn dabei unterstützte, den durchaus entschiedenen Widerstand eines Teils der Elite zu überwinden. Auf das Konto von Tlass gehen einige Umstürze in der arabischen Welt des letzten halben Jahrhunderts. Der Umsturz von 1963, nach dem Hafez al-Assad an die Macht gekommen ist, kam in mancherlei Hinsicht durch das Wirken des Mustafa Tlass und die Unterstützung seines Clans zustande.
Heute gibt es wohl kaum einen Syrer, der einflußreicher wäre. Es wäre also logisch zu vermuten, dass der Westen genau mit ihm über eine Neukonfiguration der Macht in Syrien verhandelt oder zumindest verhandelt hat. Haben solche Verhandlungen am Ende zu einem Konsens geführt, dann hätte der Westen Zugang ins „Herz“ der syrischen Führungselite gewonnen. Das bedeutet nicht, dass Tlass einfach so, selbst mithilfe des Westens, dazu in der Lage wäre, eben mal einen Umsturz zu bewerkstelligen. Es gibt viel zu viele einflussreiche Leute, die sich selbst zur Elite zählen und sich darin nach einem Umsturz keinen Platz mehr ausmalen. Aber es gibt auch eine Menge solcher, die sich werden halten können. Der Logik nach werden erstere vernichtet, mit den letzteren wird man sich zu einigen versuchen. Weder das eine, noch das andere werden irgendwelche von sonst wo außerhalb Dahergelaufenen bewerkstelligen können, auch kaum mit ganzen Wagenladungen voller Dollars oder Super-Sondereinsatzkommandos. Im Osten ist es wichtig, mit wem man zu tun hat, ob man ihm vertrauen kann. Mustafa Tlass ist dafür ein viel zu offensichtlicher Kandidat.
Es gibt sicher noch weitere, durchaus ähnlich einflussreiche Clans und Autoritätspersonen. Momentan ist es nicht einmal so wichtig, ob jetzt die Tlass mit hinter diesen Anschlägen stehen oder nicht. Wichtig ist erst einmal festzustellen, dass ein solcher, in jedweder Hinsicht perfekt geplanter und ausgeführter Anschlag kaum ohne die Beteiligung von bestimmten einflussreichen Personen und / oder Gruppen möglich gewesen sein wird. Das ist ein kolossales Problem für Baschar al-Assad. Ein ernsteres, als irgendwelche Bombardements. Wenn er es nicht schafft, dieses zu lösen, haben alle anderen Bemühungen im Lande keinen Sinn.

Tags:

Trackback von deiner Website.

  • http://english.al-akhbar.com/content/manaf-tlass-defection-story

    „Slicing Syria“

    http://www.innercitypress.com/syria1delay071812.html

    „Der äußere Zirkel besteht aus den Kreaturen dieser Leute. In erster Linie sind das die Militärs.“
    Das Verhältnis ist mindestens wechselseitig, was Du selbst einräumst, indem Du Bashar al Assad weiter unten als eine „Kreatur“ des ehemaligen Verteidigungsminister Mustafa Tlass beschreibst, ohne diese Nomenklatur zu verwenden.

    Hast Du irgendwo vernommen, daß Manaf Tlass offiziell seines Postens enthoben worden sei? Ich nicht.

    „Das ist ein kolossales Problem für Baschar al-Assad.“
    Seh ich nicht. Warum? Wieviele Battalionskommandeure benötigte ein Putsch in Syrien? Sieben oder zehn? Mehr? Oder vielleicht auch nur drei in günstiger Position?

    Der Erfolg des Attentates scheint mir jedenfalls der erste und einzige Segen, den der Syrienkrieg für die Bevölkerung gebracht hat, weil er die republikanisch gesinnten Kräfte (im Unterschied zu den ständischen Schlächtern, Folterern und Absahnern) in der Armee nur stärken kann, und die dürften mit Assad sein!
    Deshalb geht es m.E. jetzt darum, ob die Republikaner ohne Kämpfe in der Armee die Oberhand gewinnen können, oder nicht. Falls nicht, ist die Zerlegung des Landes in Provinzen mit dem Attentat eingerührt.

    • Anonymous

      Aus dem Sarsura-Blog:

      >> kaumi on 19. Juli 2012 at 08:55 schrieb:

      Ungeprüfte Meldung, aber macht in Syrien die Runde:

      Die FSA/SNC/Al Qaida haben keinen direkten Einfluß auf den Bombenanschlag gehabt.
      Vielmehr habe ein “westl. Geheimdienst” mit Hilfe eines Mitarbeiters des Amtes von Hisham Al Ikhtiar eine 40-50 Kg-Bombe bereits am Samstag im Versammlungsraum platziert, und zwar zwischen zwei abgehängten Decken über den Köpfen der Minister.
      Beschuldigter “Verräter” würde sich derzeit im Hause des amerikanischen Botschafters aufhalten, keine 150 m Luftlinie vom Anschlagsort entfernt.< < Das dürfte vor allem apxwn interessieren, da es sich auf einer Wellenlänge mit seiner These befindet.

    • Manaf Tlass ist zurück in Syrien, schon gehört? :)

  • Anonymous

    Siehe den aktuellen Beitrag von „kaumi“ im Sarsura-Blog. Dürfte für dich sehr interessant sein…

  • Hafez kam 1970, nicht 1963 an die Macht. Davor war er Verteidigungsminister.

    Und bezüglich 9/11: Ich habe mich mit den ganzen Theorien von Sprengungen, WTC 7, Pentagon usw. auseinandergesetzt.
    http://arprin.wordpress.com/2011/09/11/systemkritik-und-911-teil-4-die-lugen-der-truther/#more-315

    Wenn man bedenkt, dass 15 der 19 Attentäter aus Saudi-Arabien kamen, einem offiziell befreundeten Land der USA, und kein einziger aus dem Irak oder Afghanistan stammte, ist ein Inside Job doch äußerst unwahrscheinlich…

    • Arprin, danke.

      Ich habe mich mit 9/11 nicht näher beschäftigt, als dass ich mal „Loose Change“ geguckt habe.

      Trotzdem ist Dein letzter Absatz ein non sequitur: wenn die Mehrzahl der Attentäter aus einem der USA befreundeten Land kamen, kann man gerade von einem „Inside Job“ sprechen. Aber das Thema 9/11 interessiert mich bestenfalls hinsichtlich geopolitischer Konsequenzen. Zu den näheren Umständen ist, denke ich, von allen Seiten genug gesagt worden.

  • Es ist eine eigenartige Lage auf dem Nachrichtenmarkt entstanden.
    BBC, Guardian, NYT usw. reden von e-r „dramatischen Verschlechterung der Lage“ für das „Regime“, betonen aber, seine Position sei militärisch weiterhin „stark“ & „das Ende“ werde noch Wochen oder Monate auf sich warten lassen.
    RT und Xinhua gehen im Grundsatz mit, lassen jedoch die Relativierungen vermissen.

    Liberation hat am 15. einen Augenzeugenbericht veröffentlicht, der dem syrischen Grenzregime gegenüber der Türkei im Raum Aleppo ein unerwartet gutes Zeugnis ausspricht. Das kann Verkaufsstrategie sein (Drama „läuft“ besser), aber ich fand im Laufe der vergangenen Woche eine Reihe meist unscheinbarer Bestätigungen von verschiedener Seite dafür, auch für die wirksame Unterstützung der Verteidiger durch kurdische Einheiten. Das Neueste: SANA meldete heute die Rückeroberung der Grenzstadt Azaz. Offenbar fürchtete die Armee derzeit keine türkische Provokation im Grenzgebiet – und sei es nur, weil Erdogan zu der Zeit in Moskau weilte – sonst hätte sie sich das nicht getraut. Täglich gibt es Kampf- und Siegesmeldungen aus dem Raum Al Qsair, untermalt von Beschwerden über Grenzverletzungen im Beiruter „Daily Star“. In London und Paris übertrifft man sich mit Angaben über die Zahl der Kämpfer „unter Kommando der FSA“, von 20 über 30 und nun gar 40 Tausend (Libération von heute), während die US-Medien sich dahingehend eher bedeckt zu halten scheinen. In Al Akhbar wiederum liest man in diversen Artikeln von 7 bis 10.000 Bewaffneten, besonders viele in Al Rastan und Douma, sodaß auf die anderen Schauplätze maximal einige Hundert entfallen könnten.
    Insgesamt habe ich den Eindruck, die Intervention ist in einer Sackgasse; und wenn sich die expliziten Hoffnungen des Brooking-Instituts nicht bestätigen sollten, daß jetzt wenigstens drei, und dann bald mehr Battalione meutern, wird das Imperium zu drastischen Mitteln greifen „müssen“, um eine Niederlage zu vermeiden, die zwar den Krieg nicht zugunsten der Verteidiger wendet, aber ein Rückschlag in der Gesamtstrategie der Provinzialisierung und Rekolonialisierung Asiens und Afrikas wäre. Das entspräche der zwischenzeitlichen Niederlage des Imperiums in Libyen Juni/Juli ’11, die dort allerdings auf Volksbewaffnung und zivilem Widerstand ruhte.

    Wenn wir diese Lage hypothetisch unterstellen, müssen die staatlichen oder staatsnahen Akteure, die an dem Attentat beteiligt waren – wo immer und wo verteilt sie hocken – das strategische Ziel im Auge gehabt haben, entweder über weitere „Maßnahmen“ eine volle Internationalisierung des Krieges zu erzwingen, oder lokale Akteure zwecks Vermeidung derselben zu nötigen, Obama wie Clinton mit einer Rekonfiguration (wie apxwn das treffend nennt) der syrischen Despotie unter einigen rituellen Menschenopfern zu befrieden.
    Wenn das so wäre, plädiere ich, daß jeder, der zum Thema schreibt, sich durch den Kopf gehen läßt, inwieweit dieser Verlauf nicht das kleinere Übel für eine große Zahl von Leuten wäre. Das Zeitfenster für ein wirksames Eingreifen Russlands – etwa mit einem Gas-Boykott der kriegführenden Türkei und einer gleichlautenden glaubwürdigen Drohung gegen die EU – ist geschlossen. Der Krieg ist verloren – also laßt uns für diejenigen schreiben, die die Schlachterei abkürzen wollen. Und dazu zählen, meine ich, auch viele aus den Reihen der MB’s, und sei es nur aus taktischen Gründen, um den Salafis das Wasser abzugraben.

    • No pasaran, Kollege.

    • Naja, war eine Schwachheit, beruhend auf dem ebenso impulsiven wie illusionären Wunsch, irgendwas für die Leutz Nützliches tun zu können.

      So bleibt es halt bei dem archaischen Verlauf aller Kriege unter dem Signum des Patriarchates, daß alle (männlichen) Beteiligten „tun, was sie tun müssen“, den kryptischen Weisungen des Benjamin’schen „Engels der Geschichte“ folgend, der Logik der Fetische und Götter, die sie über sich stellten, anstatt im Verein mit den Weibern Selbst-Schöpfer zu bleiben.