Archiv für August, 2012

Said Afandi

Scheich Said Afandi al-Tschirkawi
Scheich Said Afandi al-Tschirkawi
Jemand verlangte hier neulich Stellungnahmen und “Abbürstungen”, und ich wünschte, es wäre nicht so schnell wirklich notwendig geworden.
Vorgestern ist der Sufi-Scheich Said Afandi al-Tschirkawi in Dagestan einem Selbstmordattentat zum Opfer gefallen. Das ist nicht einfach nur irgendein nächstes Opfer irgendwelcher Terroristen. Mit diesem Mann wurde eine der beiden größten und konsequentesten anti-wahhabitischen Autoritäten im Kaukasus umgebracht – die andere solche Autorität ist zweifelsohne Ramsan Kadyrow. Said Afandi hatte keinerlei staatlichen Machtbefugnisse wie letzterer, allerdings genoß er als Scheich der Naqschbandi- und Schadhilīya-Tariqas eine enorme Autorität.
Russland hat durch diesen Mord wieder einen enormen Verlust erlitten, das muss man gestehen. Dabei ist die Tendenz recht deutlich zu bemerken: nach dem dreisten Doppelanschlag in Tatarstan und diesem neuerlichen Selbstmordanschlag kann man mit Sicherheit sagen, dass man es hier mit einer konsequenten Kopfjagd auf die Vertreter des traditionellen Islam in Russland zu tun hat. Man bombardiert das Hauptquartier, um mit Mao zu sprechen.
De facto läuft eine regelrechte Operation zur Auslöschung derer, die der Attacke des Wahhabismus auf Russland substantiellen Widerstand zu leisten vermögen. Das Ziel ist dabei klar: sie sollen entweder vernichtet werden oder sonstig in der Versenkung verschwinden, mit anderen Worten: ausgeschaltet werden. Eine defensive Haltung wäre hier folglich vollkommen unangebracht.
Denn es geht um nichts Geringeres als eine regelrechte Kriegserklärung, das heißt, die Russen müssen entweder diese Herausforderung annehmen oder eben gleich die “Hände hoch” machen. Es wird nicht mehr funktionieren, einfach so zu tun, als sei alles gut und es gäbe hie und da ein paar kleine Probleme. Was jetzt Not tut, ist eine schnelle und entschiedene, dabei auch massive Antwort: bestimmte islamische oder so tuende Organisationen verbieten, Strukturen zum Kampf mit solchen Auswüchsen schaffen, wahhabitische oder generell ausländisch geprägte islamische Schulen und Kultureinrichtungen schließen, und was die Prediger des “reinen Islam” angeht: ausländische des Landes verweisen, die inzwischen herangereiften eigenen unter Verschluß bringen. Leuten aus Behörden und Machtstrukturen sowie Unternehmern, die diese begünstigen oder mit ihnen zusammenarbeiten, gnadenlos einen Riegel vorschieben. So oder so. 
Die Attentäterin, eine Konvertitin namens Aminat Kurbanowa
Denn der Systemcharakter dieser Vorgänge ist nicht zu übersehen. Fast zeitgleich wurde die Russische Kirche attackiert, nach Denunziationen ihrer Hierarchen und Verspottung ihrer Heiligtümer ging es sogleich los mit Aktionen gegen Symbole des Glaubens. Das und die Anschläge gegen islamische Führungspersönlichkeiten lassen den Gedanken aufkommen, dass die Religion die letzte Hürde auf dem Weg zum totalitären Liberalismus sei, oder – im Vokabular des entsprechenden Wertesystems ausgedrückt – zum Satanismus. Die Verbrüderung der Führungsfiguren aus der weißbebandeten, im Westen gefeierten “kreativen” russischen Opposition mit den Feinden der Kirche und denen des traditionellen Islam bildet mehr oder weniger den Abschluß bei der Schaffung der Front, die in gar nicht so langer Zeit mit den nächsten “Märschen der Milliarden” auf die russischen Straßen gehen wird. Es steht dabei außer Zweifel, dass diese ganzen Exzesse von Oben durch einen Teil des russischen Establishments “gedeckelt” werden. Des Establishments, das im Winter und Frühjahr keinen Erfolg mit all den irren, gesponserten Aktionen auf den Moskauer und Petersburger Straßen hatte. Dieses Establishment wird bei seinen Versuchen, die faktische Doppelherrschaft in Russland zu seinen Gunsten zu kippen, nicht einfach so aufgeben.
Dieser wirklich ernstzunehmenden Bedrohung kann man fast nur eines entgegensetzen, nämlich Gegenfeuer auf die feindlichen Hauptquartiere. Beginnend mit der Beseitigung der Gefahr auf höchster Ebene. Angefangen mit dem Premier und seiner Clique, die viel zu deutlich erkennbar hinter den Ereignissen im Frühjahr dieses Jahres steht. Bis hin zu den lokalen Beamten, die eigenen Nutzen aus den Unruhen zu ziehen gedenken, ob das nun persönliche Bereicherung oder das Ausstechen von Konkurrenten ist. Es hilft nichts, es muss eine Wiederholung dessen her, wie man sich Chodorkowskis entledigt hat. Soll man die entsprechenden Oligarchen und Compradores, welche die “weiße”, “grüne” und sonstige Opposition finanzieren, also ruhig für Falschparken oder Rauchen am Arbeitsplatz wegsperren. Und zwar für lange. Denn die Erfahrung Baschar al-Assads zeigt, dass man sich mit der Furcht vor ein wenig Blut am Beginn der Unruhen am Ende ein landesweites Blutbad einhandelt. Russland ist viel zu nah an der Schwelle genau zu diesem Szenario, als dass es noch lange darüber nachdenken kann.
Tja, und wenn der jetzige Präsident das nicht riskieren will, braucht Russland einen anderen. Und zwar sehr, sehr dringend. Nur, woher nehmen…

König Abdullah im Urlaub – Flugwetter über der Levante

König Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saʿud

König Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saʿud

Saudi-Arabiens König Abdullah geht “in Urlaub” und gibt eine Anordnung heraus, die Kronprinz Salman für die Zeit seiner Abwesenheit mit allen Befugnissen ausstattet: “Wir (König Abdullah) erteilen entsprechend unserer Anordnung Kronprinz Salman die Befugnis, die Staatsangelegenheiten zu führen und die Interessen unseres Volkes in der Zeit unserer Abwesenheit zu wahren.”

Formal ist das reine Routine: der König fährt zur Kur und beauftragt den Kronprinzen und Verteidigungsminister in Personalunion damit, die Interessen der Krone zu vertreten. Faktisch aber besteht angesichts des Alters und des Gesundheitszustands des Königs die Möglichkeit, dass wir es hier fast mit dem Verweser des saudischen Throns zu tun haben.

Wochenschau, Folge 42

Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien
Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien

Themen sind diesmal Syrien inkl. Chemiewaffen, der Wahhabismus in Russland (Nordkaukasus und Wolgagebiet), Ägypten sowie – zurück in Syrien – die erbarmungslose Terrorgruppe Al-Humurun, die in den Kampf gegen “das Regime” einsteigt.

Dieses russische Projekt kann man sich auch auf Englisch anschauen, hier die aktuelle Folge mehr oder weniger exklusiv in deutscher Sprache. Für Leute “auf Arbeit” oder mit sonstiger Youtube-Blockade findet sich das Transkript unter dem eingebetteten Video.
Die Lage in Syrien bleibt angespannt. Das liegt aber nicht an den militärischen Erfolgen der Banditen, sondern an der sich zuspitzenden internationalen Situation dazu. In dieser Woche wurde wieder das Thema der chemischen Waffen und einer Militärintervention angestoßen. Wir hatten bereits angemerkt, dass je hoffnungsloser die Lage der Rebellen ist, zu desto radikaleren Schritten der Westen bereit ist. So droht nun Barack Obama selbst mit adäquaten Maßnahmen für den Fall, dass Assads Chemiewaffen “außer Kontrolle” geraten. Darin unterstützt ihn der britische Premier David Cameron. Auch Frankreich schließt sich den Drohungen an, indem es vorschlug, in Syrien eine Flugverbotszone nach libyschem Vorbild zu errichten.
Mit anderen Worten, man bereitet weiter den Boden für eine Provokation mit chemischen Waffen als eine Variante der Rechtfertigung einer ausländischen Invasion vor. Dieses Schema ist nicht neu, aber effektiv. Es könnte zum Beispiel einen Anschlag mit C-Waffen in einer der Städte geben, wonach man den Angriff Assad zur Last legt. Man könnte Attacken der Rebellen auf ein Chemiewaffenlager organisieren und unter dem Vorwand, dieses vor Terroristen zu schützen, eine Militäroperation starten. Egal was, alles scheint recht zu sein, um einen Vorwand für Militärschläge gegen die syrischen Regierungstruppen zu bekommen.
Dabei tauchte auch die Information auf, dass US-Spezialeinheiten auf israelischem und jordanischem Gebiet in volle Bereitschaft versetzt wurden, um eine Operation zur Sicherung der Chemiewaffenlager durchzuführen. Anderweitig bestätigt wurde das allerdings bisher nicht.
Interessant ist noch eine weitere Sache. Mehr und mehr Rebellen in Syrien verzichten auf das Deckmäntelchen der Kämpfer für Demokratie und geben sich offen als islamische Radikale zu erkennen. Dabei erklären sie, dass “Al-Kaida” sie weit mehr unterstützen würde als der Westen, folglich gilt es, mit ihr gemeinsam zu kämpfen. Es ist bekannt, dass die wahhabitischen Einheiten, die in Syrien operieren, durch Söldner aus Libyen, dem Irak, Afghanistan, Jemen und anderen Ländern gestellt werden. Selbst Tschetschenen sind im syrischen Konflikt aufgetaucht. Unlängst wurde in Syrien Rustam Gelajew, der Sohn des tschetschenischen Terroristen Ruslan Gelajew, liquidiert. Sein Vater wurde 2004 von russischen Grenzsoldaten unschädlich gemacht.

Russland: Wahhabitische Internationale

In letzter Zeit macht sich eine Zunahme terroristischer Aktivität im Nordkaukasus, Tatarstan und Kasachstan bemerkbar. Die ganze Woche über wurden Dagestan und Inguschetien von Anschlägen erschüttert. In Tatarstan haben sich drei Islamisten beim Versuch, einen Sprengsatz zu bauen, in einem Pkw in die Luft gesprengt. Einer von diesen mit Namen Asat tauchte bereits in einer unserer Ausgaben auf. Diese Bilder der 39. Folge zeigen eine Demonstration tatarischer Islamisten in Kasan.

Die Leute assoziieren Wahhabiten mit Terroristen. Egal wo man hinkommt, viele drehen sich um und starren, weil man im Fernsehen immer erst bärtige Männer beim Gebet sieht, und dann Explosionen. Leute, die sich nicht auskennen, assoziieren bärtige wahhabitische Männer offenbar deswegen damit. Warum wird eine Schwester mit Kopftuch immer gleich damit assoziiert? Weil die Menschen vom Fernsehen so abgerichtet worden sind.

Unlängst gab es ungeachtet eines Verbots eine weitere Demonstration in Kasan. Als die Polizei daran ging, diese Demonstration aufzulösen, ereigneten sich diese Szenen. (Im Video ab 04:08.)

- Allahu akhbar! Allahu akhbar!…
- Allah, verfluche die Ungläubigen!
- Nur einer soll sprechen…!
- Allah, verfluche die ungerechten Unterdrücker!
- Oh Allah, mögest Du all ihre Intrigen gegen sie wenden!
- Oh Allah, mögest Du all Deine Feinde vernichten!

Es entsteht der Eindruck, dass man hier nicht im Herzen von Russland, sondern in einem Land des “Arabischen Frühlings” ist.
Inwieweit das Erstarken der Wahhabiten in Russland eine Bedrohung ist und wie die Regierung darauf reagiert, soll uns ein Experte kommentieren.
Mit uns verbunden ist Jana Amelina, die Leiterin des Sektors für Kaukasus-Forschung am Russischen Institut für Strategische Forschung.

- Jana, guten Tag! Sagen Sie bitte, besteht derzeit eine Verbindung zwischen den Wahhabiten im Nordkaukasus und denen im Wolgagebiet?

- Sicherlich besteht sie. Und das nicht nur heute, sondern sie funktioniert schon seit einigen Jahren ziemlich gut. Es begann auf rein ideologischem Gebiet, jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass es bereits auf der Ebene der Organisation so weit ist. In jedem Fall stand dies früher oder später zu erwarten, und das betrifft nicht nur die Verbindungen zwischen den Wahhabiten des Kaukasus und denen des Wolgagebiets, sondern auch solche mit den Wahhabiten in Zentrasien und anderswo.

- Sagen Sie bitte, hat die Regierung denn nach den Anschlägen in Tatarstan den Ernst der Lage begriffen, oder haben Sie den Eindruck, dass das Problem nach wie vor unterschätzt wird?

- Es entsteht der Eindruck, als hoffe man darauf, dass sich die Sache im Sande verläuft. Man möchte das natürlich nicht glauben, aber der momentane Eindruck geht in diese Richtung. Das hieße, die Regierung nimmt selbst so deutliche Signale nicht zur Kenntnis. Und das ist schon seltsam.

- Womit, denken Sie, hängt das zusammen? Mit bürokratischer Behäbigkeit oder mit Lobbyismus?

- Zweifellos gibt es einerseits Lobbyismus und das Eindringen von Islamisten in die Machtstrukturen und in die Reihen der Sicherheitskräfte. In den vergangenen anderthalb Jahren gab leider es genügend Informationen, dass es sich eben so verhält. Das betrifft sowohl die Ebene der Föderation als auch vielerorts die Regionalebene. Man muss also leider konstatieren, dass es in den Machtstrukturen eine Menge an Leuten gibt, die den Islamisten aus irgendeinem Grund sympathisieren oder die tun, was diese von ihnen wollen.
Mittlerweile hat man den Eindruck von einer direkten Konfrontation zwischen den Islamisten und ihren Gegnern im weitesten Sinn dieses Wortes. Das sind nicht nur Gegner im religiösen Bereich, sondern Menschen, die den Islamismus aus ganz verschiedenen Gründen ablehnen. Aber der gemeinsamen Bemühungen ist es immer noch nicht genug. Ein wenig wundert und schreckt mich diese Situation. Es ist seltsam, dass Menschen, die direkt betroffen sind, die Gefahr einfach nicht erkennen. Von daher die ungünstige Prognose. Diese Jungs aber fürchten sich vor nichts und sind aktiv. Es scheint, als sei diese Seite auf dem Vormarsch und geht zu regulären Aktionen über, so wie zum Beispiel in Tatarstan, wir aber suchen immer noch Antworten auf irgendwelche Fragen. Das heisst, wir rennen der Realität hinterher, was nicht zuletzt angesichts ihres Aktionismus sehr unangenehm ist.

Ägypten: Einen Anfang kennt die Revolution… (ein Ende kennt sie nicht)

Anmerkung: Die Überschrift ist der Refrain eines alten russischen Revolutionslieds.
Wir setzen unsere traditionelle Betrachtung der Länder fort, in denen die “arabische Revolution” gesiegt hat. Diesmal wenden wir uns nach Ägypten. Zur Erinnerung, nach dem Sturz von Hosni Mubarak sind hier die Moslembrüder und Präsident Mohammed Mursi an die Macht gelangt und haben dadurch kolossale Möglichkeiten in die Hand bekommen. Genau dafür haben die Ägypter sich im vergangenen Jahr gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, sich Schlachten mit der Polizei geliefert und Schaufenster eingeworfen. Was aber nun?
Ende der Woche kam es in Kairo wieder zu Unruhen. Eine Menge von mit den neuen Machthabern unzufriedenen Menschen hat versucht, zum Präsidentenpalast zu gelangen; sie wurden vom Militär daran gehindert. Kurz zuvor kam es auf dem sattsam bekannten Tahrir-Platz zu regelrechten Zusammenstößen zwischen Sympathisanten und Gegnern des neuen Präsidenten. Das Militär war gezwungen, sämtliche Zugänge zum Innen- und Verteidigungsministerium zu blockieren. Ähnliche Szenen haben sich in Alexandria abgespielt.
Womit sind die Ägypter heute unzufrieden? Vielleicht mit der mißlichen Lage der Wirtschaft. Der “Arabische Frühling” hat diese Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern wesentlich vertieft. Keine Hilfe waren auch die fast 6 Milliarden US-Dollar, die Ägypten nach der Revolution als Kredite aufgenommen hat. Die Regierung bittet den IWF nun um weitere 5 Milliarden Dollar, dabei ist das noch lange kein Griechenland. Ungefähr 3 Millionen Menchen leben in Ägypten am Existenzminimum. Das betrifft die Bewohner des nördlichen Nilgebiets, welche früher vorwiegend von staatlicher Unterstützung gelebt haben. Es ergab sich, dass die neuen Machthaber nicht in der Lage sind, das frühere Sozialhilfeniveau aufrecht zu erhalten. Daher gibt es Grund zur Annahme, dass der “Arabische Frühling” in Ägypten noch lange nicht abgeschlossen ist.

Bild der Woche

Auch diesmal haben wir eine Videoaufnahme aus Syrien in die Hände bekommen. Die Sache ist ernst und wir sind nicht zum Scherzen aufgelegt. Diese Bilder wurden uns von Aufklärungsdiensten zugespielt, sie zeugen davon, dass jetzt eine der gefährlichsten Mudschaheddin-Brigaden in den Kampf gegen Assad einsteigt – die “Al-Humurun”.
Ihre Mitglieder besitzen viel Erfahrung von Baustellen in Moskau und Sankt-Petersburg, aus diesem Grunde verbergen sie ihre Gesichter. Wie Sie sehen, sind diese kompromisslosen Regimegegner mit neuesten Schusswaffen ausgestattet: Auberginengranaten, Paprikawerfern und tragbaren Luftabwehrzucchini.
Nach allem, was wir wissen, handelt es sich hierbei um genau jene nicht-lethalen Waffen, die den Rebellen aus Holland geliefert werden.
Zumindest brauchen wir uns hier keine Sorgen darüber zu machen, dass die Freiheitskämpfer die Aubergine falsch herum ins Rohr schieben oder durch Paprika-Querschläger zu Schaden kommen.

Aleppos neuer Gouverneur

Muhammed Wachid Akkad und Marat Musin
Muhammed Wachid Akkad und Marat Musin
Neben der Reportage aus Aleppo hat Marat Musin von ANNA-News mit dem neuen Gouverneur von Aleppo, Muhammed Wachid Akkad, gesprochen. Das Interview wurde am 24.08.2012 geführt und am heutigen Tag veröffentlicht. Themen sind, grob über den Daumen, die allgemeine und wirtschaftliche Lage in der Stadt, die Flüchtlingssituation und auch ein kleiner Exkurs in die chemische Industrie der Stadt.
Die Videoaufnahmen des Interviews stellen keinen besonderen Mehrwert gegenüber einem Text dar, deswegen braucht es eigentlich keine deutsche Neuvertonung. Im und unter dem Text des Interviews kommen stattdessen ein paar Bilder aus Aleppo, wie Marat Musin sie vor einigen Tagen an ein paar russische Freunde gegeben hat.

Quelle: ANNA-News.
Marat Musin: Herr Gouverneur, Sie haben die Amtsgeschäfte in der Stadt erst vor drei Tagen, in einer extrem schwierigen Zeit, übernommen. Wie ist die derzeitige Lage in Aleppo?
Zivile Opfer
Zivile Opfer
Muhammed Wachid Akkad: Aleppo wurde von Terrorbanden überfallen, und zwar von Brigaden, die zuvor in Afghanistan, Tschetschenien und anderen Ländern Krieg geführt haben. Leider werden sie von der Türkei unterstützt, mit der Syrien früher immer die besten Beziehungen gepflegt hatte. Doch jetzt unterstützt die türkische Regierung die Terroristen, die Grenzen sind praktisch offen und die Terroristen überqueren sie mithilfe türkischer Sonderkommandos. Diese Terroristen führen sich gegenüber den Einwohnern höchst aggressiv auf, es kam sogar so weit, dass sie mitten auf der Straße Waffen zusammenschafften und die Einwohner dazu aufforderten, sich diese anzueignen – Sinn der Sache war es, in Syrien das Szenario eines Bürgerkriegs zu entfesseln, doch gottlob ist es zu keinem Bürgerkrieg gekommen.
Marat Musin: Bitte sagen Sie, wann rechnen Sie damit, dass die Stadt endgültig von den Rebellenbanden befreit wird?
Muhammen Wachid Akkid: Da die Armee größere Zerstörungen der Bausubstanz vermeiden will – denn es handelt sich hier ja um unsere, keine fremde Stadt, wir, Bürger dieser Stadt, leben hier – ist es unmöglich, bestimmte Fristen zu benennen. Wir werden die Stadt Schritt für Schritt säubern, bis sie endgültig sicher ist.
Marat Musin: Herr Gouverneur, wie ernsthaft sind die Schäden, welche die Rebellen der Stadt zugefügt haben?
Muhammed Wachid Akkad: Zerstörungen als solche betreffen nicht mehr als zwei bis drei Prozent der Bausubstanz – das ist nicht das Problematische, das werden wir wieder aufbauen. Viel schlimmer ist die Zerstörung der Wirtschaft. Sie haben den Handelsbereich komplett zum Erliegen gebracht, ihn vollständig ausgeraubt. Die Rebellenbanden haben dort eine Menge an Fabriken zerstört: die Fabrik für Stoffe, die Olivenölproduktion, die Baumwollverarbeitung. Syrien war ja früher eines der größten Baumwoll-Exportländer der Welt. Das ist der größte Schaden. Sobald all das vorbei ist, werden wir daran gehen, alles wieder aufzubauen und allmählich versuchen, in unsere Häuser und zu unserem gewohnten Leben zurückzukehren.
Flüchtlingszentrum Al-Ishan
Flüchtlingszentrum Al-Ishan (Aleppo)
Marat Musin: Herr Gouverneur, wie ist die Moral der Einwohner von Aleppo, wie ist die humanitäre Lage – gibt es viele Flüchtlinge, und wie werden diese versorgt? Ist in der Stadt die Versorgung aller Stadtteile mit Elektroenergie gewährleistet? Wie wird das Problem mit dem Stadtgas gelöst?
Muhammed Wachid Akkad: Insgesamt ist die Situation stabil. Zu Beginn der Krise hatten wir in Aleppo einen Mangel an Brot. Die Brotfabriken haben einige Tage lang stillgestanden, das hat uns große Schwierigkeiten bereitet. Inzwischen haben sie die Arbeit wieder aufgenommen, und diese Schwierigkeiten sind vorbei. Weiterhin schwierig ist die Lage deshalb, weil viele Versorgungswege zwischen der Stadt und den Vororten von den Terroristen blockiert werden, allerdings ist die Gesamtsituation in der Stadt normal. Die Terroristen zielen bewußt auf die Wirtschaft, sie wollen, dass Syrien in seiner wirtschaftlichen Entwicklung um 20-30 Jahre zurückfällt, damit Syrien in dieser Hinsicht zum Beispiel Somalia ähnelt und damit der Staat Israel in dieser Region keine wirtschaftlichen Konkurrenten hätte.
Flüchtlingszentrum Al-Ishan (Aleppo)
Flüchtlingszentrum Al-Ishan (Aleppo)
Marat Musin: Wo werden denn die Flüchtlinge aus den Stadtteilen, die von den Rebellenbanden besetzt werden, untergebracht? Wie werden sie mit Nahrungsmitteln versorgt?
Muhammed Wachid Akkad: In Syrien besteht eine enorme gesellschaftliche Solidarität der Menschen untereinander. Die Flüchtlingszahlen sind nicht allzu hoch, weil die Menschen, die aus den Zonen mit Kampfhandlungen fliehen mussten, größtenteils bei ihren Verwandten anderswo unterkommen. Zum Beispiel habe ich einen Bruder, eine Schwester und den Mann meiner Cousine derzeit bei mir in meinem Haus untergebracht. Sie sind zu mir gekommen und leben jetzt mit in meinem Haus.
Flüchtlinge zelten in den Straßen der Stadt (Aleppo)
Flüchtlinge zelten in den Straßen der Stadt (Aleppo)
Außerdem gibt es gesellschaftliche Institutionen, die sich der Wohlfahrt verschrieben haben und materielle Hilfe leisten, die Menschen unterbringen. Vor einigen Jahren hat Syrien 4 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen; zwei Millionen davon sind in Aleppo untergekommen. Wir haben früher ebenso Flüchtlinge aus dem Libanon aufgenommen, von denen rund 1,5 Millionen in Aleppo untergekommen waren. An Lebensmitteln haben wir genug und es reicht für alle, und tatsächlich ist es so, dass wir keine größeren Probleme durch die Flüchtlinge haben. Das, was man in den Medien meldet, also die syrischen Flüchtlinge in der Türkei, im Libanon und Jordanien, das sind tatsächlich einerseits die reicheren Leute, die ins Ausland gefahren sind und dort auf eigene Kosten die Zeit in Hotels verbringen und ihre Mittel in die Wirtschaft der Türkei, des Libanon oder Jordaniens stecken, und andererseits, die wirklichen Flüchtlinge, die in Flüchtlingslagern leben und derer es ungefähr 50.000 sind – das sind im Wesentlichen Verwandte bzw. die Familien der Terroristen.
Zelte in den Straßen von Aleppo
Zelte in den Straßen von Aleppo
Marat Musin: Gab es Provokationen im Zusammenhang mit den Chemiebetrieben in der Stadt selbst oder in der Provinz Aleppo?
Muhammed Wachid Akkad: In Aleppo gibt es keine Betriebe, die auch nur irgendeine Art chemischer Waffen produzieren würden. Das weiss ich sicher aus meiner Arbeitspraxis. Bevor ich Gouverneur geworden bin, war ich Mitglied des Stadtrates und verantwortlich für den Industriebereich. Es gibt in Aleppo also keine chemischen Waffen. Wir haben ein Werk für die Wasseraufbereitung, das Trinkwasser herstellt. Dort gibt es Anlagen, die mit Chlor arbeiten, und dieses Chlor wird nur für die Wasseraufbereitung genutzt. Ja, es handelt sich dabei um ein Giftgas, sofern es an die Luft gelangt, aber in Wasser gelöst ist es ungefährlich. Es sind auch keine großen Mengen – unsere Vorräte daran reichen für die Wassermenge von zwei bis drei Tagen. Das zweite Werk, wo es ein potentiell gefährliches Gas gibt, ist ein Gasverflüssigungswerk für handelsübliche Gasflaschen. Dieses Gas ist Methan, es wird im Haushalt verwendet. Die Rebellen haben übrigens versucht, sich dieses Werks zu bemächtigen, allerdings wurde ihr Angriff von der Armee erfolgreich abgewehrt.
Heute passieren in Aleppo schlimme Dinge – die Rebellenbanden ermorden wahllos alle Regierungsbediensteten; sie gelten ihnen als Kuffār, die man umbringen muss. Zum Beispiel wurde unlängst ein Syrer ermordet, der in einem schwarzen Mercedes umherfuhr. Er war gar kein Regierungsbediensteter, sondern er wurde einfach erschossen, weil er einen schwarzen Mercedes fuhr – einen solchen Wagen halten die Rebellen für den Dienstwagen von Regierungsbeamten.
Marat Musin: Herr Gouverneur, die Republikanische Garde treibt die Säuberungen in Aleppo vorbildlich voran, und man kann davon ausgehen, dass diese Aktion in die Geschichte der Anti-Terror-Einsätze eingehen wird. Nach den Angaben allein für die vergangenen 24 Stunden sind 150 Rebellenkämpfer liquidiert und weitere 160 verwundet worden. Gibt es in diesem Zusammenhang vielleicht eine epidemiologische Gefahr, wie begegnet die Regierung der Stadt dieser Gefahr?
Strassen-Desinfektion (Aleppo)
Strassen-Desinfektion (Aleppo)
Muhammed Wachid Akkad: Es gibt bei uns Dienste, die nach Ende der Kampfhandlungen in die entsprechenden Gebiete fahren und innerhalb von 24 Stunden die Leichen wegschaffen. Mitunter brauchen sie auch länger, trotzdem werden sie komplett beräumt. Deshalb besteht keine epidemiologische Gefahr, es sind bisher kein größeres Auftreten von Infektionskrankheiten festgestellt worden. Unsere Krankenhäuser sind in etwa mittelstark ausgelastet, und wir gehen davon aus, dass es nun schon nicht mehr sehr wahrscheinlich ist, dass größere Patientenströme bevorstehen. In jedes Stadtviertel, das befreit worden ist, gehen die Dienste der Bürgerwehr (analog zu Katastrophenschutzdiensten – MM) hinein und führen eine Reinigung und Desinfektion der Straßen durch, nachdem die Leichen weggebracht wurden. Leider ist bei uns auch eine japanische Journalistin ums Leben gekommen, die allerdings illegal von der Türkei aus auf syrisches Territorium gelangt ist. Im Verlauf der Kämpfe kam sie ums Leben, wir konnten ihren Leichnam allerdings nicht bergen, denn sie wurde da bereits von den Rebellen weggeschafft.
Marat Musin: Herr Gouverneur, zum Schluss möchte ich Ihnen noch für Ihre freundlichen Worte über Russland danken. Was möchten Sie den russischen Bürgern übermitteln?
Muhammed Wachid Akkad: Ich möchte dem russischen Volk danken, seiner Führung, denn wir sind sehr dankbar dafür, dass Russland uns im UN-Sicherheitsrat unterstützt und mehrere Male von seinem Vetorecht Gebrauch machte. Das syrische Volk liebt Russland und schätzt das russische Volk. Zwischen unseren Ländern bestehen gute Beziehungen, die wir auch weiterhin festigen werden. Dabei hoffen wir auf ein baldiges Ende der Krise in Syrien.
Marat Musin: Herzlichen Dank!
Panzer der syrischen Armee vor der Zitadelle (Aleppo)
Panzer der syrischen Armee vor der Zitadelle

Spezialeinheit - Verteidiger der Zitadelle von Aleppo
Spezialeinheit – Verteidiger der Zitadelle von Aleppo

MG-Schütze der Spezialeinheit in der Zitadelle von Aleppo
MG-Schütze der Spezialeinheit in der Zitadelle

Marat Musin in der Zitadelle (Aleppo)
Marat Musin in der Zitadelle

Stadtpanorama Aleppo von der Zitadelle aus
Stadtpanorama von der Zitadelle aus gesehen

Republikanische Garde in Seif al-Dawla (Aleppo)
Republikanische Garde in Seif al-Dawla (Aleppo)

Einwohner begrüßen die Republikanische Garde (Seif al-Dawla, Aleppo)
Einwohner begrüßen die Republikanische Garde (Seif al-Dawla, Aleppo)

Marat Musin (ANNA-News) mit kugelsicherer Weste (Aleppo)
Marat Musin (ANNA-News) mit kugelsicherer Weste (Aleppo)

Jeep der Republikanischen Garde nach Rebellenbeschuss (Aleppo)
Jeep der Republikanischen Garde nach Rebellenbeschuss

Panzerfahrzeuge in den Straßen von Aleppo
Panzerfahrzeuge in den Straßen von Aleppo

Panzerfahrzeuge in den Straßen von Aleppo

Pickup mit MG (Aleppo)
Pickup mit MG – das können nicht nur die “Rebellen”

Einwohner eines befreiten Stadtteils wagen sich wieder aus ihren Häusern (Seif al-Dawla, Aleppo)
Einwohner eines befreiten Stadtteils wagen sich wieder aus ihren Häusern (Seif al-Dawla, Aleppo)

Kämpfer der Republikanischen Garde (Aleppo)
Kämpfer der Republikanischen Garde

News von der Blockbildung

Kasachstan positioniert sich zum Syrien-Konflikt (Altai Abibullajew)
Altai Abibullajew
Im heutigen Pressebriefing des Außenministeriums von Kasachstan läßt dessen Vertreter Altai Abibullajew hören, Kasachstan sei, abgesehen von der Besorgnis über das fortgesetzte Blutvergießen in Syrien, gegen eine auswärtige Einmischung – Versuche, sich von außen einzumischen seien unzulässig, weil dies insbesondere zu einer Verschlimmerung der Lage in Syrien und der gesamten Region führen könne.
Das klingt zwar erst einmal nach einer schablonenhaften Aussage, ist aber einerseits genau das, was die Syrer selbst und die Russen in Person von Lawrow immer sagen, und angesichts des übermorgen, am 29.08.2012, bevorstehenden Besuchs von Westerwelle, in dessen Mitverantwortung in Berlin eine Schattenregierung für Syrien trainiert wurde, die einmal anstelle der noch zu liquidierenden legitimen syrischen Regierung eingesetzt werden soll, erst einmal eine “Ansage”.
Für Kasachstan ist diese Position kein Umschwenken, aber früher haben die kasachischen Diplomaten sich eher vorsichtig zu den Ereignissen in Syrien geäußert.
Allerdings tritt in Kasachstan selbst mehr und mehr ein aggressiver salafitischer Untergrund zutage. Man beginnt zu ahnen, wie Syrien in seine derzeitige Lage manövriert wurde und zieht anscheinend die richtigen Schlüsse.
Jeder Krieg, der die Interessen eines bestimmten Staates betrifft, veranlaßt diesen, sich letztlich deutlich dazu zu positionieren. Kasachstan steht definitiv auf dem Weg der sich verbreitenden, radikalen Plage, mehr noch – die Kasachen sind bereits heute gezwungen, sich in lokalen Kämpfen mit eingedrungenen islamistischen Terrorgruppen zu verbrauchen. In diesem Sinne steht die Erklärung des kasachischen Außenministeriums natürlich genau im Strom der zu erwartenden Ereignisse – über kurz oder lang müssen sich alle zentralasiatischen Länder zum “Arabischen Frühling” positionieren. Kirgisistan und Tadschikistan spielen einerseits schon mit dem Katar, andererseits versuchen sie, als Mitglieder der OVKS auf zwei Stühlen gleichzeitig zu sitzen.
Man kann jedoch getrost davon ausgehen, dass die bis dato noch netten Scheichs demnächst ihre Hauer entblößen und von diesen Staaten eine eindeutige Positionierung verlangen. Für die Kirgisen steht das schätzungsweise ziemlich kurz bevor – in ein paar Tagen kommt Emir Al Thani persönlich auf einen Eimer Kumys vorbei. Der für Kirgisistan geplante Investitionsfonds von 100 Millionen Dollar ist dabei die Mohrrübe, welche den kirgisischen Revoluzzerhengsten Anreiz zum Handeln geben wird.
Die jüngsten Unruhen in Tadschikistan standen übrigens auch im zeitlichen Kontext der Unterzeichnung analoger Abkommen mit Katar. Deswegen auch hier der Verdacht, dass das wohl kein Zufall gewesen ist. Die Regierungen dieser Länder verstehen sehr wohl, dass ihre eigene Stabilität auch von außen gestützt werden muss, denn die inneren Widersprüche sind viel zu schwerwiegend, und viel zu wenig Boden und überhaupt Bereitschaft gibt es, sich mit den inneren Gegnern zu einigen. Allerdings muss man eine solche äußere Unterstützung natürlich auch irgendwie bezahlen.
Der Konflikt in Syrien ist dabei, die Welt allmählich zu polarisieren. Selbst ihm so scheinbar ferne Länder werden auf die eine oder andere Weise mit in die Prozesse hineingezogen, die vor mehr als anderthalb Jahren ins Rollen gekommen sind. Leider erscheint Russlands Politik in Zentralasien als vollkommen zahnlos – es gestattet seinen geopolitischen Gegnern ohne weiteres, sich in dieser Region wie zu Hause zu fühlen. Eine Ahnung davon, wie aktiv allein Katar in der Region ist, vermittelt eine simple Suchmaschinenerecherche (Beispiele: 1, 2.)

Reportage von ANNA-News aus Aleppo

Zitadelle von Aleppo

Seit drei Tagen war bekannt, dass Marat Musin mit Team von ANNA-News in Aleppo filmen. Sie sind erst gestern (24.08.2012) nach Damaskus zurückgekehrt und haben über Nacht ihre Reportage veröffentlicht. Es geht dort im Wesentlichen darum, wie die Zitadelle verteidigt wurde und wie es den Flüchtlingen geht. Gedreht wurde in der Zitadelle und im Stadtteil Seif al-Dawla (Südwesten der Stadt, proximal zum oft genannten Stadtteil Salah-ad-din).

Hierunter ist die deutsch vertonte Reportage sowie deren Transkript zu sehen. Später werden noch ein paar Fotos eingefügt (oder diese kommen in einem eigenen Beitrag). Quelle: ANNA-News.
Eine Woche nach Beginn der Operation “Vulkan in Damaskus” haben größere Kräfte der bewaffneten Rebellen die Wirtschaftsmetropole Syriens, Aleppo, angegriffen. Größeren Verbänden der FSA, die von der Türkei aus nach Syrien eingedrungen sind, ist es gelungen, eine Reihe von Stadtvierteln besetzen. Sie drangen von Süden, Südosten und Osten in die Stadt ein und gelangten bis zum historischen Zentrum der Stadt, wo sie die antike Zitadelle, die zum UNESCO-Welterbe zählt, attackierten. Diese wurde von einer 18 Mann starken Spezialeinheit verteidigt, der es gelang, die Rebellenbanden schnell aus ihr zu vertreiben. Allerdings wurden sie 9 Tage lang belagert, bis Armeeeinheiten mit Panzerfahrzeugen anrückten.
Leider ist dieses historische Objekt teilweise in Mitleidenschaft gezogen worden. [0045] Die Tore, welche vor hunderten von Jahren zahlreichen Belagerungen standhielten, liegen jetzt auf den Stufen der Zitadelle. Die Zitadelle selbst wird entsprechend ihrer ursprünglichen Bestimmung genutzt: an den schmalen Schießscharten, wo früher Armbrustschützen wachten, stehen heute automatische Granatwerfer. In den Räumen, die früher von Kreuzrittern und islamischen Kriegern besetzt waren, ruhen sich heute die Kämpfer der Spezialeinheit aus.
Die bewaffneten Rebellen vertrieben die Zivilsten aus den von ihnen besetzten Vierteln, weil sie deren Kollaboration mit der Armee fürchteten. Die, welche nicht bei Verwandten untergekommen sind, müssen derweil in Zelten hausen. Sie sitzen im Schatten der Bäume und warten geduldig darauf, dass sie wieder in ihre Häuser zurückkehren können. Nahrung und Wasser bekommen sie von der Republikanischen Garde, Freiwillige des Sozialen Zentrums leisten medizinische Hilfe.
Den Einwohnern von Aleppo, die ihre Wohnungen verlassen mussten, helfen eine ganze Reihe von Wohlfahrtsorganisationen. Im Flüchtlingslager Al-Ishan leben zum Beispiel 8.000 Menschen. Täglich wird hier für insgesamt 24.000 Menschen – die Bewohner des Lagers und andere Notleidende – Essen zubereitet. Die Freiwilligen hatten Mühe, die Kinder, welche mit unserem Filmteam in die Küche gelangt sind, von den großen Töpfen zu vertreiben.
Das Lazarett, das rund um die Uhr arbeitet, ist mit allen notwendigen medizinischen Gütern und Personal ausgestattet. Die Patienten, welche einer schwierigeren Behandlung bedürfen, schickt man in die städtischen Krankenhäuser.
Heute sind bereits viele Stadtviertel wieder von den Rebellenbanden befreit. Die zurückgekehrten Bewohner begrüßen voller Freude ihre Soldaten. Sie kommen aus ihren Häusern heraus und versorgen die Soldaten mit Erfrischungen.
Diese Einheit der Republikanischen Garde hat den Stadtteil Seif Al-Dawla gesäubert; die Einwohner umringen sie und berichten, was sie während des Rebellenangriffs durchmachen mussten.
Bisher hat diese Untereinheit der Republikanischen Garde während der Kämpfe in Aleppo 25 Kameraden verloren. Auch heute gibt es Opfer – von einem Scharfschützen wurde ein Leutnant ermordet, sein Leichnam wurde mit einem Panzer gebracht.
Die befreiten Stadtteile kehren allmählich zu einem normalen Leben zurück. Mithilfe solcher Tanklaster werden die Straßen desinfiziert, nachdem man die Leichen der Rebellenkämpfer weggebracht hat.
Die Einwohner müssen die Müllberge, welche sich seit Beginn der Kämpfe in Seif al-Dawla angesammelt haben, selbst entsorgen. Die städtischen Reinigungsdienste haben ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen.
Ungeachtet der jüngsten Erfolge der syrischen Armee bleibt ein Teil der Stadt weiterhin in der Hand der Rebellen. Auch die Straße Richtung Flughafen gilt noch als unsicher, deswegen werden die Menschen von einem MI-8-Militärhubschrauber dorthin gebracht.
Die Leitung des Anti-Terror-Einsatzes geht davon aus, dass sie innerhalb von 2 Wochen die Sicherheit in der Stadt wiederherstellen kann. Der Plan der FSA, Aleppo einzunehmen und nach libyschem Muster zu ihrer Basis umzufunktionieren, ist gescheitert.
Marat Musin, Olga Kulygina, Nellja Nowikowa. ANNA-News, Aleppo, Syrien.

Kadri Dschamil in Moskau

Bei der Visite des syrischen Vizepremiers Kadri Dschamil nach Moskau kann man zwei Ziele und Themen unterscheiden. Der erste Teil – der wirtschaftliche – war eigentlich nur Formsache, ist aber trotzdem interessant. Alle entsprechenden Verhandlungen sind im Vorfeld geführt worden, und Dschamil sprach lediglich davon, dass Syrien “…nun wirkliche wirtschaftliche Unterstützung von Russland bekommen wird, und das passiert bereits in den kommenden Wochen”. Es geht in erster Linie um Kredite, über deren Umfang und Bedingungen die Vertreter beider Länder sich bereits während der vorigen Delegationsreise nach Moskau ausgetauscht hatten.
Klar ist dabei, dass unter den schwer wiegenden Sanktionen die Mittel aus solchen Krediten nur in Syrien befreundeten Ländern überhaupt eingelöst werden können, und Kadri Dschamil hat auch die Liste dieser Länder genannt: Russland, China, Indien und Venezuela. Der Iran gilt dabei wahrscheinlich als selbstverständlich und keiner gesonderten Erwähnung wert.
Wie auch immer, man kann fast davon ausgehen, dass der russische Kredit in erster Linie auch für Güter aus Russland eingesetzt werden wird. Bei den von Dschamil genannten Ländern braucht man auch nicht skeptisch sein: sie stellen zusammen die Hälfte der Weltbevölkerung, gehören insgesamt zu den führenden Wirtschaftsländern, darunter ist ein Land mit enormen Rohstoffvorräten, drei davon besitzen Atomwaffen, eines davon ist im Besitz des ganzen Spektrums an strategischen Atomwaffen. Die auf diese Weise als “befreundet” eingestuften Mächte kann man also nicht ohne weiteres von der Hand weisen.
Wie auch anzunehmen war, zeichnet sich unter der Bedrohung eines Abrutschens der Welt in einen Weltkrieg (wie dieser aussehen wird, ist eine ganz andere Frage) die Bildung von sich gegenüberstehenden Koalitionen nun langsam ab. Interessant ist, dass alle Alliierten Syriens zu den Gläubigerländern gehören. Die ihnen entgegenstehende Koalition sind die Schuldner dieser Welt plus die arabischen Geldsäcke. Das klassische Schema dieser Koalition – einen Haufen Schulden machen und den Gläubiger dann beseitigen. Kennen wir alles schon.
Das zweite Thema des Moskau-Besuchs – derzeit von allen Medien mit großem “Ui!” beleuchtet – ist die Antwort auf die Frage nach einem möglichen Abtritt Assads:

Was seinen Rücktritt angeht: Diesen zu einer Bedingung für einen Dialog zu machen bedeutet, dass man niemals diesen Dialog erreichen wird. Während eines solchen Dialogs aber können wir über alle Probleme sprechen. Wir sind auch bereit, diese Frage zu erörtern.

Das von Kadri Dschamil Gesagte bedeutet übersetzt folgendes: Diese Frage wurde bereits von der syrischen Elite aufgenommen und wird besprochen, und wenn jemand bei solchen Gesprächen dabei sein möchte – bitte sehr. Die übrigen können sich trollen und mit ihren MGs durch die Steppe rennen. Die Ergebnisse der Gespräche zu diesem Thema wird das nicht beeinflussen.
Es stellt sich heraus, dass diese Auskunft eines der Hauptziele der Moskau-Reise der syrischen Delegation war. Solche Verlautbarungen macht man nicht einfach so aus der Kalten, sondern das sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ergebnisse vorangehender und schwieriger Konsultationen im eigenen Land und auch mit befreundeten Ländern.
Was Obamas “Sensation” über eine mögliche Intervention angeht, sollten die Syrer ihre chemischen Waffen irgendwohin schaffen, so hat Dschamil nur relativ gelangweilt angemerkt, dass dies wohl eher ein innenpolitishes Statement des US-Präsidenten gewesen ist. Tatsächlich weiß man, dass sich die US-Außenpolitik in der Regel so dreht, wie es innenpolitisch gerade nötig ist.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Von erlöschenden Vulkanen

Al Tal, Provinz Damaskus (20.08.2012)

Marat Musin von ANNA-News bringt eine frische Reportage von den Säuberungsaktionen im Ort Al Tal nahe Damaskus. An sich gibt es daran nichts außergewöhnliches, mit Ausnahme dessen, dass man sich fragt, wie lange man noch von den Restern des  “Vulkans in Damaskus” hören muss. Die Reportage liegt auf Linie: liquidierte und verhaftete Rebellenkämpfer, frohe Einwohner und absolut korrektes Vorgehen der syrischen Militärs.

Die Webseite von ANNA-News ist momentan nicht zu erreichen. Allerdings gab es dort vor zwei Tagen bereits die Information, dass der geflohene Ex-Premier Riad Hidschab offenbar bereits seit einem Monat vor seiner Flucht mit den Rebellen kollaboriert hat. Auf seine Anweisung hin sollen Salpetervorräte, die für die Landwirtschaft bestimmt waren, säckeweise aus den entsprechenden Lagerbeständen an die Rebellenkommandeure übergeben worden sein.
Dieses Detail wird auch in der Videoreportage erwähnt, wo man in einer sichergestellten Untergrundwerkstatt für Munition und Sprengsätze entsprechend Säcke mit Salpeter aus landwirtschaftlichen Beständen vorfand.
Hierunter die Videoreportage, darunter das Transkript zum Nachlesen. Die Computerfrau ist mitunter schwer zu verstehen.

Die Operation “Vulkan in Damaskus” ist kläglich gescheitert. Die bewaffneten Banden kommen zu Hunderten um, Dutzende werden gefangen genommen. Bei Zusammenstößen mit den Regierungstruppen haben sie praktisch keine Chance. Mit den Terroristen wird nicht lange verhandelt – immer seltener macht man Gefangene, was selbst von den Zivilisten nur begrüßt wird.
Vor einigen Wochen sind bewaffnete Kämpfer in die Stadt Al Tal in der Provinz Damaskus eingefallen. Die Republikanische Garde jagd sie und säubert die Stadt. Sie kam in einem Konvoi mit vielen Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeugen und Bussen in die Stadt, selbst Pickups mit MGs sind dabei.
Am Zugang zur Stadt treffen wir einen alten Bekannten aus Homs – einen Brigadegeneral der Republikanischen Garde. Allein der Name dieses Generals flößt den Rebellenbanden Furcht ein und ist ein Unterpfand des Sieges. Am Morgen wurde der General durch einen Streifschuß am linken Arm verwundet, hat seinen Einsatz aber erfolgreich beendet. Da er uns kannte, nahm er uns mit – kurz danach haben seine Einheiten eine Untergrundwerkstatt zur Fertigung von Munition und Sprengsätzen besetzt, dabei ein Dutzend Rebellen gefangen gesetzt und Waffen sichergestellt.
Marat Musin @01:05:

Die Säuberungen dieses Vororts von Damaskus gehen zu Ende. Die Stadt Al Tal stand unter dem Einfluss der Moslembrüder – viele ihrer Einwohner arbeiteten in Saudi-Arabien, von dort kamen Geld und Waffen. Die Zahl der liquidierten Banditen geht in die Hunderte. Diese Rebellenkämpfer wurden gefangen genommen.

Schauen Sie sich das Arsenal an, das vor nur einer Stunde sichergestellt wurde. Hier gibt es MGs, Jagdgewehre, Schrot, Kartätschen, alles, was man zur Herstellung von Patronen benötigt. Das hier ist Salpeter. Der vormalige Premier, der Verräter Riad Hidschab, hat unter Umgehung aller Vorschriften Anweisung gegeben, es von den landwirtschaftlichen Vorratslagern an die Rebellen auszuhändigen.

Die Moral der Rebellen ist gebrochen. Ihr größter Teil versucht zu fliehen oder die Sache in Ruinen, Baustellen oder verlassenen Wohnungen auszusitzen. Nur ein kleiner Teil leistet noch Widerstand und errichtet Hinterhalte.
Marat Musin bei 02:08:
Hinter diesem Gebäude haben sich Rebellen verschanzt, von wo sie die Republikanische Garde beschießen. Gerade eben sind ihnen zwei weitere Terroristen vom Berg hinab zur Hilfe gekommen.

Gardesoldat bei 02:21:

Zeigen Sie uns Ihre Ausweise. Junge, geh zurück, Dich brauchen wir nicht. Die Frauen sollen drin bleiben.

Die Gardesoldaten prüfen die Papiere aller Männer sorgfältig, nur mit Ausnahme der Familienväter. Der im Treppenaufgang angetroffene junge Vater wartet geduldig an der Schwelle seiner Wohnung, bis sich die Soldaten mit seinem Kind satt gespielt haben. Die Säuberungen unterbrechen das Leben der Stadt kaum – hier geleiten die Soldaten verhaftete Rebellen unter dem Gesang des Muezzin.
Am Berghang halten die Soldaten einen älteren Syrer fest – er sieht aus wie Bin Ladens eigener Bruder und trägt einen verschlissenen Kaftan. Der Großvater stellt sich als Einwohner der Stadt heraus. Die Papiere sind in Ordnung, man entschuldigt sich und läßt ihn gehen.
In diesem noch unfertigen Haus treffen die Soldaten unerwartet auf Rebellen. Zwei von ihnen haben sich im Erdgeschoss versteckt und gehofft, unbemerkt zu bleiben. Sie ergeben sich sofort. Der dritte, welcher ein Stockwerk darüber hockt, eröffnet das Feuer.
In dem kurzen Kampf kommt er um. Die oberen Stockwerke des Gebäudes sind nun sicher.
Dialog von Soldaten bei 03:33:
- Dort ist noch jemand drin!
- Ja, das bin ich.
- Nein, schau nach, da ist noch jemand. Da ist noch Terroristen. Es sind fünf.
- Nein, es sind drei. Zwei haben wir gefangen, der dritte ist geflohen.
Einige der Terroristen legen Frauenkleider an und versuchen, sich unter den Frauen zu verbergen.
Marat Musin bei 03:55:

Dieser junge Bandit hatte sich dort drüben versteckt. Dokumente hat er nicht bei sich, aber man erinnert sich noch von Homs an ihn.

Dieser zu Tode verschreckte Rebellenkämpfer aus Homs ist schon einige Male nur knapp mit dem Leben davongekommen. Wie in Homs, so versuchte er es auch hier über unterirdische Tunnel, doch diesmal ist ihm das nicht gelungen.
Die Untersuchung des langen Tunnel, den die Banditen für schnelle Verlagerungen in der Stadt nutzten, bringt keine Überraschungen – er ist leer und nur leere Plastikflaschen und Müll zeugen davon, dass sich hier Menschen aufgehalten haben.
Die Einwohner kommen zu den Soldaten heraus und bringen ihnen kühles Wasser, süße Feigen und Gebäck.
Auf den nahen Höhen zwischen den Ortschaften befinden sich Checkpoints der syrischen Armee, hier mit alten T-54-Panzern. Aber diese genügen, um die Bewegungen der Banden zu behindern.
Marat Musin, Olga Kulygina, Nellja Nowikowa. ANNA-News, Al Tal, Syrien.