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Riad Hidschab flieht nach Doha, Katar
Die Absetzung und/oder Flucht von Riad Hidschab bereitet Syriens Reputation natürlich einen derben Schlag – eine Führungspersönlichkeit, die gerade erst auf den Posten des Ministerpräsidenten gesetzt wurde, verdünnisiert sich.
Das zeugt vom immer enger werdenden Kreis der Leute, denen Baschar al-Assad vertraut. Für den syrischen Präsidenten ist es derweil wichtig, eine gewissen Balance in der Führung zu bewahren und die Posten nicht nur durch die ihm sowieso treuen Alawiten zu besetzen. In diesem Sinne ist es von wesentlicher Bedeutung, nicht nur die politische Opposition, sondern auch möglichst alle Volksgruppen und Konfessionen mit an die Spitze zu holen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der nun ehemalige Minsterpräsident einem “Überzeugungsprogramm” zum Opfer gefallen, das vom Katar gegen syrische Regierungsbeamte durchgeführt wird. Kein Wunder also, dass es ihn zu seinem neuen Herrn zieht. Wäre er vom Niedergang des “Regimes” überzeugt gewesen, hätte er einfach noch vor zwei Monaten das Angebot des Postens als Ministerpräsident ausgeschlagen oder sich schon zu diesem Zeitpunkt abgesetzt. Folglich kam ihm die “Erleuchtung” in der Zeit zwischen seiner Ernennung und der Flucht. Schon allein deshalb ist es unsinnig, über eine echte innere Überzeugung und die Motivation dahinter zu spekulieren, weshalb er sich jetzt in die Reihen der “geheiligten Revolution” einreiht.
Man kann Hidschab schwerlich als Feigling bezeichnen – seine Performance auf früheren Posten zeugt eher von einer gewissen Härte und Kompromisslosigkeit. Zumal die Schule, durch die er – Sunnit aus Dair-az-Zur – gegangen ist, Rückgratlose schon viel früher ausgesiebt hätte.
Zwei Varianten bleiben also: entweder wurde Hidschab durch Bedrohung seiner Familie und des eigenen Leibs & Lebens gebrochen, oder es sind ausreichend große Summen geflossen, die es ihm wert waren, das zu tun, was er getan hat.
Wie dem auch sei, man kann vorläufig mit recht großer Sicherheit folgenden Schluß ziehen: im näheren Umfeld von Baschar al-Assad gibt es bisher wahrscheinlich keine Verschwörer, denn es wäre für die Feinde Syriens unsinnig, eine solch wichtige Figur zu verlieren, die im Falle eines Umsturzversuchs einen maßgeblichen Einfluss auf die Ereignisse haben könnte.
Die Reise Hidschabs nach Katar belegt indes, dass es Bemühungen gibt, syrische Regierungsbeamte “wegzukaufen”. Wie groß die für dieses Regierungsprogramm des Katar bereitgestellten Mittel sind, kann man nur spekulieren, allerdings ist es klar, dass der Emir dabei nicht knausrig sein wird. Das Ergebnis, auf das er abzielt, muss diese Ausgaben im Endeffekt lohnend machen.
Diese Bemühungen zeugen auch davon, dass der Katar – da er auf die “gemäßigten” Islamisten von den Moslembrüdern setzt – versucht, eine Art Gegen-Elite aus der jetzigen syrischen höchsten Nomenklatur zu bilden, die den Moslembrüdern zugeneigt wäre. Denn für den Fall eines Syriens “nach Assad” ist ein Konkurrenzkampf der dann siegreichen Revolutionsprojekte – dem SNC als einem Projekt des Westens, der FSA der Türkei und den salafitischen Brigaden der Saudis – unausweichlich. Mit einer den Moslembrüdern gegenüber affinen, fertigen Gegen-Elite hätte der Katar recht schnell die Initiative bei der Verteilung der Beute.
Eine ähnliche Taktik verfolgte der Katar in Libyen, und nicht irgendwer, sondern Kronprinz Tamim persönlich war der Kurator der dortigen subversiven Aktivitäten. Dass die katarischen Kreaturen letztlich bei den “ersten freien Wahlen” in Libyen eingebrochen und stattdessen gar erklärte Gegner katarischer Machtbestrebungen, insbesondere Mahmud Dschibril, an die Macht gekommen sind, dürfte beim jungen Prinzen für einen mittelschweren Wutanfall gesorgt haben.
Durchaus möglich, dass nach den in Libyen gesammelten Erfahrungen die Herangehensweise des Katar ein wenig modifiziert wurde – jetzt werden eher Repräsentanten aus der “zweiten Reihe” der Regierungsgewalt bearbeitet, also Leute, die ohnehin daran gewöhnt sind, sich unterzuordnen und dabei kein eigenes politisches Gesicht und Gewicht haben.
Allerdings hat eine solche Umsturztechnologie eine Reihe von Schwachstellen. Die erste besteht darin, dass nur “ideologisch nahestehende” Personen aus der sunnitischen Gesellschaft für ein solches Headhunting in Frage kommen. Damit werden Vertreter von Minderheiten automatisch ausgeklammert, was schwerwiegende Folgen für den kommenden Machtkampf hätte.
Die zweite Schwachstelle wäre, dass die Revoluzzer, die eigentlich geneigt wären, ein paar Hinrichtungen oder öffentliche Erniedrigungen solcher “Ehemaligen” zu sehen, nun plötzlich wieder solche “Ehemaligen” an der Macht sehen. Ein solches Phänomen konnte man in Ägypten recht gut beobachten.
Eine goldene Regel darf man auch nicht vergessen: mit Verrätern hat niemand gern zu tun. Sie werden nur benutzt, bis ihre Zeit vorüber ist.
Und schließlich besteht das Hauptproblem darin, dass die Leute aus der “zweiten Reihe”, auf die der Katar zu setzen scheint, in der syrischen Elite kein Wort mitzureden haben. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Tlass’, die al-Akhras, andere einflussreiche Clans darauf einlassen, die Assads zugunsten irgendwelcher sekundärer Emporkömmlinge zu entmachten.

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