Nach Aleppo ist vor Annan

Einwohner begrüßen die syrische Armee in Aleppo, 12.08.2012

Die Anschläge vorgestern in Damaskus, bei denen Unbekannte einen Sprengsatz an einer Bank im Stadtviertel Marja zündeten und daraufhin wild um sich schossen, passen genau in das Schema, das voraussichtlich nach der militärischen Zerschlagung der Rebellenbanden als Szenario eintreten wird.

Dieses Szenario wurde in Syrien bereits vor der „Friedensinitiative“ Kofi Annans angestoßen, als spätestens im April die militärische Niederlage der Rebellen – nach der Befreiung des damaligen Benghazi-Analogons Homs – bereits einmal Wirklichkeit wurde, die Armee sich die strategische Initiative erarbeitet hatte und sie erst durch den „Waffenstillstand“ wieder aus den Händen geben musste. Zu dieser Zeit – in den Monaten März und April – begann genau solch eine Terrorwelle, die sich bis zu dem Moment zog, da die Rebellen erstarkt, neu bewaffnet und umgruppiert waren und anschließend zu neuen Angriffswellen übergingen.
Hier Aufnahmen vom gestrigen Sonntag aus Aleppo, gefilmt und erschienen bei ANNA-News:
In diesen Tagen kehrt alles wieder zur Situation von ungefähr April 2012 zurück. Die Niederlage in Aleppo macht einen organisierten Krieg gegen die Regierung unmöglich. Sicherlich lösen sich die Rebelleneinheiten nicht einfach in Luft auf – allerdings sind Versuche, bei einer offensichtlichen Niederlage eine einheitliche Kommandostruktur auf der Verliererseite zu etablieren und so einheitlich als organisierte Kraft gegen die Regierung vorzugehen, zum Scheitern verurteilt. Viel zu ernst sind die Differenzen in den Reihen der „Opposition“. Wenn man sich an Libyen erinnert, so hatten die Rebellenbanden selbst nach dem Fall Tripolis‘, als das Schicksal der Dschamahirija bereits besiegelt war, und noch während des Kampfes um Sirte sich bereits gegenseitig befehdet – durchaus bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Brigaden auf Rebellenseite. Unter Bedingungen wie jetzt in Syrien, wo ein theoretischer Sieg Äonen entfernt ist, ist es geradezu unsinnig, von Organisation und einheitlichem Kommando zu sprechen.
Man kann deswegen durchaus davon ausgehen, dass – wenn die Dinge ihren von außen ungestörten Lauf nehmen – in Syrien eine neue Phase des Krieges bevorsteht, oder besser: es wird auf mehreren Ebenen parallel weiter Krieg geführt werden müssen. Der Krieg der Islamisten, der Krieg, den die FSA weiter betreiben wird (und nach allen Anzeichen ist es gerade die FSA, die in einzelne, territorial operierende Banden zerfallen wird). Im Gewühl werden die Aktionen der ausländischen Terrorbrigaden weiterlaufen, welche lediglich des Anstands und der Videoaufnahmen halber von ein paar Syrern durchsetzt sind. Zu alledem wird von Spezialeinheiten und Geheimdiensten bestimmter Mächte mit Sicherheit weiter Jagd auf die Führungsriege gemacht.
All diese Varianten haben unterschiedliche Prägung, Ziele und Intensität und erfordern folglich verschiedene Taktiken. Allen gemein wird letztlich die Tendenz sein: nämlich hin zu terroristischer Aktivität, vor allem deshalb, um den Sponsoren per Youtube-Video Rechenschaft für die bereitgestellten Mittel abzulegen. Der Krieg wird zum Business, und einzelne Fanatiker, die ihren jeweils eigenen Dschihad führen, sind in dieser Kriegsbuchhaltung nur Beiwerk.
Das erfordert von der syrischen Führung ernsthafte Anstrengungen; an den Krieg nach jetzigem Format, in welchem größere Einheiten bewaffneter Rebellenkämpfer unschädlich zu machen sind, hat man sich bereits gewöhnt. Die Armee hat ihre Erfahrung, ebenso die Führung, aber die Fertigkeiten eines effektiven Antiterrorkriegs muss man sich erst erarbeiten, und für Syrien heißt das: praktisch von Null. Die Armee ist dazu schlicht nicht geeignet.
Inwieweit die Regierung damit klarkommen wird, ist bisher eine offene Frage, ganz besonders unter der Berücksichtigung dessen, dass noch nicht alle militärischen Ziele erreicht und die Bedrohung einer ausländischen Einmischung z.B. in Form von nominellen „Flugverbotszonen“ nicht aus der Welt geschafft sind.

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