Wochenschau, Folge 42

Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien
Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien

Themen sind diesmal Syrien inkl. Chemiewaffen, der Wahhabismus in Russland (Nordkaukasus und Wolgagebiet), Ägypten sowie – zurück in Syrien – die erbarmungslose Terrorgruppe Al-Humurun, die in den Kampf gegen „das Regime“ einsteigt.

Dieses russische Projekt kann man sich auch auf Englisch anschauen, hier die aktuelle Folge mehr oder weniger exklusiv in deutscher Sprache. Für Leute „auf Arbeit“ oder mit sonstiger Youtube-Blockade findet sich das Transkript unter dem eingebetteten Video.
Die Lage in Syrien bleibt angespannt. Das liegt aber nicht an den militärischen Erfolgen der Banditen, sondern an der sich zuspitzenden internationalen Situation dazu. In dieser Woche wurde wieder das Thema der chemischen Waffen und einer Militärintervention angestoßen. Wir hatten bereits angemerkt, dass je hoffnungsloser die Lage der Rebellen ist, zu desto radikaleren Schritten der Westen bereit ist. So droht nun Barack Obama selbst mit adäquaten Maßnahmen für den Fall, dass Assads Chemiewaffen “außer Kontrolle” geraten. Darin unterstützt ihn der britische Premier David Cameron. Auch Frankreich schließt sich den Drohungen an, indem es vorschlug, in Syrien eine Flugverbotszone nach libyschem Vorbild zu errichten.
Mit anderen Worten, man bereitet weiter den Boden für eine Provokation mit chemischen Waffen als eine Variante der Rechtfertigung einer ausländischen Invasion vor. Dieses Schema ist nicht neu, aber effektiv. Es könnte zum Beispiel einen Anschlag mit C-Waffen in einer der Städte geben, wonach man den Angriff Assad zur Last legt. Man könnte Attacken der Rebellen auf ein Chemiewaffenlager organisieren und unter dem Vorwand, dieses vor Terroristen zu schützen, eine Militäroperation starten. Egal was, alles scheint recht zu sein, um einen Vorwand für Militärschläge gegen die syrischen Regierungstruppen zu bekommen.
Dabei tauchte auch die Information auf, dass US-Spezialeinheiten auf israelischem und jordanischem Gebiet in volle Bereitschaft versetzt wurden, um eine Operation zur Sicherung der Chemiewaffenlager durchzuführen. Anderweitig bestätigt wurde das allerdings bisher nicht.
Interessant ist noch eine weitere Sache. Mehr und mehr Rebellen in Syrien verzichten auf das Deckmäntelchen der Kämpfer für Demokratie und geben sich offen als islamische Radikale zu erkennen. Dabei erklären sie, dass “Al-Kaida” sie weit mehr unterstützen würde als der Westen, folglich gilt es, mit ihr gemeinsam zu kämpfen. Es ist bekannt, dass die wahhabitischen Einheiten, die in Syrien operieren, durch Söldner aus Libyen, dem Irak, Afghanistan, Jemen und anderen Ländern gestellt werden. Selbst Tschetschenen sind im syrischen Konflikt aufgetaucht. Unlängst wurde in Syrien Rustam Gelajew, der Sohn des tschetschenischen Terroristen Ruslan Gelajew, liquidiert. Sein Vater wurde 2004 von russischen Grenzsoldaten unschädlich gemacht.

Russland: Wahhabitische Internationale

In letzter Zeit macht sich eine Zunahme terroristischer Aktivität im Nordkaukasus, Tatarstan und Kasachstan bemerkbar. Die ganze Woche über wurden Dagestan und Inguschetien von Anschlägen erschüttert. In Tatarstan haben sich drei Islamisten beim Versuch, einen Sprengsatz zu bauen, in einem Pkw in die Luft gesprengt. Einer von diesen mit Namen Asat tauchte bereits in einer unserer Ausgaben auf. Diese Bilder der 39. Folge zeigen eine Demonstration tatarischer Islamisten in Kasan.

Die Leute assoziieren Wahhabiten mit Terroristen. Egal wo man hinkommt, viele drehen sich um und starren, weil man im Fernsehen immer erst bärtige Männer beim Gebet sieht, und dann Explosionen. Leute, die sich nicht auskennen, assoziieren bärtige wahhabitische Männer offenbar deswegen damit. Warum wird eine Schwester mit Kopftuch immer gleich damit assoziiert? Weil die Menschen vom Fernsehen so abgerichtet worden sind.

Unlängst gab es ungeachtet eines Verbots eine weitere Demonstration in Kasan. Als die Polizei daran ging, diese Demonstration aufzulösen, ereigneten sich diese Szenen. (Im Video ab 04:08.)

– Allahu akhbar! Allahu akhbar!…
– Allah, verfluche die Ungläubigen!
– Nur einer soll sprechen…!
– Allah, verfluche die ungerechten Unterdrücker!
– Oh Allah, mögest Du all ihre Intrigen gegen sie wenden!
– Oh Allah, mögest Du all Deine Feinde vernichten!

Es entsteht der Eindruck, dass man hier nicht im Herzen von Russland, sondern in einem Land des “Arabischen Frühlings” ist.
Inwieweit das Erstarken der Wahhabiten in Russland eine Bedrohung ist und wie die Regierung darauf reagiert, soll uns ein Experte kommentieren.
Mit uns verbunden ist Jana Amelina, die Leiterin des Sektors für Kaukasus-Forschung am Russischen Institut für Strategische Forschung.

– Jana, guten Tag! Sagen Sie bitte, besteht derzeit eine Verbindung zwischen den Wahhabiten im Nordkaukasus und denen im Wolgagebiet?

– Sicherlich besteht sie. Und das nicht nur heute, sondern sie funktioniert schon seit einigen Jahren ziemlich gut. Es begann auf rein ideologischem Gebiet, jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass es bereits auf der Ebene der Organisation so weit ist. In jedem Fall stand dies früher oder später zu erwarten, und das betrifft nicht nur die Verbindungen zwischen den Wahhabiten des Kaukasus und denen des Wolgagebiets, sondern auch solche mit den Wahhabiten in Zentrasien und anderswo.

– Sagen Sie bitte, hat die Regierung denn nach den Anschlägen in Tatarstan den Ernst der Lage begriffen, oder haben Sie den Eindruck, dass das Problem nach wie vor unterschätzt wird?

– Es entsteht der Eindruck, als hoffe man darauf, dass sich die Sache im Sande verläuft. Man möchte das natürlich nicht glauben, aber der momentane Eindruck geht in diese Richtung. Das hieße, die Regierung nimmt selbst so deutliche Signale nicht zur Kenntnis. Und das ist schon seltsam.

– Womit, denken Sie, hängt das zusammen? Mit bürokratischer Behäbigkeit oder mit Lobbyismus?

– Zweifellos gibt es einerseits Lobbyismus und das Eindringen von Islamisten in die Machtstrukturen und in die Reihen der Sicherheitskräfte. In den vergangenen anderthalb Jahren gab leider es genügend Informationen, dass es sich eben so verhält. Das betrifft sowohl die Ebene der Föderation als auch vielerorts die Regionalebene. Man muss also leider konstatieren, dass es in den Machtstrukturen eine Menge an Leuten gibt, die den Islamisten aus irgendeinem Grund sympathisieren oder die tun, was diese von ihnen wollen.
Mittlerweile hat man den Eindruck von einer direkten Konfrontation zwischen den Islamisten und ihren Gegnern im weitesten Sinn dieses Wortes. Das sind nicht nur Gegner im religiösen Bereich, sondern Menschen, die den Islamismus aus ganz verschiedenen Gründen ablehnen. Aber der gemeinsamen Bemühungen ist es immer noch nicht genug. Ein wenig wundert und schreckt mich diese Situation. Es ist seltsam, dass Menschen, die direkt betroffen sind, die Gefahr einfach nicht erkennen. Von daher die ungünstige Prognose. Diese Jungs aber fürchten sich vor nichts und sind aktiv. Es scheint, als sei diese Seite auf dem Vormarsch und geht zu regulären Aktionen über, so wie zum Beispiel in Tatarstan, wir aber suchen immer noch Antworten auf irgendwelche Fragen. Das heisst, wir rennen der Realität hinterher, was nicht zuletzt angesichts ihres Aktionismus sehr unangenehm ist.

Ägypten: Einen Anfang kennt die Revolution… (ein Ende kennt sie nicht)

Anmerkung: Die Überschrift ist der Refrain eines alten russischen Revolutionslieds.
Wir setzen unsere traditionelle Betrachtung der Länder fort, in denen die “arabische Revolution” gesiegt hat. Diesmal wenden wir uns nach Ägypten. Zur Erinnerung, nach dem Sturz von Hosni Mubarak sind hier die Moslembrüder und Präsident Mohammed Mursi an die Macht gelangt und haben dadurch kolossale Möglichkeiten in die Hand bekommen. Genau dafür haben die Ägypter sich im vergangenen Jahr gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, sich Schlachten mit der Polizei geliefert und Schaufenster eingeworfen. Was aber nun?
Ende der Woche kam es in Kairo wieder zu Unruhen. Eine Menge von mit den neuen Machthabern unzufriedenen Menschen hat versucht, zum Präsidentenpalast zu gelangen; sie wurden vom Militär daran gehindert. Kurz zuvor kam es auf dem sattsam bekannten Tahrir-Platz zu regelrechten Zusammenstößen zwischen Sympathisanten und Gegnern des neuen Präsidenten. Das Militär war gezwungen, sämtliche Zugänge zum Innen- und Verteidigungsministerium zu blockieren. Ähnliche Szenen haben sich in Alexandria abgespielt.
Womit sind die Ägypter heute unzufrieden? Vielleicht mit der mißlichen Lage der Wirtschaft. Der “Arabische Frühling” hat diese Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern wesentlich vertieft. Keine Hilfe waren auch die fast 6 Milliarden US-Dollar, die Ägypten nach der Revolution als Kredite aufgenommen hat. Die Regierung bittet den IWF nun um weitere 5 Milliarden Dollar, dabei ist das noch lange kein Griechenland. Ungefähr 3 Millionen Menchen leben in Ägypten am Existenzminimum. Das betrifft die Bewohner des nördlichen Nilgebiets, welche früher vorwiegend von staatlicher Unterstützung gelebt haben. Es ergab sich, dass die neuen Machthaber nicht in der Lage sind, das frühere Sozialhilfeniveau aufrecht zu erhalten. Daher gibt es Grund zur Annahme, dass der “Arabische Frühling” in Ägypten noch lange nicht abgeschlossen ist.

Bild der Woche

Auch diesmal haben wir eine Videoaufnahme aus Syrien in die Hände bekommen. Die Sache ist ernst und wir sind nicht zum Scherzen aufgelegt. Diese Bilder wurden uns von Aufklärungsdiensten zugespielt, sie zeugen davon, dass jetzt eine der gefährlichsten Mudschaheddin-Brigaden in den Kampf gegen Assad einsteigt – die “Al-Humurun”.
Ihre Mitglieder besitzen viel Erfahrung von Baustellen in Moskau und Sankt-Petersburg, aus diesem Grunde verbergen sie ihre Gesichter. Wie Sie sehen, sind diese kompromisslosen Regimegegner mit neuesten Schusswaffen ausgestattet: Auberginengranaten, Paprikawerfern und tragbaren Luftabwehrzucchini.
Nach allem, was wir wissen, handelt es sich hierbei um genau jene nicht-lethalen Waffen, die den Rebellen aus Holland geliefert werden.
Zumindest brauchen wir uns hier keine Sorgen darüber zu machen, dass die Freiheitskämpfer die Aubergine falsch herum ins Rohr schieben oder durch Paprika-Querschläger zu Schaden kommen.

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