Said Afandi

Scheich Said Afandi al-Tschirkawi
Scheich Said Afandi al-Tschirkawi
Jemand verlangte hier neulich Stellungnahmen und “Abbürstungen”, und ich wünschte, es wäre nicht so schnell wirklich notwendig geworden.
Vorgestern ist der Sufi-Scheich Said Afandi al-Tschirkawi in Dagestan einem Selbstmordattentat zum Opfer gefallen. Das ist nicht einfach nur irgendein nächstes Opfer irgendwelcher Terroristen. Mit diesem Mann wurde eine der beiden größten und konsequentesten anti-wahhabitischen Autoritäten im Kaukasus umgebracht – die andere solche Autorität ist zweifelsohne Ramsan Kadyrow. Said Afandi hatte keinerlei staatlichen Machtbefugnisse wie letzterer, allerdings genoß er als Scheich der Naqschbandi- und Schadhilīya-Tariqas eine enorme Autorität.
Russland hat durch diesen Mord wieder einen enormen Verlust erlitten, das muss man gestehen. Dabei ist die Tendenz recht deutlich zu bemerken: nach dem dreisten Doppelanschlag in Tatarstan und diesem neuerlichen Selbstmordanschlag kann man mit Sicherheit sagen, dass man es hier mit einer konsequenten Kopfjagd auf die Vertreter des traditionellen Islam in Russland zu tun hat. Man bombardiert das Hauptquartier, um mit Mao zu sprechen.
De facto läuft eine regelrechte Operation zur Auslöschung derer, die der Attacke des Wahhabismus auf Russland substantiellen Widerstand zu leisten vermögen. Das Ziel ist dabei klar: sie sollen entweder vernichtet werden oder sonstig in der Versenkung verschwinden, mit anderen Worten: ausgeschaltet werden. Eine defensive Haltung wäre hier folglich vollkommen unangebracht.
Denn es geht um nichts Geringeres als eine regelrechte Kriegserklärung, das heißt, die Russen müssen entweder diese Herausforderung annehmen oder eben gleich die “Hände hoch” machen. Es wird nicht mehr funktionieren, einfach so zu tun, als sei alles gut und es gäbe hie und da ein paar kleine Probleme. Was jetzt Not tut, ist eine schnelle und entschiedene, dabei auch massive Antwort: bestimmte islamische oder so tuende Organisationen verbieten, Strukturen zum Kampf mit solchen Auswüchsen schaffen, wahhabitische oder generell ausländisch geprägte islamische Schulen und Kultureinrichtungen schließen, und was die Prediger des “reinen Islam” angeht: ausländische des Landes verweisen, die inzwischen herangereiften eigenen unter Verschluß bringen. Leuten aus Behörden und Machtstrukturen sowie Unternehmern, die diese begünstigen oder mit ihnen zusammenarbeiten, gnadenlos einen Riegel vorschieben. So oder so. 
Die Attentäterin, eine Konvertitin namens Aminat Kurbanowa
Denn der Systemcharakter dieser Vorgänge ist nicht zu übersehen. Fast zeitgleich wurde die Russische Kirche attackiert, nach Denunziationen ihrer Hierarchen und Verspottung ihrer Heiligtümer ging es sogleich los mit Aktionen gegen Symbole des Glaubens. Das und die Anschläge gegen islamische Führungspersönlichkeiten lassen den Gedanken aufkommen, dass die Religion die letzte Hürde auf dem Weg zum totalitären Liberalismus sei, oder – im Vokabular des entsprechenden Wertesystems ausgedrückt – zum Satanismus. Die Verbrüderung der Führungsfiguren aus der weißbebandeten, im Westen gefeierten “kreativen” russischen Opposition mit den Feinden der Kirche und denen des traditionellen Islam bildet mehr oder weniger den Abschluß bei der Schaffung der Front, die in gar nicht so langer Zeit mit den nächsten “Märschen der Milliarden” auf die russischen Straßen gehen wird. Es steht dabei außer Zweifel, dass diese ganzen Exzesse von Oben durch einen Teil des russischen Establishments “gedeckelt” werden. Des Establishments, das im Winter und Frühjahr keinen Erfolg mit all den irren, gesponserten Aktionen auf den Moskauer und Petersburger Straßen hatte. Dieses Establishment wird bei seinen Versuchen, die faktische Doppelherrschaft in Russland zu seinen Gunsten zu kippen, nicht einfach so aufgeben.
Dieser wirklich ernstzunehmenden Bedrohung kann man fast nur eines entgegensetzen, nämlich Gegenfeuer auf die feindlichen Hauptquartiere. Beginnend mit der Beseitigung der Gefahr auf höchster Ebene. Angefangen mit dem Premier und seiner Clique, die viel zu deutlich erkennbar hinter den Ereignissen im Frühjahr dieses Jahres steht. Bis hin zu den lokalen Beamten, die eigenen Nutzen aus den Unruhen zu ziehen gedenken, ob das nun persönliche Bereicherung oder das Ausstechen von Konkurrenten ist. Es hilft nichts, es muss eine Wiederholung dessen her, wie man sich Chodorkowskis entledigt hat. Soll man die entsprechenden Oligarchen und Compradores, welche die “weiße”, “grüne” und sonstige Opposition finanzieren, also ruhig für Falschparken oder Rauchen am Arbeitsplatz wegsperren. Und zwar für lange. Denn die Erfahrung Baschar al-Assads zeigt, dass man sich mit der Furcht vor ein wenig Blut am Beginn der Unruhen am Ende ein landesweites Blutbad einhandelt. Russland ist viel zu nah an der Schwelle genau zu diesem Szenario, als dass es noch lange darüber nachdenken kann.
Tja, und wenn der jetzige Präsident das nicht riskieren will, braucht Russland einen anderen. Und zwar sehr, sehr dringend. Nur, woher nehmen…

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