Archiv für September, 2012

Herr Blocksberg und die Farbe Weiß

Netanjahu hat die Bombe
Benjamin Blocksberg und seine Wundertüte
Benjamin Netanjahu hat sich in der vergangenen Sitzung der UN-Vollversammlung keine große Platte gemacht und einfach ein bereits einmal beeindruckendes Kinderprogramm abgezogen, das vor einigen Jahren Powell schon zu Weltruhm führte. Im gleichen Gebäude. Damals genügte es, dass Powell mit einem Reagenzglas voll Mehl oder Waschmittel herumwedelte, um die friedliebende Weltgemeinschaft in Angst und Schrecken zu versetzen und allen, die in diesem Moment der großen Not gegenüber noch gleichgültig waren, zu bedeuten, dass die USA jetzt natürlich gezwungen sind, den blutigen Feind des Menschengeschlechts, Saddam Hussein, “wegzumachen”. Die Gleichgültigen erzitterten, die Amerikaner bekamen dennoch keine Zustimmung, kamen aber letztlich trotzdem gerannt und “machten ihn weg”. Später sagte man, dass in dem Röhrchen nur das Imitat eines Giftstoffes gewesen sei, noch später fand man keine Massenvernichtungswaffen im Irak, aber das war dann schon weniger anschaulich.
Also malte Bibi eine symbolische Bombe auf ein Stück Pappe und fing an, Bullshit zu reden. Der Sinn dieses Bullshits war es, der Welt zu beweisen, dass der Iran alles, was zur Herstellung einer Atomwumme notwendig ist, bereits besitzt oder gleich besitzen wird – daher die Prozentangaben, die jeden Naturwissenschaftler und Analytiker ansprechen. Was charakteristisch ist, seine Pappe war auch weiß wie das Powellsche Röhrchen. Offenbar ist es für den Erfolg dieses Kunstgriffs notwendig, die Farbe Weiß zu benutzen. Entweder öffnet genau das die Chakren der Zuhörer, oder es blockiert sie und lässt das Publikum in vollkommener Katatonie erstarren. So oder so scheint es ein Unterpfand des Erfolgs.
Ebenso bemerkenswert ist die psychologisch richtige Nutzung der Farbe Rot, zu sehen als rote Linie irgendwo am oberen Ende des symbolischen Füllstands der Bombe. Das Rot am Hintern eines Pavians und das an den vollen Lippen einer Schönheit ist, psychologisch gesehen, ein und dasselbe – es appelliert an schlummernde, intrinsische Instinkte eines jeden Männchens und ruft es implizit dazu auf, mit irgendwas irgendwo einzudringen. Und Netanjahus ständige Wiederholung der Worte “rote Linie” war die entsprechende verbale Untermalung und alles insgesamt damit ein Aufruf, sich zu ermannen und irgendwo einzudringen.
Das, was Netanjahu erzählte, war fesselnd und hatte überhaupt nichts mit der Zeichnung zu tun, die Zeichnung wiederum hatte nichts mit einer Atombombe zu tun. Auch nicht theoretisch. Der ganze Bullshit zielte offenbar auf debile Hilfsschüler. Da das Publikum scheinbar wie gefesselt an seinen Lippen hing und die Medien seine Rede bereits weltweit ehrfürchtig zitieren, kann man davon ausgehen, dass seine Berechnung aufgegangen ist.
Der Beharrlichkeit, mit der Netanjahu Unbeweisbares beweisen und Undurchdrückbares durchdrücken will, kann man nur Respekt zollen. Wenn es zum Einverständnis der USA, den Iran zu bombardieren, nötig werden würde, so ist er sicher auch dazu bereit, nur mit Unterhosen bekleidet einen Rumba-Tanz auf dem Tisch des Genossen Vorsitzenden darzubieten. Im trockenen Bodensatz seiner Show findet man aber nur eines: die nächste große Lüge.

Kleine weiße Friedenstaube

Hamad bin Chalifa Al Thani bei der 67. UN-Vollversammlung

Hamad bin Chalifa Al Thani bei der 67. UN-Vollversammlung

Die gegen Syrien anstürmenden Aggressoren nutzen die Sitzung der 67. UN-Vollversammlung dazu, die Pläne ihres weiteren Vorgehens im syrischen Konflikt bekanntzugeben. Die, welche aus dem westlichen Part dieser Koalition bisher aufgetreten sind – Großbritannien und die USA – haben es den unmittelbar am Krieg gegen Syrien beteiligten Ländern überlassen, das Konkrete vor dem Hintergrund der allgemeinen Drohkulisse zu artikulieren. Dieser Länder sind es drei – die Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Bisher ist davon nur der Katar zu Wort gekommen, aber es hat nicht den Anschein, als können Erdoğan oder Prinz Salman noch etwas sagen, was der Emir Hamad bin Chalifa und dessen Premier Hamad ibn Dschasim Al Thani nicht schon zur Sprache gebracht haben.

Die Rede des Emirs kann man sich in der englischen Übersetzung komplett durchlesen oder ansehen/anhören, und daraus wird auch ganz fix klar, worin die Neuerung der nun gefassten Pläne besteht. Kurz danach hat Hamad ibn Dschasim die Ansprache des Emirs noch konkretisiert.

Es geht, kurz gesagt, darum, dass es durch die Unfähigkeit des UN-Sicherheitsrates, eine den Vorstellungen der Aggressoren entsprechende Syrienresolution zu verabschieden, nun den “arabischen Ländern” obliegt, in die Verantwortung zu treten:

Angesichts dessen denke ich, dass es für die arabischen Länder selbst besser wäre, aus ihrer nationalen, humanitären, politischen und militärischen Pflicht heraus einzugreifen und alles zu tun, was notwendig ist, um das Blutvergießen, die Ermordung Unschuldiger und die Vertreibung in Syrien zu stoppen, um eine friedliche Machtübergabe in Syrien zu garantieren.

Vom "grünen Widerstand"

Omran ben Schaaban, Gaddafis Mörder
Omran ben Schaaban
Seit dem Sturz von Muammar Gaddafi herrscht in Libyen Chaos und praktisch eine Herrschaft einzelner Clans anstelle einer Zentralregierung. Die Spaltung ist nach der Ermordung des amerikanischen Botschafters Chris Stevens noch vertieft worden, denn diese ohnmächtige Zentralregierung hatte es sich plötzlich auf die Fahnen geschrieben, alle von ihr vorher unterstützten Militia nun zu entwaffnen und zu zerschlagen. In den Medien liest und hört man immer öfter den Begriff “Gaddafi-Anhänger” – wenn all das, was man diesen inzwischen zuschreibt, wirklich in die Verantwortung einer solchen Gruppe fällt, dann ist das wohl immer noch oder inzwischen wieder eine Macht, mit der man rechnen muss. Aber gibt es sie wirklich?

Omran ben Schaaban ist genau der “Glückspilz” gewesen, welcher – der offiziellen Version zufolge – Muammar Gaddafi stellte, als sich dieser in einem Wasserrohr von einem NATO-Luftangriff verbarg. In den schrecklichen Videoaufnahmen der letzten Minuten des Oberst ist das gut dokumentiert – ben Schaaban posierte vor den vielen Kameras und Handys, fuchtelte mit dem goldenen Revolver des libyschen Führers herum und verspottete den schutzlosen, noch lebenden Gefangenen.

Wie sich nun herausstellte, ist dieser halbstarke Poser letztlich doch seiner in Bani Walid erfolgten Hinrichtung erlegen – bis Paris hatte er es noch geschafft. Übrigens ist es gerade die Episode mit dem goldenen Schießeisen, die den Gedanken aufkommen läßt, dass Gaddafis Flucht aus Sirte sowie der Angriff und die Zerstörung seines Konvois nichts als eine Inszenierung ist. Die Sache mit der güldenen Waffe ist dermaßen hollywood-mäßig, dass man sich wirklich fragt, ob das jetzt ernstgemeint war. Nach dem “potemkinschen” Tripolis in der Wüste des Katar braucht man sich aber über nichts mehr zu wundern. Realiter ist es gut möglich, dass man den Oberst einfach nur an diese Stelle brachte und ihn einem herumlungernden Trupp der Misurata-Brigaden übergab, der sein Glück nicht fassen konnte und Gaddafi umbrachte.
Omran ben Schaaban wurde mit dreien seiner Kumpane im Juli von unbekannten überfallen und nach Bani Walid gebracht. Ja, das ist das Bani Walid, das eine der letzten “Hochburgen” des Oberst war und trotz permanenter NATO-Luftangriffe dutzende Angriffswellen der “Rebellen” abwehren konnte.
Das derzeitige Oberhaupt Libyens, Mohammed al-Magharif, hatte persönlich mit den Ältesten der Stadt um die Befreiung der Gefangenen verhandelt. Er erreichte schließlich die Freilassung Schaabans und zweier seiner Kumpane; der dritte hatte wohl inzwischen das Zeitliche gesegnet, und auch Schaaban war bereits halbtot. Man brachte den “Helden der Revolution” zur Behandlung nach Paris, und die Geschichte geht eben so aus, dass vorgestern, am 25. September, sein Sarg wieder in Misurata eintraf.
Was nach und nach mit den Verrätern Gaddafis passiert, ist geradezu mysteriös, man könnte fast einen Kriminalroman darüber zusammenbekommen. Omran ben Schaaban ist ja nicht der erste, der von den geheimnisvollen “Gaddafi-Anhängern” umgebracht wird.
Wenn die Sache sich so weiter entwickelt, wird es bald niemanden mehr geben, der Zeuge der Gefangennahme und der Ermordung Gaddafis ist – falls es heute überhaupt noch Zeugen gibt. Es scheint fast, als wird eine Legende über die “Rache der Gaddafi-Jünger” gesponnen, damit man sich unter diesem Deckmantel der Zeugen dieser Vorgänge entledigt. Eigentlich eine ganz normale Sache. Politik.
Plausibel wäre auch, dass “Gaddafi-Anhänger” eine Vereinfachung der Medien ist und man damit den Warfalla-Stamm meint. Das hätte seine Richtigkeit, denn dieser Stamm war die Hauptstütze Gaddafis und zu seiner Zeit einigermaßen privilegiert – unter den neuen Machthabern aber genau aus diesen Gründen diskriminiert und verdrängt. Die Warfalla sind indes nicht nachtragend – sie rächen sich und vergessen die Sache danach.
Ach, und “der Mann, der Gaddafi umbrachte” war ja theoretisch Anwärter auf die von der USA verprochene Kopfprämie i.H.v. umgerechnet 800.000 US-Dollar. Dieses vollkommen unbedeutende Versprechen hat man aber ganz fix wieder vergessen.

Wochenschau, Folge 46

"Tag der Liebe zum Propheten" in Pakistan

“Tag der Liebe zum Propheten” in Pakistan

Umgestaltung der Welt – eine russische Perspektive. Der aktuelle Wochenrückblick versucht, folgende Fragen zu behandeln: Wozu provoziert Eurpoa die Moslems mit neuen Mohammed-Karikaturen? Wer ist nun schon wieder Opfer in Libyen und weshalb gibt es in Georgien Proteste? Wird Mikhael Saakaschwili weitere Teile seiner Konfektion verspeisen?

Viel Spass beim Anschauen. Die “Bilder der Woche” sind wieder als Extra-Video dabei.

Brennpunkte der Woche

In Syrien setzen die Regierungstruppen die Säuberungsaktionen in den Vorstädten von Damaskus und anderer Städte fort. In Aleppo wurden allein bei einem der Zusammenstöße mehr als 100 Rebellenkämpfer liquidiert, welche, wie sich herausstellte, Söldner aus Afghanistan gewesen sind. Angesichts der Tatsache allerdings, dass die Kommandozentren der Rebellen außerhalb Syriens liegen, ist es unmöglich, sie endgültig auszuschalten. Wie bei einer Hydra wachsen an der Stelle einer vernichteten Bande neue, die ebenso mit neuesten Waffen ausgerüstet und von westlichen Militäranleitern ausgebildet sind. Derweil hat Russland bereits das zweite Frachtflugzeug mit humanitärer Hilfe nach Syrien geschickt. Die IL-76 brachte Zucker, Fisch- und Fleischkonserven sowie Kindernahrung nach Damaskus.

Ein eklatanter Vorfall ereignete sich in Afghanistan. Die ISAF-Luftwaffe nahm Taliban-Stellungen in der Provinz Laghmān unter Beschuss. Wie sich später herausstellte, war kein einziger Bewaffneter unter den Opfern. Durch diesen Beschuss sind 7 Frauen umgekommen, die an diesem Ort Feuerholz sammelten. Ein weiteres Mädchen ist dort infolge eines Herzanfalls gestorben. 19 Frauen und Kinder wurden verletzt. Wie bekannt ist, trennt die Demokratie nicht nach Geschlecht und Alter, sondern sucht jeden gleichermaßen heim.

Schlacht um Syrien – Bericht von der Front

Sondereinheit der syrischen Armee
Nazir, drusischer Brigadegeneral der syrischen Armee (rechts)
Diese Videoreportage ist ungefähr eine Woche alt und ist der Bericht eines Filmteams vom russischen Staatsfernsehen, das 2 Monate in Syrien verbracht hat und dort unmittelbar an den “heißen Orten” gewesen ist. Es gibt darin eigentlich keine Sensationen, aber sehenswert ist sie auf jeden Fall. Wichtig anzumerken, dass es sich hierbei nicht um Amateurbilder oder das Werk von Enthusiasten handelt. Nicht einmal “nur” um Berichte eines abchasischen Nachrichtenteams. Das Filmteam, welches diese Reportage erstellte, gehört zur russischen staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK), ausgestrahlt wurde der Beitrag auf Rossija und im Internet auf Vesti.ru publiziert. Das ist in etwa wie ARD und SPON. Man kann nur hoffen, dass wenigstens diese Reportage kraft ihrer Autorität und auch Professionalität ein wenig im deutschsprachigen Raum bekannt wird.
Quelle: Vesti.ru, Autor: Jewgenij Poddubnyj

Schon seit anderthalb Jahren herrscht in Syrien Krieg. Eine endlose Folge von Sondereinsätzen, Siegen und Rückzügen, die Konfrontationen zwischen Regierungstruppen und bewaffneter Opposition – mit der Waffe in der Hand und im Äther der Fernsehkanäle weltweit. Kämpfe lokaler Bedeutung werden auch außerhalb der Landesgrenzen besprochen, denn der Ausgang dieses Krieges wird nicht nur für Syrien Folgen haben. Die Situation vor Ort spaltet die Welt. Der innere Konflikt hat zweifelsohne globale Folgen. Ein Filmteam des russischen Staatsfernsehens hat 2 Monate an vorderster Front mit den Soldaten der syrischen Armee und den Bewohnern der umkämpften Gebiete verbracht, um Antworten auf schwierige Fragen zu finden: gegen wen kämpft die syrische Armee? Wofür kämpft die bewaffnete Opposition? Und warum gibt es so viele Parteien, die an diesem Konflikt interessiert sind?

Dieser Film entstand nicht in einem Studio, sondern unter Feldbedingungen, um das, was hier vor sich geht, möglichst genau zu vermitteln. Der Kampf um Syrien – ein Bericht von vorderster Front.
General Nazir, Oberst Aliya, Major Raki, Hauptmann Yakhia, Fähnrich Sari – schon seit eineinhalb Jahren kämpfen sie gemeinsam.
Diese Sondereinheit war im ganzen Lande unterwegs; sie waren in Hama und Homs, in Aleppo und Idleb, jetzt sind sie in einem Vorort von Damaskus. Es scheint, als hätten sie ihre schusssicheren Westen schon mehrere Monate lang nicht abgenommen.
Im Arsenal der Einheit gibt es Kalaschnikows, schwere MGs, Granatwerfer, aber das wichtigste ist die Erfahrung. Man könnte sie mit Wagemut verwechseln, wäre da nicht die Seelenruhe, mit der diese Männer in ein vom Feind, dem bewaffneten Arm der syrischen Opposition, kontrolliertes Gebiet vordringen.
Das ist eines der Wohngebiete von Damaskus – Tadamun. Einige Wochen lang lebte dieser Stadtteil nach den Gesetzen der Oppositionskräfte. Viele Anwohner haben es geschafft, ihre Häuser zu verlassen und sind bei Verwandten untergekommen, wer nicht fliehen konnte, verbarrikadierte sich in seiner Wohnung.
Reporter:

Einige Wochen lang wurde auf diesen Straßen gekämpft, die Armee ging langsam und sehr vorsichtig vor. Man setzt auf mobile Einheiten, um in den Wohnvierteln keine schweren Waffen einsetzen zu müssen. Die Panzer feuerten nicht direkt auf die Gebäude, man nutzte die Maschinen als mobile Deckung.

Sofort nachdem die Regierungskräfte diesen Stadtteil unter ihre Kontrolle nahmen, zeigten die Anwohner den Soldaten ein Massengrab. In dieser Baugrube wurden 9 Leichen entdeckt.
Mahaddin Simach, Oberst der syrischen Armee:

Obenauf liegt Bauschutt und Schrott. Das werden wir alles auseinanderräumen und die Toten bergen, damit man sie identifizieren kann.

Zeugen berichteten, dass diese Menschen von den Rebellenkämpfern der sogenannten Freien Syrischen Armee umgebracht wurden. Wofür man diese Bewohner des Stadtrands von Damaskus erschoss, weiß niemand.
Anwohner:

Ich sah von meinem Balkon aus, wie die Militia die Leute erschoss und sie in diese Grube warf. Man bemerkte mich, sie kamen zu mir und zogen mir einen Sack über den Kopf, wollten mich umbringen. Als sie merkten, dass ich nur ein kleines Licht bin, ließen sie mich gehen.

Vier von denen, die hier ermordet und in diese Baugrube hinabgeworfen wurden, sind von den Verwandten und Anwohnern identifiziert worden – es waren Bewohner dieser Häuser. Drei Frauen – Lehrerinnen an der hiesigen Schule – und einen Mann. Er wurde von den Rebellen entführt, man forderte Lösegeld – 10 Maschinengewehre oder Geld.
Seine Verwandten hatten weder das eine, noch das andere. Schließlich wurde der Mann umgebracht und in diese Grube gestoßen.
Auf diesen Bildern, die von den “Aktivisten” der Freien Syrischen Armee unweit der grenznahen Stadt Idleb gemacht wurden, wird ein Mann für seine Loyalität gegenüber den Regierungskräften und seine religiösen Ansichten bestraft.
Er wird ohne Gerichtsverhandlung erschossen, weil er die Ansichten der Oppositionellen nicht teilt – er ist Anhänger der Regierung und als Moslem ein Schiit, kein Sunnit.
Überhaupt filmen die Rebellenkämpfer sehr viel. Sie laden ihre Amateuraufnahmen im Internet hoch. Diese Videos kann man in zwei Kategorien einteilen: die einen sind für Zuschauer aus dem Westen bestimmt, das sind normalerweise Verlautbarungen und Kommentare in englischer Sprache und Berichte von Erfolgen beim Kampf mit den Regierungskräften. Die zweite Kategorie ist radikale religiöse Propaganda.
Nach jedem Schuß hört man eine Lobpreisung Allahs, nach jedem Terroranschlag freudige Ausrufe. Auf den Videos sieht man gemeinsame Gebete der Salafiten – der Kämpfer für die Reinheit des Islam. In den Reihen der bewaffneten Opposition in Syrien kämpfen radikale Dschihadisten, die nicht nur aus politischen, sondern auch aus religiösen Gründen morden.
Das ist der bekannte französische Chirurg Jacques Bérès, einer der Gründer der Organisation “Ärzte ohne Grenzen”. Er kehrt gerade von einer schweren Dienstreise zurück. In der zweitwichtigsten Stadt Syriens, Aleppo, war Bérès in einem Feldlazarett der Opposition tätig, er behandelte die Kämpfer der Freien Syrischen Armee.
In seinem Koffer hat er einfache chirurgische Instrumente: Skalpelle, Klemmen und Zangen. Die meisten Verletzungen stammen von Schusswaffen oder Splittern, deshalb genügt ein solches Sortiment vollends. Gleich, als der Chirurg nach Hause zurückgekehrt war, berichtete er von seinen Patienten. Der größte Teil der Rebellenkämpfer, die er auf dem OP-Tisch hatte, waren ausländische Söldner.
Jacques Bérès, Chirurg, “Ärzte ohne Grenzen”:

Das ist wirklich seltsam und ruft Befremden hervor. Sie sprechen offen davon, dass sie nach dem Sturz von Baschar al-Assad alles daran setzen werden, an die Macht zu kommen, um einen islamischen Staat zu schaffen, der dem Gesetz der Scharia folgt. Viele von ihnen sind Franzosen, sie sind sehr jung, fanatisch und malen sich ihre Zukunft entsprechend aus.

Der Chirurg behandelte libysche, afghanische, pakistanische und algerische Kämpfer, es gab auch Patienten mit französischen Pässen. Nach den Worten des Arztes sagten viele von ihnen, ihr Vorbild, dem sie nacheifern, sei Mohammed Merah – der Terrorist, der für Massenmorde in Frankreich bekannt wurde.
Für die Angaben des bekannten französischen Chirurgs gibt es einen anschaulichen Beweis – das sind Bilder von einem Sondereinsatz in der syrischen Wirtschaftshauptstadt Aleppo. Bei den Kämpfen haben die Regierungskräfte Dutzende Söldner liquidiert. Unter den Toten findet sich ein Türke, er trägt die Symbole der Al-Kaida: ein schwarzes Band mit einer sogenannten Schahāda – ein Zeugnis, dass es keinen Gott außer Allah gibt.
Anwohnerin:

Wir wurden von den Banditen sehr schlecht behandelt, wir wurden durchsucht und bedroht. Sie haben meine Nachbarin mit ihren 2 Kindern entführt; ein Junge ist 5, der andere 4 Jahre alt. Man hat sie bis jetzt noch nicht gefunden. Die ganze heilige Festzeit des Ramadan verbrachten wir in Angst…

In Aleppo herrscht nach wie vor die angespannteste Situation im Lande: mal flauen die Kämpfe ab, mal entflammen sie mit neuer Kraft. Für die bewaffnete Opposition hätte dieses Wirtschaftszentrum zum Ausgangspunkt für eine Großoffensive werden können, die Nähe zur türkischen Grenze erleichtert den Nachschub an Kämpfern und Waffen zum Ort der Kampfhandlungen.
Reporter auf Pickup versucht, gegen das MG-Feuer anzubrüllen:

In Aleppo gehen die Kämpfe unvermindert weiter, die Armee befreit ein Stadtviertel nach dem anderen. In der Stadt führen Scharfschützen ihren Krieg. Feuerpunkte des Gegners werden durch großkalibrige Maschinengewehre ausgeschaltet.

So – auf Pickups mit darauf installierten Maschinengewehren – bewegen sich die mobilen Einheiten der Regierungskräfte durch die Stadtviertel; die Fußsoldaten werden durch massives Feuer gedeckt.
Die Scharfschützen nutzen selbst kurze Feuerpausen dazu, ihre Position zu wechseln. Wo das Gegenfeuer gar zu heftig ist, nutzen die Soldaten Panzerfahrzeuge.
Reporter in Deckung hinter einem Panzer:

Hier stehen fast alle Straßenkreuzungen unter Beschuß; man kann sich hier nur unter dem Schutz der Panzer fortbewegen.

Scharfschützen sind seit den ersten Tagen der Auseinandersetzungen aktiv, fast alle Hochhäuser sind potentielle Feuerpunkte. Nachts hält die Armee auf den Dächern Wache; auf diesen Aufnahmen mit Nachtsichtgerät wechseln Scharf- und Richtschütze ihre Position. Die meisten der in Aleppo umgekommenen Soldaten der syrischen Armee sind Opfer solcher Scharfschützen.
Die Kinder helfen Natalja beim Packen der Sachen. Sie ist russische Staatsbürgerin und Ehefrau eines Syrers und lebt seit fast 20 Jahren hier.
Als die Krise begann, hatte sie nicht vor wegzulaufen. Als dann klar wurde, dass Krieg herrscht, hoffte sie, dass er bald vorbei ist. Als man im Fernsehen aber getötete Söldner zeigte, kaufte sie sich ein Flugticket in die Heimat.
Natalja Bumagina:

Wir versuchten, bis zum Ende auszuharren. Die russische Hoffnung hat uns immer geholfen – wir bauten sehr stark darauf, etwa, es wird uns schon nicht treffen, denn in unserer Stadt war alles ruhig – überall wurde gekämpft, aber irgendwie war das weit weg und betraf mich nicht.

Nataljas Mann ist in Aleppo geblieben, er sagt, er kann nicht davonlaufen. Solange Krieg herrscht, sei es nicht männlich, die Flucht zu ergreifen.
Ehemann von Natalja:

In Aleppo ist es sehr gefährlich, jeden Tag Explosionen, Tote, für mich ist meine Familie aber mein Leben, deswegen bestand ich darauf, dass meine Frau und die Kinder wegfahren. Wenn alles vorbei ist, werden sie zurückkehren und unsere Familie kommt wieder zusammen, aber jetzt ist sie besser in Russland.

In Aleppo und Umgebung befinden sich nach Angaben der Armee mehrere Tausend Rebellenkämpfer. Sie führen Krieg gegen die Regierung und gegen die Zivilbevölkerung, welche sie nicht unterstützt. Jeden Tag werden Verwundete und Flüchtlinge per Hubschrauber aus der Stadt fortgeschafft, aber der Platz reicht nicht für alle.
Diese Familie hat es wieder nicht geschafft, aus dem von Explosionen erschütterten Aleppo fortzukommen: bereits der sechste Hubschrauber fliegt ohne sie weg. Pushkha ist die Tochter eines getöteten syrischen Offiziers.
Pushkha Hassan, Tochter eines getöteten syrischen Offiziers:

Vor einigen Tagen schoss man ihm an einer Tankstelle in den Kopf. Nachdem sie Vater umgebracht haben, floh unsere Familie, wir gelangten zu einem Krankenhaus, und die Soldaten brachten uns hierher. Wir hoffen auf eine Gelegenheit, von hier wegzufliegen. Wir haben Angst, dass die Banditen uns umbringen.

Scharach ist noch keine 14, er ist der Sohn eines Polizeioffiziers. Als die Rebellen davon erfuhren, warfen sie ihn in einen Keller. So hat man ihn zu einer Kollaboration überzeugen wollen: er sollte Informationen über die Regierungskräfte mitteilen, und fast hätten sie ihn dazu überredet.
Scharach, knapp 14-jähriger Junge:

Ich log sie an und sagte, ich wolle für sie spionieren, nur dann ließen sie mich gehen. Ich ging und sagte alles meinem Vater, und er hat mich versteckt.

Das ist das, wovor die Menschen am meisten Angst haben und weshalb sie aus Aleppo fliehen.
Schwere, selbstgebaute Sprengsätze wurden von Terroristen unweit des Krankenhauses Al-Hayat, einer Schule und des Stadions der Stadt deponiert. Die gesamte Detonationsleistung des Sprengsatzes betrug mehr als eine Kilotonne. Der Anschlag zerstörte dutzende Gebäude. Gleich nach diesem blutigen Anschlag der Rebellen haben mehrere westliche Nachrichtenagenturen verbreitet, dass die Menschen hier aufgrund von Luftangriffen durch die Regierungskräfte umgekommen sind. Eine Richtigstellung ist nie erfolgt.
Frau:

Sie haben meinen Jungen umgebracht, mein Sohn starb, als diese Bomben hochgingen. Wer gibt mir jetzt meinen Sohn zurück?!

Der Terror ist jetzt die Hauptwaffe der Rebellen. In allen von den Rebellen kontrollierten Gebieten gibt es Untergrundwerkstätten zur Herstellung von Sprengsätzen.
Reporter:

Diese Industrie-Kaffeemaschine wurde dazu genutzt, Ammoniumnitrat, also Ammoniumsalpeter, zu zerkleinern.

Auf dem Tisch liegt ein Notizbuch mit einer schrittweisen Anleitung für die Herstellung von Bomben. Die, welche den Sprengstoff herstellen, sind keine Spezialisten, sondern damit beschäftigen sich alle Rebellen, die gerade nicht in Kämpfe verwickelt sind. Man fand hier unfertige Bomben verschiedenster Größe und Detonationskraft.
Reporter:

Mit solchen Dingen füllen die Terroristen ihre selbstgebauten Sprengsätze. Das sind Kugeln aus Kugellagern.

Solche Waffen werden nicht im Kampf gegen Regierungskräfte eingesetzt. Die selbstgebauten Sprengsätze sind dazu da, Furcht und Verzweiflung zu verbreiten.
Das sind die Folgen eines Anschlags in einem christlichen Stadteil eines Vororts von Damaskus. Die Bombe wurde unter einem Taxi installiert, das an einer belebten Kreuzung geparkt wurde.
Reporter:

Die Explosion war so gewaltig, das von dem mit der Sprengladung präparierten Pkw praktisch nichts übriggeblieben ist. Die Fachleute schätzen die Sprengleistung auf mehr als 40 Kilogramm Sprengstoff. Die Bombe war außerdem mit kleinen, scharfen Metallstücken gefüllt.

Gezündet wurde der Sprengsatz per Funk, und zwar in dem Moment, als eine Trauerprozession an dem Wagen vorbeiging. An diesem Tag wurden hier Soldaten zu Grabe getragen, doch die meisten der Todesopfer und der Verwundeten sind Anwohner des Stadtgebiets, die dem Begräbnis beiwohnten.
Rada stand auf dem Balkon und unterhielt sich mit ihrer Nachbarin. Durch die Druckwelle wurde sie ins Wohnzimmer geschleudert.
Rada Rekmani:

Wir tranken gerade Kaffee, als ich einen fürchterlichen Schlag spürte. Es flogen Splitter, Glas, Ziegel auf mich und ich verlor das Bewußtsein. Ich kam in den Armen meiner Verwandten wieder zu mir, mir wurde meine Hand verbunden. Dieser Terroranschlag ist das Werk der ausländischen Söldner, ich denke, nur sie können vollkommen Unbeteiligte ermorden.

Das ist der Vater eines elfjährigen Jungen. Der Junge wurde in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert.
Vater des schwerverletzten Jungen:

Wir kamen gerade vorbei, und da explodierte das Auto, ich hielt meinen Sohn an der Hand. Ein großer Splitter geriet ihm in den Bauch. Ein kleinerer traf sein Gesicht.

Das Kind wurde mehrere Stunden lang operiert, man entfernte die Splitter und stillte die Blutung. Danach kam er auf die Intensivstation.
Diese Bilder sind eine Woche später im gleichen Krankenhaus entstanden. Es gab den nächsten Anschlag, doch diesmal sind alle Toten Kinder.
Wieder sprengten die Terroristen ein Auto, das an einer Kreuzung geparkt war, doch hier war die Bombe um ein Vielfaches mächtiger. Durch die Explosion wurden Wohnhäuser zerstört. Hassan, ein Ingenieur, hat in Russland studiert. Er verlor hier seine kleine Tochter.
Hassan, Ingenieur:

Das ist ein Spielzeug meiner Tochter, sie war 8 Monate alt. Was war ihre Schuld? Soll das eine Revolution sein, wenn man solch kleine Kinder umbringt? Das ist keine Revolution, das ist Terror, es sind richtige Terroristen, die in Amerika, Frankreich und Stambul wohnen.

Der Terror ist in Syrien inzwischen zum Alltag geworden. Die Rebellen verlagern dabei ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf rein zivile Ziele.
Auf diesem Video berichtet die Al-Farouk-Brigade detailliert über einen ihrer Terroranschläge. Alle Stadien der Vorbereitung und der Umsetzung wurden festgehalten, man sprengte ein Krankenhaus und Checkpoints der Regierungstruppen in der Stadt Qusair.
Rebell an seine “Kollegen”:

Besser sprengen wir gleichzeitig das Krankenhaus und greifen dabei die Checkpoints mit Granatwerfern an, dann haben wir eine Chance zu entkommen. Was denkt ihr?

Um verwundete Soldaten und Zivilisten zu töten, graben die Rebellen Gänge unter das Krankenhaus und die Checkpoints. Ihre Gesamtlänge beträgt um die 500 Meter.
Rebell:

Wir haben es nicht geschafft, die Wache aus dem Krankenhaus zu vertreiben, deswegen wird das Gebäude vermint. Es gibt keine andere Möglichkeit, Rache zu nehmen.

Nach langer Vorbereitung wurden Krankenhaus und Checkpoints gesprengt.
Es gab mehr Tote unter den Zivilisten als unter Soldaten. Für die Rebellenkämpfer ist das aber ein durchaus akzeptables Ergebnis.
Das sind Kämpfer der Regierungstruppen, fast niemand von ihnen wollte noch vor einem Jahr zur Waffe greifen, doch fast jeder ist aufgrund einer Tragödie im Familienkreis jetzt im Krieg.
Mohammed hat seine Wehrpflicht vor 30 Jahren absolviert, kehrte aber in die Armee zurück, nachdem er seinen Sohn verlor.
Mohammed Saïdi:

Mein Haus ist nicht weit von hier, vor einem Monat wurde das Viertel von Rebellen besetzt, sie kamen in mein Haus, als ich gerade weg war. Sie wollten, dass sich mein Sohn ihnen anschließt und gegen die Armee kämpft. Er wollte das nicht, er hat nie ein MG in der Hand gehalten und wollte gegen niemanden Krieg führen. Sie haben ihn umgebracht. Wie hätte ich danach zu Hause bleiben sollen?

Die Fundamentalisten haben das Rad nicht neu erfunden und nutzen bewährte Taktiken aus dem Irak, Afghanistan und Libyen. Sie haben Unterstützung in den Gebieten, in denen radikal eingestellte Moslems leben, dort bauen sie unterirdische Bunker und richten Waffenlager ein. Kommen sie unter Beschuss, lassen sie ihre Waffen fallen und versuchen, wie harmlose Zivilisten auszusehen. Sie tragen keine Uniformen, obwohl sie sich als Kämpfer der Freien Syrischen Armee bezeichnen.
Das ist ein Sondereinsatz nur 20 Kilometer vom Zentrum von Damaskus entfernt. Das Filmteam dringt zusammen mit den Regierungstruppen in die Kampfzone vor. Wir konnten alle Etappen der Auseinandersetzung sehen.
Das ist, wie die Soldaten es nennen, der “Kontakt”. Wir kommen durch massives Gegenfeuer der Opposition zum Halten. Die Soldaten eröffnen Bekämpfungsfeuer, und unter der Schussdeckung geht eine Kampfeinheit den Rebellen in den Rücken, liquidiert einen Scharfschützen, einen Mann mit Granatwerfer und einen MG-Schützen. Die Soldaten erbeuten ein Funkgerät, das auf der Frequenz der FSA funkt. Nach den Meldungen, die man dort hört, gibt es hier um die 40 Rebellenkämpfer, davon 10 Scharfschützen.
Rebell über Funk:

Ich nehme eine andere Stellung ein, gehe näher an den Wassertank an der Ecke heran. Dort ist Bewegung.

Die Rebellen ahnen nicht, dass sie abgehört werden. Einer der Scharfschützen kommt auf dieses Dach, aber er wird bereits erwartet.
Das Gros der Soldaten rückt vor, es gibt bereits Verluste. Zwei Soldaten sind tot. Die Rebellen schießen aus Granatwerfern. Die Soldaten fordern Verstärkung mit Panzerfahrzeugen an. Es kommen zwei Panzer heran, die keine Mühe mit der leichten Artillerie der Rebellen haben.
Je weiter, desto schwieriger. In dem dicht bebauten Viertel kommen die Soldaten nur langsam voran, hier gibt es keine Unterstützung durch die Panzer, sie werden abgezogen.
Die Fußsoldaten bewegen sich sprungweise von Gebäude zu Gebäude, es gibt wieder Kontakt, in einem der Häuser steckt ein Scharfschütze.
Es ist ein auszehrender Krieg. Ständig hallen Schüsse, alle Soldaten sind angespannt, weil sie nicht wissen, aus welcher Richtung der nächste Angriff kommt.
Die Feuerpunkte der Rebellen sind vernichtet, es gibt eine kurze Pause. Die verschreckten Bewohner kommen auf die Straßen heraus und begrüßen ihre Befreier.
Anwohnerin:

Solange die Rebellen hier waren, saßen wir zu Hause und gingen nicht an die Fenster heran. Es war fürchterlich, ich bin eine Woche lang nicht auf die Straße gegangen.

Das Stadtviertel ist gesäubert, im Äther der Rebellen kehrt Stille ein.
Unser Filmteam begibt sich zum ausgehobenen Kommandozentrum der Rebellen. Doch auch für die Armee unerwartet eröffnet ein Scharfschütze das Feuer.
Der Schütze schneidet unsere Gruppe von den Regierungssoldaten ab, wir können die Deckung nicht verlassen. Dabei sieht man natürlich, dass wir Zivilisten sind, keine Waffen tragen, man kann uns als Journalisten erkennen.
Zehn Minuten später hören wir Rufe – vorwärts!
Der Scharfschütze ist tot, wir laufen an ihm vorbei. Die Regierungstruppen kämmen das Gebiet noch einmal durch.
Reporter:

Die Scharfschützen schlagen solche Löcher in die Wände…

Sie schießen durch diese Löcher, jedes davon kleiner als das vorangehende. Die Armee verliert deshalb nicht nur im offenen Gelände Soldaten. An einem Tag sterben 7 Soldaten durch Scharfschützenfeuer, es gibt mehr als 10 Verletzte. Sie werden von Militärärzten weggebracht.
Die Rebellen melden sich wieder über Funk und sagen, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, das Stadtviertel zu halten, sie planen den Einsatz eines Selbstmordattentäters, um ihren Rückzug zu decken.
Syrischer Offizier:

Vorsicht, wenn der Scharfschütze sich in die Luft sprengt, kann es viele Opfer geben. Tretet zurück!

Um das Leben seiner Soldaten nicht zu riskieren, befiehlt der Offizier, den letzten Feuerpunkt mit Granatwerferfeuer auszuschalten.
Der Sondereinsatz hier dauerte zwei Tage. Der Großteil der Rebellen wurde getötet. Die Opposition hat versucht, die Säuberungsaktion als Überfall auf die Zivilbevölkerung darzustellen, aber unter den Getöteten gab es niemanden, der unbewaffnet war.
Schon in der darauffolgenden Nacht veranstaltet eine andere Terroristenbrigade einen Granatwerferbeschuss von Damaskus.
Eine halbe Stunde lang schlagen 82-Millimeter-Granaten in der Stadt ein. Die Rebellen beschießen ein Wohnviertel.
Anwohnerin:

Wir schliefen, als die Granaten hier einschlugen. Wir waren sehr verschreckt und haben in der Panik nicht begriffen, was vor sich geht. Das ganze Haus bebte. Unsere Soldaten kamen mitten während des Beschusses und führten uns in den Keller.

Das, was die Rebellen dann als Terroranschlag bezeichnen, forderte 4 Todesopfer in einem Wohnhaus, Dutzende wurden durch Splitter verletzt. Die Verantwortung wurde von einer “Ansar al-Islam”-Brigade übernommen, noch eine Bande Fundamentalisten unter dem Kommando eines ausländischen Söldners.
Überhaupt ist die sogenannte Freie Syrische Armee ein Netz aus Terrorzellen, die von ihrer Struktur her einer “gewöhnlichen” Terrororganisation ähnelt. Im Vordergrund steht die Religion, der Salafismus, die wohl radikalste Strömung des Islam. Ziele sind der Sturz der Regierung und der Aufbau eines Scharia-Staatswesens in Syrien. Und bei alledem wird die bewaffnete Opposition weiterhin von der USA, von Frankreich und Großbritannien unterstützt, ganz zu schweigen von Katar und Saudi-Arabien. Aus den Rekrutierungscamps in der Türkei und den Flüchtlingslagern in Jordanien bekommen sie Geld, Waffen und Medikamente, um ihren Krieg in Syrien fortzuführen.
Von den Tribünen der internationalen Arena hört man weiterhin Forderungen nach einem Rücktritt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Das würde angeblich die Gewalt beenden. Dabei gibt es das Beispiel Afghanistans, des Irak und Libyens, wo die Gewalt nach dem Sturz der Regierungen gerade eskaliert, die Freiheit aber gegen Null geht.

Happy birthday, drittes Reich!

Abd al-Aziz ibn Saud

Abd al-Aziz ibn Saud

Vor 80 Jahren entstand ein neuer Staat auf der Weltkarte – Saudi-Arabien. Die Biographie des jungen Königs Abd al-Aziz ibn Saud, der zum Namensgeber des neuen Staates wurde, erinnert in manchem an die Biographien junger Revolutionäre. Wie Fidel, so gab es auch bei Abd al-Aziz seine Moncada-Kaserne, die er mit einem Dutzend ergebener Mitstreiter stürmte, und später wurde diese fast epische Tat zur Legende des neuen Reiches. Abd al-Aziz wurde zum Sammler der Länder und zum Kämpfer gegen ausländische Gewaltherrschaft und gegen deren inländische Kollaborateure. Er kämpfte sich durch die Rivalität mit den Rashidi, befreite die Heiligtümer des Islam von den Ketzern. — Natürlich ist die offizielle Geschichtsschreibung des Königreichs, wie fast überall, Längen von der Realität entfernt, doch was man als richtig anerkennen muss: Abd al-Aziz ibn Saud war in jedweder Beziehung eine herausragende Persönlichkeit. Das beweisen schon allein die rund 3 bis 4 Dutzend nur männlichen Erben, die er zeugte – kaum auszumalen, was ihn das an Mühen gekostet haben mag.

Das jetzige Königreich ist das dritte in der Geschichte der Dynastie der Saud. Das erste wurde im 18. Jahrhundert von zwei nicht weniger interessanten Persönlichkeiten geschaffen – beide hießen Muhammad, einer ibn Saud, der andere al-Wahhab. Seitdem ist die Staatsideologie des Reiches der Wahhabismus, wie man ihn für gewöhnlich nennt. Die Wahhabiten nennen sich aber natürlich selbst nicht so.

Gazprom schafft sich ab

Einer der größten internationalen Durchbrüche des Präsidenten Medwedew war 2011 der erfolgreiche Handel mit russischem Territorium, bei dem er alles andere als knausrig gewesen ist: er schnitt ein paar hunderttausend Quadratkilometer Seegebiet in der Barentssee ab und hat es faktisch ohne Gegenleistung (das heißt: kostenlos) dem kleinen, aber ambitionierten Norwegen abgetreten.
Sicherlich haben damals “helle Köpfe” in Russland die Sorge der russischen Patrioten von oben herab belächelt und dann und wann Andeutungen über geheimes Wissen und Verstehen fallen lassen. Nun sollte sich aber herausstellen, dass der damalige russische Präsident nicht etwa nur ein blöder Prasser war, sondern sich von unbegreiflich hohen Strategien im Dienste des russischen Staates leiten ließ – aufgrund derer der Hoffnung und Stütze des russischen Budgets, Gazprom, Zugriff auf die schier endlosen Ressourcen des Shtokman-Erdgasvorkommens gewährt werden sollte. Zum Zwecke des Beginns der Ausbeute war es nötig, den alten Territorialdisput zwischen Russland und Norwegen beizulegen, indem man das russische Territorium ein wenig dezimierte. Solange der Streit nicht geschlichtet war, gab es keine Möglichkeit, Investoren zu gewinnen und in dem Gebiet einer koordinierten Ausbeute nachzugehen.
Also beschnitt Medwedew das russische Seegebiet – und schwupp! – wurde die Sache möglich. Das war wohl jedenfalls der Deal…
(Weiterlesen & Besprechung auf Neopresse.com!)

General-Inflation: fast schon langweilig

Generalmajor Adnan Sillu
Da haben wir wieder einen flüchtigen Satrapen, und wieder eine Folge aus der mühseligen Staffel “Assad setzt Chemiewaffen gegen sein Volk ein”. Als besonderen Glücksfall kann man den Umstand bezeichnen, dass der nun desertierte Generalmajor Adnan Sillu dazumal für das syrische Chemiewaffenprogramm verantwortlich gewesen sein soll. Der muss es ja wissen. In seiner Videobotschaft heißt es, er sei am 16. Juli Richtung Türkei desertiert und habe nun vor, Chef im Vereinigten Kommando der FSA zu werden. Riad Asaad raucht derweil nervös im Flur des OKH.
Wenn man sich in die Sache hineindenkt, tauchen jedoch ein paar ungeklärte Fragen auf. Man stelle sich vor, in früheren Zeiten wäre ein für das Atomwaffenprogramm verantwortlicher US-amerikanischer General in die Sowjetunion übergelaufen. Ach, wozu gleich Atomwaffen, es hätte schon gereicht, dass er für die Army-Lunchpakete “Meal Ready to Eat” verantwortlich wäre. Wie lange würde man einen solch herausragenden Spezialisten beim Aufklärungsdienst wohl filzen und schütteln, bis man alles, was er weiß, notiert, registriert, geprüft und gegengeprüft hat? Und wie wahrscheinlich ist es, dass er danach durch die Straßen sowjetischer Städte flaniert und Videos auf Youtube hochlädt?
Es passt eben einfach, wie immer. Kaum hat die “Weltgemeinschaft” ihrer Sorge über die Chemiewaffen Syriens Ausdruck verliehen, bitteschön, haben wir eineт Insider als Informationsquelle höchsten Ranges, der sich für die “Demokratie” und gegen das “blutige Regime” entscheidet. My dear, was willst Du, das Oberkommando in der FSA? Warte mal, lege mal schön alles auf den Tisch, was Du weißt, angefangen bei den Aborten der Chemiewaffenlager. Wo, was, wieviel, Transportmittel, Lagerbestände, Zustand, Sicherheitssysteme, Personal, Erfassungssysteme, Einsatz- und Notfallpläne… eine Million Fragen, von denen jede eine ausführliche Antwort braucht. Erst erzählst Du das dem Sachbearbeiter, dann seinem Vorgesetzten, und nachher fliegt man Dich nach Washington, da hast Du es dann mit Leuten mit noch mehr Sternen auf den Schulterklappen zu tun.
Stattdessen spaziert der General nur wenige Tage nach seiner Operation “Ich entschied mich für die Demokratie” durch die türkische Landschaft und produziert Youtube-Videos. Nur zwei Monate nach seiner Flucht ist er bereits in der Lage, das Oberkommando über die FSA übernehmen zu wollen. Ein Chemiker-General, was könnte der wohl zusammenkommandieren? Ist er Fachmann für das Heer, oder Leiter von Sondereinsatzkommandos gewesen? Wenigstens ein Stabsmitglied?!
Kurz gesagt, entweder ist der gute Mann schon so lange weg vom Fenster, dass er keine Ahnung mehr hat, wie die Lage vor Ort wirklich ist, oder aber der Einwurf mit den Chemiewaffen ist einfach nur der nächste Bluff und Öl ins nicht brennen wollende Feuer. In dem Sinne, dass die C-Waffen eben schön verplombt in den Lagern herumliegen und gut bewacht werden, und es da nichts Neues gibt, was die CIA noch nicht weiß.
Und die von Sillu erwähnten Konsultationen, auf denen angeblich besprochen wurde, wann und wo “das Regime” Chemiewaffen anwenden will:

Bei Lagebesprechungen im zentralen Giftgasdepot nahe Damaskus habe es „ernsthafte Diskussionen über die Nutzung von Chemiewaffen gegeben, einschließlich wie und wo sie eingesetzt werden sollen“, sagte Sillu. Als möglicher Fall sei debattiert worden, wenn das Regime die Kontrolle über eine wichtige Region wie Aleppo verlieren sollte. (Zitat von hier)

Dumm nur, dass der Kollege am 16. Juli desertiert ist, als von Aleppo noch gar nicht die Rede war. Das war ja sogar noch vor dem sogenannten “Vulkan in Damaskus”. Wie sollte man über Chemiewaffen in Aleppo schwadronieren, wenn man noch gar nicht im Bilde darüber war, was dort vor sich gehen wird?
Egal, was man sich bei dieser Geschichte fragt: die Ungereimtheiten quellen aus jeder Ritze. Insofern kann man die Meldung dieses ehemaligen Generalmajors getrost als das nächste, vom Zettel abgelesene Réplique werten. Was da auf diesem Zettel stand, hat er eben vorgelesen. Ist ja auch ein General, lesen hat er gelernt.