Archiv für September, 2012

Wochenschau, Folge 45

Barack Husseinowitsch Obama
Der aktuelle Wochenrückblick widmet sich ganz den bekannten Interaktionen zwischen „Al-Kaida“ und den Vereinigten Staaten von Amerika. Angemerkt sei, dass es wohl noch nirgends Klarheit gibt, wer konkret hinter dem Film „The Innocence of Muslims“ steckt; es gibt verschiedene Theorien. Webster Tarpley hat eine (Dank an Jörg für den Hinweis), die Kollegen aus Russland, die für diese Wochenschau inhaltlich verantwortlich sind, haben eine andere.
Es gibt in dieser Folge zwei inhaltliche Schnitzer: m.W. finden die US-Präsidentschaftswahlen am 04., nicht am 06. November statt und das bei 06:44 gezeigte Bleichgesicht neben dem Leichnam von Oberst Gaddafi ist nicht Christopher Stevens. Das ist hier bekannt. Nichtsdestotrotz, es sei ein frohes Anschauen gewünscht nebst der Bitte, das Video bzw. die Folge zu verbreiten, wenn es Anklang findet.
Video(s) sind eingebettet, der Vollständigkeit halber und zum Nachlesen für Youtube-geblockte Umgebungen findet sich der Text darunter.

Die vergangene Woche wird durch eine ungeheure Provokation in die Geschichte eingehen, die zur Ursache antiamerikanischer Proteste in der ganzen Welt wurde und für dutzende Menschen den Tod für politische Interessen bedeutete. Wir haben die Vorgänge sorgfältig beobachtet und können euch nun eine schrittweise Analyse der Situation präsentieren, die alle Ereignisse an den rechten Ort rückt.

Wir wollen vorausschicken, dass einige Bilder in dieser Folge zu grausam für Frauen, Kinder und sensible Zuschauer sein könnten.

Misslungene Allianz

Die Woche begann mit einer hochinteressanten Nachricht: am Vortag des Jahrestages der Tragödie vom 11. September haben radikale Islamisten, wie auf Bestellung zu einem schönen Datum, der USA und den Westländern einen Waffenstillstand angeboten. Die Initiative ist von zwei Todfeinden der USA ausgegangen – der “Al-Kaida” und den Taliban. Dabei waren die Bedingungen des Waffenstillstands durchaus annehmbar. Die “Al-Kaida” forderte im Austausch für das Einstellen von Terrorangriffen die USA dazu auf, sich nicht weiter in die Angelegenheiten islamischer Staaten einzumischen und gefangene Dschihadisten auf freien Fuss zu setzen. Die Taliban stellten analoge Bedingungen, haben aber ihrerseits noch dazu angeboten, die wichtigsten Militärbasen der USA in Afghanistan zu akzeptieren.
Am 6. November sind in den USA Präsidentschaftswahlen. Viele haben das Angebot der Islamisten als eine gute Chance für Obama gewertet, mit einem Schlag alle schwelenden Kriege zu beenden und dabei gleichzeitig Alliierte zu gewinnen, welche die Interessen der USA in den islamischen Ländern verteidigen. Doch lasst uns einmal darauf schauen, wer genau denn da mit dem Friedensangebot aufgetreten ist.
Von Seiten der “Al-Kaida” war das Mohammed al-Zawahiri, der Bruder des derzeitigen Al-Kaida-Führers Ayman al-Zawahiri, der an die Stelle von Osama bin Laden getreten war. Über Mohammed al-Zawahiri ist bekannt, dass er 14 Jahre seines Lebens in ägyptischen Gefängnissen verbracht hat und erst dank der Revolution vom vorigen Jahr die Freiheit erlangte. Er besitzt keinerlei Einfluss auf die Politik der “Al-Kaida”. Niemand aus der Organisation, auch nicht sein Bruder, haben seine Vollmachten, mit solchen Initiativen aufzutreten, auch nur auf irgendeine Art bestätigt. Mit anderen Worten, das Angebot scheint nach einer ersten Prüfung nicht wirklich ernstzunehmen zu sein.
Mit den Taliban ist die Lage noch nebulöser. Die Information über das Waffenstillstandsangebot tauchte in britischen Medien auf, die sich auf ungenannte Quellen in der Bewegung berufen. Angeblich meint ein Teil der Taliban, dass ein Friede möglich sei, will dabei aber nicht namentlich genannt werden. Mit anderen Worten, die von den Medien verbreitete Information über einen bevorstehenden Waffenstillstand ist zumindest zweifelhaft. Doch ihren Effekt hat sie gehabt – in den Augen der Bürger des Westens kamen die Führer der Feinde Obamas zu Kreuze gekrochen, um ihn um Frieden zu bitten.
Wir hatten allerdings gleich gesagt, dass es keine Waffenruhe geben wird. Zitat:

„Es genügt, sich vor Augen zu führen, dass das beiweitem nicht der erste Verhandlungsversuch ist. Aus irgendeinem Grunde passierten immer, wenn die Verhandlungen ein wenig in Gang kamen, irgendwelche Zwischenfälle, die den weiteren Verlauf der Verhandlungen unmöglich machten. Mal sprengt bin Laden etwas in die Luft, mal pinkeln US-Marines auf die Leichen getöteter Taliban oder zünden einen Koran an. (“Terroristen bieten Obama Waffenstillstand an. PR oder Legalisierung?”, odnako.org, 11. September 2011)

Als hätten wir’s geahnt. Schon am nächsten Tag wurde die Welt von einer Welle antiamerikanischer Proteste erschüttert, die mit der Veröffentlichung eines Trailers zu einem die religiösen Gefühle der Moslems verletzenden Film zusammenhingen. Es geht um den Trailer zum Film “The innocence of muslims”. Der Film stellt den Propheten Mohammed in einem äußerst ungünstigen Licht dar. Solches einem militanten Islamisten vorzuführen ist genau das selbe, wie ihm einfach Unrat an den Kopf zu werfen..
Inzwischen ist vollkommen klar, dass dieses Video eine vorbereitete Provokation gewesen ist. Urteilt selbst, das Video war bereits seit 3 Monaten im Netz, wurde allerdings erst jetzt ins Arabische übersetzt und genau am 11. September, nach der Information über das Waffenstillstandsangebot, unter Moslems verteilt. Man muss nicht allzu schlau sein, um die Reaktion darauf vorauszusehen. Wer als Kind einmal Hefe ins Klo geschmissen hat, kann sich vorstellen, wie die Sache ausgehen musste.
Übrigens ist der Film, dem Trailer nach zu urteilen, in jeder Hinsicht eine geistlose Billigproduktion. Nach dessen Erscheinen konnte man unter anderem lesen, dass sein Budget nur 5 Millionen US-Dollar betrug und er von mysteriösen “100 Juden” finanziert wurde. Das heißt, jeder dieser mysteriösen Juden spendete dafür 50.000 Dollar. Es ist klar, dass die Juden kein wohlhabendes Volk sind, mehr konnte man sich einfach nicht leisten.
Doch was den Nutzen angeht, haben sich die Investitionen absolut gelohnt. Um die Sache noch etwas hervorzuheben, wurde die Information verbreitet, der berüchtigte Pastor Jones hätte Teil an der Schaffung des Streifens. Das ist der Provokateur, der auch früher schon den Koran an den Pforten seiner Kirchgemeinde verbrannt hatte. Damals kam es im Nachhinein zu Massenprotesten in Afghanistan, die bis zu 100 Tote zur Folge hatten.

Die Revolution frisst ihre Väter

Die günstig plazierte Hefe fing also an zu brodeln. Erst kam es zu Unruhen in Ägypten. In Kairo brach eine Menge an Demonstranten zur US-Botschaft durch, verbrannte Flaggen der USA und hisste an ihrer Stelle das schwarze Banner des Islam.
Zur gleichen Zeit kam es zu weit dramatischeren Ereignissen im libyschen Benghazi. Benghazi gilt als die Hauptstadt der letzten libyschen Revolution. Heute gibt es verschiedene Versionen der Trägodie, die sich dort ereignet hat. Wir wollen versuchen, die Chronologie der Ereignisse anhand unserer Quellen wiederherzustellen.
Schon am Dienstagabend wurde die US-Botschaft in Benghazi von einer Menge belagert, die gegen das erwähnte Video protestierte. Es flogen Steine auf das Gebäude, woraufhin die Wache das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Menge wich zurück, allerdings begann ein paar Stunden später die zweite Welle der Angriffe. Doch nun waren die Leute nicht mit Steinen, sondern mit schweren Schusswaffen ausgestattet. Das Gebäude geriet unter Granatwerferbeschuss und begann zu brennen. Die Menge brach auf das Botschaftsterritorium durch, wo sie sich des Botschafters Christopher Stevens bemächtigte. Den Diplomaten ereilte das traurige Schicksal Gaddafis – die wahnsinnig gewordene Menge mißhandelte und tötete ihn, man schleifte seine Leiche dann unter Jubelrufen durch die Straßen.
Angemerkt sei, dass Christopher Stevens eine wesentliche Rolle beim Sturz der Regierung unter Gaddafi spielte. Er war der Koordinator der ersten Luftangriffe und war voll von überschwenglichen Gefühlen gegenüber den jungen demokratischen Kräften in Libyen.

Ich hatte die Ehre, während der Revolution als Vertreter Amerikas bei der libyschen Opposition zu dienen, habe mit Begeisterung beobachtet, wie das libysche Volk seine Rechte verteidigt. Nun bin ich sehr glücklich, wieder nach Libyen zurückzukehren, um die große Arbeit weiterzuführen, die wir angefangen haben…

Doch zurück zur Botschaft. Außer Stevens ist bei dem Angriff noch ein weiterer Amerikaner getötet worden, die anderen konnten an einen geheimen Ort fliehen. Allerdings haben sich die Angreifer der Botschaftsarchive bemächtigt, wo es auch Informationen zu diesem geheimen Ort sowie auch Listen aller Treffpunkte und US-Agenten in Libyen gab. Die libyschen Machthaber konnten den Schutz der Amerikaner oder ihre Evakuierung nicht gewährleisten. Die Geflohenen mussten sich also wieder zur Wehr setzen, solange die Machthaber darum bemüht waren, eine Transportmöglichkeit für ihre Evakuierung zu organisieren. Es starben weitere zwei US-Marines, wobei angemerkt wird, dass die Attacke höchst professionell ausgeführt wurde. Lediglich eine amerikanische Sondereinheit konnte ihre Landsleute schließlich evakuieren.
Als die Lage sich entspannte, folgte die Reaktion des Weißen Hauses. Obama entsandte zwei Kriegsschiffe an die libysche Küste. Über Benghazi wurde eine lokale Flugverbotszone errichtet. Ganz genau, wie bei der vergangenen Revolution. Schon in der ersten Nacht danach haben Unbekannte versucht, amerikanische Drohnen, die über der Stadt kreisten, vom Himmel zu holen. Es kam zu weiteren Schießereien in Sirte und zu Explosionen in Tripolis. Eine Einheit der Navy Seals ging in Libyen an Land, um Anti-Terror-Einsätze durchzuführen. Wahrscheinlich werden wir in den kommenden Tagen Zeugen von US-Angriffen auf vermeintliche Terroristenlager in Libyen werden.

Ergebnisse und Folgerungen

Zu allen Zeiten wurde Mord an Botschaftern als Kriegserklärung gegen den Staat gewertet, der von diesem Botschafter vertreten wird. Hier ist es wichtig zu verstehen, wer genau Stevens umgebracht hat. Es gibt unzählige Versionen. Von unbekannten Gaddafi-Anhängern bis zu lokalen Vollidioten, die einfach aus Spaß morden und brandschatzen. Die USA verkündete, eine sorgfältige Untersuchung in die Wege zu leiten und die Schuldigen zu bestrafen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man vermuten, dass die Schuldigen letztendlich als “Al-Kaida” identifiziert werden.
Wir wollen uns nicht im Detail bei den Protesten aufhalten, von welchen die gesamte islamische Welt erfasst wurde. Angemerkt sei nur, dass großangelegte Protestaktionen an den US-amerikanischen Botschaften in Ägypten, Jemen, Tunesien, im Kaschmir, in Pakistan, Sudan, Marokko, Katar, im Irak, Iran und vielen anderen Ländern abliefen. Die Zahl der Verletzten kommt nahe an die Tausend heran, es gab Dutzende Tote. Barack Obama entsandte Spezialeinheiten an die heißesten dieser Orte – in den Sudan und nach Jemen. In Afghanistan überfielen die Taliban eine US-Militärbasis und töteten zwei Marines.
Die wichtigste Folgerung – es kann keinerlei Waffenstillstand zwischen den Islamisten und dem Westen geben. Es bleibt ein Rätsel, wer hinter der Organisation der ganzen Sache steckt. Bekannt ist aber, dass zum Beispiel die Botschaft in Libyen Warnungen vor bevorstehenden “Aktionen” bekommen hatte, noch bevor das provokative Video auftauchte. Wenn man sich das Prinzip von Ermittlern zueigen macht und danach fragt, wem die Sache genützt hat, so ist das zweifelsohne Barack Obama. Ein besseres Geschenk konnte man ihm vor den Wahlen gar nicht machen.
Erst kamen die Islamisten auf Knien zu ihm gekrochen und bettelten um Frieden. Aber Obama braucht diesen Frieden nicht, deswegen demonstrierte die grandiose Provokation sogleich die Haltlosigkeit eines solchen Angebots. Wie sollte sich Amerika auch mit den Mördern seiner Botschafter anfreunden? Dafür konnte Obama die Härte demonstrieren, deren Mangel sein Konkurrent Mitt Romney an ihm kritisierte. Die Kriegsschiffe, die Sonderkommandos in der ganzen Welt – das nun ist typisch amerikanisch. Außerdem gelang es Obama, die Aufmerksamkeit seiner Bürger mit einem Fingerschnippen von inneren Problemen auf äußere lenken. Er ist außerstande, die inneren Probleme, solche wie das Wachsen der Auslandsverschuldung, die Arbeitslosigkeit usw. zu lösen, aber eine Kampfshow mit der unsichtbaren “Al-Kaida” inszenieren – das geht. Und nun klingt das Statement Mitt Romneys darüber, dass der Hauptfeind der USA nicht die Terroristen sind, sondern Russland, geradezu lächerlich. Lächerlich klingen auch seine Behauptungen, Obama sei zu weich und zu entschlossenem Handeln unfähig.
Kurz gesagt, bis zum 6. November erwartet uns eine unterhaltsame Show für die amerikanischen Wähler, der eine noch unbekannte Zahl weiterer Menschen in allen Teilen der Welt erliegen wird. Was soll’s, die amerikanische Politik fordert eben Opfer.

Full House in Nahost – Strategien für Syrien

Syrischer Soldat. Foto: Anhar

Die syrische Regierung kündigt einen baldigen Waffenstillstand an; Aleppo taucht immer seltener in den Nachrichten auf, obwohl die Säuberungsaktionen dort weitergehen. Die Nachrichten von Zusammenstößen mit Rebellengruppierungen sind geographisch immer weiter nördlich von Aleppo – in der Region Idleb -lokalisiert. Dabei ist die Information von dort durchaus vielversprechend: die Armee liquidiert die Terroristen zu Dutzenden und zerschlägt ihre Stützpunkte in der ganzen Region.

Offenbar geht die jetzige militärische Phase des Konflikts tatsächlich langsam ihrem Ende entgegen. Die Regierung hat die Initiative fest in der Hand, und wenn sie nicht wieder auf fadenscheinige Friedensinitiativen hereinfällt, kann sie diese Initiative auch dauerhaft behalten.
  1. Einleitung
  2. Dynastien: Saud gegen al-Thani
  3. Osmanen gegen das Königreich
  4. Katar gegen Türkei
  5. Infrastruktur-Poker

Einleitung

Die syrische Regierung hat dann eine Chance darauf, insgesamt gegen die Aggression zu bestehen, wenn sie die militärische Abwehr der Intervention mit Undercover-Aktionen kombiniert, die auf eine weitere Spaltung der Opposition abzielen und dabei auch versucht, die Widersprüche zwischen den Hauptakteuren der Intervention – der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – zu vertiefen. Das ist eine viel schwierigere Aufgabe für Baschar al-Assad, als die rein militärische, die der Armee immer besser gelingt; sie wird viel Zeit kosten, innerhalb welcher innere und äußere Feinde weiter agieren können.
Syrische Soldaten. Foto: Anhar

Die rein militärische Komponente nimmt mehr und mehr die Züge von “normaler” Arbeit an: die syrische Armee hat es erstaunlich schnell gelernt, gegen eine in Städten festgesetzte Guerilla vorzugehen; das Offizierskorps gewinnt die dazu notwendige taktische Erfahrung; Verräter und Deserteure sind weitgehend ausgesiebt und die militärischen Strukturen dadurch gesundet; die Sicherung der Grenzen nimmt langsam Gestalt an; die Geheimdienste spezialisieren sich und interferieren nicht untereinander. Dabei ist gleichzeitig die politische Arbeit noch komplett zu bewältigen. Das betrifft sowohl die Spaltung der Opposition, als auch das Spiel mit den Widersprüchen zwischen den einzelnen Parteien unter den Aggressoren.

Wie in Libyen, sind auch in Syrien verschiedene oppositionelle Gruppierungen an verschiedene Sponsoren gekoppelt, deswegen ist die politische Zerschlagung der Opposition als solches ohne eine gleichzeitige Verschärfung der Widersprüche zwischen den Staaten hinter der Intervention aussichtslos. Aber es gibt immerhin solche Widersprüche, und zwar ziemlich schwerwiegende.

Dynastien: Saud gegen al-Thani

Auf taktischer Ebene verfolgen die arabischen Monarchien innerhalb der Troika der Aggressoren gegen Syrien dieselben Ziele, bei der Strategie unterscheiden sie sich aber gewaltig. Die Vernichtung des weltlichen Herrschaftssystems in Syrien ist eigentlich nur der erste Schritt im geplanten Drama, gleichzeitig auch der einzige Berührungspunkt zwischen Katar und Saudi-Arabien. Im Übrigen differieren sie recht deutlich.

Der Golfkrieg und die Vernichtung des Irak haben Saudi-Arabien eine äußerst unangenehme Lage beschert – während früher der Irak den Einfluss des Iran aufwog und es Saudi-Arabien gestattete, sich in der Region relativ komfortabel zu fühlen, so stehen die Saud nunmehr vor der Tatsache der Existenz zweier schiitischer Staaten vor ihrer Nase, wobei ihre Beziehungen zum heutigen Irak weit angespannter sind, als zum Irak Saddam Husseins. Dabei ist der schiitische Faktor ein wunder Punkt des Königreichs und eine seiner Achillesfersen.

Zwar sind Schiiten in Saudi-Arabien insgesamt natürlich eine Minderheit, doch gerade in der enorm wichtigen Ostprovinz Asch-Scharqiyya bilden sie eine Mehrheit. Das alliierte Bahrain hängt nur dank der de-facto-Okkupation durch Saudi-Arabien gerade noch am seidenen Faden, denn auch dort wäre der Hauptgrund für ein mögliches Fiasko der herrschenden Dynastie der schiitische Faktor. Eine ähnliche Gefahr besteht für das Königreich in dessen südlichen Provinzen.
Des Königreichs einzige Möglichkeit, die alte Balance in der Region wiederherzustellen, wäre es, in Syrien wenn schon kein klerikales, so doch wenigstens ein deutlich islamistisches sunnitisches Regime zu installieren, welches den Irak neutralisiert, indem es diesen in einen immerwährenden Clinch mit den eigenen, wie den syrischen Sunniten stürzt. Der Iran wiederum würde allein dadurch geschwächt, dass die ihm befreundete derzeitige syrische Elite von den Hebeln der Macht lassen muss.
Damit ist allerdings auch klar, dass die Saud sicher nicht eine Spaltung Syriens und dessen Abgleiten in “somalische Zustände” verfolgen, denn in diesem Fall gäbe es eben kein Gegengewicht zum Irak. Saudi-Arabien erwartet von einem “Syrien nach Assad” dort eine vom Niveau der Handlungsfähigkeit dem Irak ebenbürtige Regierung. Handlungsfähiger als die irakische muss sie dabei nicht sein.

Für Katar sieht die Situation ganz anders aus. Dort gibt es keine inneren Probleme mit Schiiten – sie sind in der Minderheit, werden kontrolliert und sind in sich gespalten, da ihre politische Unfreiheit durch die Möglichkeit aufgewogen wird, Geschäftstätigkeiten und Unternehmertum nachzugehen – in allen Bereichen, außer im Bereich Erdöl und Erdgas. Geht Bahrain unter, so hätte Katar davon voraussichtlich nur Vorteile: die vor noch gar nicht so langer Zeit umstrittene Inselgruppe Hawar könnte recht schnell wieder unter die Kontrolle des Katar geraten. Eine Schwächung, ja selbst ein Zusammenbruch Saudi-Arabiens wäre für Katar keine Katastrophe, denn Katar ist durch die geballte Militärmacht der USA in der Region gut gedeckt. Ein Sturz der Saud und ein Zerfall des benachbarten Königreichs könnten sich die al-Thani durchaus auch zunutze machen. Das könnten Ansprüche auf den Küstenbereich zwischen Katar und den VAE sein, welcher von Saudi-Arabien okkupiert gehalten wird. Innerhalb der Golfmonarchien können die al-Thani wieder die Führungsrolle einnehmen, nicht umsonst lassen sie dann und wann hören, dass ihre Dynastie wesentlich älter und ehrwürdiger sei als die der Saud.

Na, und die kleinen persönlichen Fehden, die es so gibt – und wir reden hier von einem Land des Ostens, und dazu noch von Emir Hamad bin Chalifa – sind schon eine schwerwiegende Sache. Seinerzeit belustigte sich Muammar Gaddafi über den fetten Hintern des Emir, der nicht einmal auf zwei Stühle passt, und Mubarak äußerte einmal den unvorsichtigen Vergleich des Katar mit einer Streichholzschachtel. Und wo ist heute dieser Mubarak, wo ist Gaddafi?
Persönliches wird im Gemisch mit Pragmatischem explosionsgefährlich. Die Erdgas-Ambitionen des Katar verlangen nach einer vollkommenen Isolation des Iran in dessen Möglichkeit, sein Gas in der Region zu transportieren – egal, in welche Richtung. Die Vernichtung und der Zerfall Syriens liegen deswegen im direkten Interesse des katarischen Emirs. Damit schlägt er eine Menge an Fliegen mit einer Klappe – er schwächt den Iran und blockiert den Festlandweg Richtung Europa für dessen Erdgas – die Erdgas-Pipeline nach Baniyas an der syrischen Küste wäre damit dicht. Er schwächt Saudi-Arabien, indem er es den wachsenden schiitischen Unruhen überlässt, schneidet es von jedweder auch nur halbwegs gemäßigten islamischen Kraft ab – in erster Linie von den Moslembrüdern, die ja gerade von Katar finanziert und folglich auch beansprucht werden. Saudi-Arabien ist fast schon gezwungen, auf die von keinem anderen beanspruchten Salafiten zu setzen – eine schlagkräftige, aber politisch in keiner Weise vertretbare Gruppierung und damit nirgends wirklich regierungsfähig.
Indem Saudi-Arabien die radikalen Islamisten finanziert und unterstützt, spielt es wohl oder übel dem Katar in die Hände – weltliche Regierungen werden durch sie gestürzt, an deren Stelle die Kreaturen des Katar treten.

Osmanen gegen das Königreich

Aus derselben strategischen Zielstellung – nämlich der Schaffung eines Gegengewichts zum dominierenden schiitischen Einfluss auf dem Gebiet des Irak – ist Saudi-Arabien an einem relativ träge dahinfließenden, in keine scharfen Phasen übertretenden Konflikt zwischen dem irakischen Kurdistan und dem schiitischen Süden interessiert. Ständige Kriegsgefahr ist auszehrender als der Krieg selbst. In diesem Sinne stehen die Interessen des Königreichs denen der Türkei entgegen.

Die Türken sehen es pragmatisch, dass das irakische Kurdistan eine Gegebenheit ist, mit der man wird leben müssen. Sie bauen Wirtschaftsbeziehungen mit Erbil auf, normalisieren ihre Beziehungen zu Barzani, haben damit freilich primär das Ziel, statt mehrerer Feinde nur einen zu haben. Mit einem kann man einfacher verhandeln und sich einigen, auch wenn das nicht immer funktionieren wird. Zum Beispiel hatten die Türken versucht, über Massud Barzani Einfluss auf die syrischen Kurden auszuüben und dabei das Gegenteil von dem erreicht, was sie beabsichtigt haben. Barzani hat es vorgezogen, sich von dieser schlüpfrigen Sache zu distanzieren, die Türken haben ihre Chance vertan und von Assad indirekt einen Tritt in die Weichteile bekommen, welcher sich die Loyalität der Kurden und die Vertreibung der Rebellen aus ihren Gebieten mit einem Autonomieversprechen erkaufte. Die syrischen Kurden verstehen recht gut, dass Islamisten, wenn sie über Assad siegen, sich am wenigsten für ihre Probleme interessieren werden; unter anderem aus diesem Grund lehnen die kurdischen Gemeinden es ab, den im SNC vorhandenen Kurden ein Recht einzuräumen, für sie zu sprechen.

Allerdings hat die Türkei natürlich keinerlei Interesse daran, die irakischen Kurden irgendwie – wirtschaftlich oder gar militärisch – erstarken zu sehen. Der Iran hat übrigens ebenso kein Interesse daran – insoweit ist die Interessenslage identisch. Keiner hat Lust darauf, dass die Kurden im eigenen Land eine Rückzugsbasis in schwer zu kontrollierenden Gebieten bekommen.
Kurdische Kämpfer

Schlussendlich steht das objektive Interesse des saudischen Königreichs daran, das irakische Kurdistan soweit erstarken zu lassen, dass es die Aktivitäten der schiitischen Regierung des Irak neutralisiert, den Interessen der Türken in dieser Frage direkt entgegen.

Die zweite Ebene der Widersprüche zwischen der Türkei und Saudi-Arabien ist die Frage nach der Führungsrolle im Nahen Osten. Das neo-osmanische Projekt der türkischen Islamisten sieht die Schaffung von leicht zu kontrollierenden und loyalen bis verbündeten politischen Strukturen von Nordafrika bis Mesopotamien vor. Und während die nordafrikanischen Islamisten in gewisser Weise noch die türkische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung kopieren (beispielsweise orientieren sich die Islamisten in Marokko und Tunesien an der Ideologie der AKP, und im libyschen Misurata hat der Einfluss des Katar ja gerade mit dem Einfluss der türkisch orientierten Gruppierungen und Clans zu kämpfen), so verfolgen die Islamisten im Nahen Osten recht deutlich die Politik einer größtmöglichen Nähe zu Saudi-Arabien und Katar. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi zum Beispiel ist ideologisch zwar nahe an der türkischen AKP angesiedelt, breitet aber gerade dem Königreich und dem Emirat seine Teppiche aus – die geleistete Finanzierung setzt er durch politische Arbeit im Interesse seiner Sponsoren um. Ägypten ist ein Schlüsselland der gesamten islamischen Welt, und der Ausgang des Interessenkonflikts dort wird die Frage nach der Führungsrolle im Nahen Osten fast schon im Voraus entscheiden. Die Türken sind in diesem Konflikt momentan noch ziemliche Außenseiter.
Davutoğlu und Erdoğan

Desweiteren wird der Kurs Richtung Neues Osmanisches Reich vom türkischen Militär bislang noch ohne große Begeisterung registriert. Gerade die Armee war es, welche den endgültigen Zusammenbruch der Hohen Pforte verhinderte, indem sie mit aller Härte und Konsequenz das weltliche kemalistische Projekt in die Tat umsetzte. Da besteht kein Interesse daran, wieder Zeuge eines Zusammenbruchs des eigenen Landes zu werden, nur weil dieses von zu ambitionierten Politikern dazu getrieben wird. Bereits jetzt äußern die türkischen Generäle Unmut gegenüber den Politikern, welche es zugelassen haben, dass der Abschaum der gesamten Region von ihrem Gebiet aus gegen Syrien agiert. Diese Unmutsbekundungen sind wohl auch ein Grund der ständig bekanntwerdenden Verhaftungen von Militärs, und die fragwürdige Loyalität des Militärs ist es wohl auch, welche die Islamisten Gül, Erdoğan und Davutoğlu davon abhält, entschiedene Maßnahmen Richtung Syrien zu ergreifen.

Katar gegen Türkei 

Die Widersprüche zwischen Katar und der Türkei liegen auf der Ebene des Kampfes um Einfluss unter den “zumutbaren” und “konkurrenzfähigen” islamistischen Projekten. Dabei ist die Türkei ganz offenbar im Hintertreffen – Katar übt eine unerschütterliche Kontrolle über die Bewegung der Moslembrüder aus, macht sie zur Predigerin seiner Politik im gesamten Nahen Osten und dem Maghreb. Mehr noch, die islamistischen Araber betrachten ihre türkischen Kollegen mit Argwohn und vermuten hinter ihren religiösen Ambitionen nichts als Machtgelüste. Damit haben sie in gewisser Weise auch recht – die türkischen Islamisten sind Geiseln ihrer eigenen demokratischen Prozeduren, dabei stellen vor allem die ländliche Bevölkerung, aber auch die satte Spitze der Städter, unter der die Mullahs besonderen Einfluss genießen, ihre Wählerschaft. Deshalb muss die AKP, um Stimmen zu bekommen, die archaische Weltsicht des Dorfes und die einer marginalen städtischen Bevölkerung gleichzeitig transportieren.

Aber das ist alles Politik. Die Hauptwidersprüche zwischen beiden sind wirtschaftlicher Natur. Katar versucht, auf grobe, massive und unverhohlene Weise alle bisherigen Erdgas-Projekte des Nahen Ostens zunichte zu machen, und was davon er nicht zerstören kann, versucht er, unter seine Kontrolle zu bekommen. Und andersherum – worüber er keine Kontrolle zu erlangen vermag, das versucht er zu vernichten und auszumerzen. Für die Türkei ist allerdings die halbe Totgeburt “Nabucco” extrem wichtig. Nabucco hat keine Überlebenschance, ohne die anderen Pipeline-Systeme des Nahen Ostens mit zu integrieren, denn nur auf diese Weise würde dieses Projekt jemals rentabel werden. Erst die Integration von Nabucco und dem ägyptischen AGP sowie dem iranischen IPC würde es gestatten, die Rohre angemessen zu füllen und damit gegen das russische Projekt “South Stream” zu bestehen.

Flüssiggastanker der Q-Max-Klasse

Der Katar ist nun aus völlig objektiven Gründen am Zusammenbruch aller drei Projekte interessiert: jedweder “Gas-Vektor”, der Richtung Europa weist, stellt eine direkte Konkurrenz für seine Pläne dar. Die von ihm grandios ins Leben gerufene Versorgung der USA mit Flüssiggas über eine eigene Tankerflotte hat durch die “Schiefergasrevolution” in den Staaten einen derben Rückschlag erlitten. Es gibt für Katar deshalb keinerlei andere Option, als die gigantische Tankerflotte Richtung Europa umzuorientieren. Dieser Markt mit fast einer Trillion Kubikmeter Abnahme pro Jahr ist zu fantastisch, als dass man nicht ein wenig darum kämpfen sollte. Wenn es sein muss, auch militärisch. Jeder, der Erdgas nach Europa liefert, ist damit automatisch ein Feind für Katar. Berücksichtigt man die ungehobelten Manieren der Kataris, die gestern noch Kameltreiber und Piraten waren und es gewohnt sind, ihre Probleme auf dieser Ebene und mit den entsprechenden Mitteln zu lösen, so verspricht der Kampf um den Gasmarkt Europa unter Teilnahme des Katar zu einem höchst unzivilisierten Unterfangen zu werden. Der brutale Mord an Muammar Gaddafi ist in diesem Zusammenhang ein durchaus deutlicher Wink an die Konkurrenten des Emir.

Eine zweitrangige Aufgabe für Katar nach der Vernichtung Syriens wäre es also, die momentan von den naiven Osmanen beherbergten Rebellenbanden in die andere Richtung laufen zu lassen. Erdoğan & Co. sind offensichtlich der leichtfertigen Meinung, dass es ihnen auch auf Dauer gelingt, die in den südlichen Grenzprovinzen der Türkei herumlungernden Banditen zu kontrollieren. Doch vieles sieht danach aus, dass die syrischen Rebellenbanden und die sie zahlenmäßig weit überwiegenden Söldnertruppen aus anderen Ländern des “Arabischen Frühlings” die Stoßkraft darstellen, die man auch nach dem angestrebten Fall der Assad-Regierung weiter zu benutzen gedenkt. Eine ihrer ersten Aufgaben “danach” könnte es sein, den Nacken der stolzen, aber dummen Türkei zu beugen.
Die arabischen Monarchien sind den Bemühungen Erdoğans gegenüber, seine eigene Armee zu demütigen, durchaus aufgeschlossen, denn nur die türkische Armee ist es faktisch, welche die insgesamt mindestens 15.000 Mann starke, aus Kämpfern des gesamten Nahen Ostens zusammengesetzte und gewaltbereite Gruppierung eindämmen kann, die sich in den türkischen Trainingslagern befindet. Nachdem Erdoğan mit eigenen Händen sein Militär “gesäubert” hat, könnte er eines Morgens aufwachen und mit Verwunderung feststellen, dass die, welche gestern noch seine Verbündeten waren, heute schon keine so zärtlichen Gefühle mehr für ihn hegen. Es scheint schon seltsam, dass Gül, Erdoğan und Davutoğlu derart naiv sein sollen, doch ihre Naivität gründet sich darauf, dass die Türkei innerhalb der Koalition der Aggressoren die operative Leitung bei der “Sicherung” des syrischen Territoriums in Form von Schutz- und Pufferzonen innehaben soll. Zumindest scheint es den Türken so.
Doch allein schon die Erfahrung aus Libyen zeigt, dass alle möglichen Absprachen ohne mit der Wimper zu zucken zerrissen werden können. Genau so, wie die undankbaren Libyer fast direkt nach der Ermordung Gaddafis und dem Untergang der Dschamahirija daran gingen, ihre Gönner zur Seite zu schieben, so würden dann auch die syrischen Sunniten und die Moslembrüder nach Machtergreifung ihre türkischen Berater loswerden wollen. Gerade dazu werden die Kampftruppen auf türkischem Territorium einen guten Beitrag leisten. Da kann Erdoğan mit seinen Kumpanen zappeln, wie er will.
Für Europa und die USA ist diese Konstellation gemäß dem altbekannten Prinzip “die Probleme der Indianer interessieren den Sheriff nicht” durchaus zufriedenstellend. Aus diesem Grunde gestatten sie es den Monarchien und den Türken auch, zu tun, was diesen beliebt, Hauptsache die ihnen gestellte Aufgabe – die Vernichtung Syriens – wird vorangetrieben. Das einzige, was den Westen dabei ungehalten werden lässt, ist die Langsamkeit und schlechte Effizienz bei der Erfüllung dieses Jobs.
Sicherlich gibt es in und um Syrien eine ganze Reihe weiterer, durchaus nicht zu vernachlässigender Faktoren. Für die Regierung Baschar al-Assad allerdings bleibt die Aufgabe bestehen, unter Verwendung der bestehenden Widersprüche innerhalb der Front der Aggressoren zu versuchen, einen Keil darein zu schlagen, unter anderen auch dadurch, die von den Aggressoren dominierte “Opposition” zu zerrütten. Das ist keine einfache oder triviale Aufgabe, aber unter den genannten Umständen und Möglichkeiten ist sie lösbar. Es hängt davon ab, wie gut Assad pokern kann. Dabei auch, ob er bluffen kann und will.

Infrastruktur-Poker

Viel mehr, als an Schach, bei dem die Spielfiguren und möglichen Kombinationen für alle offen einzusehen sind, erinnert das “Spiel” in Syrien an Poker, bei dem der Gegner nur das sieht, was man ihm irgendwie glaubhaft machen kann. Beim Pokern ist es Sinn der Sache, entweder eine absolut überlegene Kartenkombination auf die Hand zu bekommen, oder aber die Gegner glauben zu machen, dass man eine solche besitzt. Je nach dem, was man hat oder nicht hat, baut man seine Strategie auf. Baschar al-Assad hat sicher kein Royal Flush auf der Hand, aber das, was er besitzt, kann man auch nicht als Schrott bezeichnen.
Der derzeit im Nahen Osten laufende Krieg ist ein Krieg um Infrastruktur, dessen geoökonomischer Charakter eigentlich recht deutlich zu erkennen ist. Alle Beteiligten sind bemüht, ihre eigenen Transportwege und deren Projekte zu sichern und die des Gegners auszuschalten. Ein Krieg im Zeichen des Erdgases – jeder versucht, neue Kanäle für sich zu etablieren und die der Kontrahenten zu durchkreuzen und sie so von vielversprechenden Märkten abzuschneiden.
Erdgasrouten nach Europa. Man beachte die bestehenden und geplanten LNG-Terminals. Quelle:  BDEW

Syrien gegen Katar

Der in der Mischpoke der Aggressoren am wenigsten zurechnungsfähige Feind Syriens ist natürlich Katar. Das Emirat bleibt sicher bis zum Ende des Spiels am Tisch und wird jedwede Kartenkombination spielen, die ihm in die Hände kommt. Es hat gar keine andere Möglichkeit.
Anfangs war die Strategie des Schöpfers des “katarischen Wunders”, Abdullah bin Hamad al-Attiyah, recht friedlich und harmlos: er hatte lediglich damit gerechnet, den schier unerschöpflichen Markt der USA mit seinen läppischen 300 Milliarden Kubikmetern Gas (im unverflüssigten Äquivalent) pro Jahr zu bedienen, ehrlich und bescheiden das größte Erdgasvorkommen der Welt, South Pars, auszubeuten, reines Methan daraus zu pumpen und es in flüssiger Form per Tanker in Richtung der Neuen Welt zu schicken. Für dieses Mega-Projekt wurden riesige Kredite aufgenommen, man baute (und baut noch) eine gigantische Tankerflotte auf und alles wäre ja fein gewesen. Doch die “Schiefergas-Revolution” in den USA machte dieses Ansinnen zunichte und stellte den Katar vor den Abgrund des Bankrotts mit allem, was daraus für die Wüstenhalbinsel folgen würde.
Al-Attiyah wurde also von den etwas weniger feinfühligen Nachkommen der Piraten und Wegelagerer vom Clan al-Thani ein wenig zur Seite geschoben, und diese gingen daran, sich nach Europa durchzuschlagen. Woanders hin konnte es eigentlich gar nicht gehen. Unter seidenen Thoben schwabbeln die unermesslichen, mächtigen Körper der grimmigen Beduinen, die ihren Feind ähnlich leichtfertig abzumurksen gewohnt sind, wie sie sich die vollen Nasen an ihren Kufiyas abputzen. Die Strategie war einfach und verständlich – konkurrierende Lieferanten abknallen und einen Weg zu den Ufern Europas legen.
Die Vereinigten Staaten haben al-Thani letztlich vor das Dilemma gestellt, entweder hinter der nächsten Düne zu verrecken oder sich durchzusetzen. Dadurch haben sie einen treuen, vollkommen hingegebenen Alliierten mit enormen Ambitionen und absoluter Kompromisslosigkeit gewonnen; was kann es auch für Kompromisse geben, wenn es ums eigene Überleben geht?! Es ist deswegen sinnlos, mit dem Katar verhandeln zu wollen und auf irgendwelche seiner Angebote einzugehen. Alles, was der Emir am Ende jedweder Verhandlung anzubieten hat, ist ein Schlag mit dem Brecheisen auf den Hinterkopf. Und daher ist die einzig richtige Strategie hinsichtlich Katars für alle beteiligten Seiten nur die, welche auf eine möglichst baldige Ausschaltung dieses Faktors hinausläuft. Durchaus im physischen und materiellen Sinn dieses Worts.
Baschar al-Assad hätte nichts, worüber es mit dem Katar zu reden gäbe. Syrien wurde von Allah auf dem Transportweg des Erdgases nach Europa geschaffen, allein dadurch ist es im gegenwärtigen Krieg zu einer Opferrolle verdammt.

Syrien gegen Saudi-Arabien

Saudi-Arabien sieht im Spektrum der Feinde Syriens ein klein wenig zurechnungsfähiger aus, aber Syriens Problem hier besteht darin, dass es nichts anzubieten hat. Fast nichts. Das Königreich hat eigentlich keinerlei wirtschaftliche Ansprüche an Syrien, aber dafür politische, und das massiv. Und auch hier kann Assad keinerlei Handel mit den Saud eingehen. Was sie brauchen, ist eine völlige Abschaffung des weltlichen Regierungssystems in Syrien, ohne Kompromisse und Halbheiten.
Trotzdem gäbe es für Assad hier eine Chance. Die wie Fliegen dahinsterbenden älteren Saud lassen die Stunde von claninternen Auseinandersetzungen auf höchster königlicher Ebene immer näher kommen. Assad muss die Sache hier nur ein wenig aussitzen, bis zu dem gesegneten Augenblick, an dem der Machtkampf in Saudi-Arabien – potentiell ein Bürgerkrieg – in vollem Umfang ausbricht. Sicher gibt es auch die Möglichkeit, dass die Myriaden an ambitionierten Prinzen es irgendwie schaffen, sich “undercover” zu einigen, aber zumindest stehen gravierende Änderungen im alten Erbfolge-System des Königreichs aus. Diese Wahrscheinlichkeit eines glatten Übergangs ist aber aufgrund der Menge an Ambitionen unter den zweit- und drittrangigen Erben relativ wenig wahrscheinlich. Allein innerhalb eines Jahres sind drei Kronprinzen in Saudi-Arabien gestorben; die Strategie des Aussitzens ist hier also die logischste und beste Variante.

Syrien gegen die Türkei

Und der wahrscheinlichste Kandidat für ein Ausscheiden in dieser unseligen Dreiheit ist natürlich die Türkei. Es waren letztlich nur die Ambitionen ihrer Führung, welche das Land in das Lager der Assad-Gegner gleiten ließen. Auch deren Abhängigkeit von der NATO und der USA spielen natürlich eine Rolle, doch zum Beispiel verhält sich der jordanische König Abdullah II. trotz einer ähnlichen Abhängigkeit im Vergleich zu den Türken doch recht neutral. Nähmen die Türken eine ähnliche Position wie Jordanien ein, so hätte Syrien keine größeren Probleme damit gehabt, die bewaffnete “Rebellion” in absehbarer Zeit zu zerschlagen.
Es gibt aber keine objektiven Gründe für die Türkei, gegen Syrien Krieg zu führen. Während Katar aus handfestem finanziellem und wirtschaftlichen Grund gegen Syrien geht, Saudi-Arabien aus regionalpolitischen Gründen Krieg führt, so ist der einzige Grund, aus dem die Türken sich derart gegen Syrien engagieren, die Schwachsinnigkeit ihrer Führung.
Innerhalb der Türkei verhält deswegen nur die Clique Erdoğan & Co. wirklich feindselig gegenüber Assad, dagegen sind dessen potentielle Verbündete all die Kräfte, denen die Politik der regierenden AKP gegen den Strich geht. Das türkische Militär ist, allem Anschein nach, schon relativ nahe daran, zu meutern und nach bestem Wissen und Gewissen aktiv zu werden, es braucht dafür nur einen triftigen und schwerwiegenden Grund. Assad hätte zwei recht unangenehme Instrumente zu diesem Behufe – das sind die Flüchtlinge und die Kurden.
Je mehr Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Masse dort von der Gärung zur Explosion gerät. Das mag zynisch sein, aber es war ja nicht Assad, der dieses Spiel begonnen hat. Höchst kurios, dass die Türkei selbst für steigende Flüchtlingszahlen sorgt, je mehr Terrorgruppen sie nach Syrien expediert. Assad müsste hier nur dafür sorgen, dass möglichst viele Flüchtlinge ungehindert in der Türkei Einlass finden.
Das zweite Instrument, die Kurden, kommt in Syrien bereits vorsichtig zur Anwendung. Vorsicht ist in der gegenwärtigen Situation allerdings keine sehr vielversprechende Taktik. Baschar al-Assad ist Vertreter einer früher unterdrückten Minderheit, bekam von seinem Vater ein archaisches, aber immerhin recht stabiles politisches und wirtschaftliches System zum Erbe, in welchem die Mehrheiten in der Bevölkerung durch Rechte der Minderheiten aufgewogen werden. In dieses System sollte er auch die Kurden aufnehmen, und zwar als Verbündete. Sicher ist ein Kurde als Verbündeter per se erst einmal eine heikle Sache. Aber die Situation verbietet es, jetzt darob die Nase zu rümpfen.
Die Aufgabe hinsichtlich der Türkei besteht also darin, die Situation in ihren Grenzprovinzen zur Katastrophe geraten zu lassen. Aufstände und Rebellionen unter den Flüchtlingen, dort stationierte bewaffnete Rebellen zu Raub und Unbill provozieren, einen kleinen Terrorkrieg durch kurdische Hände organisieren und die ganze Lage durch punktuelle Maßnahmen gegen Führungspersönlichkeiten aus Politik und Militär aufzupolieren wäre das Gebot der Stunde. Oder, kurz gesagt, das türkische Militär zum Siedepunkt bringen, damit es die Herren Gül, Erdoğan und Davutoğlu ultimativ dazu auffordert, den Krieg gegen Syrien einzustellen. Eine diffizile Nuance gibt es natürlich bei dieser Sache – die syrische Regierung selbst muss dabei über jeden Verdacht erhaben sein.
Dabei ist keine Zeit mehr zu verlieren; man kann sich jetzt noch den gegenwärtigen alptraumhaften Zustand zunutze machen, den sich die Türken selbst mithilfe der bewaffneten Banden in ihren Grenzgebieten geschaffen haben. Man hört von hunderten bis tausenden Flüchtlingen pro Tag, man hört davon, dass die Türken bereits zu Scharmützeln und regelrechten Gefechten mit den Kurden gezwungen sind. Alles in den Syrien nahen Grenzgebieten. In diesem Sinne muss es weitergehen – andere Möglichkeiten hat Assad derzeit nicht.
Ein möglicher paralleler Schritt – in Absprache mit Russland – könnte das Angebot einer Alternative zum Krieg für die Türken sein – nämlich ein Korridor nach Baniyas und eine “Pro”-Stimme Syriens bei den Verhandlungen über die Integration der Erdgaspipelines des Nahen Ostens mit dem türkischen Nabucco-Projekt. Das ist sicher keine Sache, die schnell Wirkung zeigt, auch ist der ganze Verhandlungsprozess so gestaltet, dass man da schnell etwas zusagen kann, was später unerfüllbar wird. Nichtsdestotrotz ist jede Maßnahme, die dazu geeignet wäre, die Türkei aus dem Krieg herauszubefördern, momentan nur dienlich. Jede Maßnahme, die zur politischen Niederlage der momentanen türkischen Machthaber führt. Erdoğan und seine Clique sind wahrscheinlich nicht mehr friedensfähig, sie haben viel zu viel auf Krieg gesetzt. Mit ihnen gibt es nichts zu verhandeln, aber dafür durchaus mit ihren innenpolitischen Gegnern.
Und an dieser Stelle können sowohl Russland als auch der Iran helfen, indem sie der Türkei entsprechende Angebote und Bedingungen machen, die eine Alternative gegenüber dem gewählten Kriegskurs und den dadurch angestrebten Vorteilen darstellen. Das nun ist aber Arbeit für Diplomaten, Ministerien und Großunternehmen, die durch eine vollständige politische Rückendeckung erfolgversprechend wäre. Die zweite Aufgabe für Russland und den Iran wäre die Unterstützung Syriens darin, einfach durchzuhalten, während Saudi-Arabien auf innere Probleme zusteuert. Die Machtkämpfe dort könnten eigentlich jeden Augenblick beginnen. Das macht die Perspektive einer solchen Unterstützung von ihren Ausmaßen überschaubar.
Sportsfreunde im Katar. Bild: AP/DAPD

Was Katar angeht, so liegt die Lösung, wie gesagt, jenseits einer “humanen” Ebene. Katar hat aufgrund vollkommen objektiver Umstände keine Alternative zum Krieg. Den müsste er folglich auch bekommen, denn sonst kann er nicht gestoppt werden. Natürlich keinen “Krieg” im Sinne von angreifenden Panzerbataillonen und Flächenbombardements. Das wäre ein eigenes Thema – aber dass die Achillesferse dieses arabischen Sandhaufens die Verbindungswege bzw. die Logistik ist, ist Fakt. Und davon kann man erst einmal ausgehen.

ANNA-News zur Flüchtlingssituation in Aleppo

Das Team von ANNA-News hat bereits vor ein paar Tagen einen Beitrag zum „humanitären“ Aspekt des Syrienkonflikts gebracht. Dieser Aspekt wird von den Medien weltweit nach den „friedlichen Demonstranten“, der Opferstatistik mit fragwürdiger Quelle, den Massakern, Chemiewaffen, Deserteuren etc. inzwischen vermehrt zur Meinungsbildung gegen Syrien eingesetzt. Dieser Bericht kommt aus Aleppo und zeichnet ein Bild der Lage, wie sie vor Ort ist.

In dem Beitrag sind Teile des Interviews mit dem neuen Gouverneur von Aleppo verarbeitet, das hier schon einmal vollständig gebracht wurde.

Der deutschsprachige Videobeitrag ist hierunter eingebunden, danach der Text der Reportage. Quelle des Originalbeitrags: ANNA-News.

Nach dem militärischen Fiasko der bewaffneten Rebellen in Damaskus und Aleppo verlagert sich die Konfrontation immer mehr in den sozialökonomischen Bereich. Ungeachtet der massiven Präsenz von Armee und Sicherheitskräften ist die Regierung kaum dazu in der Lage, alle Objekte der sozialen Infrastruktur im Lande vor den bewaffneten Rebellen zu schützen. Die Städte und Dörfer, in denen es zu Zusammenstößen kommt, werden zerstört, die Bewohner sind dazu gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und ganze Familien suchen Hilfe bei Verwandten oder vom Staat.

Syrien hat durch die Flüchtlinge aus dem Irak, dem Libanon und Palästina große Erfahrung im Umgang mit Flüchtlingen, deswegen ist dieses Problem heute nicht das hauptsächliche. Folgendes berichtet der Gouverneur von Aleppo:

Marat Musin: Wo werden denn die Flüchtlinge aus den Stadtteilen, die von den Rebellenbanden besetzt werden, untergebracht? Wie werden sie mit Nahrungsmitteln versorgt?

Muhammed Wahid Akkad, Gouverneur von Aleppo: In Syrien besteht eine enorme gesellschaftliche Solidarität der Menschen untereinander. Die Flüchtlingszahlen sind nicht allzu hoch, weil die Menschen, die aus den Zonen mit Kampfhandlungen fliehen mussten, größtenteils bei ihren Verwandten anderswo unterkommen. Zum Beispiel habe ich einen Bruder, eine Schwester und den Mann meiner Cousine derzeit bei mir in meinem Haus untergebracht. Sie sind zu mir gekommen und leben jetzt mit in meinem Haus.

Außerdem gibt es gesellschaftliche Institutionen, die sich der Wohlfahrt verschrieben haben und materielle Hilfe leisten, die Menschen unterbringen. Wir hatten zum Beispiel Flüchtlinge aus dem Libanon aufgenommen, von denen rund 1,5 Millionen in Aleppo untergekommen waren. An Lebensmitteln haben wir genug und es reicht für alle, und tatsächlich ist es so, dass wir keine größeren Probleme durch die Flüchtlinge haben.

Ungeachtet aller Hilfsmaßnahmen lebt ein Teil der Flüchtlinge aus den Vororten von Aleppo, in denen gekämpft wird, unter freiem Himmel.

Marat Musin: Wo kommen Sie her und wie lange sind Sie bereits hier?

Flüchtling: Wir sind bereits seit 2 Wochen hier. Wir sind aus einem der Stadtviertel, in das die sogenannte Freie Syrische Armee eingezogen ist, sie haben uns aus den Häusern vertrieben und so sind wir hierher gekommen. Manche sind bereits seit drei Wochen hier, andere seit zwei Wochen. Die syrische Armee leistet uns hier Hilfe, zweimal am Tag bringt man uns Wasser, Nahrungsmittel und Konserven.

Marat Musin: Wann hoffen Sie nach Hause zurückkehren zu können?

Flüchtling: Wenn sich die Lage beruhigt, werden wir nach Hause zurückkehren.

Marat Musin: Sind Ihre Häuser in Mitleidenschaft gezogen worden? Wurden sie ausgeraubt? Wie verhalten sich die Banditen?

Flüchtling: Ja, einige der Häuser sind zerstört, das Hab und Gut dort wurde geraubt.

Der Großteil der Flüchtlinge, die nicht bei ihren Verwandten untergekommen sind, lebt allerdings unter besseren Bedingungen. Es sind eine ganze Reihe von Wohlfartsorganisationen in Syrien aktiv, die den vom Krieg betroffenen Menschen helfen.

Dschamil Hassan, Leiter des Flüchtlingszentrums Al-Ihsan in Aleppo: Unsere Organsiation “Al-Ihsan” wurde 2005 gegründet und ist seit dem ohne Unterbrechung tätig. Unsere Mission ist Hilfe für Obdachlose und Waisenkinder. Wir leisten auch verschiedenartige medizinische Hilfe, darunter auch chirurgische Eingriffe, betreuen Auszubildende in technischen Berufen. Jetzt haben wir 600 Familien zu betreuen und weitere 200, in denen es körperlich behinderte Menschen gibt; auch diese unterstützen wir.

Marat Musin: Welche Aufgaben hat Ihre Organisation in der derzeitigen Krise?

Dschamil Hassan: Seit einem Jahr und drei Monaten leisten wir der Bevölkerung aktive Hilfe. Zuerst haben wir 500 Tonnen Lebensmittel und materielle Hilfe für Bedürftige nach Homs geschickt. Die Hilfsgüter wurden vom syrischen Roten Halbmond überbracht. Danach haben wir für Idleb und die nördlichen Gebiete der Provinz Aleppo gesammelt. Wir wurden dabei vom syrischen Roten Halbmond unterstützt, dafür sind wir sehr dankbar.

Als die Krise auf Aleppo übergriff, begannen wir unsere Einsätze hier. Anfangs haben wir über verschiedene Moscheen Hilfsgüter verteilt, als sich die Krise jedoch verschärfte, bekamen wir eine Genehmigung vom Bildungsministerium und begannen damit, Schulen für Flüchtlingskinder zu eröffnen. Insgesamt haben wir 33 solcher Schulen eröffnet, in denen die Kinder zweimal am Tag zu essen bekommen. Im heiligen Monat Ramadan gab es bei uns von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang Essen für die Menschen. Es ist egal, woher ein Flüchtling kommt, bei uns kann jeder Essen und Hilfsgüter bekommen. Wir helfen allen Flüchtlingen.

Die Flüchtlingsunterkunft erinnert an ein Ferienlager, so viele Kinder verschiedener Altersstufen gibt es hier. Das Lager ist mit allem ausgestattet, damit die Menschen die schweren Zeiten überdauern können. Ein Freiwilliger der Hilfsorganisation Al-Ihsan berichtet:

Freiwilliger: Hier lagern wir die Nahrungsmittel, die für die Speisung unserer Flüchtlinge notwendig sind. Wir haben Reis und verschiedenes anderes Getreide. Es mangelt uns an nichts, wir haben Lebensmittel für eine Woche im Voraus.

In der Küche wird nicht nur für die hier untergekommenen Flüchtlinge gekocht, sondern auch für mehrere Tausend anderer Bedürftiger. Das Flüchtlingszentrum hat eigenes medizinisches Fachpersonal und ist mit Medikamenten ausgestattet.

Fausia Salama, Flüchtlingskomitee Aleppo: Wir versuchen, die Probleme zu lösen, mit denen die Wohlfahrtsorganisationen konfrontiert werden. Wir koordinieren ihre Arbeit, versorgen sie mit Medikamenten und mit Personal. Die Situation ist schwierig, wir hoffen aber, dass die Krise vorübergehen wird.

Der größte Teil der Flüchtlinge ist mit seiner zeitweiligen Unterkunft zufrieden. Aber wie überall gibt es auch hier eigene Probleme. Am besten haben es die Flüchtlinge aus den Gebieten mit Kampfhandlungen, deren Häuser heil geblieben sind; sie warten einfach nur darauf, dass ihre Stadtgebiete wieder sicher werden.

Marat Musin: Was hat Sie hierher geführt?

Latifah Katrandschi, Flüchtling: Es gab Probleme im Stadtteil Salahaddin. Bei den Kämpfen wurde ich verletzt, bevor ich hierher kam. Zur Situation hier im Flüchtlingszentrum – die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Ordnung funktionieren gut, aber manche benehmen sich unangemessen, es gibt Probleme mit der Sauberkeit.

Leider gibt es auch solche Familien, deren Häuser zerstört sind und die nirgendwohin zurückkehren können. Für sie ist das Zentrum eine Herberge für längere Zeit geworden.

Mann: Ich bin aus dem Stadtteil Al-Sikari. Mein Haus dort wurde zerstört. Ich kam also hierher, die Lage hier ist aber nicht besonders. Ich kann nicht nach Hause zurückkehren. Hier gibt es aber zum Glück Nahrung und Wasser. Ich möchte Dr. Baschar al-Assad danken. Ich hoffe, dass wir alle wohlbehalten und gesund nach Hause zurückkehren können, und ich danke dem Präsidenten, dass er sich um unsere Probleme kümmert.

Zusammen mit den Flüchtlingen leben hier auch die, welche ständig von Al-Ihsan betreut werden. Zum Beispiel diese einsame ältere Frau.

Ältere Frau: Ich bin aus dem Stadtgebiet Tariq al-Bab. Ich hatte einen Sohn, er war körperbehindert, und er ist hier gestorben. Jetzt lebe ich allein, von meinen Verwandten bekomme ich keine Unterstützung. Ich habe weder Geld noch Kleidung, mir mangelt es eigentlich an allem.

Junge Frau: Ich bin aus dem Stadtteil Al-Sikari. Ich bin mit meiner Schwiegermutter hierher gekommen. Ich habe Brüder in Russland. Wenn sie mich sehen, sollen sie mich bitte anrufen und mir meine Sorgen nehmen. Vielen Dank, dass Sie sich uns widmen!

Auch wenn für die Unterbringung der Flüchtlinge gesorgt wird, bestehen große soziale und wirtschaftliche Risiken. Eine Reihe von Betrieben ist zerstört, es gibt Probleme mit der Logistik, denn viele Versorgungswege sind nach wie vor unicher.

Marat Musin: Herr Gouverneur, wie ernsthaft sind die Schäden, welche die Rebellen der Stadt zugefügt haben?

Muhammed Wahid Akkad: Von Zerstörungen sind insgesamt nicht mehr als zwei bis drei Prozent der Bausubstanz betroffen – das ist nicht das Problematische, das werden wir wieder aufbauen. Viel schlimmer ist die Zerstörung der Wirtschaft. Sie haben den Handelsbereich komplett zum Erliegen gebracht, ihn vollständig ausgeraubt. Die Rebellenbanden haben dort eine Menge an Fabriken zerstört: die Fabrik für Stoffe, die Olivenölproduktion, die Baumwollverarbeitung. Syrien war ja früher eines der größten Baumwoll-Exportländer der Welt. Das ist der größte Schaden.

Nach der vernichtenden Niederlage in den Gefechten gebrauchen die bewaffneten Rebellen heute die Taktik von Terroranschlägen gegen regierungstreue Bürger und gegen die Wirtschaft des Landes. Sie rechnen damit, das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierungorganisationen zu erschüttern, den Unmut der Bevölkerung zu schüren, weil die Regierung nicht für deren Sicherheit und die Sicherheit der Wirtschaft des Landes sorgen kann. Davon, wie gut die Regierung diesen Herausforderungen begegnet, hängt der Ausgang des Kampfes um Syrien ab.
Marat Musin, Olga Kulygina, Nellja Nowikowa. ANNA-News, Aleppo, Syrien.

Wochenschau, Folge 44

Tuareg in Azawad (Mali)
Tuareg in Azawad (Mali)
Die aktuelle „russische Wochenschau“ ist soeben herausgekommen. Behandelt werden in den Brennpunkten Syrien, Irak, Afghanistan, kurz beleuchtet werden die Proteste in Belfast und Manama (Bahrain) und ein eigener Teil widmet sich der Situation in Mali (Azawad). Dazu ein paar Worte zu Wirtschaftsthemen, und schon haben wir einen kompakten und recht unkomplizierten Wochenrückblick, der alles in allem auf ein Publikum zugeschnitten ist, dass informiert sein will, ohne den Dingen allzu lang und tief auf den Grund gehen zu müssen.
Der deutschsprachige Videobeitrag wird hier eingebunden (die Rubrik „Bilder der Woche“ wurde ausgegliedert), darunter der Text. Falls jemand die vergangene Folge verpasst hat (sie wurde hier nicht veröffentlicht), folge bitte diesem Link.

Brennpunkte der Woche

Diese Woche hat es in Syrien keine wesentliche Veränderung im Kräfteverhältnis gegeben. Die bewaffneten Rebellen haben eine Reihe von Terroranschlägen gegen Zivilisten verübt, was von den Regierungstruppen mit weiteren Säuberungsaktionen beantwortet wurde.
In der deutschen Presse gab es gleichzeitig die Information, dass Frankreich den Rebellen Luftabwehrwaffen zum Schutz vor der syrischen Luftwaffe liefert. Offiziell wurde diese Nachricht natürlich dementiert. Doch das steht in Einklang mit den immer häufiger werdenden Meldungen der Rebellen, diese hätten Hubschrauber und Flugzeuge der Regierung abgeschossen, ebenso auch mit der Drohung, auf zivile Passagierflugzeuge zu zielen, die in Damaskus landen. Bekannt ist, dass Frankreich im Krieg in Libyen die Rebellen inoffiziell mit Waffen versorgt hat. Das wird inzwischen offiziell bestätigt, doch wir sind natürlich weit von der Annahme entfernt, dass die französische Regierung auch diesmal lügt.
Ein weiterer Brennpunkt liegt in der Türkei im Grenzgebiet zum Iran und zu Syrien. Türkische Streitkräfte führen Operationen gegen die Kämpfer der PKK aus, welche vorher erfolgreiche Angriffe auf das türkische Militär unternommen haben. Einige Dutzend Kurden sind dem bereits zum Opfer gefallen. Die türkischen Machthaber beschuldigen Syrien damit, die kurdischen Separatisten zu unterstützen. Syrien wiederum beschuldigt die Türkei mit der Unterstütztung der in Syrien kämpfenden Rebellenbanden.
Unruhig ist es weiterhin auch im Irak. Wieder gab es Sprengstoffanschläge auf Schiiten. Die Sprengsätze detonierten an der Keisal-al-Tamimi-Moschee, der Imam-Ali-Moschee im Norden von Kirkuk sowie an der Al-Mustafa-Moschee. Die Anschläge wurden so geplant, dass es maximal viele Opfer geben würde. Es gab mindestens 9 Todesopfer und 80 Verletzte. Vor diesem Hintergrund erhöht Washington erneut den Druck auf den irakischen Premier Nuri al-Maliki, um diesen dazu zu veranlassen, den irakischen Luftraum für iranische Flugzeuge zu sperren. Nach Meinung der US-amerikanischen Machthaber nutzt der Iran Luftkorridore über dem Irak, um Baschar al-Assad mit Waffen und Militärspezialisten zu versorgen. Anfangs war al-Maliki damit einverstanden, aber sobald die syrischen Rebellen zu direkten Militäraktionen gegen die Regierung übergingen, wurde der irakische Luftraum wieder geöffnet.
Auch in Afghanistan gab es die ganze Woche über Explosionen. Ein Selbstmordattentäter riss bei einer Beerdigung 25 Afghanen mit in den Tod. Der Anschlag eines Selbstmordattentäters nahe dem NATO-Hauptquartier in Kabul kostete 6 Menschen das Leben und verletzte 4 Kinder schwer. Auch ausländische Soldaten bekamen ihren Teil ab. Am Mittwoch hat ein ISAF-Hubschrauber eine sogenannte “harte Landung” ausgeführt, beziehungsweise ist abgestürzt. Die beiden Piloten kamen dabei ums Leben. Die Taliban erklärten, dass sie an diesem Tag gleich zwei Hubschrauber abgeschossen hätten. Vom ISAF-Kommando wird die Ursache des Absturzes nicht genannt.

Proteste der vergangenen Woche

Eine Welle von Protesten und Zusammenstößen mit den Ordnungskräften erfasste in dieser Woche das nordirische Belfast. Der Konflikt trat zwischen den dortigen Katholiken und Protestanten auf. Die Katholiken treten für eine Unabhängigkeit von Großbritannien ein, was Konfliktpotential zwischen ihnen und den loyalistischen Protestanten mit sich bringt. Als sich die Polizei in die Auseinandersetzung einmischte, flogen Pflastersteine und Molotow-Cocktails. Die Sicherheitskräfte setzten Gummigeschosse und Wasserwerfer ein. Nach zwei Tagen solcher Demonstrationen wurden rund 60 Polizisten verletzt. Die Weltöffentlichkeit bleibt den Hoffnungen und Forderungen des irischen Volkes gegenüber taub.
Mehrere Tausend Menschen demonstrierten auf dem zentralen Platz von Manama in Bahrain. Die Demonstranten fordern zum wiederholten Male eine Gleichberechtigung der schiitischen Bevölkerung und eine Einschränkung der Willkür der herrschenden Dynastie, welche die Macht inzwischen vor mehr als 40 Jahren usurpiert hat. Wie früher, so hat die Polizei die Proteste auch diesmal mit Härte und Entschlossenheit zerschlagen. Dabei wurden Tränengas und andere Mittel angewendet. Auch hier muss man anmerken, dass die Weltöffentlichkeit die berechtigten Forderungen der friedlichen Bevölkerung Bahrains weiterhin ignoriert. Der Gedanke sei ferne, dass dies an der hier gelegenen, größten US-Marinebasis im Persischen Golf liegt.

Kurz vor Krieg

Diese Woche ist bekannt geworden, dass die Staaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS eine Militäroperation im Norden Malis beabsichtigen. Zur Erinnerung: ein Großteil des Territoriums dieses armen Landes steht seit dem Frühjahr unter der Kontrolle von Islamisten mit Verbindungen zu Al-Kaida. Inzwischen wird hier die Scharia eingeführt, es werden Denkmäler der Sufi-Kultur zerstört und ausländische Diplomaten hingerichtet. Die Regierung Malis ist in Zeiten einer verschärften wirtschaftlichen und politischen Krise nicht imstande, der Lage allein Herr zu werden. Derweil bedroht die Festigung der Positionen der Islamisten, die bereits ein Territorium doppelt so groß wie Deutschland besetzen, die Stabilität der gesamten Region. In vielerlei Hinsicht hat sich die Lage durch den Sturz des libyschen Führers Muammar al-Gaddafi so entwickelt. Er war es, der zu Lebzeiten Mali wirtschaftlich unterstützt hat, um so Frieden und Sicherheit an den libyschen Grenzen zu haben. Außerdem konnte Gaddafi, wie kein anderer, Kompromisse innerhalb verschiedenster Interessen afrikanischer und arabischer Stämme finden; dieser Status quo ist mit seinem Sturz ebenso zu Fall gekommen.
Von den Ursachen und Hintergründen des Konflikts in Mali soll uns unser heutiger Gast berichten. Wir begrüßen Jewgeni Nikolajewitsch Korendjasow, den Leiter des Zentrums für russisch-afrikanische Beziehungen und Außenpolitik der afrikanischen Staaten. Früher war er Botschafter der UdSSR und der Russischen Föderation in Mali.
– Die Ursache liegt gewissermaßen in der sinnlosen und brutalen Operation gegen die libysche Regierung. Das war ein grober Fehler. Eine der Folgen dieses Fehlers ist die Verschärfung der Situation in Mali. Bei den Tuareg-Gruppierungen, die jetzt dort an die Macht gekommen sind, handelt es sich um extremistische, terroristische Organisationen.
Außerdem sind Drogenschmuggler sehr an diesem Separatismus interessiert. Es ist bekannt, dass aus den Ländern Lateinamerikas pro Jahr durch Westafrika und Mali im Speziellen Kokain im Gesamtwert von 2 Milliarden US-Dollar nach Europa geschleust wird. Ungefähr 40% des nach Europa einfließenden Kokain gehen über Westafrika, einschließlich Mali. Der Transport passiert nicht nur auf dem Land-, sondern auch auf dem Luftweg. Die Drogen werden per Flugzeug in die Sahara gebracht, diese werden entladen, und schon sind Toyotas mit dieser Ladung Richtung Mittelmeer unterwegs.
Ich denke, dass Russland, welches in Zeiten der Sowjetunion sehr gute Beziehungen zu Mali pflegte, das eine Schlüsselrolle bei der Bildung der nationalen Streitkräfte des Landes spielte und insgesamt 6 Hochschulen und einige Industrieunternehmen in Mali aufgebaut hat, sehr daran interessiert ist, dass dieses Land sehr bald zu einer friedlichen Beilegung der Krise findet.

Wirtschaftsteil der Woche

Zum Ende der Woche entschloss sich die Europäische Zentralbank zu einem unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen. Dabei kommt das Prinzip einer untersten Schwelle von Kreditwürdigkeit nicht zur Anwendung, das heißt, es wird alles gekauft, mit Ausnahme der Schulden Griechenlands. Was die EZB danach mit diesen teils aussichtslosen Schulden macht, ist völlig unklar. Wie es aussieht, interessiert das derzeit allerdings kaum jemanden.
Auch der Zustand der chinesischen Wirtschaft gibt weiterhin zu denken. Um die Wirtschaft anzukurbeln, investiert die chinesische Regierung einmal mehr in Infrastruktur. In Rekordzeit wurden rund 60 Infrastrukturprojekte mit einem Gesamtvolumen von 157 Milliarden US-Dollar bewilligt. Davon entfallen 127 Milliarden auf die Entwicklung von Eisenbahnwegen. In Shanghai soll es zwei komplett neue U-Bahn-Linien geben, auch in Provinzstädten werden U-Bahnen gebaut. Bis zum Jahr 2020 plant China die Verviefachung der Gesamtlänge seiner Schienenwege auf 7.000 Kilometer.

Bilder der Woche

00:06 – Wir haben eine Bilderserie aus dem heutigen Libyen bekommen. So sah die libysche Hauptstadt Tripolis unter dem Tyrannen Gaddafi aus. Und so – heute. Die Regierung schafft es nicht, eine normale Müllabfuhr zu organisieren.
00:18 – Das ist Sirte; die Regierung hat keine Mittel, die Stadt wieder aufzubauen.
00:23 – Das ist das Ergebnis eines Granatenanschlags, der in der vergangenen Woche von einem Unbekannten verübt wurde.
00:28 – Dies nun ist etwas erntshaftere Arbeit – ein paar hiesige Gruppierungen im Verteilungsstreit. Solche Aktionen enden üblicherweise in etwa auf diese Weise.
00:36 – Das nun ist die Küste, an der Leichname von Ermordeten entsorgt werden – dieser Tage wurde hier wieder 10 Leichen entdeckt. Gaddafi ist schon vor langer Zeit ermordet worden, aber Tote gibt es immer und immer wieder. Wer wird sich dafür nun zu verantworten haben?

Manaf Tlass: Interview aus der Badewanne

Manaf Tlass transportiert Morddrohungen gegen die Familie Assad

Der für einige Zeit aus den Meldungen verschwundene Manaf Tlass kommt plötzlich wieder mit einem Interview zum Vorschein, das relativ bemüht aussieht und überhaupt nicht den Eindruck erweckt, als sei das dort Gesagte der Grund, weshalb er weiland seine Heimat verlassen hat.

Wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Tlass Junior Syrien in einem Linienflugzeug und mithilfe seines eigenen Passes verließ, ohne sich dabei auch nur einen Bart anzukleben, so sieht die Dankbarkeit gegenüber den erwähnten französischen “Diensten” doch etwas bemüht aus. Ähnliches kann man von den anderen Redefragmenten des inzwischen sicher gut ausgeruhten Generals sagen. Hier ein paar Auszüge aus dem, was BBC darüber bringt:

Al-Kaida materialisiert sich

Mohammed al-Zawahiri bietet den USA im Namen von Al-Kaida einen Friedensvertrag an.
Mohammed al-Zawahiri: Lasst uns Freunde sein!
Der Bruder des legendären Führers der nicht weniger legendären „Al-Kaida“, Mohammed al-Zawahiri, hat den Vereinigten Staaten von Amerika im Namen der islamistischen Organisation einen Friedensvertrag angeboten.
Bei CNN wird der sechsseitige Vorschlag al-Zawahiris als eine Anzahl von Verpflichtungen beschrieben, die von den beiden Parteien auf sich genommen werden sollen. Deren Kern lautet: ihr lasst unsere Jungs aus eurer Gefangenschaft frei, mischt euch nicht in die Angelegenheiten islamischer Staaten ein, und wir unterlassen Angriffe auf euch und eure Interessen und schützen gar noch eure legitimen Interessen bei uns.
Zuerst einmal ist natürlich das Datum der Nachricht bemerkenswert: das kommt wie eine Meldung über die Planübererfüllung oder den Bau eines neuen Traktorenwerks zum Republikgeburtstag. Ganz Amerika beweint heute die Opfer von 9/11, und schwupp! – kommt an diesem im Kalender rot markierten Tag die Nachricht mit dem Vorschlag al-Zawahiris. Da braucht Obama eigentlich bloß noch den Sieg im „Krieg gegen den Terror“ zu verkünden. Das passt so blendend, dass es fast schon kitschig ist. Besonders auch, wenn man bedenkt, dass Obama immer mal von den Republikanern ans Bein gepinkelt bekommt, weil er deren Meinung nach eine so überaus friedfertige Außenpolitik verfolge. Und dann war da ja noch der US-Soldat, der so vollkommen taktlos von den unbequemen Details der Operation in Abbotabad plauderte… alles das kann man nun bequem vergessen lassen.
Nun gut, was die Enthüllungen über den Einsatz gegen bin Laden in Abbotabad angeht, so waren sie irgendwie nicht wirklich sensationell, denn alles, was daran nicht zur offiziellen Version passte, ist einzig der Fakt, dass Osama bin Laden nicht in einem Feuergefecht starb, sondern ganz normal einfach nur umgebracht wurde.
Noch einen solchen feierlichen Bericht zum Jubiläum lieferten die Kollektive der Werktätigen bereits gestern den Genossinnen und Genossen im ZK: im Jemen wurde eine weitere Führungspersönlichkeit der „Al-Kaida“, Abu Jahja al-Libi, liquidiert. Das ist der, den man vorher schon um die vier Mal liquidiert hatte, der aber immer im jeweils notwendigen Moment wieder auferstanden ist.
Alles in allem bekommt man doch durch die Nachricht vom Al-Kaida-Vertragsangebot ein seltsames Gefühl. Die Al-Kaida ist ein Mythos und Simulacrum, das von den USA selbst geschaffen wurde. Al-Kaidas Haupteigenschaft ist es, dass sie überall und gleichzeitig nirgends ist. Auch wenn jeder Nieser und jedes in der Hosentasche aufgeklappte Taschenmesser dieser legendären Struktur zur Last gelegt wird, wird sie dadurch nicht materiell oder wirklich. Hier gilt das alte Prinzip, dass es der Glaube ist, welcher eine Gewissheit über unsichtbare Sachverhalte darstellt.
Dabei gehen die Zeiten des „Kampfes gegen den Terror“ langsam, aber sicher vorbei – der Westen braucht ein echtes, stoffliches Feindbild, statt des überall und nirgends steckenden gespenstischen Terroristen. Einen neuen Feind mit Bindung an ein Territorium, eigenen Armeen, nationalen Besonderheiten, mit einer dämonisierten Ideologie und einer fremden Kultur. Es ist kaum machbar, die westliche Gesellschaft gegen „den Terrorismus“ zu mobilisieren, so dass die Unzufriedenheit oder der Zorn der Bevölkerung zu gegenwärtigen Krisenzeiten entsprechend kanalisiert würde. Dazu muss das Feindbild viel realer und bedrohlicher sein. Man kann vermuten, dass die Barbareien, welche nach den im „Arabischen Frühling“ gestürzten Regierungen an deren Stelle treten, auf längere Sicht genau diesen Feind stellen werden. Aber das ist bestenfalls düstere Zukunftsmusik.
Unter den gegebenen Umständen jedenfalls nimmt sich der Vorschlag von al-Zawahiri aus wie eine Erscheinung des Thor vor den Germanen: ihr pinkelt nicht mehr an meine Statuen, und ich schicke euch keine Blitze mehr auf eure Schädel. Alright, brothers?

Luftschlangen gegen Hubschrauber

Luftabwehrrakete vom Typ "Cobra"
Luftabwehrrakete vom Typ „Cobra“

Seit Donnerstag vergangener Woche kommen aus Syrien Nachrichten über Rebellenangriffe auf Militärbasen, darunter in erster Linie auf Militärflughäfen der syrischen Streitkräfte. Den Nachrichten nach sind diese Attacken größtenteils erfolglos geblieben, wenn man von den Verlusten der syrischen Armee absieht.

Diese Attacken waren allerdings offenbar untereinander koordiniert und erweckten den Anschein einer geplanten Operation mit einem gemeinsamen taktischen Ziel. Dabei ist hervorzuheben, dass nicht nur die Einheiten der FSA, sondern gleichfalls ausländische Söldnerbanden und islamistische Trupps daran beteiligt waren, was relativ deutlich davon zeugt, dass die scheinbar so verschieden gebürsteten Militias, die in Syrien unter je ihrer eigenen Flagge Terror verbreiten, ein zentrales Kommando haben und zumindest in solchen Episoden auf selbiges hören. Es war von den vorher durch PR so hochgepeppelten Deserteurenhelden wie etwa General al-Sheikh und Major al-Asaad, die formal als das Oberkommando des “bewaffneten Arms der Opposition” (FSA und “Militärrat”) gelten, nichts zu hören – es sieht so aus, als stünden andere Leute und Strukturen hinter dieser Operation.
Diverse Agenturen meldeten beispielsweise die Abwehr eines Angriffs auf einen Luftwaffenstützpunkt nördlich von Aleppo. Dieser Stützpunkt ist einer von den beiden Hubschrauberstützpunkten (der zweite befindet sich in der Gegend von Idleb), von dem aus die syrischen Streitkräfte Hubschrauberangriffe gegen die Banden in Aleppo fliegen und Jagd auf die sich im offenen Gelände bewegenden Rebellen machen.
Die Lufthoheit gestattet es der Armee, die Versorgung der in der Stadt blockierten Rebellen maximal zu erschweren. Da diese keine Möglichkeit haben, sich geordnet aus der Stadt zurückzuziehen, ist es nur logisch, dass sie sich auf kurze, die Armee irritierende Angriffe auf deren Positionen verlagern und lange nicht mehr von ihrem einstmaligen Ziel sprechen, die (eine) Stadt oder eine bestimmte Provinz unter ihre Kontrolle zu bringen. Vesti.Ru publizierte das Statement eines Rebellen-Feldkommandeurs, welches darauf schließen lässt, dass die Rebellenbanden auf Zeit spielen:

Wenn es uns gelingt, unsere Positionen zu halten und von dort aus Angriffe zu starten, so wird das Assad-Regime sowohl an der internationalen, wie auch an der regionalen und lokalen Front Verluste erleiden, während sich die Positionen unserer Kämpfer festigen. Das gibt uns die Chance, uns neu zu bewaffnen und personell aufzustocken.

Die Ziele haben sich also gewandelt. Es geht um’s Überleben – eine Taktik, welche einen Sieg, wie er beim Angriff auf Aleppo proklamiert wurde (“Das Ende des Ramadan begehen wir in Damaskus!” usw.). gar nicht mehr vorsieht.
Weiteren Meldungen zufolge haben die Rebellenkämpfer eine syrische Luftabwehrstellung in “Abu Kamal” (Al Bukamal?) eingenommen. Dabei “haben sie nach eigenen Angaben eine nicht näher genannte Zahl von Luftabwehrraketen des Typs Cobra erbeutet.” Es ist jetzt erst einmal unklar, was das für eine LAR vom Typ “Cobra” sein soll – unter diesem Namen ist nur eine alte Panzerabwehrrakete aus den 1950’er Jahren bekannt. Die Russen sprechen in der selben Episode von der Erbeutung von tragbaren russischen Luftabwehrraketen des Typs “Strela”. (Update: Diese Unstimmigkeit scheint auch schon anderen aufgefallen zu sein. Hier eine Diskussion dazu.)
Es wäre logisch, in einer Stellung der Luftabwehr Startrampen und rampenbasierte Luftabwehrrakten (z.B. S-200) vorzufinden, allerdings ist davon seltsamerweise nicht die Rede. Der Akzent der Meldung (noch deutlicher in russischen Quellen, in denen von “Strela” die Rede ist) liegt eher darauf, dass diese erbeuteten Luftabwehrraketen eben zu denen des tragbaren Typs (MANPADS) gehören.
Nun eine gute Frage: wozu sollte es in einer Basis der Luftabwehr ein Arsenal an tragbaren LAR geben? Vielleicht sollte man für den Fall, dass die S-200 ihr Ziel verfehlt, dafür gerüstet sein, dem feindlichen Flugobjekt hinterherzurennen und ihm eine “Strela” (Cobra?) überzubraten? Wofür sollte es in einem Stützpunkt der Luftabwehr eine Menge an Waffen geben, mit denen ganz andere Streitkräfte operieren? Wenn man das so liest, erscheint es schon seltsam genug, dass die Rebellen dort nicht auch “chemische Waffen” erbeutet haben.
Diese beiden Unstimmigkeiten (Typ “Cobra” und ein Arsenal MANPADS in einem Luftabwehrstützpunkt) lassen eher den Gedanken aufkommen, dass es keinerlei Eroberung von Luftabwehrstellungen gegeben hat – dabei kann es freilich immer noch sein, dass die Rebellen irgendetwas angegriffen haben. Doch unter dem Vorwand der Meldung von erbeuteten MANPADS kann dieser Typ Waffen jetzt quasi “legal” an die Rebellen geliefert werden. Dieselben Rohre werden dann zwar tatsächlich z.B. libyschen Ursprungs sein, aber die Nachricht ist raus – die Rebellen haben sie. Damit dürften sie demnächst auch vermehrt eingesetzt werden.
Getöteter türkischer Bandit in Aleppo
Foto: Jewstigneew (1TV.Ru) / Anhar

Fazit. Das Kommando über die derzeitigen Operationen der scheinbar so völlig verschiedenen bewaffneten Rebelleneinheiten ist vermutlich, zumindest episodenweise, in den Händen von türkischen oder NATO-Strukturen. Das würde das bisherige Schweigen des FSA-Kommandos und des Militärrats, die Professionalität und Effizienz der an sich recht schwierigen, hier aber gut miteinander koordinierten Operationen erklären.

Zweifellos soll versucht werden, die Lufthoheit der syrischen Streitkräfte in Frage zu stellen. Die vergeblichen Versuche der Errichtung von Flugverbotszonen lassen Versorgung und Nachschub für die Rebellen zu einem fast unmöglichen Unterfangen werden. Mit einer vor den Augen der “Weltöffentlichkeit” plausiblen Herkunft von MANPAD-Systemen kann man nun ohne Weiteres das daran reichhaltige libysche Arsenal in Syrien entladen.