Archiv für Oktober, 2012

Wochenschau, Folge 50

Zeit für die russische „Wochenschau“. Zu den dort erwähnten Ereignissen in Bani Walid sei vorweg angemerkt, dass heute vom libyschen Verteidigungsministerium die Meldung kam, dass die Lage in der Stadt „nicht von der Regierung kontrolliert“ werde. Viele „Freunde der Dschamahirija“ weltweit nahmen diese Nachricht mit Freuden auf, da sie als Erfolg eines „grünen Widerstands“ interpretiert wurde, jedoch sahen Meldungen in manchen russischen Quellen etwas anders aus: die Regierung kontrolliere zwar Bani Walid nicht, aber die Misurata-Banden tun es (weitgehend), und diese wiederum werden nicht von der Regierung kontrolliert.

Brennpunkte der Woche

In Syrien wurde zum islamischen Opferfest auf Vorschlag des Sondergesandten der UN und der Arabischen Union Brahimi eine viertägige Waffenruhe vereinbart. Dass diese Waffenruhe, genau wie die vorangehenden Vereinbarungen dieser Art, wohl nicht eingehalten werden wird, war vorher schon fast klar. Schon am Freitag ist im Wohnviertel Daf al-Shouk im Süden von Damaskus eine Autobombe explodiert. Verschiedenen Angaben zufolge sind dabei bis zu 47 Menschen ums Leben gekommen. Am gleichen Tag wurden in Deraa Militärangehörige von Terroristen in die Luft gesprengt, im Ort Maaret Numan an der Strasse von Damaskus nach Aleppo wurde ein Militärstützpunkt überfallen. Selbstredend hat die Armee diese Angriffe zurückgeschlagen. So ist der Waffenstillstand letztlich nicht zustande gekommen.
Dabei ist es interessant zu erwähnen, dass Russland vor der UNO eine Verurteilung der blutigen Anschläge gegen Zivilisten in Damaskus beantragt hat. Das wurde vom Westen allerdings abgelehnt. Der stellvertretende russische Aussenminister Gennadij Gatilow schrieb dazu im Twitter-Netzwerk:

Der Westen blockiert im UN-Sicherheitsrat wieder die Verurteilung des Terroranschlags in Damaskus. Die Opposition bricht die Waffenruhe. Ihr Kurs zur Fortsetzung der Gewalt ist offensichtlich.

Tatsächlich, warum sollte man den Anschlag verurteilen. Es ist ja nicht irgendeine, sondern eine demokratische Bombe explodiert. Und wir wissen, dass es nicht zu viele demokratische Bomben geben kann.
Wie sieht es derweil mit dem Überfall der Türkei auf Syrien aus? Glücklicherweise ist unsere Prognose bislang nicht wahr geworden, obwohl es weiterhin dahingehende Signale gibt. In dieser Woche sollen wieder angeblich syrische Geschosse auf türkischem Territorium niedergegangen sein, wodurch ein Krankenhaus beschädigt wurde. Es kam zu einem Skandal um die Äußerungen des Oberbefehlshabers der US-Streitkräfte in Europa, Mark Hertling. Er sagte, dass vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Lage in Syrien ein “kleines” Militärkontingent in die Türkei entsandt worden ist. Diese Nachricht wurde von der türkichen Öffentlichkeit sehr negativ aufgenommen. Denn wie wir wissen, gibt es in der Türkei ohnehin schon eine US-Luftwaffenbasis, auf welcher übrigens bis zu 70 Atomraketen gebunkert sind.
Schließlich sahen sich amerikanische Diplomaten gezwungen, ein Dementi abzugeben. Man habe alles falsch verstanden und es gehe nicht um eine Stationierung US-amerikanischer Streitkräfte in der Türkei. Es gehe vielmehr um die Entsendung amerikanischer Fachleute, welche helfen sollen, die Probleme mit den Flüchtlingen aus Syrien und den Terroristen zu lösen sowie die türkische Luftabwehr verstärken sollen. Diese Rechtfertigung ist offen gesagt schwach, denn wir wissen ja bereits, wie die “amerikanischen Fachleute” Probleme mit Terroristen zu lösen helfen, schon allein aus der Angelegenheit mit der Tötung Osama bin Ladens in Pakistan.
Dieser Tage reist Erdogan nach Deutschland, wo er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem die Lage in Syrien besprechen wir. Deutschland besitzt die wohl kampfstärksten Streitkräfte in Europa, zeigt aber wenig Interesse an einer Beteiligung am Konflikt in Syrien, ähnlich, wie es keine Ambitionen beim Krieg gegen Libyen zeigte. Wahrscheinlich wird die Position Deutschlands Gegenstand der Gespräche.

Kurz vor Krieg

In Libyen gingen die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den dortigen Stämmen auch diese Wocher weiter. Die Stadt Bani Walid wurde mit Artillerie und Luftwaffe angegriffen. Einige Quellen sprechen über Einsätze von Weißem Phosphor gegen Zivilisten. Ende der Woche kam die Nachricht, die Stadt sei gefallen und man gehe nun daran, lokale Widerstandsnester auszuschalten. Bislang scheint es nicht möglich, die Zuverlässigkeit dieser Angaben zu prüfen. Allein innerhalb des vergangenen Jahres kamen solche Meldungen nämlich schon um die 10 Mal. Bekannt ist dagegen, dass die Misurata-Brigaden, welche die Stadt belagern, nach dem üblichen “Ratten”-Schema vorgehen, das bereits bestens aus Syrien bekannt ist. Es wurde eine Waffenruhe für die Dauer von 48 Stunden angekündigt, damit Zivilisten die Stadt verlassen können. Diese Feuerpause machten sich die Angreifer zunutze, brachen den Waffenstillstand und deckten Bani-Walid mit Feuer aus Grad-Raketenwerfern ein. Ein simples, aber effektives Schema.
Alarmierend bleibt die Lage im Nachbarland Syriens, dem Libanon. Anfang der Woche kam es hier zu Straßenkämpfen zwischen unzufriedenen Städtern und der Polizei, in deren Verlauf es 8 Tote und weitere 80 Verletzte zu beklagen gibt. Anlass war die Bestattung des vor kurzem bei einem Attentat getöteten Geheimdienstchefs Wisam al-Hassam. Das am wenigsten stabile Land der Region befindet sich somit offenbar wieder am Rande eines Bürgerkriegs mit allen Konsequenzen, die sich daraus für die Nachbarländer ergeben.

Herausforderung

Ende der Woche rief der Anführer der Al-Kaida, Aiman az-Zawahiri, die Moslems weltweit dazu auf, Ausländer zu entführen und damit den Kampf gegen Assad in Syrien zu unterstützen.

Wir müssen so viel wie möglich Bürger solcher Staaten entführen, die gegen die Moslems kämpfen, um damit im Austausch unsere gefangenen Brüder freizubekommen.

Kurz zuvor hat ein weiterer bekannter Islamist, Scheich Yusuf al-Qaradawi, Russland für seine Unterstützung Syriens scharf kritisiert:

Brüder, Moskau ist dieser Tage zu einem Feind des Islam und der Moslems geworden. Es ist nun der Feind Nummer 1 für den Islam und die Moslems, weil es sich gegen das syrische Volk gewandt hat. Die arabische und die islamische Welt muss sich in einer einheitlichen Front gegen Russland erheben. Wir müssen unseren Feind Nummer 1, Russland, boykottieren.

Mit anderen Worten, Russland wird von Seiten islamischer Radikaler offen herausgefordert. Das ist gar nicht so schlecht, denn es ist immer besser, offen Krieg zu führen. Wir hatten beispielsweise mehrfach davon berichtet, wie sich in Tatarstan zielstrebig ein wahhabitischer Untergrund heranbildet und dabei festgestellt, dass die Staatsmacht dieses Problem nicht wirklich ernstzunehmen scheint. Es kam soweit, dass frischgebackene “Waldbrüder” das Internet mit ihren Aufforderungen zur Vernichtung aller Russen überschwemmten, und im Zentrum von Kasan hielt trotz des Verbots der Regierung ein fanatischer Pöbel seine Kundgebungen ab.
Lage Tatarstans (Hauptstadt: Kasan) in Russland (Karte: TUBS/Wikimedia Commons)
Doch in dieser Woche gab es da Bewegung. In Kasan wurde durch Sondereinheiten des FSB eine Bande von Islamisten liquidiert. Ihr Anführer und zwei Komplizen leisteten bewaffneten Widerstand, infolge dessen ein FSB-Mann getötet und ein weiterer verletzt wurde. Die Terroristen wurden liquidiert. Man fand Sprengsätze. Nach Angaben des FSB war es diese Bande, welche für die Anschläge auf die geistlichen Führer in Tatarstan verantwortlich war. Für die Zeit des islamischen Opferfests wurde ausserdem ein weiterer Anschlag vorbereitet. Wie sich herausstellte, war der Anführer ein Mann namens Raïs Mingalijew, der bereits in einer unserer Folgen besprochen wurde. Hier ist er, der selbsternannte “Amir von Tatarstan”:

Am 19. Juli 2012 wurde auf meinen Befehl ein Einsatz gegen die Feinde Allahs Ildus Fajsow und Waliullah Jakupow durchgeführt. Alhamdullillah befinde ich, dass der Einsatz erfolgreich verlief. Inschallah werden wir auch weiterhin solche Aktionen gegen die Feinde Allahs durchführen.

Nun, die Herausforderung ist angenommen. Wir hoffen, dass sich weitere “Waldbrüder” genauso schnell und effektiv zu Allah begeben werden wie diese hier.

Aleppo: vom zivilen Widerstand gegen die Aggressoren

Vesti.ru bringt einen interessanten Beitrag aus Aleppo, in dem einerseits die Zerstörungen und Schändungen der marodierenden Rebellenbanden an historischen Gebäuden und Heiligtümern gezeigt werden, andererseits aber ein beeindruckendes Zeugnis vom Widerstand der Gesellschaft gegen die Aggressoren gegeben wird. Zum anderen kann die fortlaufende Berichterstattung eines der großen russischen Fernsehsender aus Aleppo davon zeugen, dass weite Teile der Stadt inzwischen als sicher und von den Rebellenbanden befreit angesehen werden können.
Quelle: Vesti.ru, Reportage von Anastasia Popowa
Die Kämpfe in Syrien gehen weiter, obwohl für die Zeit des islamischen Opferfests eine Waffenruhe verkündet wurde. Nach einigen Angaben sind innerhalb von zwei Tagen mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Am Sonntag haben oppositionelle Kämpfer versucht, in Aleppo zum Angriff überzugehen. Momentan ist unsere Sonderkorrespondentin Anastasia Popowa vor Ort, sie hat weitere Einzelheiten.

Das historische Zentrum von Aleppo: im Herzen der Altstadt ist die im 8. Jahrhundert errichtete Ummayyaden-Moschee das wichtigste Heiligtum. Auch jetzt, nach Beginn der formalen Waffenruhe, ist es nicht einfach, dahin zu gelangen. Durch die engen Gassen kommt man nur dicht an den Wänden entlang. Nach gegenüber kommt man nur mit kurzen Sprints maximal zu zweit. Die Kreuzungen werden von Scharfschützen beschossen. Die Einwohner aber bleiben: sie haben sich an die endlosen Schusswechsel gewöhnt, doch jedesmal beschleunigen sie unwillkürlich ihren Schritt.
Die Rebellen haben die Mauern des antiken Gebäudes teilweise zerstört, das Eingangstor ist abgebrannt. Innen wurde alles zerschlagen, das Grab des Propheten Zacharias, des Vaters von Johannes dem Täufer, wurde geplündert; und das Wertvollste – Reliquien – Teile der Kleidung und ein Haar des Propheten Mohammed – wurden gestohlen.
Syrischer Soldat:

Wir haben die Tore mit einer kleinen Einheit gehalten. Sie kamen von hinten, schossen aus Raketenwerfern, durchbrachen die Wände. Von der anderen Strassenseite aus schossen Scharfschützen.

Und Sie reden von Waffenstillstand. Die Rebellen dachten gar nicht daran, mit dem Schießen aufzuhören. Unsere Jungs verteidigten sich bis zum Ende, und vier von denen, die bei der Verteidigung der Moschee umgekommen sind, stammen aus christlichen Familien.

Aus Achtung vor den Traditionen der Moslems hatten auch die Christen unter den Soldaten ihre Schuhe abgelegt, sie kämpften barfuß, trotz der Scherben, Patronenhülsen und Splitter. Die Eltern von Pierre sagen: nie wurde man in Syrien von irgendwem nach Konfessionen eingeteilt. Deswegen kämpfen auch alle gemeinsam für ihr Land.
Hanni Asishaïd, Mutter eines getöteten Soldaten:

Er wurde von Granatsplittern getroffen, ein Kamerad wurde am Bein verletzt. Er trug ihn auf seinen Armen hinaus, wollte selbst aber nicht ins Krankenhaus. Er sagte, er verläßt die Moschee und seine Kameraden nicht. Als er eine Treppe hinaufkam, wurde er von zwei Kugeln getroffen.

Er hat seiner Mutter immer gesagt, sie soll nicht weinen, sondern beten. Zuletzt rief er am Tag vor seinem Tod an. Er war mehr als zwei Monate nicht zu Hause, versprach, am Morgen heimzukomen. Er wollte seine Schwester und die kleine Tochter wiedersehen.

Estel Asishaïd, Schwester des getöteten Soldaten:

Mein Bruder sagte mir immer: bete zuerst für Syrien, dann für mich. Syrien war ihm wichtiger. Ich rief ihn an und sagte, dass ich ihn sehr vermisse. Er sagte: gedulde Dich noch einen Tag. Aber er kehrte nicht zurück.

Vor der Krise hat sich niemand darum gekümmert, wer woran glaubt. Aber in den vergangenen 18 Monaten werden die Menschen beharrlich aus religiösen Motiven gegeneinander aufgehetzt.
Anastasia Popowa:

So haben die Rebellen im Zentrum von Aleppo versucht, ein christliches und ein sunnitisches Stadtviertel voneinander zu trennen. An dieser Strasse entlang verlief eine Art Grenze. Die Anwohner wurden hier festgehalten, wer Widerstand leistete, wurde weggesprengt. Man rief die Armee und es kam zu schweren Kämpfen zwischen Soldaten und Rebellenbanden.

Die Rebellenkämpfer wurden ohne den Einsatz schwerer Technik ausgehoben. In den engen Gassen wäre dafür gar kein Platz. Ein Teil der Rebellen wurde liquidiert, ein anderer floh über Tunnel in benachbarte Stadtviertel.

Atlas Hori, Einwohnerin von Aleppo:

Sie haben versucht, die Tür aufzubrechen und haben das Schloss zerstört. In die Wohnung über uns schossen sie aus einem Granatwerfer. Sie brüllten “Allahu akhbar” und schossen aus MGs. Sie wollten uns verschrecken, aber ich bin Christin und lebe seit 50 Jahren hier – ich gehe nirgendwohin.

Eine griechisch-orthodoxe Kirche, Baujahr 1843. An der Wand die Spuren einer Granatenexplosion. Der Innenhof wurde aus Mörsern beschossen. Eine Granate ist wie durch ein Wunder nicht explodiert, nach dem Treffer einer zweiten wurde das Treppenhaus zerstört.

Mariam Mariet, Ostarier einer orthodoxen Kirche in Aleppo:

Unser Gemeindepriester war im zweiten Geschoss, er fiel, das ganze Gesicht war von Scherben zerschnitten, er lag blutüberströmt da und wurde am Rücken verletzt. Jetzt passe ich auf die Kirche auf. Diese Teufel wollen unsere Gesellschaft spalten, aber wir werden einander trotzdem weiterhin als Brüder betrachten und friedlich miteinander leben.

Sowohl Moscheen als auch Kirchen werden in Syrien nach wie vor mit ein und demselben Wort bezeichnet: als “Tempel”, in denen alle Einlass haben, unabhängig von ihrer Religion. Der Soldat aus unserer Begleitung ist Moslem, er berührt die Ikonen und betet zusammen mit der christlichen Frau – auf seine Weise. Es ist nicht so wichtig, wo und wie man das tut. Hauptsache, der Frieden kehrt nach Syrien zurück.
Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti aus Aleppo, Syrien.

Eid al-Adha in Moskau


Eid al-Adha in Moskau 2012
So sieht es aus, wenn wirklich einmal 150.000 Menschen auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau zusammenkommen. Das als kleiner Hinweis für die „Märsche der Millionen“ der russischen Glamour-Opposition, die so gern Nullen an die Teilnehmerzahl ihrer Veranstaltung hängt. Und an die westlichen Medien und Fans der „Weißen Schleife“ und sonstiger Protestler gegen das Blutigeputinregime. Hier bekommt man einmal einen dezenten Hinweis darauf, wer wirklich eine Macht ist, die zu einer schlagkräftigen Opposition werden könnte, wenn jemand an den entsprechenden Strippen zieht.
Quelle für die Fotos: Ilja Warlamow, zyalt.livejournal.com

Eid al-Adha in Moskau 2012

Eid al-Adha in Moskau 2012

Eid al-Adha in Moskau 2012

Neuigkeiten von der Waffenruhe

Anastasia Popowa von Vesti in Aleppo
Anastasia Popowa von Vesti in Aleppo

Vesti.ru ist ungeachtet der allgemeinen Auffassung, aus Syrien können keine Journalisten berichten, wieder vor Ort und berichtet vom Verlauf der „Waffenruhe“ im Zusammenhang mit dem islamischen Opferfest. Die Terroranschläge, die es nun fast täglich in Syrien gibt, zeugen trotz ihrer Medienwirksamkeit allerdings davon, dass die Situation im Lande umschlägt. Aus der bisherigen Erfahrung mit dem Krieg in Syrien kann man sagen, dass der Terror immer dann zunahm, wenn die Aggressoren militärisch ins Hintertreffen gerieten. Sobald die Rebellenbanden kontinuierlich kaltgestellt werden und die Initiative verlieren (so, wie es bereits im April nach der Befreiung von Homs war, welches aufgrund des Waffenstillstands beim Annan-Plan dann doch nicht endgültig bereinigt werden konnte), kommt es zu einer Verschärfung der rein terroristischen Komponente dieses Kriegs.


Es sieht so aus, als beginne wieder eine solche Phase. Ungeachtet dessen, dass aus den Provinzen immer noch Meldungen über Zusammenstöße kommen, ist deutlich erkennbar, dass die syrische Armee langsam, aber sicher Herr der Lage wird. Wie unendlich groß auch immer die Zahl der bewaffneten Rebellen sein mag, sie werden offensichtlich schneller ausgeschaltet, als man neue rekrutieren und ausbilden kann – die syrische Armee arbeitet also ein klein wenig effektiver als die Mobilisierungsmaschinerie der Aggressoren. Die Zahl der bewaffneten Rebellenbanden geht zurück, ihre Handlungen sind immer weniger koordiniert und folgen keinem einheitlichen Plan mehr. Wenn man natürlich die allgemeine Destabilisierung der Lage nicht in Betracht zieht.
Reportage von Anastasia Popowa / Vesti.ru

Der Waffenstillstand in Syrien ist vorbei, noch bevor er begonnen hat

Ungeachtet des für die Zeit des islamischen Opferfestes vereinbarten Waffenstillstands gibt es in Syrien wieder Terroranschläge. In Damaskus sind durch eine Explosion 5 Menschen ums Leben gekommen und dutzende verletzt worden. Unser Sonderkorrespondent in Syrien, Anastasia Popowa, ist vor Ort und berichtet über die Situation im Land.
Es ist der erste Tag des Waffenstillstands in Syrien und schon gibt es den nächsten Terroranschlag: im Süden von Damaskus, im sunnitischen Stadtteil Daf al-Shouk explodierte ein Fahrzeug, das an einem Kinderspielplatz parkte. Im Land ist Feiertag, an den Festtagen sind viele Menschen auf den Strassen, der Anschlag war also bewusst darauf ausgerichtet worden, möglichst viele Zivilsten zu töten und zu verletzen. Auch in anderen Landesteilen gingen die Angriffe weiter. Aus Deir as-Saur, Deraa, Homs und Idleb werden Angriffe auf Armeecheckpoints gemeldet. In Aleppo haben die Rebellen trotz der verkündeten Waffenruhe mehrere Angriffe versucht.
Zwei Stunden vor Inkrafttreten des Waffenstillstands sind Bewaffnete in den christlichen Stadtteil Assirian eingedrungen und haben eine Schauhinrichtung vorgenommen: zwei Männern und einer Frau wurden öffentlich die Kehlen durchgeschnitten. Die Anwohner versuchten Widerstand zu leisten und riefen Armeeeinheiten zur Hilfe.
Die Schusswechsel halten weiterhin an. Noch am Vortag des Opferfestes wurden mehrere Viertel gesäubert. Unter den getöteten Rebellen fand man einen Scharfschützen, der seinen Papieren nach aus Saudi-Arabien stammte.
Die Armee zieht sich nicht zurück. Die Stadt bleibt weiterhin abgeriegelt, es gibt Patrouillen in den gesäuberten Gebieten und es wird achtgegeben, dass keine Rebellenbanden aus den abgeriegelten Stadtteilen ausbrechen. Aber auch die bewaffneten Banden ziehen sich nicht zurück, sie beschiessen weiterhin die Checkpoints der Armee und veranstalten Provokationen.

Mahmoud Hisan:

Mit diesen Rebellen muss man sehr vorsichtig sein. Es handelt sich ja nicht um Syrer, sondern das sind ausländische Söldner – sie haben ja sogar eine andere Sprache. Worüber sollte man mit ihnen reden? Sie kamen her und zerstörten unser Stadtviertel. Jetzt haben wir den Schutz der syrischen Armee und können unsere Kinder wieder auf die Straße gehen lassen.

Scheich Mustafa:

Mir scheint, auch diesmal wird das zu nichts führen. Es gab bereits zweimal einen Waffenstillstand, dieses ist der dritte. Die Rebellen erklärten sich einverstanden, begannen aber ein paar Stunden später wieder zu schiessen. Die, welche jetzt noch an eine Waffenruhe glauben, sind der Bomben und des Bluts einfach überdrüssig.

Kleines Mädchen:

Zum Feiertag war ich bei Vati und Opa, danach bin ich Karusell gefahren.

In Aleppo glaubt kaum jemand an den Erfolg der Waffenruhe. Das liegt daran, dass die Freie Syrische Armee keine einheitliche Struktur mit einem Kommando ist, sondern aus dutzenden von Gruppierungen besteht, die teilweise sogar noch gegeneinander kämpfen. Es gibt zwischen diesen Gruppierungen Gerangel um die Führungsrolle. Selbst die UN-Beobachter, welche dort Verhandlungspersonen identifizieren und an den Verhandlungstisch bringen sollten, scheiterten an dieser Aufgabe.
Es kamen jeden Tag andere Personen zu diesen Verhandlungen, so dass diese schließlich scheiterten. Parallel dazu nahm nach den Parlamentswahlen in Damaskus das Ministerium für Nationale Versöhnung seine Arbeit auf. Unterhändler zwischen bewaffneter Opposition und Regierung trafen sich mit beiden Seiten und verhandelten über verschiedene Rahmenbedingungen. Es gelang, sich mit dem Großteil der Gruppierungen zu einigen. Vorerst für drei Tage, auch wenn Russland bereits den Vorschlag gemacht hat, den Waffenstillstand im Erfolgsfall noch zu verlängern und allmählich einen allgemeinen politischen Dialog in die Wege zu leiten.
Nicht alle wollen jedoch ihre Waffen niederlegen. Die in Aleppo und im Norden Syriens operierende Al-Nusra-Front sowie die in der Region Damaskus kämpfende Ansar al-Islam lehnen die Waffenruhe ab und schiessen weiter. Außerdem drohten sie für die Zeit des islamischen Opferfestes mit neuen Terroranschlägen. Die Armee behält sich das Recht vor, auf solche Ausfälle der bewaffneten Banden zu reagieren. Das war eine der Hauptbedingungen bei den Gesprächen mit dem UN-Sonderbeauftragten Brahimi. Diese Bedingung wurde angenommen.

Anastasia Popowa:

Das Armeekommando hat die Einstellung der Kampfhandlungen erklärt. In Hama, Homs und Damaskus ist es heute vergleichsweise ruhig. In Aleppo wird weiterhin gekämpft, und es ist schwer zu sagen, wie lange das so weitergehen wird.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti aus Aleppo, Syrien.

Wochenschau, Sonderausgabe: Türkisches Gambit

Türkei gegen Syrien: wann?
Ein Gambit ist eine Eröffnung beim Schachspiel, bei der eine der Seiten einen Bauern oder eine andere Figur opfert, um das Spiel zu beschleunigen, das Zentrum des Bretts zu erobern oder ein schleppend laufendes Spiel einfach zu verschärfen.
Während Syrien den Kampf gegen die Rebellenbanden fortsetzt, nimmt die Situation um Syrien herum immer alarmierende Züge an. So alarmierend, dass wir Grund zu der Annahme bekommen, die Auflösung sei nicht mehr fern. Als Hauptprovokateur der Region agiert derzeit Syriens unmittelbarer Nachbar, die Türkei. Dieses Land hat durch eine simple Provokation eine innenpolitische Legitimation zu einem Militäreinsatz auf syrischem Gebiet bekommen, den sie allerdings bislang nicht unternommen hat. Und das ungeachtet dessen, dass nach dem ersten Einschlag von angeblich syrischen Mörsergranaten bereits 6 analoge Zwischenfälle zu verzeichnen waren. Wenn man die türkische Version für glaubwürdig halten würde, so hieße das, Assad bettelt geradezu selbst um eine vollumfängliche militärische Antwort der Türkei, indem er regelmäßig aller 2 Tage deren Territorium beschießt. Das hört sich geradezu dämlich an, besonders, berücksichtigt man die Vorsicht, welche ein charakteristischer Zug des syrischen Präsidenten ist. Wenn man stattdessen logisch vorgeht, so ist der wiederholte Beschuss vom syrischen Territorium aus eine Kette an Provokationen, welche die Lage in der Region gespannt halten soll.
Wer die Ereignisse genauer verfolgt, stellt sich nicht mehr die Frage ob Syrien zum Objekt einer ausländischen Militärintervention werden wird. Die Frage ist eigentlich nur nach dem Wann. Dazu haben wir Überlegungen, die wir gegen Ende dieser Ausgabe vorstellen werden.
Vorerst jedoch ein Blick auf die Ereignisse, die sich in den letzten Wochen um Syrien entwickelt haben.

Rund um Syrien

Die Türkei hat ihre Marine und ihre Landstreitkräfte im Grenzgebiet zu Syrien verstärkt. Nur 10 Kilometer von der Grenze entfernt wurden Panzermanöver abgehalten. Der türkische Premier Erdogan wird nicht müde, lauthals von seiner Bereitschaft zu künden, auf die kleinste Provokation gegen Syrien loszuschlagen.
In Israel beginnt dieser Tage eine große Luftabwehrübung gemeinsam mit US-Streitkräften. Daran werden mehr als 4.000 Armeeangehörige teilnehmen. Parallel dazu werden hier Übungen rückwärtiger Dienste stattfinden, bei denen man Einsätze nach größeren Erdbeben mit mehreren Tausend Opfern und schweren Zerstörungen trainieren wird.
In Jordanien wird ein neues Flüchtlingslager für Flüchtlinge aus Syrien gebaut. Bislang befinden sich bereits mehr als 200.000 syrische Flüchtlinge in dem Land. Ebenso wurden einige Hundert britische und rund 150 US-amerikanische Militärs in diesem Land stationiert.
Im Libanon wurden Hisbollah-Verbände an die syrische Grenze verlegt, um einen möglichen Angriff der Türkei auf Syrien zu erschweren. Ende der Woche ereignete sich in Beirut ein schwerer Anschlag, der acht Todesopfer zur Folge hatte, einschließlich des Geheimdienstchefs Wisam al-Hassan. Er war maßgeblich an der Organisation der Aggression gegen Syrien beteiligt, weshalb man diesen Mordanschlag bereits auch Baschar al-Assad angelastet hat.
Der Irak ist in aller Eile dabei, Waffenverträge über mehrere Milliarden US-Dollar mit Russland und der Tschechei abzuschließen. Dort ist man auch dabei, den Türken ihre Militäroperationen gegen die Kurden auf irakischem Gebiet zu verbieten.

Russlands Position

Die Nachbarn Syriens machen sich also dazu bereit, neue Flüchtlingswellen aufzunehmen, verstärken ihre Militärpräsenz und die Luftabwehr. Warum sollte aber die Türkei eine solche Schlüsselrolle im Krieg gegen Syrien einnehmen? Die Antwort scheint einfach – die Türkei hat, abgesehen von Israel, die mächtigste Militärmaschine der Region und die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO. Außerdem scheint sich Erdogan förmlich um Krieg zu reißen, ungeachtet dessen, dass ein bedeutender Teil der Türken keine solche Wendung der Ereignisse will. Wozu tut er dies? Erstens durchlebt die Türkei derzeit eine innenpolitische Krise. Dabei wäre es eine nette Sache für einen abenteuerlustigen Politiker, die Nation im Kampf gegen einen äußeren Feind zu einen. Im Gegensatz zu uns empfinden die Türken die Person Assads auch eher als negativ, in der türkischen Gesellschaft gibt es Hurra-Stimmung und die felsenfeste Überzeugung, dass die Armee in der Lage sein wird, innerhalb von nur ein paar Tagen Damaskus in einem Blitzkrieg zu nehmen. Es spielt gar keine Rolle, ob wir an den Erfolg eines solchen Abenteuers glauben.
Doch wie sollte die Türkei eine Verschlimmerung der Beziehungen zu Russland riskieren? Nach Meinung der Türken ist es ja gerade Russland, das die türkische Armee bislang von einem entscheidenden Schlag gegen Syrien abhält. Hier kommen wir zu einer prinzipiellen Frage – wird Russland Syrien aufgeben, falls es dort richtig heiß wird? Derzeit spielt Russland noch die ehrenhafte Rolle des fast einzigen Beschützers von Syrien, doch bisher ist das auch nicht mit allzu hohen Kosten und Risiken verbunden. Wird die russische Führung Mut genug haben, dieses Spiel bis zum Ende durchzustehen?
Man möchte sehr hoffen, dass der Mut reicht. Doch ein wenig stimmt die Position des russischen Außenministeriums zum Zwischenfall mit dem in der Türkei zur Landung gezwungenen Flugzeug mit russischen Waren und Fluggästen an Bord nachdenklich. Die einzige Reaktion darauf scheint bislang die Verschiebung des Putin-Besuchs zu sein. In allen anderen Belangen haben Russland und die Türkei erklärt, dass der Zwischenfall sich in keiner Weise negativ auf den Beziehungen zwischen beiden Ländern niederschlagen wird. Das ist ja auch klar, denn die Türkei ist einer der Hauptkunden für russisches Erdgas, an zweiter Stelle nach Deutschland. Kaum einer weiß indes, dass nach der Explosion an der iranisch-türkischen Gasleitung Gasprom in die Lücke einsprang und seine Erdgaslieferungen an die Türkei erhöhte und so die Engpässe kompensierte. Wir sehen also, dass die geschäftlichen Interessen noch Vorrang haben, aber wie wird es wohl weitergehen?
Sehr verdächtig sieht nämlich gleichzeitig der Durchbruch in den Beziehungen zwischen Irak und Russland dieser Tage aus. Dieses Land hat Verträge über russische Waffenlieferungen über eine Rekordsumme von mehr als 4 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Mehr noch, ExxonMobil zieht sich zugunsten von russischen Ölfirmen vom Erdölvorkommen West-Qurna 1 zurück. Das ist mehr als nur verdächtig, denn das geschieht ja offensichtlich unter stillschweigendem Einverständnis der USA. Alles zusammen ist ja de facto eine freiwillige Aufgabe des Irak in die Hände Russlands. Das heißt, ohne alles Trara geben die Amerikaner dieses zentrale Land des Nahen Ostens frei für russische Einflussnahme. Ein Land, gegen das sie Krieg geführt und in das sie eine Unmenge an Geld, Menschenleben und politischen Einfluss gesteckt haben. Sieht es denn nicht so aus, als sei das etwas… außergewöhnlich? Man möchte es nicht glauben, dass vor unseren Augen ein Handel stattfindet. Ein Austausch für den in Libyen bereits verlorenen und, was noch schlimmer wäre, den in Syrien noch zu verlierenden russischen Einfluss. Man kann nur hoffen, dass die ganze Sache vielleicht doch noch einen anderen, von uns nicht bemerkten Hintergrund hat.

Wann?

Inwieweit unsere Annahme richtig ist, werden wir in baldiger Zukunft erfahren. Warum in Bälde? Weil das Schlüsseldatum des 6. November naht, an dem in der USA Präsidentschaftswahlen sind. Derzeit liegen Obama und Romney noch gleichauf, im Zuge der diversen Debatten bekommt mal der eine, mal der andere die Überhand. Vieles wird von den Resultaten der letzten Runde der Debatten am 22. Oktober abhängen, die der Außenpolitik gewidmet sein werden.
So seltsam das klingen mag, so sind wir doch davon überzeugt, dass es die US-Administration ist, welche derzeit noch die Türkei von einem vorzeitigen Überfall auf Syrien abhält. Nicht, weil sie diese Variante der Entwicklungen ablehnen, sondern weil das zu einem für sie günstigen Zeitpunkt passieren muss, und nicht etwa, wann es Erdogan beliebt. Der wiederum wartet gehorsam und füttert derweil die Presse und die öffentliche Meinung mit immer neuen Meldungen über Beschuss von syrischer Seite. Damit sie sich nicht erst entspannen. Sollte es nun Obama nicht gelingen, in der letzten Runde der Debatten entschieden gegen Romney zu siegen, so steigt die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass Washington Ankara noch vor dem 6. November grünes Licht zu einem Angriff gibt.
Romney positioniert sich ja als Befürworter entschiedener Maßnahmen im Nahen Osten und hält es Obama immer wieder vor, dass dieser in seiner Politik dort viel zu weich sei. Nun hätte Obama hier die letzte Chance, diese Anschuldigung zu widerlegen, indem er die Türkei operativ und maximal in ihrer Aggression gegen Syrien unterstützt. Alles weitere scheint simple Psychologie. Sollte am Vortag der Wahlen ein Krieg ausbrechen, werden die Wähler wohl kaum einem Neuling das Steuer in die Hand geben wollen.
Wir sind also bei dem Versuch, die eingangs gestellte Frage zu beantworten, angelangt – wann könnte es zu einem Krieg der Türkei gegen Syrien kommen? Aus dem, was gesagt worden ist, folgt, dass es im Zeitraum zwischen dem 22. Oktober und dem 6. November soweit sein kann. Und wann genau? Sagen wir es direkt – wir wissen es natürlich nicht, aber wenn die Entscheidung fällt, deutet vieles auf den 26. Oktober hin. Warum ausgerechnet zu diesem Datum, ahnt ihr sicherlich selbst, wenn ihr den Titel dieser unserer Sonderausgabe nehmt und die Bedeutung dieses Tags in der islamischen Welt berücksichtigt. Wenn das allerdings entgegen unserer Prognose nicht passiert, so scheint es, als könne man erst einmal aufatmen, denn dann ist die explosivste Phase der ganzen Syrienkrise erst einmal vorbei. Das würde dann allerdings natürlich bedeuten, dass das Gemächt der Aggressoren durchaus nicht aus Metall ist.

Bab Touma

Reportage von Marat Musin, ANNA-News.

Am Sonntag wurde in Damaskus von den Islamisten erneut ein blutiger Terroranschlag verübt. Es gab allerdings schon vorher die Information, dass die Rebellenbanden einen Ablenkungsangriff in den östlichen Vororten der syrischen Hauptstadt starten wollen, um gleichzeitig eine Reihe von Bombenanschlägen in der Altstadt zu verüben.

Es war insofern auch vorher bekannt, dass die Terroristen irgendwo im christlichen Stadtteil Bab Touma Sprengsätze zünden wollen. Das Bab-Touma-Tor ist eines von sieben Toren der Damaszener Altstadt, die voller kleiner, verwinkelter Gassen und überdachter Basare ist, die sich hier im Verlauf von sieben Jahrhunderten zu mehreren Kilometern Länge ausgewachsen haben.


Marat Musin:

Ungeachtet der Sicherheitsmaßnahmen konnte das mit einem Sprengsatz präparierte Taxi ohne Hindernisse die Checkpoints passieren und parkte schließlich auf einem Parkplatz am Bab-Touma-Tor. Der Terrorist zündete den Sprengsatz in dem Moment, als aus den umliegenden Schulen die Kinder auf die Straßen strömten, und die Gläubigen einer hier gelegenen orthodoxen Kirche aus dieser herauskamen.

Nach der Explosion flohen die Menschen in alle Richtungen.
Ziyad al-Raiyes:
Es war ein riesiger Feuerball, enorm, sicher so um die 15 Meter im Durchmesser, schrecklich.

Sie wollen nur töten, das, was wir unsere Heimat, Syrien, nennen. Es ist ja eine Heimat für alle: für Christen, Moslems. Das Volk, das hier seit siebentausend Jahren friedlich lebt, wollen sie vernichten und alles zerstören. Das ist das Ziel der Banditen und Terroristen, die plötzlich über unser Land gekommen sind, vollkommen unklar, woher sie auf einmal kamen.
An vielen Stellen bedecken nun Blutpfützen und Fetzen menschlichen Gewebes den antiken Platz, in der warmen Luft ist der mir so verhaßte süßliche Geruch des Todes zu spüren. Überall trifft der Blick auf zerfetzte Körperteile, wie von Rasiermessern abgetrennte Hände und Finger, von der Explosion verstreute Schuhe, viele davon Frauenschuhe. Dreizehn Menschen starben an diesem Ort oder auf dem Weg ins Krankenhaus. 25 wurden verletzt. Einiger der Leichtverletzten versuchten trotz des Schockzustands, den Umstehenden und den Journalisten etwas davon zu berichten, was hier vorgefallen ist.
Der Bischof der hiesigen orthdoxen Kirche, Moussa al-Houri, hat den Ort der Tragödie besucht.
Bischof Moussa al-Houri:

Ich war in der Kirche und bin sogleich nach der Explosion herausgekommen. Dieser Terroranschlag gilt dem friedlichen syrischen Volk. Ich verurteile ihn auf’s Schärfste. Gott schuf die Menschen gleich, niemand hat das Recht, ihnen das Leben zu nehmen. In Syrien gibt es nun eine Reihe an Leuten, die nicht wissen, was sie tun. Sie töten unschuldige Menschen, wie diese heute und hier: Menschen, die aus den Kirchen und Moscheen kommen, Kinder aus den Schulen, Frauen und Männer, die hier auf dem Markt einkaufen. Das sind unschuldige Menschen, weshalb bringt man sie um?

Gleich nach der Explosion eröffneten die Terroristen Maschinengewehrfeuer auf die Überlebenden auf dem Platz. Die Zeugen berichteten, dass vor ihren Augen Frauen von den Terroristen erschossen wurden, die zuvor wie durch ein Wunder inmitten der Explosion überlebt haben. Während wir hier filmten, gab es immer noch sporadische Schusswechsel, während welcher bewaffnete Freiwillige aus den umliegenden Häusern gelaufen kamen. Sie waren sichtlich nervös, handelten entschieden, aber ziemlich unorganisiert. Es wurde uns verboten, die Straßen zu filmen, in denen geschossen wurde.
Mit der Zeit beruhigte sich die Lage. Die Arbeiter streuten Sand auf die frischen Blutlachen, Ermittler untersuchten die Spuren des Verbrechens und sammelten Beweismittel.
Die Explosion im historischen Zentrum der Hauptstadt, in ihrem christlichen Stadtviertel zeugt allein vom Haß und der ohnmächtigen Bosheit der Islamisten. Denn infolge ihrer barbarischen Handlungen sterben größtenteils ganz normale, friedliche Menschen und kleine Kinder, zerstört werden Bauwerke des Weltkulturerbes. An der nahegelegenen Polizeistation dagegen entstand nur unwesentlicher materieller Schaden.

Marat Musin, ANNA-News. Damaskus, Syrien.

Enfant terrible: zur Entführung von Anhar Kotschnewa

Anhar Kotschnewa
Es dürfte sich bereits herumgesprochen haben, dass Anhar Kotschnewa, eine seit Oktober 2011 in Damaskus lebende freie Jorunalistin, verschwunden und vermutlich von Rebellenbanden gekidnappt worden ist. Am 8. Oktober, vor genau einer Woche, ist sie von Damaskus mit zunächst unbekanntem Ziel aufgebrochen. Am Freitagnachmittag begannen ihre Freunde und Bekannten Alarm zu schlagen.
Ihr letzter Tagebucheintrag ist denn auch vom 8. Oktober und lautet folgendermaßen:

Sucht mich ein paar Tage lang nicht, ich fahre weg. Wenn es dort Internet gibt, melde ich mich von da.

Das ist für sie absolut nicht ungewöhnlich. In der Regel tauchte sie eine Weile später wieder auf und präsentierte Fotos und Berichte von aktuellen, “revolutionären” Ereignissen. Wie sich herausstellte, ist sie nach Tartus gefahren; SANA berichtete am Dienstag von ihrem Vortrag im dortigen Kulturzentrum. Sie reiste in Begleitung ihrer Mitbewohnerin und russischen Journalistenkollegin Elena Gromova, und was nach diesem gemeinsamen Termin ablief, beschreibt letztere folgendermaßen:

Nach dem Termin im Kulturzentrum wollte sie nach Homs, um dort etwas für eine Reportage eines Journalisten von NTV, Wadim Fefilow, vorzubereiten. Ich nehme an, sie wollte bei Armeeleuten [unter denen sie viele gute Kontakte hat – apxwn] in Erfahrung bringen, ob es möglich sei, nach Aleppo zu gelangen. Ich fragte sie, ob wir gemeinsam fahren wollen, aber sie wollte die Fahrt allein unternehmen. Am Dienstag gegen 17 Uhr ist sie mit einem Taxi vom Offiziersklub in Tartus abgefahren. Der Taxifahrer war ein bärtiger Mann. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. (Wie sich später herausstellte, hat der inzwischen verhörte Taxifahrer sie wohlbehalten am Bestimmungsort abgeliefert und hatte nichts Arges im Sinn.)

Am Mittwochabend hätte sie wieder in Damaskus sein sollen. Zuletzt hatte ich am Dienstagabend ungefähr um 21 Uhr telefonischen Kontakt mit ihr. Am nächsten Morgen war ihr Telefon schon nicht mehr erreichbar. Nun höre ich, sie soll bei Al-Qusayr gekidnappt worden sein. Ich habe keine Ahnung, weshalb sie sich dorthin begeben hat.

Anhar Kotschnewa
Kotschnewas Ex-Mann, der in Moskau lebt, berichtete, er habe vom Mobiltelefon seiner geschiedenen Frau am Freitag um 9.30 Uhr eine Kurznachricht empfangen, in der sie mitteilt, sie sei gekidnappt worden und er solle sich mit der syrischen Botschaft in Moskau kurzschließen. Auf seine Frage, was er dort mitteilen soll, bekam er die Antwort, der Botschafter möge sich mit der syrischen Armee in Verbindung setzen. Die Nachricht schloss mit der Aufforderung: “Schreibe nicht und rufe nicht an.” Ein weiterer Freund Kotschnewas, Eldar Giljalow, sagte, auch er habe von ihr eine Kurznachricht bekommen: “Hier wird gekämpft. Dort, wo der Feind schießt.” Eventuell sollte das ein Hinweis auf ihren Aufenthaltsort sein.
Noch am Freitag soll sie angeblich versucht haben, die NTV-Filmcrew in einem Hotel in Damaskus anzurufen, die Verbindung brach aber ab. Das allein ist kein Grund zur Panik, denn in Orten mit Kampfhandlungen werden die Mobilfunknetze zeitweilig abgeschaltet.
Am Sonntag, also gestern, soll ihr Ex-Mann laut “Izvestia” abermals eine Nachricht empfangen haben: “Ich hoffe, es wird bald alles gut. Schreibe nicht.”
Das ist zum derzeitigen Zeitpunkt alles. Soeben kam noch eine offizielle Verlautbarung des russischen Außenministeriums:

Kommentar des offiziellen Vertreters des Außenministeriums der RF, A.K. Lukaschewitsch, zu den Meldungen über das Verschwinden der Journalistin A. Kotschnewa in Syrien

Im Zusammenhang mit den Meldungen über das Verschwinden von Anhar Kotschnewa in Syrien kann ich folgendes sagen: A. Kotschnewa ist Staatsbürgerin der Ukraine und lebt ständig in Syrien. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit hat sie mit einer ganzen Reihe russischer Nachrichtenagenturen und Fernsehkanäle zusammengearbeitet. Derzeit koordiniert die russische Botschaft in Damaskus mit den ukrainischen Vertretern vor Ort energische Maßnahmen zur Klärung der Situation und zur Ergreifung von Maßnahmen zur Befreiung von A. Kotschnewa.

Damit ist das Kidnapping bzw. die Gefangennahme offiziell bestätigt. Die “Opposition” hat dazu allerdings noch nichts verlauten lassen. Kotschnewas Mitbewohnerin ist leider alles andere als optimistisch. Einerseits kann sie die Lebenszeichen Kotschnewas nicht bestätigen (sondern dementiert diese fast), andererseits weiß sie, dass es schon seit längerer Zeit dutzendfach Morddrohungen gegen Kotschnewa und sie selbst gegeben hat, unter anderem auch von Seiten der in Moskau vertretenen Anhänger der “syrischen Opposition”.
Anhar Kotschnewa
Anhar Kotschnewa ist mütterlicherseits Palästinenserin, vom Pass her eine Ukrainerin. Sie ist zwar als freie Journalistin für eine ganze Menge an Agenturen tätig gewesen (unter anderem auch für den deutschen Nachrichtensender N24 – hier eine Reportage, die mit ihrer Zuarbeit entstand: Homs ist ihre Domäne, dort hat sie die besten Kontakte), hat aber keine ständige journalistische Akkreditierung in Syrien, sondern lebt aus freien Stücken dort: sie ist eine Idealistin, wie es wohl kaum eine zweite gibt. Als Journalistin regierungstreu, aber immer korrekt, war sie in ihrem privaten Blog oft ungehalten bis zornig bis hin zu heftigen Ausfällen gegen die “oppositionellen” Rebellenbanden. Das brachte ihr die Anwürfe, Haßtiraden und auch die Morddrohungen anonymer Revoluzzer ein. Nachdem ihr Verschwinden publik wurde, ist ihr Blog von haßerfüllten Kommentaren und widerwärtigen Todeswünschen geradezu überflutet worden. Inzwischen sorgt dort jemand für Ordnung.
Allerdings lag sie nicht nur mit den “Oppositionellen” im Clinch. Es gab auch gewisse Meinungsverschiedenheiten mit anderen Aktivisten vor Ort, u.a. mit Marat Musin von ANNA-News.
Ihr Engagement ist einzigartig. Man bekam praktisch zu jedem Vorfall in Damaskus eine sofortige Meldung wie: “Ich höre Schüsse. Schnappe mir den Fotoapparat und laufe hin, genaueres später.” Und einige Zeit später kamen Informationen und Bilder aus erster Hand.
Bleibt inständig zu hoffen, dass die Geschichte glimpflich ausgeht.

Mummenschanz (Rondo alla Turca, Teil 2)

Dass die türkische Zeitung “Yurt” schon vor einer Weile bestätigt haben soll, die in Akçakale eingeschlagenen Geschosse stammen aus NATO-Beständen bzw. seien NATO-Standard, den die syrische Armee nicht besitzt, ändert eigentlich nichts an der extrem volatilen Lage, die inzwischen in der Region besteht. Selbst, wenn jetzt eindeutig bewiesen werden könnte, dass es ganz sicher die syrische Armee gewesen ist, welche diese Geschosse abgefeuert hat, würde das kaum noch eine Bedeutung haben.
Die Türkei unterstützt in Syrien agierende Terrorkommandos, bildet sie aus, versorgt sie mit Menschenmaterial, Waffen und Munition, und führt damit bereits Krieg gegen den südlichen Nachbarstaat. Dass man diese Aktionen rein juristisch wohl noch nicht als “Krieg” qualifizieren kann, zeugt lediglich davon, dass das geltende internationale Recht hinter der Realität zurückgeblieben ist.
Jewgenij S. in der Türkei
Im Grunde trägt die Türkei – vor allen anderen – selbst die Schuld am Tod der eigenen Bürger in dem Grenzort. Ebenso wie am Tod tausender Syrer, die von den Händen dieser Terrorbanden gemeuchelt werden. Die Frage danach, ob es nun zu einem Krieg zwischen der Türkei und Syrien kommt, ist also nicht ganz korrekt. Dieser Krieg läuft bereits seit längerer Zeit, anders kann man das Verhältnis nicht qualifizieren. Man kann höchstens noch danach fragen, wann denn die nächste, intensivere Phase beginnt.
Der Redakteur hier auf Deutsch erscheinenden russischen Serie “Umgestaltung der Welt”, Jewgenij, hat seine Ankündigung wahr gemacht und sich in die Türkei begeben. Er hat dort – auf Empfehlung von Journalistenkollegen – Kontakt mit Leuten gehabt, die über die Lage und die Hintergründe bestens im Bilde sind. Hier ist sein zwischenzeitliches Fazit, das er derweil aus der Türkei übersandte:

Nur kurz zur Lage. Am heutigen Tag meines Aufenthalts in der Türkei hatte ich bereits Gelegenheit, mit einer Menge von Leuten zu sprechen (…) Gerade eben komme ich von einem Treffen mit einem mir sehr viel bedeutenden Menschen, welcher über die aktuelle Lage bestens im Bilde ist. Unser Gespräch war ausführlich und bedrückend. (…) Ich führe nur das Wichtigste daraus an: den Krieg gegen Syrien wird es geben, und das sehr bald. Es sei denn, es kommt noch ein UFO gefolgen und vernichtet uns alle (oder es passiert etwas ähnlich wahrscheinliches). Das, was wir derzeit beobachten, ist ein extrem zynischer Mummenschanz. Und wir alle befinden uns eigentlich in einer Art seligen Unwissens, sind voller romantischer Vorstellungen, Übertreibungen und Verirrungen. Etwa wie sich Kinder die Welt der Erwachsenen vorstellen, in einem Alter, in dem man meint, der beste Beruf sei der eines Eisverkäufers.

Den Krieg in Syrien wird es geben, er steht unmittelbar bevor. Und das traurigste daran ist, dass wir [Russland] nichts dagegen tun können. Überhaupt nichts. Das beste, was noch denkbar wäre, ist, wenn wir einfach unsere Position beibehalten. Aber es wird keinerlei Rettung für Syrien geben, etwa durch eine entschiedene Militäraktion oder dergleichen.

Die türkischen Zeitungen schreiben, dass die Ereignisse sich nicht in einer faktischen Abkühlung der Beziehungen zwischen Türkei und Russland niederschlagen werden, sondern dass sich unsere Diplomaten so geeinigt hätten, dass man äußerlich gegensätzliche Positionen demonstriert, das aber keine Auswirkung auf die wirtschaftlichen Beziehungen haben wird.

So weit, so schlecht.
Da heute die Türken ihren Luftraum komplett für syrische Flugzeuge gesperrt haben (als Antwort auf eine analoge Sperre in Syrien), kann man bloß noch konstatieren, dass die Spannungen nicht mehr bloß zunehmen, sondern unaufhaltsam auf Konflikt zusteuern. Weder die Türkei, noch Syrien unternehmen Schritte, diesen Konflikt zu vermeiden – die eine Seite will das nicht, die andere versteht wohl, dass solche Schritte fruchtlos sind. Die “internationale Gemeinschaft”, zum Beispiel der UN-Sicherheitsrat, schweigen still. Dagegen stoßen eine Reihe von Staaten die Türkei und Syrien merklich mit den Köpfen aneinander und können es kaum erwarten, dass die Sache explodiert.
Man kann wohl leider wirklich nur schließen, dass Krieg zwischen Syrien und der Türkei eine bereits entschiedene Frage ist. Vom türkischen Außenminister Davutoglu wurde angedeutet, dass man nur noch auf den “letzten Anlaß” wartet, um diesen Mechanismus anzuwerfen. Die letzten beiden Anlässe – der Beschuss von Akçakale et al. sowie die Sache mit der “Notlandung” des Flugs Moskau – Damaskus in Ankara, wo Raketenteile Munition subversive Geheimdepeschen letztlich keinerlei “illegales Material” an Bord gewesen ist – sind inzwischen von ihrer Verwertbarkeit abgelaufen bzw. konnten generell nicht für irgendetwas verwertet werden. Jedenfalls ist es den türkischen Geheimdiensten offenbar nicht gelungen, etwas glaubwürdiges zusammenzuschustern. Vielleicht helfen da ein paar ausländische Kollegen.
Andererseits interessiert die “Rechtmäßigkeit” für einen Krieg kaum noch jemanden. Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann man schon fast daran gehen, verschiedene Varianten gegeneinander abzuwägen. “Ob” oder “ob nicht” war gestern, jetzt kann man sich langsam fragen, wann und wie es losgeht und wie es wohl endet.