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Enfant terrible: zur Entführung von Anhar Kotschnewa

Anhar Kotschnewa
Es dürfte sich bereits herumgesprochen haben, dass Anhar Kotschnewa, eine seit Oktober 2011 in Damaskus lebende freie Jorunalistin, verschwunden und vermutlich von Rebellenbanden gekidnappt worden ist. Am 8. Oktober, vor genau einer Woche, ist sie von Damaskus mit zunächst unbekanntem Ziel aufgebrochen. Am Freitagnachmittag begannen ihre Freunde und Bekannten Alarm zu schlagen.
Ihr letzter Tagebucheintrag ist denn auch vom 8. Oktober und lautet folgendermaßen:

Sucht mich ein paar Tage lang nicht, ich fahre weg. Wenn es dort Internet gibt, melde ich mich von da.

Das ist für sie absolut nicht ungewöhnlich. In der Regel tauchte sie eine Weile später wieder auf und präsentierte Fotos und Berichte von aktuellen, “revolutionären” Ereignissen. Wie sich herausstellte, ist sie nach Tartus gefahren; SANA berichtete am Dienstag von ihrem Vortrag im dortigen Kulturzentrum. Sie reiste in Begleitung ihrer Mitbewohnerin und russischen Journalistenkollegin Elena Gromova, und was nach diesem gemeinsamen Termin ablief, beschreibt letztere folgendermaßen:

Nach dem Termin im Kulturzentrum wollte sie nach Homs, um dort etwas für eine Reportage eines Journalisten von NTV, Wadim Fefilow, vorzubereiten. Ich nehme an, sie wollte bei Armeeleuten [unter denen sie viele gute Kontakte hat – apxwn] in Erfahrung bringen, ob es möglich sei, nach Aleppo zu gelangen. Ich fragte sie, ob wir gemeinsam fahren wollen, aber sie wollte die Fahrt allein unternehmen. Am Dienstag gegen 17 Uhr ist sie mit einem Taxi vom Offiziersklub in Tartus abgefahren. Der Taxifahrer war ein bärtiger Mann. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. (Wie sich später herausstellte, hat der inzwischen verhörte Taxifahrer sie wohlbehalten am Bestimmungsort abgeliefert und hatte nichts Arges im Sinn.)

Am Mittwochabend hätte sie wieder in Damaskus sein sollen. Zuletzt hatte ich am Dienstagabend ungefähr um 21 Uhr telefonischen Kontakt mit ihr. Am nächsten Morgen war ihr Telefon schon nicht mehr erreichbar. Nun höre ich, sie soll bei Al-Qusayr gekidnappt worden sein. Ich habe keine Ahnung, weshalb sie sich dorthin begeben hat.

Anhar Kotschnewa
Kotschnewas Ex-Mann, der in Moskau lebt, berichtete, er habe vom Mobiltelefon seiner geschiedenen Frau am Freitag um 9.30 Uhr eine Kurznachricht empfangen, in der sie mitteilt, sie sei gekidnappt worden und er solle sich mit der syrischen Botschaft in Moskau kurzschließen. Auf seine Frage, was er dort mitteilen soll, bekam er die Antwort, der Botschafter möge sich mit der syrischen Armee in Verbindung setzen. Die Nachricht schloss mit der Aufforderung: “Schreibe nicht und rufe nicht an.” Ein weiterer Freund Kotschnewas, Eldar Giljalow, sagte, auch er habe von ihr eine Kurznachricht bekommen: “Hier wird gekämpft. Dort, wo der Feind schießt.” Eventuell sollte das ein Hinweis auf ihren Aufenthaltsort sein.
Noch am Freitag soll sie angeblich versucht haben, die NTV-Filmcrew in einem Hotel in Damaskus anzurufen, die Verbindung brach aber ab. Das allein ist kein Grund zur Panik, denn in Orten mit Kampfhandlungen werden die Mobilfunknetze zeitweilig abgeschaltet.
Am Sonntag, also gestern, soll ihr Ex-Mann laut “Izvestia” abermals eine Nachricht empfangen haben: “Ich hoffe, es wird bald alles gut. Schreibe nicht.”
Das ist zum derzeitigen Zeitpunkt alles. Soeben kam noch eine offizielle Verlautbarung des russischen Außenministeriums:

Kommentar des offiziellen Vertreters des Außenministeriums der RF, A.K. Lukaschewitsch, zu den Meldungen über das Verschwinden der Journalistin A. Kotschnewa in Syrien

Im Zusammenhang mit den Meldungen über das Verschwinden von Anhar Kotschnewa in Syrien kann ich folgendes sagen: A. Kotschnewa ist Staatsbürgerin der Ukraine und lebt ständig in Syrien. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit hat sie mit einer ganzen Reihe russischer Nachrichtenagenturen und Fernsehkanäle zusammengearbeitet. Derzeit koordiniert die russische Botschaft in Damaskus mit den ukrainischen Vertretern vor Ort energische Maßnahmen zur Klärung der Situation und zur Ergreifung von Maßnahmen zur Befreiung von A. Kotschnewa.

Damit ist das Kidnapping bzw. die Gefangennahme offiziell bestätigt. Die “Opposition” hat dazu allerdings noch nichts verlauten lassen. Kotschnewas Mitbewohnerin ist leider alles andere als optimistisch. Einerseits kann sie die Lebenszeichen Kotschnewas nicht bestätigen (sondern dementiert diese fast), andererseits weiß sie, dass es schon seit längerer Zeit dutzendfach Morddrohungen gegen Kotschnewa und sie selbst gegeben hat, unter anderem auch von Seiten der in Moskau vertretenen Anhänger der “syrischen Opposition”.
Anhar Kotschnewa
Anhar Kotschnewa ist mütterlicherseits Palästinenserin, vom Pass her eine Ukrainerin. Sie ist zwar als freie Journalistin für eine ganze Menge an Agenturen tätig gewesen (unter anderem auch für den deutschen Nachrichtensender N24 – hier eine Reportage, die mit ihrer Zuarbeit entstand: Homs ist ihre Domäne, dort hat sie die besten Kontakte), hat aber keine ständige journalistische Akkreditierung in Syrien, sondern lebt aus freien Stücken dort: sie ist eine Idealistin, wie es wohl kaum eine zweite gibt. Als Journalistin regierungstreu, aber immer korrekt, war sie in ihrem privaten Blog oft ungehalten bis zornig bis hin zu heftigen Ausfällen gegen die “oppositionellen” Rebellenbanden. Das brachte ihr die Anwürfe, Haßtiraden und auch die Morddrohungen anonymer Revoluzzer ein. Nachdem ihr Verschwinden publik wurde, ist ihr Blog von haßerfüllten Kommentaren und widerwärtigen Todeswünschen geradezu überflutet worden. Inzwischen sorgt dort jemand für Ordnung.
Allerdings lag sie nicht nur mit den “Oppositionellen” im Clinch. Es gab auch gewisse Meinungsverschiedenheiten mit anderen Aktivisten vor Ort, u.a. mit Marat Musin von ANNA-News.
Ihr Engagement ist einzigartig. Man bekam praktisch zu jedem Vorfall in Damaskus eine sofortige Meldung wie: “Ich höre Schüsse. Schnappe mir den Fotoapparat und laufe hin, genaueres später.” Und einige Zeit später kamen Informationen und Bilder aus erster Hand.
Bleibt inständig zu hoffen, dass die Geschichte glimpflich ausgeht.

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  • Möge Gott ihr helfen und beistehen.

  • Anonymous

    Mögen gute Menschen ihr helfen und beistehen (darauf ist i.d.R. mehr Verlaß) und das Glück auf ihrer Seite sein.
    Soja Kosmos

  • Wenn gute Menschen ihr helfen, dann hat Gott das gewirkt.
    Wenn sie ihr nicht zu helfen vermögen, dann bleibt ihr nur noch Gott als Beistand.

  • Sie selbst hat, wenn ich mich recht entsinne, sich einmal als Moslem bezeichnet, das weiß ich jetzt aber nicht mehr so genau. Auf jeden Fall hat sie eine Menge an Berichten über die Lage der Christen in Syrien gebracht, teilweise einzigartige Aufnahmen vom Leben in den Klöstern.

  • Anonymous

    Ich will keinen Streit, ich wünsche ihr und den vielen anderen Menschen, dass sie Gewalt, Bedrängnis und Zerstörung gesund entkommen und die schreckliche – oft unter Berufung auf Gott – von Menschen ausgeübte Gewalt endet. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Punkt einig sind.
    Soja Kosmos

  • Anonymous

    Eine ganz andere Frage: Weiß jemand, was mit Hartmut Beyerl (Hinter der Fichte) ist? Seit dem 3. Oktober Stille auf der Seite, aber kein Hinweis auf Urlaub oder Ähnliches.
    Soja Kosmos

    • Anonymous

      Das ist mir auch schon aufgefallen. Man sollte da nachforschen.

  • @Anonym
    Manchmal geschehen schreckliche Dinge unter Berufung auf Gott, manchmal beruft man sich auf etwas anderes.

    Zu H.B. weiß ich auch nichts. Auf facebook war er am 3. Okt. das letzte Mal aktiv. Vielleicht macht er ja mal eine Pause.

  • Mit tiefer Betroffenheit vernehme ich die Nachricht über das ungewisse Schicksal von Anhar Kotschnewa. Ich wünsche ihr und all jenen, die dieser mutigen und aufrichtigen Journalistin nahe stehen von ganzem Herzen einen guten Ausgang. Jenen, die für das Wohl von Anhar Kotschnewa verantwortlich sind sei gesagt, viele Menschen in Europa verfolgen das Geschehen und werden nicht vergessen, wie es ausgehen wird. Gewalt und Unterdrückung sind keine Lösung, Anstand und Edelmut schaffen Zukunft!

  • Anonymous

    Ich bin ganz still, die Antwort war gut. S.K.

  • Laut „Izvestia“ hat sie ihren Ex-Mann angerufen und soll heute (im Austausch gegen einen von der Regierung inhaftierten „einflussreichen Oppositionellen“) freikommen.

  • Comrade John

    Habe ihre Kommentare in diesem Blog immer sehr gern gelesen und bedauere, wenn sie nun den Falschen in die Hände gefallen ist.

    Möge das Schicksal für Anhar noch viele gute Jahre vorsehen.

  • Ist jetzt Off Topic, aber vielleicht weiß hier ja einer mehr:
    Maher al-Assad soll durch den Anschlag im Juli in Damaskus ernsthaft verletzt worden oder gar tot sein. Es sind immer wieder Gerüchte aufgetaucht und er hat sich seitdem nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt.

    Zuletzt hat ein desertierter Regime-Propagandist davon berichtet:
    http://edition.cnn.com/2012/10/09/world/meast/syria-propagandist-defects/index.html
    „He also said Maher al-Assad, a top military commander and brother to the Syrian president, was gravely wounded in the bombing. He also claimed Maher al-Assad was transported to Russia for treatment. When contacted by CNN, the Russian government did not immediately respond to al-Omar’s allegation.
    „Two days after he returned from medical treatment in Russia, Maher al-Assad came to the presidential palace,“ al-Omar said. „He had lost his left leg in the bombing and also the use of his left arm.“

    Bei Reuters wurde das schon im August als „bestätigt“ angegeben:
    http://in.reuters.com/article/2012/08/16/syria-crisis-idINDEE87F0D520120816
    „We heard that he (Maher al-Assad) lost one of his legs during the explosion, but don’t know any more,“ a Western diplomat told Reuters. A Gulf source confirmed the report: „He lost one of his legs. The news is true.“

    Und einige gehen bereits davon aus, dass Maher in Russland gestorben ist:
    http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/159094#.UH7TLmflyVF

    Außerdem soll Farouq al-Sharaa nach einem missglückten Fluchtversuch in Hausarrest sein, aber dafür gibt es weniger Hinweise.

    • Alle russ. Quellen, die das aussagen, beziehen sich auf Reuters. Das ist das eine. Die Info kam aber auch von Al-Watan, namentlich von Omar as-Zubaidi, der sie vom Nahost-Beauftragten des russ. Außenministeriums, Michail Bogdanow, gehabt haben will. Dazu präsentierte as-Zubaidi Videoaufzeichnungen mit Bogdanov, die sich aber als Fälschung entpuppten (Bogdanov sprach dort reines Hocharabisch, was nicht hinhaut). Das ist aber dann wohl die „Ur-Quelle“ für die Nachricht mit dem Verlust des Beins. Das russ. Außenministerium hat das auf jeden Fall dementiert.
      Wie es allerdings wirklich mit Maher aussieht, weiß ich nicht.

  • kaumi

    Ich kann nur bekräftigen, dass ich weder das Eine (Tod Mahers) noch das Andere (Sharaas Fluchtversuch)in irgendeinem ernst zu nehmendem syrischen Kreis gehöt hätte. Ebenso wenig übrigens die mal aufgetauchte Story über die Flucht Bushras (Assads Schwester) ausgerechnet nach Qatar!
    Die Ursprünge und Motivationen dieser Gerüchte sind nahe liegend: Maher Al Assad gilt als d e r militärische Kopf der syrischen Regierung. Somit wäre seine Anwesenheit im Kreis der Minister/Strategen i.R. des Bombenanschlags höchst wahrscheinlich. Und sein Tod für seine Gegner ein Segen.
    Sharaa wiederum wird seit Wochen von Teilen der opposition als Übergangspräsident aufgebaut, womit ein Gerücht über einen angeblichen Fluchtversuch absolut zur oppositionellen „to-do-list“ gehört. Und schließlich, Bushras Fluchtgerücht, entspringt dem Wissen, dass Assads Familie und Bushra seit jeher ein etwas gespanntes Verhältnis pflegten. Hier wissen meine Quellen eher zu berichten, dass sie es ist, die in einer Art „ausgedehntem Hausarrest“ gehalten wird, da sie versucht haben soll, ins europäische Ausland zu gelangen!
    Solche „Geheimmeldungen“ setzen inzwischen aber keinen Syrer mehr zu. Die vollbrachten Märchen von Reuters, Al Jazeera oder Al Arabiya (hier haben sich die SyrianLeaks-Dokumente vor einigen Tagen übrigens als Fälschung erwiesen)haben dafür gesorgt, dass mindestens 2 oder 3 unterschiedliche und geprüfte Quellen bei neuen Meldungen herangezogen werden, bis man anfängt, ernsthaft darüber zu spekulieren!

  • Es gibt immer noch nichts Neues in dieser Angelegenheit. Anhars letzte SMS datiert auf dem 15. Oktober und war optimistisch: „Komme bald frei“.

    Abgesehen von Janukowitsch persönlich haben sich inzwischen auch die „Reporter ohne Grenzen“ für sie eingesetzt: Reporters Without Borders deplores the abduction of the Ukrainian journalist Ankhar Kochneva on 9 October and calls for her release. Von da aus machte die Nachricht über ihre Entführung die Runde in alle möglichen größeren Agenturen, einschließlich Al-Khanzeera.