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Wochenschau, Sonderausgabe: Türkisches Gambit

Türkei gegen Syrien: wann?
Ein Gambit ist eine Eröffnung beim Schachspiel, bei der eine der Seiten einen Bauern oder eine andere Figur opfert, um das Spiel zu beschleunigen, das Zentrum des Bretts zu erobern oder ein schleppend laufendes Spiel einfach zu verschärfen.
Während Syrien den Kampf gegen die Rebellenbanden fortsetzt, nimmt die Situation um Syrien herum immer alarmierende Züge an. So alarmierend, dass wir Grund zu der Annahme bekommen, die Auflösung sei nicht mehr fern. Als Hauptprovokateur der Region agiert derzeit Syriens unmittelbarer Nachbar, die Türkei. Dieses Land hat durch eine simple Provokation eine innenpolitische Legitimation zu einem Militäreinsatz auf syrischem Gebiet bekommen, den sie allerdings bislang nicht unternommen hat. Und das ungeachtet dessen, dass nach dem ersten Einschlag von angeblich syrischen Mörsergranaten bereits 6 analoge Zwischenfälle zu verzeichnen waren. Wenn man die türkische Version für glaubwürdig halten würde, so hieße das, Assad bettelt geradezu selbst um eine vollumfängliche militärische Antwort der Türkei, indem er regelmäßig aller 2 Tage deren Territorium beschießt. Das hört sich geradezu dämlich an, besonders, berücksichtigt man die Vorsicht, welche ein charakteristischer Zug des syrischen Präsidenten ist. Wenn man stattdessen logisch vorgeht, so ist der wiederholte Beschuss vom syrischen Territorium aus eine Kette an Provokationen, welche die Lage in der Region gespannt halten soll.
Wer die Ereignisse genauer verfolgt, stellt sich nicht mehr die Frage ob Syrien zum Objekt einer ausländischen Militärintervention werden wird. Die Frage ist eigentlich nur nach dem Wann. Dazu haben wir Überlegungen, die wir gegen Ende dieser Ausgabe vorstellen werden.
Vorerst jedoch ein Blick auf die Ereignisse, die sich in den letzten Wochen um Syrien entwickelt haben.

Rund um Syrien

Die Türkei hat ihre Marine und ihre Landstreitkräfte im Grenzgebiet zu Syrien verstärkt. Nur 10 Kilometer von der Grenze entfernt wurden Panzermanöver abgehalten. Der türkische Premier Erdogan wird nicht müde, lauthals von seiner Bereitschaft zu künden, auf die kleinste Provokation gegen Syrien loszuschlagen.
In Israel beginnt dieser Tage eine große Luftabwehrübung gemeinsam mit US-Streitkräften. Daran werden mehr als 4.000 Armeeangehörige teilnehmen. Parallel dazu werden hier Übungen rückwärtiger Dienste stattfinden, bei denen man Einsätze nach größeren Erdbeben mit mehreren Tausend Opfern und schweren Zerstörungen trainieren wird.
In Jordanien wird ein neues Flüchtlingslager für Flüchtlinge aus Syrien gebaut. Bislang befinden sich bereits mehr als 200.000 syrische Flüchtlinge in dem Land. Ebenso wurden einige Hundert britische und rund 150 US-amerikanische Militärs in diesem Land stationiert.
Im Libanon wurden Hisbollah-Verbände an die syrische Grenze verlegt, um einen möglichen Angriff der Türkei auf Syrien zu erschweren. Ende der Woche ereignete sich in Beirut ein schwerer Anschlag, der acht Todesopfer zur Folge hatte, einschließlich des Geheimdienstchefs Wisam al-Hassan. Er war maßgeblich an der Organisation der Aggression gegen Syrien beteiligt, weshalb man diesen Mordanschlag bereits auch Baschar al-Assad angelastet hat.
Der Irak ist in aller Eile dabei, Waffenverträge über mehrere Milliarden US-Dollar mit Russland und der Tschechei abzuschließen. Dort ist man auch dabei, den Türken ihre Militäroperationen gegen die Kurden auf irakischem Gebiet zu verbieten.

Russlands Position

Die Nachbarn Syriens machen sich also dazu bereit, neue Flüchtlingswellen aufzunehmen, verstärken ihre Militärpräsenz und die Luftabwehr. Warum sollte aber die Türkei eine solche Schlüsselrolle im Krieg gegen Syrien einnehmen? Die Antwort scheint einfach – die Türkei hat, abgesehen von Israel, die mächtigste Militärmaschine der Region und die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO. Außerdem scheint sich Erdogan förmlich um Krieg zu reißen, ungeachtet dessen, dass ein bedeutender Teil der Türken keine solche Wendung der Ereignisse will. Wozu tut er dies? Erstens durchlebt die Türkei derzeit eine innenpolitische Krise. Dabei wäre es eine nette Sache für einen abenteuerlustigen Politiker, die Nation im Kampf gegen einen äußeren Feind zu einen. Im Gegensatz zu uns empfinden die Türken die Person Assads auch eher als negativ, in der türkischen Gesellschaft gibt es Hurra-Stimmung und die felsenfeste Überzeugung, dass die Armee in der Lage sein wird, innerhalb von nur ein paar Tagen Damaskus in einem Blitzkrieg zu nehmen. Es spielt gar keine Rolle, ob wir an den Erfolg eines solchen Abenteuers glauben.
Doch wie sollte die Türkei eine Verschlimmerung der Beziehungen zu Russland riskieren? Nach Meinung der Türken ist es ja gerade Russland, das die türkische Armee bislang von einem entscheidenden Schlag gegen Syrien abhält. Hier kommen wir zu einer prinzipiellen Frage – wird Russland Syrien aufgeben, falls es dort richtig heiß wird? Derzeit spielt Russland noch die ehrenhafte Rolle des fast einzigen Beschützers von Syrien, doch bisher ist das auch nicht mit allzu hohen Kosten und Risiken verbunden. Wird die russische Führung Mut genug haben, dieses Spiel bis zum Ende durchzustehen?
Man möchte sehr hoffen, dass der Mut reicht. Doch ein wenig stimmt die Position des russischen Außenministeriums zum Zwischenfall mit dem in der Türkei zur Landung gezwungenen Flugzeug mit russischen Waren und Fluggästen an Bord nachdenklich. Die einzige Reaktion darauf scheint bislang die Verschiebung des Putin-Besuchs zu sein. In allen anderen Belangen haben Russland und die Türkei erklärt, dass der Zwischenfall sich in keiner Weise negativ auf den Beziehungen zwischen beiden Ländern niederschlagen wird. Das ist ja auch klar, denn die Türkei ist einer der Hauptkunden für russisches Erdgas, an zweiter Stelle nach Deutschland. Kaum einer weiß indes, dass nach der Explosion an der iranisch-türkischen Gasleitung Gasprom in die Lücke einsprang und seine Erdgaslieferungen an die Türkei erhöhte und so die Engpässe kompensierte. Wir sehen also, dass die geschäftlichen Interessen noch Vorrang haben, aber wie wird es wohl weitergehen?
Sehr verdächtig sieht nämlich gleichzeitig der Durchbruch in den Beziehungen zwischen Irak und Russland dieser Tage aus. Dieses Land hat Verträge über russische Waffenlieferungen über eine Rekordsumme von mehr als 4 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Mehr noch, ExxonMobil zieht sich zugunsten von russischen Ölfirmen vom Erdölvorkommen West-Qurna 1 zurück. Das ist mehr als nur verdächtig, denn das geschieht ja offensichtlich unter stillschweigendem Einverständnis der USA. Alles zusammen ist ja de facto eine freiwillige Aufgabe des Irak in die Hände Russlands. Das heißt, ohne alles Trara geben die Amerikaner dieses zentrale Land des Nahen Ostens frei für russische Einflussnahme. Ein Land, gegen das sie Krieg geführt und in das sie eine Unmenge an Geld, Menschenleben und politischen Einfluss gesteckt haben. Sieht es denn nicht so aus, als sei das etwas… außergewöhnlich? Man möchte es nicht glauben, dass vor unseren Augen ein Handel stattfindet. Ein Austausch für den in Libyen bereits verlorenen und, was noch schlimmer wäre, den in Syrien noch zu verlierenden russischen Einfluss. Man kann nur hoffen, dass die ganze Sache vielleicht doch noch einen anderen, von uns nicht bemerkten Hintergrund hat.

Wann?

Inwieweit unsere Annahme richtig ist, werden wir in baldiger Zukunft erfahren. Warum in Bälde? Weil das Schlüsseldatum des 6. November naht, an dem in der USA Präsidentschaftswahlen sind. Derzeit liegen Obama und Romney noch gleichauf, im Zuge der diversen Debatten bekommt mal der eine, mal der andere die Überhand. Vieles wird von den Resultaten der letzten Runde der Debatten am 22. Oktober abhängen, die der Außenpolitik gewidmet sein werden.
So seltsam das klingen mag, so sind wir doch davon überzeugt, dass es die US-Administration ist, welche derzeit noch die Türkei von einem vorzeitigen Überfall auf Syrien abhält. Nicht, weil sie diese Variante der Entwicklungen ablehnen, sondern weil das zu einem für sie günstigen Zeitpunkt passieren muss, und nicht etwa, wann es Erdogan beliebt. Der wiederum wartet gehorsam und füttert derweil die Presse und die öffentliche Meinung mit immer neuen Meldungen über Beschuss von syrischer Seite. Damit sie sich nicht erst entspannen. Sollte es nun Obama nicht gelingen, in der letzten Runde der Debatten entschieden gegen Romney zu siegen, so steigt die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass Washington Ankara noch vor dem 6. November grünes Licht zu einem Angriff gibt.
Romney positioniert sich ja als Befürworter entschiedener Maßnahmen im Nahen Osten und hält es Obama immer wieder vor, dass dieser in seiner Politik dort viel zu weich sei. Nun hätte Obama hier die letzte Chance, diese Anschuldigung zu widerlegen, indem er die Türkei operativ und maximal in ihrer Aggression gegen Syrien unterstützt. Alles weitere scheint simple Psychologie. Sollte am Vortag der Wahlen ein Krieg ausbrechen, werden die Wähler wohl kaum einem Neuling das Steuer in die Hand geben wollen.
Wir sind also bei dem Versuch, die eingangs gestellte Frage zu beantworten, angelangt – wann könnte es zu einem Krieg der Türkei gegen Syrien kommen? Aus dem, was gesagt worden ist, folgt, dass es im Zeitraum zwischen dem 22. Oktober und dem 6. November soweit sein kann. Und wann genau? Sagen wir es direkt – wir wissen es natürlich nicht, aber wenn die Entscheidung fällt, deutet vieles auf den 26. Oktober hin. Warum ausgerechnet zu diesem Datum, ahnt ihr sicherlich selbst, wenn ihr den Titel dieser unserer Sonderausgabe nehmt und die Bedeutung dieses Tags in der islamischen Welt berücksichtigt. Wenn das allerdings entgegen unserer Prognose nicht passiert, so scheint es, als könne man erst einmal aufatmen, denn dann ist die explosivste Phase der ganzen Syrienkrise erst einmal vorbei. Das würde dann allerdings natürlich bedeuten, dass das Gemächt der Aggressoren durchaus nicht aus Metall ist.

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