Archiv für November, 2012

Verbindungsabbruch

Netzaktivität in Syrien am 29.11.2012
Grafik der Monitoringfirma Akamai

Verschiedene Quellen melden, dass seit heute 12 Uhr GMT+1 Internet und Mobilfunknetz für ganz Syrien komplett abgeschaltet wurden. Das betrifft also nicht mehr nur SANA. Tatsächlich sind syrische Kontakte über Skype nicht mehr erreichbar, E-Mails kommen nicht beim Empfänger an.

Dass die Sache geplant und koordiniert ist, ist klar. Zwei Möglichkeiten der Erklärung gibt es. In Pakistan z.B. schaltet die Regierung dann und wann das Mobilfunknetz im Bereich der Städte ab, um auf diese Weise zu verhindern, dass per (Mobil)Funk gesteuerte Sprengsätze detonieren. Angesichts des Terrorkriegs gegen Syrien könnte das eine Maßnahme der Regierung sein.

Wenn nicht, so ist eine solche Aktion sicher von keinem desertierten Brigadegeneral zu meistern, sondern da wären ganz andere Ebenen beteiligt. Es gab am Morgen noch Meldungen von gewissen Problemen am Flughafen von Damaskus; Linienflüge gibt es noch (vergangene Nacht kam der Flug Damaskus – Moskau noch planmäßig am Ziel an), berichtet wurde aber bereits von einer Reihe an Annulierungen. Gestern kamen außerdem noch Nachrichten über Durchbruchsversuche aus dem Libanon – keine Grüppchen, sondern größere Einheiten. Heute kamen solche Meldungen nicht, nur, wo keine Verbindung ist, da sind auch keine Meldungen.

Man muss wohl die Entwicklung der Situation abwarten.

Wochenschau, Folge 54

Vorab zur Situation in Kurdistan: es gibt einen Waffenstillstand zwischen den Kurden und den Islamisten, welche vor ein paar Tagen den Grenzort Ras Al Ain (kurdisch: Serêkaniyê) unter ihre Kontrolle gebracht haben. Bedingung war, dass die FSA die kurdischen Gebiete komplett räumt. Der Waffenstillstand galt „auf Probe“ bis zum 26.11., bis zu welchem der FSA Zeit gegeben wurde, die kurdischen Gebiete zu räumen.

In der überwiegenden Zahl der Ortschaften der Provinz Al-Hasaka gibt es auch keine syrischen Regierungseinheiten und Sicherheitskräfte mehr. Die Kurden haben sie weggeschickt, um nicht Ziel für Angriffe seitens der FSA zu werden. De facto ist das syrische Kurdistan jetzt autonom. Das werden die Türken sich sicher nicht bieten lassen. Die in der aktuellen Folge der „Wochenschau“ erwähnte mögliche Einmischung der Peschmerga ist gar nicht so weit hergeholt: die Vereinigung der kurdischen Milizen (PYD und KNC) wurde in Erbil im Irak verhandelt.

Die syrische Stadt Ras Al Ain ist nun doch unter die Kontrolle von Islamisten aus der Al-Nusra-Front und der Ghuraba al-Sham gekommen. Die Rebellen konzentrieren sich nun hier und ziehen Gleichgesinnte in der Provinz zusammen, um sich so neu aufzustellen. Ziel ist es, die gesamte Grenzregion zur Türkei in Rebellenhand zu bringen. Die hier lebenden Kurden waren sich lange uneins darüber, wessen Seite in dem Konflikt sie einnehmen und ob sie die Rebellen unterstützen sollen. Das Einfallen islamistischer Söldner hat dann aber wohl die letzten Zweifel beseitigt. Es ist bekannt, dass sich kurdische Kämpfer im Verlauf der vergangenen Woche mehrfach heftige Kämpfe mit den Rebellen aus der sogenannten “Freien Syrischen Armee” geliefert haben. Darüber hinaus haben sich mehrere kurdische Milizen zu einer gemeinsamen Streitmacht zum Schutze der kurdischen Gebiete in Syrien zusammengeschlossen.

Sollten jetzt noch die irakischen Kurden eingreifen, so könnte das den Verlauf des Konflikts wesentlich ändern. Die kurdischen Peschmerga im Irak sind nicht einfach nur eine Bürgerwehr, sondern eine recht gut ausgerüstete, wenigstens 60.000 Mann starke Armee.
Die Türkei als ewiger unversöhnlicher Feind der Kurden hat in dieser Lage eigene Beweggründe, nämlich die kurdischen Grenzgebiete in Syrien etwas zu bändigen. Aus diesem Grunde unterstützt Ankara auch weitgehend die Rebellenbanden. Deshalb hat die Türkei sich auch mit einem offiziellen Gesuch an die NATO gewandt, diese möge Patriot-Systeme an der Grenze zu Syrien in Stellung bringen. Erwartet wird auch ein ähnliches Gesuch nach Aufklärungstechnik und AWACS-Flugzeugen.
Die Türkei spricht von reinen Verteidigungsmaßnahmen. Allerdings hat das russische Aussenministerium die Pläne bereits kritisiert und ließ verlauten, dass das wohl kaum zur Stabilität in der Region beitragen kann. Diese Verlautbarung wurde dadurch untermalt, dass eine taktische Gruppe der russischen Schwarzmeerflotte ins östliche Mittelmeer kommandiert wurde. In dieser Gruppe fahren der Garde-Raketenkreuzer “Moskwa”, das Küstenschutzschiff “Smetliwyj”, die beiden großen Landungsschiffe “Nowotscherkassk” und “Saratow”, ein Schlepper sowie ein Tankschiff.

Werbepause

Die Operation “Wolkensäule” endete sowohl mit einem Sieg Israels als auch mit einem Sieg des Gazastreifens. Zumindest sind beide Seiten von ihrem Sieg überzeugt. Israel ließ verlauten, dass alle Ziele erreicht wurden, ohne dabei zu sagen, welche Ziele das gewesen sind. Die Palästinenser sind davon überzeugt, dass Israel davor zurückscheute, eine Bodenoffensive zu starten, das heißt für sie, dass sie gesiegt haben.
Wir sprachen bereits davon, dass das wahre Ziel Israels darin besteht, Druck auf die US-Regierung in Sachen Iran auszuüben. Solange die israelische Luftwaffe Ziele im Gazastreifen angriff, liefen Gespräche zwischen Premier Netanjahu und Präsident Obama. Sicher können wir nur mutmaßen, was genau deren Inhalt gewesen ist, aber der Fakt, dass die Operation “Wolkensäule” recht abrupt endete, zeugt davon, dass ein Kompromiss erreicht worden ist. In diesem Spiel hatte Netanjahu offenbar die Trümpfe in der Hand. Insofern werden wir sicher bald sehen, dass die USA Israel in bestimmten Fragen entgegenkommt. Entgegenkommen, dass mehr als 100 Menschen mit dem Leben bezahlen mussten.
Nach inoffiziellen Informationen forderte Netanjahu, US-Einheiten auf der Sinai-Halbinsel zu stationieren, womit sich Obama einverstanden erklärte. Dafür gibt es auch einen Vorwand, nämlich die Bekämpfung des Schmuggels mit iranischen Waffen in den Gazastreifen. Die Raketen kommen ja bekanntermaßen über Tunnel von der Sinai-Halbinsel nach Gaza. Hier kann es aber auch darum gehen, dass US-amerikanische Truppen Israel vor Übergriffen von ägyptischer Seite bewahren sollen, sollte sich die Situation verschärfen. Eine solche Verschärfung der Lage wird von der israelischen Regierung also als gut möglich angesehen. Premier Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak sprachen direkt nach Eintreten der Waffenruhe sicher nicht umsonst davon, dass die Militärschläge in baldiger Zukunft weitergeführt werden könnten. Insofern kann es sein, dass der Waffenstillstand nur eine Werbepause im Drama im Nahen Osten ist.

Wettlauf um die Arktis

Solange der Nahe Osten brennt oder langsam gart, gibt es im Norden kolossale Veränderungen. Das Abschmelzen des arktischen Eises ist durchaus keine parawissenschaftliche Gruselgeschichte mehr, sondern nachgewiesen. In diesem Jahr sind die Barentssee und die Karasee einen ganzen Monat früher als sonst eisfrei geworden. Das ist keine einmalige Anomalie mehr, sondern eine zu beobachtende Tendenz. Was bedeutet das im geopolitischen Kontext? In erster Linie eröffnet sich Russland, das den Großteil der Arktis beansprucht, eine historische Chance. Und zwar die Chance, sich von der Exportabhängigkeit zu befreien und eine wirkliche Großmacht zu werden. Es ist klar, dass der reine Besitz von Gebiet dafür nicht ausreicht, und es sind hartnäckige Auseinandersetzungen um die Arktis absehbar. Sie haben auch bereits begonnen.
Der nördliche Seeweg ist eine strategisch wichtige Schifffahrtsverbindung zwischen Europa und Asien. Derzeit gehen die Frachten noch durch den Suezkanal. Das ist aber einerseits ein um ungefähr 40% längerer Weg, andererseits wird er auch teilweise immer gefährlicher angesichts der Situation im Nahen Osten und im Asiatisch-Pazifischen Raum.
Das Abschmelzen des Eises eröffnet die Möglichkeit eines regulären Schiffsverkehrs über den Nördlichen Seeweg. Kaum noch jemand zweifelt daran, dass die Hauptschlagader des Welthandels künftig hier verlaufen wird. Folglich wird der Pelz des Eisbären bereits heute aufgeteilt. Ansprüche erheben in erster Linie die USA, die allerlei Versuche unternehmen, die Zugehörigkeit der Arktis zu Russland in Frage zu stellen. Nach Meinung Washingtons ist der Nördliche Seeweg derart bedeutsam für die Welt, dass er allen auf einmal gehören muss. Selbst solchen Ländern, die dazu in keinerlei geographischem Bezug stehen. Kanada und Norwegen bestreiten ihrerseits die Zugehörigkeit der nördlichen Passagen zu Russland. Dabei beginnt schon jetzt eine Militarisierung der Region durch die USA und NATO-Staaten. Es finden NATO-Manöver statt, Truppen werden verstärkt und Stützpunkte aufgebaut. Mit anderen Worten, man zieht die Schrauben an.
Wladimir Putin:

Sie ziehen die Schrauben an? Die machen sich dadurch nur ihr Gewinde kaputt.

Die Asiaten gehen listiger vor. Beispielsweise bietet China es Russland an, die Infrastruktur in der Arktis aufzubauen – das reicht von Investitionsangeboten bis hin zu Arbeitskräften. Gleichzeitig treibt China sein eigenes Eisbrecherprogramm voran. In ähnlicher Weise engagiert sich Südkorea.
Mit anderen Worten, die Einsätze sind bereits jetzt so hoch, dass die Parteien ihre Ungeduld, den großen Bissen abzubekommen, gar nicht mehr verbergen. Was tut derweil Russland? Tatsächlich ist Russland auch aktiv und tut vieles, ohne das groß publik werden zu lassen. Vergangene Woche ist erstmals ein Erdgastanker den Nördlichen Seeweg entlang gefahren.
Die russische Eisbrecherflotte erfährt eine Renaissance. Noch dank sowjetischer Entwicklungen ist Russland in diesem Bereich führend, doch die neuen Aufgaben erfordern Weiterentwicklungen. Im vergangenen Monat wurde beispielsweise im Baltischen Werk erstmals seit Sowjetzeiten mit dem Bau eines dieselelektrischen Eisbrechers begonnen. In Bälde wird hier auch das Stahl für den Bau eines neuen Atomeisbrechers zugeschnitten werden. Das ist nun aber bereits ein gesamtnationales Projekt. Atomeisbrecher sind eine Schiffsklasse, über die bisher nur Russland verfügt.
Außerdem führt Russland seit 2007 wieder Flüge von strategischen Bombern in der Nordpolarregion durch. Unter Berücksichtigung des sprühenden Eifers der westlichen “Partner” Russlands ist das eine durchaus angebrachte Maßnahme. Der neue Verteidigunsminister Sergej Schojgu ist mit den Eigenheiten der Arktis übrigens von seinem vorangehenden Amt bestens vertraut. Entlang des Nördlichen Seewegs ist der Aufbau von 10 Nothilfestützpunkten doppelter Bestimmung geplant. Das heißt, diese werden sowohl zivile, als auch militärische Bestimmung haben. Schojgus Aufgabe wird es sein, in den Streitkräften “Arktis-Brigaden” zu bilden; bei der Ausbildung von Luftlandetruppen sind Einsätze in der Arktis bereits jetzt Teil des Ausbildungsprogramms.
Auch auf der Ebene des internationalen Rechts ist Russland aktiv. Unlängst ist die Expedition “Arktika-2012” zu Ende gegangen. Ziel war es, den kontinentalen Ursprung des russischen arktischen Schelfs zu beweisen, um damit die Zweifel anderer Staaten an der Rechtmäßigkeit der Gebietsansprüche auszuräumen. Im Verlauf der Expedition wurden Unterwasserbohrungen am Mendelejew-Rücken vorgenommen. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass es sich um Teile des Kontinents handelt, die vor Urzeiten im Wasser versunken sind. Die entsprechenden Dokumente werden der UNO vorgelegt, womit Fragen zum politischen Status der Arktis beantwortet werden dürften.
Das ist insgesamt nur ein kleiner Teil dessen, worum es in der Arktis geht. Es ist nicht nur ein Seeweg, sondern es gibt dort auch bedeutende Vorkommen an Erdöl, Erdgas und Erzen. Doch das besprechen wir in kommenden Folgen.

Kleiner Bonus:

Speck für Gas

Janukowitsch und Al Thani in Doha, Katar
Die Nachricht von der Visite des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch in den Katar konnte man durchaus erwarten – noch im Mai diesen Jahres gab es Absprachen über den gegenseitigen Handel zwischen den beiden Ländern. Die Ukraine, “Kornkammer Europas”, liefert Katar Getreide im Austausch für verflüssigtes Erdgas. Die Türkei, von welcher der Transit des Erdgases durch den Bosporus abhängt, hatte zwischenzeitlich das Zustandekommen des Geschäfts ausgebremst. Angesichts des Treffens auf höchster Ebene in Doha sind diese Probleme nun wohl ausgeräumt. Dieses Geschäft könnte in absehbarer Zeit die Situation auf dem europäischen Erdgasmarkt signifikant und nachhaltig verändern.
Momentan geht es noch darum, dass die Ukraine nach der Errichtung eines Regasifikationsterminals in Odessa Erdgas für den inländischen Verbrauch bekommt. Auf diese Weise wird die Ukraine wesentlich unabhängiger von Gazprom (aktuelle Zahlen, wie der ukrainische Import aus Russland schwankt, hier bei RT). Doch zu wirklichen Problemen für Russland kommt es noch ein wenig später. Das alte und labile, aber dennoch recht gut laufende Erdgastransportnetz der Ukraine ist darauf ausgerichtet, Erdgas in Richtung Europa – im Sinne von: nach Westen – zu liefern, und diese Infrastruktur ist der Leckerbissen, auf den der Emir einfach abzielen muss. Und man kann kaum daran zweifeln, dass die zweite Stufe der Beziehungen zwischen der Ukraine und Katar Vereinbarungen zu diesen Pipelines beinhalten werden.
Kommt der Katar mit seinem Erdgas in dieses Netz, bekommt er Zugriff auf die Erdgaspipelines Osteuropas, von dort dann auch schon nach Deutschland. Die Politik der Dumpingpreise verspricht dem Katar eine weitere Erhöhung des Marktanteils in Europa – auf wessen Kosten, das ist klar. Dass Deutschland und der Rest Europas mittels der niedrigeren Preise für Erdgas aus dem Katar Druck auf Gazprom ausüben werden, ergibt sich fast von selbst.
Unter solchen Voraussetzungen wird der Bau der “South Stream”-Pipeline problematisch. Selbst wenn Russland es schafft, diese zusätzlichen Kapazitäten mit seinem Erdgas zu füllen, stößt es am anderen Ende der Pipeline mit der EU-Energiecharta zusammen, welche vorschreibt, dass der Exporteur des Rohstoffs und der Besitzer der Transportsysteme verschiedene Entitäten sind, bzw. der Besitz der Rohre “divesifiziert” wird. Damit, und mit konkurrierendem Erdgas aus Katar. Über die Ukraine wären die Fahrwege für die riesigen LNG-Frachter des Katar wesentlich kürzer als bis an die Häfen Westeuropas. Mehr Fahrten, mehr preiswerteres Erdgas aus North Dome (South Pars). Wann auf diese Weise das “South Stream”-Projekt schwarze Zahlen schreiben soll, steht in den Sternen.
Noch vorteilhafter ist für Katar dabei die Türkei als dritte, stille Partei in diesem Handel. Momentan bezieht die Türkei Erdgas noch aus dem Iran und Transkaukasien. Durch das OK zum Transport des katarischen Erdgases durch die Meerengen kann Katar Erdgas ebensogut auch auf den türkischen Markt werfen und damit zum iranischen Angebot in Konkurrenz treten. Die schwere Lage des unter einer Wirtschaftsblockade stehenden Iran schränkt seine Handlungsfreiheit in einem Preiskrieg gegen den Emir wesentlich ein.
In dieser Lage wird der Sieg im Krieg um Syrien für Al Thani immens wichtig. Durch seinen Einfluß in der in Doha zusammengebauten “einzig legitimen syrischen Regierung” hätte er mittelbar ein Wörtchen auf syrischem Territorium mitzureden und könnte den Bau der iranisch-irakisch-syrischen Erdgaspipeline (“Islamic Stream”) blockieren (diese soll Erdgas aus de facto dem gleichen Vorkommen South Pars transportieren, das sich Iran und Katar territorial teilen). Gleiches gilt für die “Arabische Erdgas-Pipeline” aus Ägypten nach Baniyas. Beziehungsweise könnte der Emir sich relevante Anteile an diesen Projekten sichern. Dazu noch gibt es die Variante des Aufbaus einer eigenen, rein katarischen Leitung, welche damit die Straße von Hormus für den Katar irrelevant werden läßt. Es ist also keine Frage, warum der Emir Syrien zerstören will – er wäre bei jeder dieser Varianten der große Gewinner.
Durch den Bau des “North Stream” haben die Gazprom-Strategen, wohl auch Gerhard Schröder, kein Augenmerk darauf gelegt, dass die Ukraine versuchen wird, sich aus der für sie eingetretenen Verliererlage als kaum noch benötigtes Transitland herauszuwinden und dass dies so elegant zu gelingen scheint, während das für Gazprom natürlich katastrophal ist. Eine Niederlage nach der anderen für diesen im wahrsten Sinne des Wortes staatstragenden Konzern.

Buschtrommeln

Für Audiophile gibt’s knapp 2 Stunden aktuelles Gespräch zu Nahost im Allgemeinen und den hiesigen Schwerpunkten im Speziellen auf Jungle Drum Radio. Zu Gast bei Moderator Josch: Dr. Christof Lehmann  / NSNBC und unsereiner. Viel Spaß und Geduld beim Durchhören!

Wer Youtube auch als Audioquelle nutzt, kann sich das Gespräch gern auch von dort reinziehen.

Vesti aus Daraya

Die „Verwundung“ von Anastasia Popowa war natürlich keine, wenn man einen Sturz auf die Nase beim Hasten unter Scharfschützenfeuer nicht als solche zählt. Daraya ist bzw. war umkämpft. Von dort aus lag der Süden von Damaskus in den letzten Tagen unter Dauerbeschuss durch RPGs (ein 82 mm-RPG hat eine Reichweite von bis zu 3 Kilometern). Marat Musin hat in der vergangenen Woche mehrfach aus live Harasta berichtet, gestern auch wieder. Dort sind die Banditen inzwischen vertrieben worden, und das Vesti-Team fährt natürlich an den Ort, wohin sie sich verzogen haben.
Die Nachrichten aus Damaskus und Umgebung sind insgesamt relativ beunruhigend. Manche Quellen reden bereits von einer Neuauflage des „Vulkans“ vom Sommer. Als äußere Faktoren, die das vermuten lassen, führt man den baldigen Weggang Clintons und den scheinbar im Koma liegenden König Abdullah an. Gleichzeitig berichtet ANNA-News aus Quellen im syrischen Innenministerium von der Zerstörung von 250 Rebellenfahrzeugen in der Gegend von Al Bab nordöstlich von Aleppo. Selbst, wenn man die Eigenheiten des Orients berücksichtigt und diese Angabe durch 5 teilt, kann man immer noch von einem bedeutenden Erfolg für die syrische Armee sprechen.
Quelle für den Videobericht: Vesti.ru

Nach Angaben der Armeeangehörigen haben sich die bewaffneten Banden aus den westlichen Vorstädten von Damaskus – Harasta und Duma – in der Stadt Daraya zusammengezogen, welche sich südlich der Hauptstadt befindet. Die Rebellen sind über ein Tunnelsystem dahin gelangt. Daraufhin wurden Armeeeinheiten zusammengezogen und im Stadtgebiet begann eine Säuberungsaktion – inzwischen bereits die elfte.
Angesichts der Armee haben sich die bewaffneten Banden zurückgezogen, aber um deren Vorankommen möglichst aufzuhalten, wurden Scharfschützen in Stellung gebracht. Ihre Positionen wurden zuerst mit Artilleriefeuer bearbeitet, danach wurden Soldaten auf Panzerwagen in das Gebiet gebracht und seitdem läuft eine Bodenoffensive.
Von Haus zu Haus bewegen sich die Soldaten in kurzen Sprints. Zwischen den Gebäuden aber ist offenes Gelände. Ringsum gibt es halbverlassene landwirtschaftliche Gebäude, zwei- und dreigeschossige Lagerhäuser und -hallen. Von dort feuern die Rebellen.
Die beiden Straßen, die um das Haus herumführen, werden beschossen. Die Soldaten entscheiden sich, die Wände zu durchbrechen. Im Hof fand man einen Galgen. So haben die Banditen jene hingerichtet, die es ablehnten, sie zu unterstützen. In diesem Zimmer ist alles durchwühlt: alles, was Wert hat, wurde weggebracht.
Das ist die vorderste Linie, der Gegner steckt gegenüber. Die Soldaten nehmen ihre Positionen ein. Unter “Allahu akbar”-Gebrüll werden sie wieder unter Beschuss genommen. Die Kugel traf kurz unterhalb der kugelsicheren Weste und geriet einem der Soldaten in den Bauch. Seine Kameraden tragen ihn heraus; um ihn zu evakuieren, ruft man einen Panzerwagen – bisher gibt es noch keine Garantie dafür, dass das Hinterland sicher ist.
Der Schützenpanzerwagen schießt sich durch und verläßt die Zone der Kampfhandlungen.
Die Offiziere mögen es nicht, von den eigenen Verlusten zu sprechen, sie nennen keine Zahlen, doch allein innerhalb der ersten Stunde der Operation wurde vor unseren Augen einer erschossen, ein weiterer verletzt. Die Verwundeten bringt man ins nahegelegene Krankenhaus. Der Chefarzt bittet uns, sein Gesicht nicht zu filmen; er fürchtet Rache. Sein Haus wurde gesprengt, er selbst bekam mehrfach Morddrohungen.
In den Reihen der Rebellen gibt es Syrer, doch es werden immer mehr Ausländer. Auf diesen drei Blättern sind Vornamen, Namen und Herkunftsländer verzeichnet: Saudi-Arabien, Libyen, Libanon, Ägypten; es findet sich sogar der Name eines Extremisten aus dem Tschad. Um die Anwesenheit ausländischer Söldner zu verbergen, verbrennen die Rebellen die Leichen ihrer Toten. Innerhalb weniger Tage sind in Daraya mehr als 200 Banditen getötet worden. Doch einem Teil von ihnen gelang wieder die Flucht.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti aus Daraya, Syrien.

Damaskus live

Aktuell läuft wieder ein Livestream von Kreml.TV und ANNA-News direkt aus Damaskus. Aus einem Krankenhaus, das permanent Ziel von Rebellenfeuer ist. Das sind durchaus gezielte Attacken, die Banden wissen genau, wen sie da be- und erschießen.

UPD. Die Liveübertragung ist vorbei, verfügbar ist noch ein etwas über 20-minütiges Interview mit zwei Ärzten eines Polizeikrankenhauses in Harasta, einem Vorort von Damaskus. Kurze Inhaltsangabe: das Krankenhaus wird permanent mit Scharfschützen- und Granatwerferbeschuss eingedeckt, das betrifft alle Stationen einschließlich der Neugeborenenstation. Die Ärzte zeigen Splitter der im Krankenhaus explodierten Geschosse. Live zu sehen waren auch die zusammengeschossenen Krankenwagen, auf die die Rebellen gezielt Jagd machen. Gezielt unter Beschuss genommen werden genauso die Ärzte auf ihrem Weg zur Arbeit. Trotz dieser Lage sprechen die Ärzte aber davon, dass es in den vergangenen Wochen in Damaskus etwas ruhiger geworden ist, was die Verwundeten und Toten angeht. Was aber bemerkenswert ist, sie sprechen von ins Leichenhaus eingelieferten Toten, denen man verschiedene Organe entnommen hat. Man zieht Parallelen zum Kosovo und dem von dort bekannten illegalen Organhandel.

Aktivierung der Palästinenser

Der Traum eines jeden normalen Arabers ist es, auf einem Stuhl sitzen und ein wenig Handel zu treiben. Ein bisschen Krieg führen ist auch in Ordnung, dabei ist aber die für einen Araber in dieser Leidenschaft normale Form des Kriegs der Überfall. Mit furchterregendem Gebrüll und rollenden Augen. Ein langanhaltender und schleppender Krieg jedoch ist dem Araber ein Gräuel. Kriege im Nahen Osten sind deswegen Sache von Profis, und deshalb kommen die arabischen Monarchien langsam in Schwierigkeiten: das gegen Syrien geworfene Menschenmaterial ist zwar noch nicht erschöpft, aber es gelingt nicht mehr, die Zahl der Rebellenbanden merklich zu vergrößern. Die “syrische Schaukel” schwingt weiter, aber bis zu einem Sieg – egal welcher Seite – ist es noch ein langer Weg.

Aleppo am 21. November 2012

zerstörter FSA-Minibus in Sakhur, Aleppo
Lange nichts aus Aleppo gehört? Das Team von Vesti.ru ist inzwischen wohlbehalten aus Kurdistan zurück und hat sich nach Aleppo begeben. Gestern wurde eine kurze Reportage veröffentlicht, die allerdings nicht allzu viel an neuer Information bereithält. Neu ist, dass es nur oder immer noch zwei Stadtviertel sind, die von den Rebellenbanden gehalten werden. Eines davon ist Sakhur im Nordosten der Stadt, das andere wird nicht genannt. Implizit wird auch klar, dass die in Aleppo verbliebenen Banden zu den hartgesottenen und kampferprobten Extremisten gehören, zu den professionellen Kämpfern, und Aleppo ist sicher nicht deren erstes Schlachtfeld. Ansonsten kann man sich den Beitrag einmal anschauen, wenn man Anastasia Popowa mal wieder über das Schussfeld rennen oder panisch in Deckung gehen sehen will. Alles in allem ist Popowa mit ihrem Front-Team mit Sicherheit die PR-Initiative (auch) der syrischen Regierung, deren Fehlen z.B. Christoph Hörstel immer mal wieder moniert.
umkämpfte Stadtviertel in Aleppo
Deswegen vielleicht noch etwas Vortext zu Aleppo. Exakt die dortigen Einheiten sind es, welche die in Doha zusammengebastelte neue Oppositionsstruktur – die Syrische Nationale Allianz – nicht anerkennen. Weder als legitim, noch teilweise oder gar alleinig, wie es das perfide Albion und die Franzosen bereits getan haben. Stattdessen proklamieren sie aus ihren Bunkern heraus den Scharia-Staat Al-Sham.
Das könnte durchaus noch ein Spielchen sein, dass Katar treibt, wo man nicht sehr zufrieden damit ist, dass die Moslembrüder in der neuen Opposition zu wenig Posten und Einfluss abbekommen haben. Oder die Sache ist noch schlimmer – für alle Beteiligten. Nämlich in dem Fall, dass die Islamisten wirklich absolut jeglicher Kontrolle entgleiten.
Ihr Ziel, die Schaffung eines Kalifats, passt zu keinem der Projekte der Aggressoren. Das Kalifat als Mittel zum Zweck – also als Idee, welche eine Menge an Kanonenfutter zusammenziehen soll – ist das Eine; aber als praktisches Ziel ist das schon etwas ganz anderes. Weder Katar, noch die Saud, auch nicht die Türken oder die Israelis brauchen einen solchen Zirkus. Nein, auch nicht die Amerikaner.
Wenn man bedenkt, dass die “Mutter aller Schlachten” in Aleppo schon den vierten Monat andauert, so haben sich die Islamisten ja wohl als ernstzunehmende Kämpfer erwiesen. Nun ist die Frage berechtigt, wie die Aggressoren wohl mit diesem Problem umgehen werden. Der Sinn eines Sturzes der Assad-Regierung ist ja die Installation einer kontrollierbaren und Weisungen ausführenden Entität in Damaskus. Einer schwachen und ohne Ressourcen. Das wäre für alle Beteiligten unter den Aggressoren ein sinnvoller Ausgangspunkt für die Umsetzung ihrer weiteren Pläne. Aber was machen die jetzt mit diesem Kontingent in “Al-Sham”?

Und noch eine Bemerkung: von welchen „deutschen Granaten“ in dem Beitrag scheinbar die Rede ist, seht ihr ganz unten. Das ist ein Schnappschuss aus einem Bericht von Marat Musin, den er vor drei Tagen aus Damaskus sandte. Wirklich erstaunlich, was im leidgeprüften Syrien so alles zur Oberfläche kommt!

Quelle des Videoberichts: Vesti.ru

Azans Vater wurde ermordet – von den Rebellen. Von denen, die sich als “Freie Armee” bezeichnen. Sie haben ihn an der Schwelle seines eigenen Hauses erschossen. Ebenso kaltblütig verfuhren sie mit dem Onkel und dem Großvater; danach zündeten sie ihre leblosen Körper an. Hier sind sie, alle drei auf einem Foto.
Zwei weitere Familienmitglieder wurden verletzt. Sie schossen zurück, damit die Frauen und Kinder Zeit hatten, aus der Wohnung zu fliehen. Ihr Haus wurde später in die Luft gesprengt.

Es sind ungefähr 200 Banditen in unser Stadtviertel gekommen. Sie sagten, dass sie nun hier die Herren seien. Wir riefen die Nachbarn, Anwohner, überhaupt alle zusammen, um ihnen gemeinsam Widerstand zu leisten. Aber sie kamen uns auf die Schliche und eröffneten das Feuer auf uns.

Die Rebellen wurden schließlich vertrieben – sie flohen in Richtung des historischen Zentrums von Aleppo. Zwei Stadtviertel sind nach wie vor in ihrer Hand.
Hauptsächlich wird an den Randgebieten der Stadt gekämpft. Es geht hier nicht mehr nur um punktuelle Säuberungsaktionen, hier wird ein regelrechter Krieg gegen einen bestens bewaffneten Feind geführt.
Das ist der Einsatzstab. Das Kommando hat ein Oberst, er gibt den Soldaten das Ziel vor.

Ihr geht neben diesem Turm in Stellung und blockiert so die beiden Straßen. Dorthin kommt dann die Verstärkung, mit der wir die Hauptkräfte des Feindes angreifen.

Alle Einzelheiten der Örtlichkeit werden erst anhand der Karte studiert, die Besonderheiten werden noch einmal durchgesprochen, und vor dem Ausrücken zeichnen sie den Einsatzplan noch einmal im Staub nach.
Der Kommandeur des Zugs wird am Bein verletzt. Die Kugel ist stecken geblieben, aber er lehnt eine ärztliche Versorgung ab – der Einsatz ist noch nicht abgeschlossen.
Die Zivilkleidung der Rebellen gibt ihnen die Möglichkeit, einfach die Waffen fallen zu lassen, fortzugehen und sich unter die Bewohner der benachbarten Stadtviertel zu mischen. Ausländische Söldner aber erkennt man am Akzent. Als Bestätigung zeigt man uns die Papiere zweier Getöteter.
Im Stadteil Sakhur kämpft die Al-Kaida. Die Waffen der Gruppe Dschabhad an-Nusra sind komplett ausländischen Ursprungs.

Das ist ein Schrotgewehr aus türkischer Produktion. Und hier haben wir ein amerikanisches Scharfschützengewehr, eine M16. Wir haben auch ein Lager mit deutschen Granaten und selbstgebauten Sprengsätzen gefunden. Hier gibt es auch Nachtsichtgeräte, Zieloptiken und Satellitentelefone.

Dieser Verwundete wird unter dem Feuerschutz der Scharfschützen vom Ort des Kampfes evakuiert. Auf einer gefährlichen Kreuzung nehmen die Soldaten die Rebellen unter Sperrfeuer.
Mit dem stillschweigenden Gutheißen der westlichen Verfechter der Demokratie ist in Aleppo ein weiterer Soldat erschossen worden – ein junger Vater dreier Söhne. Noch eine Familie verliert ihren Ernährer. Die Kinder, solche wie der kleine Azan, werden zu Waisen.
Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti, Aleppo, Syrien.

Durch die syrische Armee konfiszierte Handgranate. Quelle: Kreml.TV / Anna-News