Rosinenbomber für Nordsyrien

Der folgende Bericht von Vesti.ru mutet ein wenig wie die bekannte Mär vom gallischen Dorf an. Zumindest für die Region nördlich von Aleppo nahe der Grenze zur Türkei. Rund 45.000 Menschen befinden sich dort von der Außenwelt fast völlig abgeschnitten inmitten eines von Rebellenbanden kontrollierten Gebiets und geben seit einem halben Jahr den Widerstand nicht auf. Die humanitäre Lage ist katastrophal, es besteht aber eine Luftbrücke mit Aleppo, die allerdings bei weitem nicht ausreicht, alle Menschen dort ausreichend mit allem Notwendigen zu versorgen. Der Bericht kann auch davon zeugen, dass weite Landesteile, zumindest im Norden Syriens, schon längere Zeit nicht mehr von der Regierung kontrolliert werden.

Ein paar andere Elemente an dem Bericht muten auch seltsam an, es ist aber insgesamt wichtig genug, den in Nordsyrien belagerten Menschen wenigstens irgendwie Gehör zu verschaffen.

Quelle: Vesti.ru, Bericht von Anastasia Popowa


23 Kilometer nördlich von Aleppo – noch einmal so weit ist es bis zur türkischen Grenze – liegen die beiden Städtchen Nubbol und Baldat al Zahraa und stören durch ihr schieres Dasein die Hegemonie der oppositionellen “Freien Armee” entlang der Strasse nach Norden. Die Einwohner hier sind für die Regierung, was ihren Nachbarn ein Dorn im Auge ist.

Syrisches Militär gibt es hier nicht. Die gesamte Wachmannschaft aus 150 Mann setzt sich vollständig aus lokalen Einwohnern zusammen. Um jeden der 8 Checkpoints wurden Verteidigungsgräben ausgehoben. Die Kämpfer der Bürgerwehr zeigen durch ein Fernglas ein Schulgebäude im Nachbarort, über dem die grüne Fahne der Opposition weht. Sie sagen, dass im Nachbarort die Al-Kaida hockt.

Abdel Azif Sharmo, Kommandeur der Bürgerwehr:

Es ist nur ein Kilometer bis da hin. Wer von uns hinaus aufs Feld geht, um Oliven zu ernten, bekommt die Kugel eines Scharfschützen. Die Strassen sind gesperrt, Nahrungsmittel werden nicht durchgelassen, stattdessen bekommen wir solche Geschenke aus der Türkei und Katar.

Abu Bassem:

Mein Sohn ist nur 28 Jahre alt geworden. Er hat im Garten gearbeitet. Die Rebellen wollten ihn verschleppen, er wehrte sich. So erschossen sie ihn. Vier Kinder haben ihren Vater verloren.

Es gab öfters Versuche, den Widerstand zu brechen. Insgesamt sind 60 Menschen getötet und 140 verschleppt worden. Nach Verhandlungen zwischen Unterhändlern und Ältesten konnte ein Teil von ihnen für 2 Millionen Lira herausgekauft werden, das sind ungefähr 20.000 US-Dollar.

Scheich Muheddin:

Wir hatten gutnachbarschaftliche Beziehungen. Alles änderte sich, als die Rebellen kamen – Leute von außerhalb, nicht von hier. Sie gingen daran, unsere Häuser auszurauben, aber wir haben sie verjagt und lassen sie nicht mehr in die Stadt. Deshalb wurde über uns eine komplette Blockade verhängt.

Es sind noch 43 Menschen in Geiselhaft bei den Rebellen. Es gab Versprechen, sie freizulassen und die Strassen wenigstens für ein paar Tage zu öffnen, die aber nicht gehalten wurden. Der Älteste glaubt nicht mehr an die guten Absichten der Opposition.

Anastasia Popowa:

Die Stadt Nubbol galt als Handelszentrum dieser Region. Die Blockade währt nun ein halbes Jahr, die Vorräte gehen zur Neige. In den Läden gibt es weder Nahrungsmittel noch Arznei, nicht einmal Seife. Die einzige Unterstützung ist die humanitäre Hilfe, welche von der Stadtverwaltung in Aleppo geschickt wird.

Der letzte Versuch allerdings, 100 Tonnen Mehl auf Lkws in die Orte zu senden, ging tragisch aus: die Fahrer wurden ermordet, die Fracht gestohlen. Den Einwohnern blieb nichts.

Bei der Verladung von Hilfsgütern:

In jeder Tüte sind 6 Kilogramm Lebensmittel: Salz, Graupen, Bohnen, Haushaltwaren, Medikamente und Kinderspielzeug.

Die Armee hat derzeit weder Mittel noch Gelegenheit, einen sicheren Korridor zu diesen zwei regierungstreuen Städten einzurichten. Alle Kräfte sind in Aleppo konzentriert. Im Flughafen der syrischen Wirtschaftshauptstadt leben bereits 105 Menschen, die darauf warten, an Bord eines der Mi-8-Hubschrauber nach Hause in die blockierten Städte zu gelangen. Die Militärhubschrauber befördern aber in erster Linie Hilfsgüter, und nur wenn Platz bleibt, kommen Passagiere mit.

Jede Ankunft eines Mi-8 ist wie ein Fest. Die Bewohner kommen mit Fahnen auf die Dächer, applaudieren und kommen auf dem Sportplatz der ehemaligen Schule zusammen.

Ganze Großfamilien stürmen auf die Hubschrauber ein: wer als erster durch die Menge hindurch an den Hubschrauber gelangt, hat Chancen, nach Aleppo gebracht zu werden. Eine andere Möglichkeit, die Stadt zu verlassen, gibt es nicht.

Nariman Mohammed, kurdische Studentin:

Ich bin Studentin und war mit Freunden aus Afrin hierher unterwegs. Jetzt sind Prüfungen an der Universität in Aleppo. Die Rebellen hielten uns auf der Straße an und sahen an unseren Papieren, dass wir Kurden sind. Sie eröffneten das Feuer, zwei meiner Freunde wurden getötet, ich wurde verletzt.

Passant:

Zehn Tage lang hatte ich nichts zu essen, weder ich, noch meine Kinder! Alles, was mir geblieben ist, ist diese Tüte mit Maismehl. Ich habe mit großer Mühe einen Händler gefunden, der sie mir verkauft hat, mein letztes Geld habe ich dafür aufgebracht!

Pro Monat verhungern hier zwei bis drei Menschen. Die staatliche Hilfe reicht nicht für die ganze Stadt mit ihren 45.000 Einwohnern aus. Gas gibt es schon lange nicht mehr, wer Kerosin auftreiben kann, bereitet Essen gleich für mehrere Familien.

Hausfrau:

Wir haben nichts mehr: kein Reis, keinen Zucker, kein Mehl. Sieh her: alles leer!

Solange es noch warm ist, bearbeiten die Einwohner ihre Beete, sie pflanzen Gemüse und Kräuter. Oliven sind Gold wert, das weiß hier bereits jedes Kind. Alles, was auf den Boden fällt, wird sorgfältig wieder eingesammelt. Mehlreste werden zerrieben, mit Wasser vermischt, und daraus wird über Feuer Fladenbrot gebacken. Die Bäckereien arbeiten nicht.

Frau:

Aller zwei Tage backen wir Fladenbrot, etwas anderes gibt es nicht. Die Kinder wollen essen, doch was kann ich ihnen geben? Dieses Kind ist vier Monate alt, es hat in seinem Leben noch keine Milch getrunken. Die Rebellen versuchen, uns auszuhungern, aber wir werden nicht auf ihre Seite überlaufen!

Strom gibt es nicht, der Treibstoff für die Dieselgeneratoren ist fast zu Ende. Die Tankstellen sind geschlossen. Niemand arbeitet mehr – alles steht still.

Abdel Zhalid:

Es gibt kein Benzin, kein Heizöl. Bald kommt die Kälte, wir haben nichts, um zu heizen. Autos fahren auch nicht mehr, wir alle sind zu Fuß unterwegs.

Am Stadtrand treffen wir einen von denen, die am Flughafen von Aleppo ausgeharrt hatten. Hamud schlief auf dem Boden im Terminal, ernährte sich von Fladen und Wasser. Erst nach drei Wochen ist es ihm endlich gelungen, nach Hause zu kommen.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet.

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