Archiv für Januar, 2013

Haue, Hölle, Israel

Syrian Electronic Army
Hier ein kleiner Artikel zum Angriff der Israelis auf Syrien vom Internetportal der russischen Business-Zeitung “Взгляд” (VZ.ru). Er trägt zum Konflikt in Syrien einen gewissen optimistischen Unterton.
Vorrede: Was den Luftangriff auf Syrien betrifft, so gibt es immer noch wenig faktische Klarheit. Deshalb als kleines Vorwort eine Anmerkung zu der hierzulande populären Version (die ursprünglich von AFP verbreitet wurde), der Angriff habe einer Fahrzeugkolonne gegolten, welche “Buk”-Raketen an die Hisbollah (oder wo auch immer hin) liefern sollte.
Die “Buk”-Raketen (NATO-Klassifikation SA-17), von denen die Medien schwätzen (9M38M1 und 9M317) sind als solche von keinerlei Interesse und ohne eine ganze Batterie an Technik und Ausrüstung gar nicht einsatzfähig. Die Komponenten dieser Batterie kann man hier nachschauen (und die Liste dort ist unvollständig, es fehlt ein knappes Dutzend an Versorgungsfahrzeugen, wie etwa das Elektrofahrzeug, eine mobile Kompressorstation, Werkstattwagen usw.).
Um diese ganzen Dinge bedienen zu können, müsste man mindestens eine Brigade russischer ukrainischer Luftabwehrleute anheuern. Die Hisbollah hat dazu einfach nicht das Personal. Und würde auch nur eine halbe Batterie Buks irgendwo im Libanon aufgebaut werden, so würden die Israelis sogleich Fotos davon durch ihre Presse reichen. Von Drohnen oder Satelliten gemachte Fotos natürlich, welche die imminente Bedrohung dieser Verteidigungswaffen veranschaulichen sollen… und damit genug der Vorrede.

Haue, Hölle, Israel

Der Luftschlag Israels gegen Syrien bringt eine ganze Reihe an Fragen hervor. Sicher nicht bei allen. Denn in israelischen Internet-Foren geht es derzeit nur um Haue, Hölle und Israel. “Nur Hardcore!” brüllen die Bewohner des Gelobten Landes in patriotischer Rage. Bislang ist nicht endgültig klar, wen man gebombt, was man gebombt und – als wichtigstes – wozu man gebombt hat, doch das vor Stolz über ihre glorreichen Falken wie Kröten aufgeblähte israelische Wahlvolk interessiert sich nicht für derlei Kleinigkeiten.
Im trockenen Bodensatz der Meldungen sieht der Angriff Israels auf Syrien bislang immer noch ziemlich unklar aus. Die Syrer sprechen von einem Angriff auf ein gewisses militärisches Forschungszentrum, die westlichen Medien vom Angriff auf eine mysteriöse Fahrzeugkolonne – mal sei es ein Transport von “Buk”-Raketen, mal ein Chemiewaffentransport gewesen – die in Richtung der libanesischen Hisbollah unterwegs gewesen sein soll. Das offizielle Israel hüllt sich überhaupt in Schweigen.
Alle bislang geäußerten Versionen sehen gelinde gesagt seltsam aus. Ein Angriff auf ein Forschungszentrum ist vollkommen unlogisch, selbst, wenn darin Komponenten für Chemiewaffen aufbewahrt werden. Damaskus ist zum jetzigen Zeitpunkt die bestgeschütze Stadt in Syrien, die Armee erledigt gerade die Reste der Rebellenbanden in Daraya und verlagert sich in Richtung Duma, wo verschiedenen Quellen zufolge um die 5 Tausend Rebellen festsitzen, samt ihrer Vorratslager, Lazaretts, Waffen- und Lebensmittelreserven. Duma ist zum jetzigen Zeitpunkt bereits praktisch eingekesselt.
In diesem Fall kann man sich zwar um die Sicherheit der Chemiewaffen sorgen, man muss es aber nicht – die Syrer kümmern sich selbst darum.
Ein Päckchen für die Hisbollah und die nervöse Reaktion Israels darauf nimmt sich als Version auch vollkommen seltsam aus. Erstens hat man auch früher bereits auf diese Weise Waffen geschickt – woher sollte die Hisbollah wohl sonst ihre Waffen haben? Zweitens ist die Hisbollah seit inzwischen schon ungefähr einem Jahr hinsichtlich der “syrischen Frage” gespalten: ein Teil tritt für eine vollumfängliche Unterstützung Assads ein, der andere ist der Meinung, man habe sich eher um die eigenen Probleme zu kümmern. Würde man zum jetzigen Zeitpunkt einer der Fraktionen innerhalb der Hisbollah Waffen liefern, so hieße das, ein endgültiges Auseinanderbrechen ihrer Reihen zu bewirken, was Assad sicher nicht gebrauchen kann. Dazu hat noch die libanesische Armeeführung erklärt, dass sie weder von einer Fahrzeugkolonne, noch von einem Angriff auf eine solche Kenntnis habe.
Es gibt einen Umstand, der von den Medien bislang überhaupt nicht betrachtet wird. Der Luftangriff passierte synchron zur Ernennung Kerrys zum US-Außenminister. Ebenso synchron hat gestern die unversöhnliche syrische Opposition durch ihren Chef Moas al-Chatib verkündet, sie sei zu Verhandlungen mit Assad bereit, das heißt also etwas zu tun, was sie im Verlauf der zwei Jahre andauernden “Revolution” immer kategorisch abgelehnt hat.
Das bedeutet, dass der Krieg in Syrien in einer Umbruchsphase angekommen ist. Die Opposition räumt ein, dass sie keine Möglichkeit mehr hat, ihre Ziele auf militärischem Wege zu erreichen und versucht, noch so viel wie möglich Vorteile aus ihrer derzeitigen Lage zu retten; solange die syrische Armee eben die militärischen “Argumente” ihrer Gegner noch nicht vollständig aufgerieben hat. Sicherlich gibt es außer dieser Opposition noch die Islamisten – radikale, hirnverbrannte Dschihadisten, mit denen man unter keinerlei Umständen verhandeln wird. Nach dem neuerlichen Massenmord an Zivilisten in Aleppo hat Präsident Assad versprochen, die Gruppierung namens “Al-Nusra-Front” bis auf den letzten Mann zu vernichten. Mit solchem Gelichter führt man keine Gespräche.
Alles zusammen heißt, dass Syrien es durchlitten und standgehalten hat. Nein, es ist noch lange nicht zu Ende, aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Und das ist es, was vielen nicht recht ist. Einschließlich Netanjahu. Einfach deshalb, weil ein Ende des Kriegs in Syrien nach einem Szenario, das nicht dem der arabischen Monarchien und des Westens entspricht, zweifellos ein Erstarken der Positionen des Iran in der Region bedeutet. Nicht einen Sieg, aber doch eine merkliche Änderung des Kräfteverhältnisses.
Netanjahu wird nicht müde, von der iranischen Bedrohung und von Atomwaffen zu erzählen. Es ficht ihn nicht einmal an, dass sowohl der Westen als auch die USA inzwischen mitteilen, dass der Iran seine Atomforschungen “deutlich verlangsamt” habe und es ihm vor 2015 theoretisch nicht möglich sein wird, an einen Atomsprengsatz zu gelangen. Netanjahu sagt aber, dass es jetzt schon möglich ist. Folglich ist es jetzt schon möglich. Er bezweckt, die USA in einen Krieg mit dem Iran zu hetzen, die USA, die das demonstrativ ablehnen, während Kerry nicht minder demonstrativ von der dringenden Notwendigkeit spricht, alle Fragen mit dem Iran auf eine rein diplomatische Ebene zu verlagern.
In diesem Falle soll ein Angriff auf Syrien den Iran dazu herausfordern, sich einzumischen und seine Behauptungen, er sei bereit, das syrische Territorium im Fall einer Intervention zu verteidigen, mit Taten zu belegen. Dann würde man den Iran als Aggressor hinstellen können, Israel veranlaßt die USA zur Einmischung, denn es wird ja nicht irgendwer angegriffen, sondern deren Verbündeter.
Mit anderen Worten, dem Angriff Israels liegen keine rein militärischen Ziele zugrunde. Die israelische Luftwaffe hatte keine militärische Aufgabe. Das Ziel des Angriffs ist eine Provokation als ein Versuch, erst Syrien, dann den Iran und schließlich die USA zu einer Vergeltung zu verleiten.
Was tut ein kluger Mensch, wenn sein Gegner versucht, ihn zu bestimmtem Handeln zu provozieren? Richtig, er macht es gerade andersherum. Hauptsache ist, nicht das zu tun, was der Feind von dir erwartet. Assad benimmt sich bislang wie ein kluger Mensch – er hat sich einfach Netanjahus Spucke aus dem Gesicht gewischt. Genau, wie er es getan hatte, als die Türkei syrisches Territorium beschossen hatte. “Wir ertragen das”, sagten die Syrer. Und wie sehr das auch nach Feigheit aussehen mag, eine solche Reaktion ist am effektivsten.
Für Syrien hat jetzt die Befriedung im Landesinneren Priorität. Wenn es Verhandlungen mit der Opposition geben soll, dann eben auf dem Verhandlungsweg. Wenn nicht, dann werden die Rebellenbanden eben systematisch vernichtet werden. Alle anderen Aufgaben sind von geringerer Wichtigkeit. Und deshalb dulden die Syrer es auch. Es ist klar, dass die im Saft ihrer eigenen Tiraden geifernden israelischen Internetforen die Syrer jetzt massiv verhöhnen – “Wo war sie denn, eure vielgepriesene Luftverteidigung?” Das ist unangenehm. Aber die Syrer haben es nicht eilig damit, die Lösung ihrer wichtigsten Aufgabe – den Frieden im Lande – jetzt zu gefährden. Das ist auch die bestmögliche Entscheidung, die sie treffen können. Und es ist sehr wichtig, dass sie es erst einmal ertragen. Antworten können sie nachher. Wenn sie diese wichtigste Aufgabe gelöst haben.
Quelle: VZ.ru

Umbruch?

Der Chef der in Doha gebildeten “Nationalkoalition” Moas al-Chatib erklärt, er sei zu Direktverhandlungen mit der Regierung Baschar al-Assad bereit.
Das bedeutet, die “Opposition” erkennt indirekt an, dass es nicht machbar ist, einen Umsturz auf bewaffnetem Wege zustande zu bringen, so dass sie offenbar vorhat, die momentane Lage durch politische Absprachen erst einmal zu konservieren. In einer Situation, in der die syrische Armee die Kampftruppen der Rebellen methodisch vernichtet, ist eine solche Entscheidung wohl nachvollziehbar – mit jedem Tag wird die Position der Rebellenbanden im Großen und Ganzen schwächer, so dass es ihnen immer schwerer fallen wird, ihre Bedingungen bei möglichen Verhandlungen durchzusetzen.
Das ist natürlich nicht etwa das Ende des Kriegs, auch kein Sieg für Baschar al-Assad, doch ist das, vorsichtig gesagt, der Zeitpunkt eines Umbruchs im nun zweijährigen Konflikt. Wie genau diese Gespräche stattfinden sollen, wie schwierig sie werden, ist ein eigenes Thema – aber noch vor kurzem war von gar keinen Verhandlungen die Rede, bevor nicht “Assad zurücktritt”, noch gestern jammerte George Sabra vom SNC, man möge der Opposition doch bitte mehr Kohle und Waffen liefern (und sagte damit implizit, dass es mit dieser Hilfe inzwischen wohl schlecht bestellt ist), und heute – bitteschön. Gespräche mit Assad, kein Problem. Ob Tunis, Kairo oder Stambul. Ein paar kleine Bedingungen stellt al-Chatib schon, aber das ist auf jeden Fall etwas, worüber man reden kann. Und der Fakt des Gesprächsangebots allein zeugt davon, dass den Rebellen die Zeit ausgegangen ist.
Symptomatisch bei der ganzen Sache: al-Chatibs Angebot fällt mit der Berufung des neuen US-Außenamtschefs John Kerry zusammen. Gut möglich, dass dies genau die Deadline gewesen ist, die der Westen den arabischen Monarchien gesetzt hatte. Nun kann die Zeit von schwierigen und komplizierten Verhandlungen beginnen – aber hier gäbe es eine klarere Perspektive.
Klar ist dabei, dass die “unversöhnlichen” unter den Rebellenkämpfern wohl schwerlich an solchen Verhandlungen teilnehmen werden. Die Gegner solcher Kontakte werden alles daran setzen, sie zum Scheitern zu bringen, dazu Terror und Provokationen verüben. Dieser Schrecken ist noch nicht vorüber. Aber wie dem auch sei – es scheint, als werde Syrien im “Arabischen Frühling” das zweite Land nach Jemen, bei dem es mit militärischer Gewalt nicht gelungen ist, die bestehende Staatsmacht zu stürzen. Und dabei sehen die Positionen Baschar al-Assads noch deutlich günstiger aus, als die des Abdallah Saleh, so dass man auch ganz andere Verhandlungsgrundlagen hat.

Wochenschau, Folge 60

Pakistanische Armee bei der traditionellen Stechschritt-
Entspannungsübung; im Hintergrund ein Troß Orthopäden

Militärparaden sind seit geraumer Zeit nicht mehr Usus im “deutschen Sprachraum”, jedenfalls ist unsereins schon ein gewisses Unverständnis daran anerzogen worden, woran sich die Russen, Chinesen, Nordkoreaner und ein paar andere regelmäßig erbauen. Das mag damit zu tun haben, dass “Patriotismus” hier ein Begriff ist, der überkommen anmutet: wer einen Krieg “verliert”, muss eben wohl damit leben, dass er vom Überlegenen in seinen Ambitionen klein gehalten wird.

Hier jedenfalls ist indirekt die Rede davon, was der russische Generalstab vor ein paar Tagen mysteriös angedeutet hat: “Russische Armee bereit zu einem Großkrieg”. Es wird gerasselt und mit Muskeln gespielt, und wenn da die Schubskinder der SU und der EU, die Letten, eine ähnliche Show abziehen wollen, kann man sich eigentlich wirklich nur darüber belustigen. In diesem Sinne sind die also in der aktuellen Folge dran.
Hintergrund: Tatsächlich glorifiziert das EU-Mitglied Lettland offen seine NS-Vergangenheit. Vielleicht eine Art Identitätsfindung in Opposition zur russisch dominierten UdSSR-Zeit. Tatsächlich wird in Lettland die russische Sprache “abgeschafft”. Die diesbezüglichen Noten der russischen Diplomatie sind eigentlich in aller Ohren. Beim “Militarismus” sind die Balten aber doch ziemlich schwachbrüstig, was sie nicht daran hindert, sich auch damit noch lächerlich zu machen.
In Ägypten wurde der zweite Jahrestag der Revolution ausgiebig gefeiert. Und zwar mit den schon traditionell gewordenen Versuchen, Präsidentenpalast und Innenministerium zu erstürmen. Tausende Demonstranten fordern die sofortige Amstsenthebung Mohammed Morsis und eine Auflösung des Parlaments. Büros der “Moslembrüder” und staatliche Einrichtungen wurden demoliert, und die unternehmenslustigen Ägypter nahmen von dort alles mit, was irgendwie von Wert ist. In Zusammenstößen mit der Polizei sind rund dreißig Menschen ums Leben gekommen, einige hundert wurden verletzt. Zusätzliche Armeeeinheiten wurden nach Suez verlegt. Präsident Morsi hat vorsorglich das Land verlassen und rief seine Landsleute von Äthiopien aus dazu auf, die öffentliche Ordnung zu wahren.
Durch eine Entscheidung eines ägyptischen Gerichts wurde weiteres Öl ins Feuer gegossen. 20 Fussballfanatiker wurden zum Tode durch Erhängen verurteilt. Noch nirgends auf der Welt hatten es Hooligans mit einer solch strengen Verurteilung zu tun. Zur Erinnerung, der Grund für die harte Strafe ist die Randale bei einem Fussballspiel im vergangenen Jahr in Port Said. Infolge einer Massenschlägerei waren dort mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen. Die nunmehr mit dem Richterspruch unzufriedenen Ägypter gingen auf die Straßen und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, was nur zu weiteren Toten führte.
Die Lage in Ägypten ruft inzwischen weder Verwunderung, noch Belustigung, noch überhaupt irgendwelche Emotionen hervor. Es gibt keinen Zweifel daran, dass auch der dritte, vierte und alle folgenden Jahrestage der befreienden Revolution nach diesem Muster ablaufen werden. Hierbei darf man nicht vergessen, wer hinter dieser und auch anderen Revolutionen stand und immer fleißig Öl ins Feuer goß. Das sind jene, welche jetzt versuchen, sich elegant aus der Affäre zu ziehen.
Die aus ihrem Amt scheidende Chefin des US State Department, Hillary Clinton, wird sich wohl kaum irgendwo zu verantworten haben, für all die Fehler, welche zur Ursache des Todes unzähliger Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt wurden.
Diese Woche hatte sie dem Senat Rede und Antwort zu stehen, doch aus diesem Auftritt machte sie eine in Erinnerung bleibende Show, ohne in der Sache Antworten zu liefern – nämlich, warum das State Department nicht auf die Signale des US-Botschafters in Libyen, Chris Stevens, reagiert hatte, in denen dieser deutlich machte, dass er bedroht werde; oder warum das State Department zwei Wochen dafür gebraucht hatte anzuerkennen, dass das ein geplanter terroristischer Angriff und nicht etwa affektives Handeln gewesen sei. Auf die direkten Fragen der Senatoren hämmerte Clinton mit der Faust auf den Tisch, ließ Tränen blicken und sprach vom Patriotismus der “einfachen amerikanischen Jungs”, alles in den übelsten Hollywood-Traditionen.
Hillary Clinton:

Was macht das an dieser Stelle für einen Unterschied? Fakt ist, dass vier Amerikaner ums Leben gekommen sind; wer sie umgebracht hat, ist nun schon nicht mehr so wichtig – ob es Demonstranten oder Terroristen waren.

Und damit hat sie sich tatsächlich herausgeredet. Es ist nicht gelungen, Clinton in die Enge zu treiben, dafür wird sie mit ihrer hohlen, aber flammenden Rede wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Manche sind sogar der Meinung, dies sei der Auftakt für eine große politische Karriere gewesen, denn in lediglich vier Jahren sind in den USA die nächsten Präsidentschaftswahlen, bei denen ein Kandidat der “Falken” mit etwas politischer Erfahrung durchaus gefragt sein könnte.

Im schweren Schritt des Militarismus

Russland setzt die größten Militärmanöver seiner jüngeren Geschichte im Mittelmeer fort. In Nordossetien begannen auf dem Truppenübungsplatz Darjal Übungen von Aufklärungseinheiten des Südlichen Militärbezirks.
In einem anderen Teil des Landes, im Östlichen Militärbezirk, liefen auf Truppenübungsplätzen in den Regionen Primorje und Transbaikalien, in den Bezirken Sachalin und Amursk, ebenso Übungen von Aufklärungseinheiten. Strategische Bomber vom Typ TU-95MS, die am 23. Januar vom Luftwaffenstützpunkt der Stadt Engels gestartet waren, haben ihre Übungsaufgaben im Rahmen einer strategischen Verzögerung erfolgreich absolviert. Die russischen Streitkräfte werden mit neuester Militärtechnik ausgestattet.
All das ruft tiefe Besorgnis unter den westlichen “Partnern” Russlands hervor. Besonders unter den europäischen Staaten, die im Brennpunkt eines hypothetischen russischen Angriffs stehen. Doch auch diese Staaten verlieren nicht das Vorhandensein von Mut und setzen der russischen Militärclique grandiose Militärparaden entgegen. Folgende nicht allzu hastige Aktion lief beispielsweise unlängst in Lettland:
Hier sehen wir, wie der Kommandeur der Parade herankommt… mit einem Säbel.
In weißer Tarnkleidung marschieren unsere Grenzsoldaten. So seltsam das auch ist, mit Kalaschnikows.
Danach kommen zwei Mercedes-Lastkraftwagen, auf deren Pritsche sich Soldaten der lettischen Armee aufgebaut haben.
Und da ist sie, die mächtige Artillerie. Danach kommt noch eine Brigade Fahnenträger, und hinterher kommt schon die mächtige, gewaltige Militärtechnik. Gewaltige schwedische Lastkraftwagen mit einem MG-Stand auf dem Dach.
Und wiederum zwei mächtige Mercedes-Lkws. … Ganz offenbar von der Marine, denn sie ziehen Wasserfahrzeuge hinter sich her.
Und wiederum…. wiederum sehen wir die Technik der Küstenwache. Über die Sicherheit unserer Küsten können wir beruhigt sein.
Quads, und auf ihnen unsere Grenzer. Kein einziger Grenzübertreter kann überhaupt ungestraft unsere Grenzen überqueren. Er wird von einem der schnellen Quads ereilt werden.
Nun, wir haben auch drei Panzer. Die kommen aber nicht hier durch, sonst würden sie den Asphalt beschädigen. Außerdem haben wir einen der Panzer offensichtlich den Esten geliehen, zur zeitweiligen Verwendung…

Nach Abschaffung der russischen Sprache und Aufmärschen von Helden aus Zeiten des faschistischen Deutschlands hat die lettische Führung beschlossen, Russland den Krieg zu erklären und Truppen auf russisches Gebiet vorrücken zu lassen. Vier Personen greifen von Kamtschatka aus an, drei aus Richtung des Schwarzen Meeres. Fünf nehmen die kasachische Staatsbürgerschaft an und fallen von Süden aus ein. Präsident Andris Bērziņš und seine Minister führen einen unerwarteten Schlag von Osten. Zwei Kämpfer der Sondereinheiten umsegeln die Welt und greifen, über die USA kommend, Wladiwostok an. Auf diese Weise wird nach Meinung der lettischen Führung die Russische Föderation umstellt sein, so dass die Taktik der Letten diesmal funktionieren wird.

“Wenn der Atomschlag euch ereilt…”

Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr morgens in der Zeitung einen Aufruf der Regierung lest, eure Keller zu befestigen, Lebensmittelvorräte anzulegen und euch auf einen Atomschlag vorzubereiten? Einen solchen Aufruf bekamen letztens die Bewohner der indischen Kaschmir-Provinz von der Verwaltung der Bürgerwehr:

Es ist angesagt, einen Zufluchtsort einzurichten, in welchem die gesamte Familie zwei Wochen lang überleben kann. Die Lebensmittel- und Wasservorräte sollten regelmäßig aufgefüllt werden. Bevorratet euch mit Kerzen und Taschenlampen mit Batterien. Wenn der Atomschlag euch in offenem Gelände ereilt, legt euch unverzüglich nieder und verbleibt in dieser Lage. Wartet ab, bis die Druckwelle vorüber ist und keine Trümmerteile mehr fallen. Wenn die Druckwelle euch nicht innerhalb von 5 Sekunden trifft, so heißt das, dass ihr weit genug vom Epizentrum der Explosion entfernt seid.

Grund für die Befürchtungen lieferte natürlich das benachbarte, atomar bewaffnete und Indien durchaus nicht allzu freundlich gesinnte Pakistan. Anfang des Jahres kam es zu einem Konflikt, in dessen Verlauf zwei indische und drei pakistanische Soldaten ums Leben kamen. Die beiden Atommächte können sich bezüglich der Aufteilung des Territoriums immer noch nicht einigen. Nicht zu vergessen, vor gar nicht so langer Zeit, nämlich 2002, ist diese Region nur knapp einer atomaren Feuersbrunst entgangen. Damals hatten beide Seiten um die 500.000 Armeeangehörige an den Grenzen zusammengezogen, und allein durch Schusswechsel sind mehr als 1.000 Menschen ums Leben gekommen. Einzig durch Vermittler ist es gelungen, einen weiteren indisch-pakistanischen Grenzkrieg zu verhindern: die USA verhandelten mit Pakistan, Russland mit Indien.
Nunmehr gibt es in Pakistan eine recht präkere Lage. Erstens ist die Wirtschaft in einem jämmerlichen Zustand, und es ist nicht so einfach, die fast 200 Millionen Menschen des Landes zu ernähren. Zweitens befindet sich der Staat vor der Gefahr eines neuerlichen Umsturzes. Zehntausende Prostestler gingen unter der Führung des islamischen Glaubenslehrers Tahir Kadri in Islamabad auf die Straßen und forderten einen Wechsel der politischen Führung des Landes.
Im Mai gibt es in Pakistan Parlamentschaftswahlen. Zu diesem Zeitpunkt soll die Krise ihren Höhepunkt erreicht haben. In diesem Zusammenhang sind die an die Inder ergangene Aufrufe, sich Zufluchtorte zu graben, offensichtlich durchaus nicht aus der Luft gegriffen.

ANNA-News-Reporter in Daraya verwundet

Sergej Bereschnoj, einer der Freiwilligen im Team von Marat Musin, ist Schriftsteller und Literaturpreisträger mit einer gewissen Vergangenheit beim Militär. Er wurde von zwei Kugeln eines Scharfschützen am Kopf und am linken Arm getroffen. Der Zwischenfall passierte gestern gegen 16 Uhr Ortszeit im Umkreis der inzwischen von Terroristen gesäuberten Moschee Sayadeh Sukaina.

Gottlob haben die Kugeln keine Knochen verletzt. Die Verletzungen wurden behandelt, der Mann gab keinen Ton der Klage von sich und wünschte sich stattdessen ein paar hübsche Krankenschwestern her.
Schon im Dezember wurde ein anderer Kollege des Teams durch einen Streifschuß am Kopf verletzt. Vor Ort im Team von Marat Musin gibt es inzwischen zwei russische Blogger, einen Kameramann und den gestern verletzten Schriftstellerkollegen plus einen Dolmetscher.

Britam-Fakes

Der folgende Text betrifft die vor ein paar Tagen aufgetauchten “Leaks” der britischen Sicherheitsfirma (?) Britam und stammt größtenteils vom Kollegen eines Kollegen. Eigentlich kann jeder, der eine Datei mit einem Editor (statt mit Outlook) öffnen kann, zu denselben Schlüssen kommen.

Und wieder einmal Trubel im Internetz, der mich dazu veranlasste, die veröffentlichten Archive herunterzuladen, um sie mir einmal anzuschauen und zu sehen, wie das denn nun eigentlich aussieht, wenn man so einen privaten Sicherheitsdienst mit militärischen Ambitionen knackt. Wohlan, entpacken wir das Archiv, und was haben wir – drei Verzeichnisse namens “!!Syria”, “Iran” und “Iraq”.

Des Iphones fette Beute

Dmitrij Medwedew

Foto: Dmitrij Astachow / RIA Nowosti

Es entsteht der Eindruck, dass sich über dem unsinkbaren russischen Premier irgendetwas zusammenbraut, was er momentan selbst noch gar nicht so richtig versteht. Jedenfalls scheint er sich irgendwelche Kontakte warm zu halten.

Dabei kann der Premier selbst durchaus ein kluger Kerl und darüberhinaus ein guter Mensch sein, der keinem etwas zuleide tut, aber wenigstens sein Umfeld und seine Berater werden schon über den Grad der Popularität ihres Patrons im Volk bescheid wissen. So kommt es wohl, dass dieser Patron aller paar Stunden Phrasen drischt, die einzig und allein auf die westliche Welt ausgerichtet sind und Wendungen, Geschmack und Farbe tragen, welche man dort versteht. Mit der Logik ist es dabei nicht so gut bestellt, aber alles, was Medwedew in den letzten Tagen und Wochen geäußert hat, kann praktisch jeder von seinem Tun überzeugte euroatlantische Politiker Wort für Wort wiederholen, ohne seinem Credo untreu zu werden.

Das gilt sowohl für das, was er in Davos von sich gab, als auch für das gestrige Interview für CNN. Medwedew äußert Dinge, die gerade im Westen mit Wohlgefallen als Wohlgeruch aufgenommen werden – dass die Äußerungen mit der Realität auseinanderdriften, ficht den zweiten Mann im russischen Staat nicht an. Möglicherweise hält man ihm Informationen vor oder füttert ihn mit Nachrichten, die sich irgendwie anders lesen, aber es ist schwer vorstellbar, dass man einen solchen Superuser irgendwo im Netz bannen kann.

Im Interview bei CNN erklärt Medwedew, ohne mit der Wimper zu zucken, dass um Assads Dinge in Syrien ganz und gar schlecht bestellt ist und es noch schlechter wird. In der Wirklichkeit sieht alles viel weniger tragisch aus, besonders, was die momentane Richtung der Entwicklungen in Syrien angeht – die jedenfalls eine andere ist als bei Medwedew.

Zur "Katastrophe" in Fordo

Die israelischen und pro-israelischen Medien begannen vor ein paar Stunden damit, massenweise Meldungen von einer Katastrophe im iranischen “Zentrum für die Urananreicherung”, Fordo, zu bringen. Man spricht von einer gewaltigen Explosion, durch deren Wirkung Gebäude in einem Radius von 5 Kilometern um das Zentrum herum eingestürzt oder beschädigt worden seien. Das unterirdisch gelegene Zentrum soll mehr oder weniger völlig zerstört sein, es werden Details genannt bis hin zu Feuerleitern und den Positionen, an denen die beiden Fahrstühle steckengeblieben sind. 190 Personen sollen in 90 Metern Tiefe eingeschlossen sein. Es wird behauptet, diese Explosion sei ein Anschlag – angeblich hätten Saboteure in monatelanger Arbeit Sprengstoff gewissermaßen in ihren Hosentaschen hineingebracht und konnten ihn schließlich zünden.
Offen gesagt ist schon allein dieses ganze Potpourri an Information als solches eher geeignet, die Sache zu bezweifeln. Nachdem inzwischen eine Reihe von israelischen Internetseiten selbst diese Meldung einfach wieder löschte, wird langsam klar, dass es sich um eine banale Ente handelt, die aber vorher nicht gerade glaubwürdig war: um als Folge von einer tief unter der Erde gezündeten Explosion im Radius von 5 Kilometern noch Häuser einstürzen zu lassen, hätten die Attentäter nicht bloß Sprengstoff in ihren Taschen dahinschaffen müssen, sondern ordentliche Kernsprengsätze in der entsprechenden Menge. Und das ein paar Monate lang. Ein Meme zu dieser Anlage ist ja immer, dass “schwerste bunkerbrechende Waffen” dort keine Chance hätten. Aber der heute gemeldete Anschlag macht von dort aus durch dieselben Felsschichten Infrastruktur und Gebäude in enormem Umkreis kaputt.
Scheinbar hat Netanjahu nach seinem Wahlsieg auch nichts Neues mehr anzubieten, als die Fortsetzung des Iran-Themas. Nach zwei Jahren eines grassierenden “Arabischen Frühlings”, der die Sicherheitskonstruktion des gesamten Nahen Ostens über den Haufen wirft, hat Netanjahu immer noch keine Strategie oder ein Programm artikuliert, wie er sich denn die Existenz Israels in diesem vollkommen andersartigen Umfeld vorstellt. Die einzig richtige Antwort wäre eine Mobilisierung – von Ressourcen, Menschen und Ideen. Die ist aber nur dann gut, wenn man weiß, wofür genau sie da ist. Bislang hat Netanjahu nichts dergleichen von sich gegeben. Also dient der Iran als herkömmliche, wohlfeile Zielscheibe – da muss man nichts Neues erfinden. Das zombisierte Wahlvolk wird das gehorsam verspeisen.
Währenddessen scheint in Israel so etwas wie eine Protestbewegung heranzureifen, der es scheinbar einfach stinkt, ewig die gleichen Hackfressen auf den Fernsehschirmen zu sehen. Von der Qualität nicht besser als die ganze Soße um die “Weiße Schleife” im vergangenen Jahr in Russland, aber immerhin. Auf Anhieb 19 Sitze im Parlament erreichte die quasi am Vortag der Wahlen aus dem Boden gestampfte Jesch Atid unter der Führung des bekannten Fernsehmoderators Jair Lapid. Im Programm: Geld von den Haredim (den “Ultrareligiösen”) und den Beamten abzwacken, bezahlbarer Wohnraum, Verbesserung der Lage der Mittelschicht, “Gesundung des politischen Systems”. Lediglich zwei konkrete Punkte gab es im Wahlprogramm: Wehrpflicht oder Wehrersatzdienst für alle gleichermaßen (bislang sind die Haredim davon befreit) sowie eine Reduzierung der Ministerposten in der Regierung. Mit anderen Worten: nichts Konstruktives, womit man arbeiten könnte. Doch die Unterstützung durch die Wähler blieb eben nicht aus.
Unter solchen Bedingungen ist das einzige, was das politische Establishment scheinbar anzubieten hat, eine Konsolidierung der eigenen Reihen. Dazu braucht es einen Feind, und dafür passt der Iran immer noch am besten. Die Feindseligkeit gegenüber dem Iran ist in Israel demnach immer noch primär ein innenpolitischer Faktor.
Wenn es mit dem Iran keine Probleme gibt, erfinden die israelischen Medien eben welche. Und das unbedingt mit dem Unterton einer katastrophalen Bedrohung.

Interna

Das gesamte zahlreiche Redaktionskollegium dieses Blogs begibt sich für 8 Tage “außer Landes”, in die ferne Übersee. In dieser Zeit – mindestens bis 27.01.2013 – wird es hier höchstwahrscheinlich nicht zu neuen Beiträgen kommen (können).
Wenn die Umstände es freilich zulassen, melde ich mich zwischendurch auch wieder.