Option Persien (Teil 2)

(Fortsetzung von hier)

Vorab: was hier dargelegt wird, ist eine Version. Ein möglicher “Plan B”. Wer es etwas komplizierter und verworrener mag, sei ausdrücklich auf das Blog von “TomGard” (oder zur Einstimmung erst einmal auf diesen Kommentar) verwiesen. Ich persönlich bin – in Anlehnung an Zbigniew Brzezinski (s.u.) oder auch Andrej Fursow hier z.B. eher geneigt, Israel als Faktor weitgehend außen vor zu lassen. Das können andere gern tun und dadurch ergänzen und / oder widerlegen.

In diesem Abschnitt geht’s aber auch erstmal nur – eher östlich – um den heißen Brei herum. Zur Erinnerung: Ausgangspunkt für diese Überlegungen ist der unter den momentanen Verhältnissen etwas seltsam anmutende Beginn des Baus der Pipeline Iran – Irak – Syrien (Baniyas), siehe Teil 1.

Eines der Ziele des “Arabischen Frühlings” sowie auch das, was den Ereignissen in Nahost objektiv zugrunde liegt, ist eine Neugestaltung des Erdgasmarktes Europa. Das Interesse der USA ist es dabei, Russland und speziell den Anteil von Gazprom daran zu dezimieren. Das dazu erkorene Instrument ist Katar, dessen Emir eine beispiellose Aktivität in der gesamten Region entfaltet hat. Allerdings ist der Zeitfaktor hier maßgeblich – alles deutet darauf hin, dass diese Neugestaltung im Jahr 2014 abgeschlossen sein muss. Zu dieser Zeit wird Katar die Gesamtkapazität seiner Flotte an Flüssiggastankern verdoppelt und den Großteil seiner gigantischen Infrastrukturprojekte vollendet haben. Parallel dazu steht dann die Rückzahlung der riesigen Kreditsummen an, die zu diesem Behufe aufgenommen worden sind. Mit anderen Worten, wenn diese Neugestaltung nicht bis Ende 2014 – Anfang 2015 über die Bühne ist, ist Katar bankrott und man kann dieses “Emirat” genannte Wüstenexperiment wieder einstampfen.

Gerade dieser Tempoverlust wird zum Anlass für die USA, ihre Politik im Nahen Osten einer gewissen Prüfung zu unterziehen. Das mögliche finanzielle Fiasko des Katar, der Rückgang der Exportmöglichkeiten Saudi-Arabiens und die dort ernsthaft bestehende Gefahr einer politischen Krise (und womöglich eines Zerfalls) des Königreichs hätte eine enorme Instabilität auf der gesamten Arabischen Halbinsel zur Folge, welche die scheinbar geradlinige Strategie der USA in dieser Region zum Scheitern bringen könnte.

Auch die Vereinigten Staaten haben ja eine Deadline. Sie wird direkt in den Schlussdokumenten des 18. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas genannt. China investiert enorme Mittel in die Schaffung einer eigenen Hochtechnologie. Ein technologisches Zurückbleiben, insbesondere im Hightech-Bereich, macht die chinesische Wirtschaft derzeit noch u.a. von der US-amerikanischen und europäischen Wirtschaft abhängig. Das zweite Ziel, das China angeht, ist die Bildung einer Gesellschaft mit einem gewissen flächendeckenden Wohlstand. Was bedeutet, dass eines der nunmehr strategischen Ziele Chinas darin besteht, den inneren Konsum und einen moderneren Binnenmarkt zu entwickeln. Denn das wäre dazu geeignet, die enorme Exportabhängigkeit zumindest zu lindern.

Das klingt erst einmal ziemlich normal, wird aber, sofern es Realität wird, die Situation in der gesamten Welt enorm beeinflussen, so dass man fast von einem “pole shift” reden kann. Denn zu der “goldenen Milliarde” werden sich dann die anderthalb Milliarden chinesischen Konsumenten gesellen wollen. Diese mögen nicht so dekadent sein wie die “alte” Milliarde und auch eher dazu in der Lage, sich selbst bzw. die eigenen Konsumbedürfnisse zu zügeln, aber es sind eben anderthalb Milliarden. Ein sich potentiell verschärfender Kampf um Ressourcen scheint damit unvermeidbar: so viel fortgeschrittene Konsumenten hält der Planet nicht aus, zumindest nicht beim derzeitigen Stand der Technologien.

Die beschleunigte Entwicklung chinesischer Technologien wird natürlich auch auf das chinesische Militär Auswirkungen zeigen, die dann in diesem Bereich mit den Amerikanern werden mithalten können. Die schier unerschöpflichen und hochmotivierten “Humanressourcen” werden dann entscheidend sein, und da hat Amerika mit seiner zersetzten Gesellschaft sicherlich das Nachsehen.

Der 18. Parteitag der KPC benennt ja auch die Fristen, innerhalb derer das Land diese grandiosen Aufgaben bewältigt haben will. Das Jahr 2025 ist das Jahr, in welchem China diesem Vorhaben zufolge zur Weltmacht Nummer Eins wird. Nach dem Jahr 2025 wird es für Amerika nicht mehr möglich sein, irgendwie über China “zu siegen”. Doch wohl auch schon eher, gegen 2020, würde ein In-die-Schranken-Weisen Chinas die USA derart teuer zu stehen kommen, dass es für die Amerikaner keinerlei praktischen Nutzen mehr haben würde.

Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten keine Zeit für geduldige und vielschichtige Experimente. Der ins Stocken gekommene “Arabische Frühling” gefährdet das Erreichen ihrer Ziele, was selbstredend nicht zugelassen werden kann. Zbigniew Brzezinski hat in seinen jüngsten Auftritten und Artikeln die amerikanische Strategie recht deutlich umrissen – Opposition zu China, und dabei das Bestreben, Russland und die Türkei auf “seine Seite” zu ziehen, was er durchaus als einen entscheidenden Faktor für den Erfolg in dieser Opposition sieht. Das ist der Grund, warum es gilt, Russland von Europa zu trennen, damit es vollkommen von den USA abhängig wird und nicht einmal mehr eine theoretische Möglichkeit hat, eine eigenständige Politik zu verfolgen. Wie schon im vergangenen Jahrhundert wird ein mögliches Bündnis zwischen Deutschland und Russland zum Alptraum der Angelsachsen, denn ein solches Bündnis würde, neben China, noch einen weiteren höchst potenten Konkurrenten darstellen, und es mit beiden auf einmal aufzunehmen ist undenkbar.

Das ist an sich ein weites und sicher sehr schwieriges Thema, das man in einem solchen Format wie hier kaum ausreichend behandeln kann, aber grob gesehen stellen sich die Herausforderungen und folglich die Aufgaben für die USA durchaus so dar. Sehr deutlich und dabei in aller Kürze spricht Zbigniew Brzezinski in seinem Vortrag davon, den er im September 2011 in Jaroslawl gehalten hat – weitere Einzelheiten kann man also gern dort nachlesen.

Da der “Arabische Frühling” nun ins Stocken zu geraten scheint, können sich die USA gezwungen sehen, einen “Plan B” zu aktivieren, ohne dabei unbedingt den ursprünglichen Plan außer Kraft zu setzen. Dieser “Plan B” ist, in wenigen Worten formuliert, die Hinzuziehung des Iran zur Lösung der strategischen Aufgaben. Des Iran, des am weitesten entwickelten und durchaus stärksten Landes der Region. Der kolossale Kohlenwasserstoffvorräte besitzt. Ein Land, das eine harte nationale Politik fährt und mehrfach unter Beweis stellen konnte, dass es jedem erdenklichen Druck standhält.

(Fortsetzung)

Tags:, , , ,

Trackback von deiner Website.