Mali – einerlei Maß

Azawad. Bild: Wikimedia Commons
Die Franzosen beweinen ihr erstes Opfer in Mali. Indessen beträgt die Zahl der getöteten Islamisten / Rebellen bereits über Hundert.
Seit dem 11. Januar gilt im gesamten Land der Ausnahmezustand, der, wie es heißt, eine “Reaktion auf die Eskalation im Norden des Landes” darstellt. Freilich ist kurz vorher französisches Militär eingetroffen und hat auch schon ein paar Rebellenstellungen probegebombt. Und wer hätte das gedacht, da kam auch schon die “Eskalation”, so dass man den Ausnahmezustand verhängen konnte. Ein klitzekleiner afrikanischer “Fall Weiß”.
Der UN-Sicherheitsrat hatte einen Monat zuvor eine Resolution verabschiedet, die eine “Friedensmission” in Mali ermöglichte – damals war die Rede davon, dass die ECOWAS-Staaten und Frankreich irgendwie ein Kontingent von 3.300 Armeeleuten zusammentrommeln dürfen, um diesen Einsatz durchzuführen. Ein knapper Monat verging über den Abstimmungen, und die Nachbarn Malis konnten diese Menge nicht aufbringen. Frankreich sprang hilfsbereit ein.
Das Interesse Frankreichs gilt den Uranvorkommen im Norden Malis. Das Interesse der Nachbarländer eher einer möglichst stabilen Gesamtlage. Seit dem Einfall der Tuareg und dem Ausruf des unabhängigen Azawad hatte sich die Lage stabilisiert. Es wurde nicht wirklich ruhiger, aber es gab kaum akut bedrohliche Entwicklungen mehr. Aus genau diesem Grunde war es für die Nachbarländer Malis nicht unbedingt so dringlich, in die Sache einzusteigen. Das führte dann wohl zu dem Monat Verzögerung nach der entsprechenden UN-Resolution.
Die Freunde von der ECOWAS zogen nach – der Chef dieses Gremiums, Alassane Ouattara – seines Zeichens Präsident der Elfenbeinküste -, teilte mit, dass 3.300 Militärangehörige der Mitgliedsländer nach Mali entsandt werden. Durch eine Ironie des Schicksals wurde Ouattara vor gar nicht so langer Zeit ungefähr auf dieselbe Weise auf den Präsidentenposten seines Landes gehievt, nur war er eben der Rebellenhäuptling, der nach relativ undurchsichtigen Wahlen Krieg gegen seinen Präsidenten führte. Nun bedrängt er ganz genau solche Rebellen im Nachbarland. Freilich gibt es zwischen ihm und seinen Kollegen in Mali (übrigens Glaubensbrüder) einen feinen Unterschied – er wurde durch Frankreich unterstützt, die Rebellen in Mali nun aber nicht.
Hinter den Ereignissen in der Region steht so oder so, offensichtlich oder nicht, Frankreich. Es sind französische Interessen, die von praktisch allen dort – d.h. in den ehemaligen französischen Kolonien – installierten Präsidenten gewahrt werden. In vielerlei Hinsicht ist der jetzige Konflikt in Mali ein neokolonialer Krieg. Die Franzosen sind ernsthaft besorgt darüber, dass diese Region mit sanftem Druck, ohne Eile und dabei der Unnachgiebigkeit einer Dampfwalze durch die Chinesen abgesteckt wird.
Das war wohl die Ursache für den Militärputsch in Mali, der Präsident Touré im März 2012 das Amt gekostet hat. Die Erschütterungen im Land machten sich die im Norden herumziehenden herrenlosen Tuareg zunutze, gleichzeitig sahen die Islamisten aus der Ansar ed-Din ihre Gelegenheit kommen, und die ortsansässigen Islamisten aus Gao, die bis dato diversen sinstren Geschäften wie beispielsweise Drogenschmuggel Richtung algerische Küste und weiter nach Europa frönten, sahen diese ihre Interessen bedroht und schalteten sich ihrerseits in die Ereignisse ein. Das Resultat ist, dass der Norden Malis endgültig im Chaos versank. Zusammen mit seinen Bodenschätzen, nämlich den Phosphaten und dem Uranerz.
Frankreich unterstützt die Chaotisierung des Nahen Ostens mit allen Mitteln, reagiert aber unwirsch auf exakt dieselben Prozesse in seiner Interessensspähe in Westafrika. Während die radikalen Islamisten in Syrien ihre Freunde und Weggenossen sind, sind dieselben in Mali Feinde. Nein, das ist nicht zweierlei Maß. Das sind hie und da ein und dieselben Interessen des Imperiums.
Dabei entwickelt sich die jetzt angelaufene Militäroperation anhand eines vollkommen vorhersehbaren Szenarios. Durch die absolute Luftüberlegenheit scheinen die Franzosen Kidal eingenommen zu haben. Diese Stadt befindet sich im äußersten Norden des noch regulär bewohnten Landesterritoriums. Zwischen der Provinz Kidal und dem regierungstreuen Süden befindet sich die Provinz Gao – schon immer eine sehr fruchtbare Brutstätte für Islamisten. In der Provinz Kidal selbst gibt es das, worum es zum großen Teil gehen dürfte: Bodenschätze, speziell Uranerz und Phosphate. Das Mindestprogramm, das die Franzosen in diesem Krieg anstreben, ist durch die Kontrolle über Kidal also fast schon erreicht. Nun brauchen sie der autochthonen und sonstigen, durch die Gegend ziehenden Bevölkerung bloß noch einen Überlebensreflex beibringen: macht, was ihr wollt, aber haltet euch von unserer “Sicherheitszone” fern.
Die Franzosen werden einen Teufel tun, sich in die Sande des Sahel oder in den Urwald des Nigerbeckens zu begeben – hier und da kann man zehn- oder auch hunderttausend Soldaten im sprichwörtlichen Nichts auflösen, ohne dadurch irgendeinen Effekt zu erzielen. Deswegen ist die Aufgabe tatsächlich so einfach, wie es den Anschein hat – Tuareg zurück in die Wüste, ortsansässige Banditen zurück nach Gao. Ein sicherer Korridor von Kidal nach Süden, und fertig ist der Lack.
Karte vereinfacht nach mineral.ru
Kleiner Nachtrag: Es ist klar, eine solche Agenda kann man schlecht medial verkaufen – wir haben immerhin nicht mehr das 18. Jahrhundert. Deswegen kommt auch die Story, dass es nicht um Uran und andere Bodenschätze geht, sondern gegen Terroristen und deren „Vormarsch auf Bamako“. Mal sehen, wie elegant man dann die Frage übergeht, weshalb die Basen der Al-Nusra-Front in Syrien dann nicht gleichermaßen bombardiert werden.
An zweiter Stelle, nicht ganz so vordergründig, geht es um eine Demonstration an die regionalen Regierungen, dass die Franzosen entschlossen sind, keinen Einfluss der Chinesen zuzulassen. Zwei anschauliche Beispiele dafür gibt es schon. Wie sehr doch die Franzosen einst Laurent Gbagbo, den damaligen Präsidenten der Elfenbeinküste, unterstützt hatten! Da kamen 2002 auch einmal französische Truppen vorbei, um ihn zu stützen. Kaum hat er aber mit den Chinesen angebandelt und ihnen Kakao vercheckt, wodurch die renommierten französischen Konditoren auf dem Trockenen sitzenblieben, holten die Franzosen Alassane Ouattara aus dem Urwald, ohne sich darum zu bekümmern, dass dieser ein ausgekochter Moslem ist. Der gestürzte Gbagbo ist Christ, aber wen interessiert sowas im laizistischen Kolonialreich? Und nun diese unangenehme Sache mit Amadou Toumani Touré… jedenfalls, die Afrikaner verstehen den Wink.
Ganz offensichtlich geht man in Frankreich davon aus, dass die aktive Phase jetzt noch ein-zwei Wochen anhalten wird, wonach die Expeditionskorps ihre Posten an die eintreffenden ECOWAS-Truppen abtreten werden, womit man diese Episode des Kolonialkriegs für beendet erklären kann. Weiter kommt ihr selber klar, Jungs, aber wenn ‘was ist, klingelt durch. Wir sind nicht weit.

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