Option Persien (Teil 3)

(Fortsetzung von hier)

Der Iran wäre für die Vereinigten Staaten, gelinde gesagt, ein nicht gerade “handliches” Instrument. Es kann nicht etwa die Rede von Freundschaft und Zusammenarbeit mit den stolzen Persern sein, ein solches Szenario kann man sich nicht einmal in der Perspektive vorstellen. Aber das ist, wie die Amerikaner unter Beweis gestellt haben, kein Problem. Die Al-Kaida & deren Derivate, die bis Oberkante Unterlippe mit Fanatikern und Amerikanophoben angefüllt sind, arbeiten wunderbar im Interesse ihres “größten Feindes”. Und meinen dabei, diesen in ihrem heiligen Krieg nur zu benutzen.

Für den Iran besteht die wichtigste Aufgabe darin, Zugang zum Erdöl- und Erdgasmarkt zu behalten. Dabei ist es erst einmal sekundär, ob das der europäische oder asiatische Markt ist. Während man nun den Transport von Erdöl vergleichsweise elegant mittels Öltanker lösen kann, so sieht die Sache beim Erdgas vom rein geographischen Gesichtspunkt her schon etwas anders aus. Hier ist der vielversprechendste und lukrativste Markt – der asiatische – für den Iran schwer zu erreichen. Eine Pipeline durch das Himalaja-Gebirge zu verlegen ist ein recht zweifelhaftes Vergnügen; ein Umweg über Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und die Dschungarei trifft schon zu Beginn dieser Route auf die Interessen Turkmenistans, das über die weltweit viertgrößten Erdgasvorkommen verfügt und seinerseits Zugang zu asiatischen Abnehmern für sein Erdgas sucht, da die freundschaftlichen Umarmungen des russischen Gazprom in anderer Richtung gar zu innig sind. Für die Schaffung einer nennenswerten Infrastruktur für den Gastransport per LNG-Frachter fehlt es dem Iran schlicht an Mitteln. Was das kostet, kann man am Beispiel Katars recht gut nachvollziehen.

Für Russland wäre es von Vorteil, die iranischen Ressourcen Richtung Asien umzuleiten – nur auf diese Weise kann es seinen europäischen Absatzmarkt gegen die iranischen 13% der weltweiten Erdgasreserven sichern. Doch dazu bedarf es eines politischen Einflusses in Zentralasien, wenigstens auf dem ehemaligen Gebiet der SU. Und damit sieht es relativ schlecht aus, und in mittelfristiger Perspektive sieht es damit noch schlechter aus, wenn man sieht, wie die Amerikaner immer selbstbewusster in dieser Region agieren, die regionalen Eliten en masse oder einzeln aufkaufen und wieder abstoßen und genau in dieser Richtung ihre Truppen aus Afghanistan abziehen.

Alles das führt zu dem Schluss, dass die europäische Richtung für das iranische Erdgas irgendwie “am geschmeidigsten” ist. Solange “Plan A” vollumfänglich in Nahost umgesetzt wurde, demzufolge der “Arabische Frühling” auch und insbesondere ein Instrument des Vorantreibens von Erdgas aus Katar Richtung Europa ist, war der Iran durch das Embargo und den Krieg in Syrien blockiert. Die Aktivierung der Kurden und die Anschläge gegen die Erdgasleitungen in der Türkei haben die Risiken in dieser Richtung deutlich gemacht. Durch die Verlangsamung des “Arabischen Frühlings” wurde es aber notwendig, ein paar Korrektiva in die ursprünglichen Pläne einzubringen.

Die Meldung über den Beginn des Baus der Erdgas-Pipeline aus dem Iran nach Syrien, welche Ausgangspunkt für diese Betrachtungen ist, ist insofern ein Zeichen. Das entsprechende Abkommen stammt noch aus dem Juli 2011, doch ist es bei den derzeitigen Gegebenheiten in Syrien scheinbar nicht allzu weise, ein solches Projekt anzugehen, das dieses Rohr faktisch durch eine Zone mit Kampfhandlungen ziehen würde. Derzeit sieht die Lage in Syrien in dieser Hinsicht nicht viel besser aus – sie ist wenn nicht katastrophal, so doch kritisch. Doch ausgerechnet jetzt grübelt man im Iran kurz und beginnt mit dem Bau. Es scheint keine Logik dahinter zu stecken, wenn man die (natürlich letztlich unbestätigten) Meldungen über die Direktverhandlungen zwischen der USA und dem Iran außer Acht läßt. Wenn das zutrifft (John Bolton, der ehemalige UN-Botschafter der Amerikaner, bestätigt das heute wieder indirekt bei FOX News), dann wird klar, was man dem Iran dafür geboten hat, dass er seinen Alliierten – Syrien – fahren lässt. Vielleicht ein ähnliches Angebot, wie es Russland bekommen haben kann, denn die Meldung über den Beginn des Baus von “South Stream” fällt auf die Tage nach dem Treffen Putin – Erdoğan. Nachdem grünes Licht für den Bau der Pipeline Iran-Irak-Syrien gegeben worden war, brauchte Russland eine kurze Pause, um sich angesichts dieser recht neuen Situation zu sammeln – man kann nicht abstreiten, dass das Embargo gegen den Iran für die Russen von Vorteil gewesen ist.

Dieser “Plan B”, sofern er wirklich gestartet ist, worauf es fast wöchentlich neue Hinweise gibt, würde zum Alptraum für Katar werden, ebenso für Israel, das vom wichtigsten Partner der USA zu einer Art Versuchskaninchen würde. Denn jetzt wird das Wohlergehen des Iran für die USA zu wichtig, als dass man den Israelis gestatten könnte, ihren Hauptfeind in der Region nach Herzenslust zusammenzuschießen. Netanjahu hat das wohl im Sinn gehabt, als er alle Hebel in Bewegung setzte, wie absurd auch immer die waren, um die USA bei einem Angriff auf den Iran mit im Boot zu haben. Doch die recht harsche Abfuhr Obamas hat es ihm nicht gestattet, die auf höherer Ebene angesiedelte Strategie zu gefährden.

Das ist noch kein “Aufgeben” Israels durch die Amerikaner, doch dessen Lage würde sich in so einem Fall wirklich verkomplizieren. Die Perser sind keine Idioten, um nicht zu verstehen, welche Pfründen ihnen durch den US-amerikanischen “Plan B” in Aussicht stehen. Einschließlich im Konfrontationsverhältnis mit Israel. Für Russland ändert sich am europäischen Boden nichts – anstelle der Erdgasmengen aus Katar treten dann eben solche aus dem Iran. Dabei hat Katar durch die dem Transport zugrunde liegende Infrastruktur – also LNG-Frachter – immer noch die Möglichkeit, seine Exporte an andere Zielorte zu leiten, für die Gazprom-Rohre aber kommen schwere Zeiten.

Wie es aussieht, ist damit der Preis für Syrien verkündet und öffentlich an den Litfaßsäulen angeschlagen. Die Verbündeten Syriens, Russland und der Iran, würden im “Plan B” zu erbitterten Konkurrenten beim Absatz Richtung Europa – und das, was sie da absetzen, sind nicht etwa irgendwelche Souvenirs, sondern Rohstoffe, deren Export das Budget der jeweiligen Länder stellt und der damit überlebenswichtig ist.

Schlussbemerkung. Auch wenn “Plan B” mit dem Iran aktiviert sein sollte, heißt das nicht, dass “Plan A” – Katar – automatisch ad acta gelegt wird. Katar geht es momentan ganz gut. Das hatten wir hier schon einmal kurz angedeutet.

Und vielleicht doch noch was zu Israel, weil das viele zu bekümmern scheint (mich persönlich interessiert Israel weniger).

Sollte der hypothetische “Plan B” samt eines Nachlassens des Drucks auf den Iran wenigstens in Teilen Realität sein, so ergibt sich für Israel eine Lage, mit der dieses Land es wahrscheinlich seit seiner Gründung in dem Ausmaß noch nicht zu tun hatte. Abgesehen vom feindselig eingestellten sunnitischen “Umland”, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt ordentlich mit eigenen Problemen zu tun hat und weitgehend im Chaos versinkt, bekäme Israel es mit dem bis nahe an seine Grenzen vorgerückten, “schiitischen Tandem” Irak – Iran zu tun. Wie auch immer der jetzige Krieg in Syrien ausgeht, der Iran und der Irak bekommen durch die Realisierung des Pipelineprojekts nach Baniyas und obendrein durch die bestehenden “Außenposten” im Südlibanon sowie im alawitischen Latakia jedes Recht, ihre Interessen entlang ihrer Exportrouten zu schützen.

Für Israel erforderte das ein merkliches Umdenken in seiner gesamten Politik, denn bei einer solchen Entwicklung wären es gerade die Beziehungen zu den schiitischen Moslems, die zu seinem eigenen Problem würden, bei dem die Vereinigten Staaten sicherlich ihre Hände in Unschuld waschen und einzig hinsichtlich der “wilden” sunnitischen Gebiete rund um Israel dessen Verbündete bleiben. Israel verliert die Möglichkeit, die Amerikaner mit einem möglichen Angriff auf den Iran zu erpressen, die werden nur mit der Schulter zucken. Europa wird, einmal am iranischen Gashahn, auch ein etwas anderes Verhältnis zu den israelischen Eskapaden gegen seine Lieferanten an den Tag legen müssen.

Würde der Export von iranischem Erdgas nach Europa irgendwann einmal Realität, so wäre der Iran unter den Gegebenheiten der schon jetzt übergreifenden Zersetzung sunnitischer Gesellschaften in der Region zum einzigen “king of the hill” der islamischen Welt in Nahost. Kleine Probleme wie Israel werden den Iran dann wenig interessieren. Die heutzutage dort kultivierte Feindschaft gegen Israel ist in vielerlei Hinsicht ein so verklausulierter Führungsanspruch für die Region. Sobald dieser Anspruch durchgesetzt ist, wird es keine Notwendigkeit mehr geben, ein solches Instrument weiter zu polieren; man kann es sich dann für besondere Ereignisse aufheben und es dann und wann aus dem Schrank holen.

So paradox es heute klingen mag, aber das kann zu einer Situation führen, bei der gutnachbarliche Beziehungen zwischen Israel und dem Iran irgendwie möglich werden. Wenn es keinen Grund mehr gibt, Krieg zu führen, wozu sollte die Feindschaft weiter aufrechterhalten werden?

Es ist schwer zu sagen, wie lebensfähig eine solche Konstruktion sein kann, aber man kann darin durchaus auch alle Formalitäten und Befindlichkeiten berücksichtigen, sowohl gegenüber der israelischen Lobby in Amerika, als auch gegenüber den Israelis in Nahost. Irgendwie sinnlos würde die Existenz derer, die ihr ganzes Leben dem Krieg und dem Kampf gewidmet haben. Aber es gäbe auch für solche ein Licht am Ende des Tunnels:

Russland. Nach dessen Herauspressen aus Nahost und Zentralasien, nach Schmälerung des russischen Einflusses in Europa würde Russland zu einer durchaus brauchbaren Müllhalde für alles bewaffnete Gelichter in Nahost, insbesondere das Kanonenfutter, das der “Arabische Frühling” hervorgebracht hat. Der Iran sowie auch Israel könnten sich glücklich schätzen, einen Abfluss für diesen ganzen Abschaum zu haben. Die Amerikaner könnten sich inzwischen endlich bequem zurücklehnen und alle sich selbst überlassen.

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