Archiv für Februar, 2013

Iran gewinnt

Vorhin unter „Freunden“ in Rom.
Bevor hier ein wenig globaler Text zur Lage in Nahost kommt, eine kleine, aber gemeine Eilmeldung von ANNA-News zu Syrien. Vorgestern schrieben sie aus Damaskus, die syrische Armee habe einen bedeutenden Teil einer türkischen Sondereinheit (“Combat Search and Rescue”) vernichtet. Das las sich etwas allgemein und war bar eines jeden Nachweises, allerdings legt Marat Musin heute nach:

Heute kam die Bestätigung. Infolge eines gezielten Angriffs der syrischen Luftwaffe sind 24 CSR-Elitesoldaten des türkischen Generalstabs liquidiert worden. Die türkischen Interventen waren in Syrien als Instrukteure tätig. Insgesamt bestand diese Eliteeinheit des türkischen Generalstabs aus 100 handverlesenen Offizieren…

Vielleicht taucht das bald noch an anderer Stelle auf. Und nun zur versprochenen “Vogelperspektive” über der Region, ein kleiner Text aus der hier schon manches mal zitierten Quelle VZ.ru.

Dafür, dass Syrien heute der wohl heißeste Flecken auf dem Globus ist, verschwindet es zunehmend aus den Schlagzeilen. Es verschwindet aus einem simplen Grund – der Handel beginnt, es beginnen Verhandlungen über die Ordnung in einer Nachkriegszeit. Die Rebellen werden von Subjekten der Politik zu Objekten derselben, sie können nichts mehr leisten, das von Bedeutung wäre. Ihre letzte Aufgabe ist es, möglichst teuer zu sterben.

Von rein militärischem Gesichtspunkt sind die Ereignisse weit von ihrem Abschluss entfernt. In der Umgebung von Damaskus steht die Armee vor der Aufgabe, die Satellitenstadt Duma zu säubern. Es ist damit begonnen worden, größere Armeeverbände nach Aleppo zu verlegen – gerade vor ein paar Tagen sind Armeeeinheiten “volle Kraft” dort eingerückt. Militäroperationen laufen jetzt in den südlichen und südöstlichen Stadtgebieten. Von der Erfahrung in Damaskus her könnte man schließen, dass die Säuberung von Aleppo 2 bis 3 Monate brauchen wird, wonach die militärische Phase des Konflikts in eine Phase von Anti-Terror- und Anti-Guerilla-Einsätzen übergehen dürfte. Und das für längere Zeit.

Nichts desto trotz geht es in der Perspektive um ein Ende des Krieges. Syrien wird zum ersten Land des Nahen Ostens, dass sich vom “Arabischen Frühling” freikämpfen konnte. Da sie auf dem Schlachtfeld nicht gewinnen konnten, werden die Aggressoren zweifelsohne versuchen, ihre Ziele maximal über Verhandlungen durchzusetzen, allerdings dürfte das schwer werden. Die Aggressoren benötigen die Rebellen jetzt nur noch als Argument, und wir werden sicher nicht nur ein, zwei oder zehnmal Zeugen davon werden, wie man sich die Kleider zerreißt, mit den Türen knallt und mit den Worten “na gut, wir lassen uns überreden” zum hundertfünfzigsten Mal an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Wobei dieser Zirkus von beiden Seiten veranstaltet werden wird. Das ist alles durchaus unterhaltsam, aber bei weitem nicht so spektakulär wie knallende Kanonen, und folglich wird Syrien allmählich weniger Schlagzeilen machen.
Faktisch hat in Syrien jedoch der Iran gewonnen (oder, um es vorsichtiger auszudrücken: er ist dabei zu gewinnen). Der Iran bekam das sowohl von der USA als auch von Russland bestätigte Recht, seine über mehrere Landesgrenzen verlaufende Erdgas-Pipeline ins syrische Baniyas zu verlegen. Katar hat praktisch offiziell seine Niederlage eingeräumt, indem er zu Verhandlungen mit Gazprom überging und sich mit seinen Bemühungen Richtung Ägypten wandte. Die USA haben, wie leicht vorherzusehen war, ebenso gewonnen, da sie es geschafft haben, eine Kombination zu spielen, die ihre politischen Ziele in Nahost bei jedem beliebigen Ausgang dieses Krieges gewahrt sein ließ. Das Ziel der Vereinigten Staaten bestand, einfach gesagt, darin, das Erdgas aus dem weltgrößten Erdgasvorkommen South Pars / North Dome in eine China entgegengesetzte Richtung zu leiten. Wer genau das macht, Iran oder Katar, ist den Amerikanern im Grunde vollkommen egal. Beide Varianten verheißen eine interessante Fortsetzung, und dass sich der Iran durchzusetzen scheint, ist in gewisser Hinsicht gar noch interessanter.
Jetzt tritt eine andere Frage an die erste Stelle der Tagesordnung – das iranische Atomprogramm. Von einer militärische Ausrichtung dieses Programms kann nur ein vollkommener Idiot überzeugt sein, obwohl es gerade diese Sau ist, die immer wieder von allen interessierten Seiten durchs Dorf getrieben worden ist. Andererseits verleitet wohl auch das geistige Niveau des jeweiligen Wahlvolks, für das diese Legende bestimmt war, zum ständigen Wiederkäuen ebendieser Story.
Am 28. Februar findet in Almaty ein weiteres Treffen der Sechsergruppe und des Iran zu Fragen ebendieses Atomprogramms statt. Die Sackgasse, in welche die USA alle erfolgreich hereingelotst haben, besteht in der Durchführung von IAEA-Inspektionen am Militärobjekt in Parchin. Die Iraner haben der IAEA vollkommen berechtigt den Zutritt verwehrt, denn es handelt sich eben um ein militärisches Objekt, und die IAEA-Inspektoren hatten damals noch im Irak unter Beweis gestellt, dass ihre Berichte in Kopie direkt an die CIA gehen. Auf diese Art und Weise konnten die USA den Verhandlungsprozess unendlich in die Länge ziehen, doch derzeit scheint es, dass es ihnen vorteilhafter wäre, dieses Problem zu beseitigen. Ob dem so ist oder nicht, werden die Ergebnisse des Treffens in Kasachstan zeigen.
Wieder haben die USA unter den gegenwärtigen Gegebenheiten mit den Sanktionen und dem Embargo eine für sich absolut lukrative Situation geschaffen, wie auch immer die Ereignisse sich entwickeln werden; selbst, wenn sie sich gnädig zeigen und sich gegen irgendwelche Zugeständnisse aus dem Iran mit der Aufhebung der Sanktionen einverstanden erklären, so kehren sie zur Ausgangslage zurück, das heißt, sie würden nur diese Sanktionen aufheben. Alle vorangehenden blieben in kraft, doch dabei hätte der Iran, ob er will oder nicht, schon etwas zugestanden. Der Austausch ungleicher Werte ist überhaupt das Steckenpferd der US-Diplomatie. (…)
So oder nicht, doch das Treffen in Almaty an sich wird nichts epochales bringen – es erfolgt nur ein Signal. Die endgültigen Entscheidungen werden bei einer für den Iran günstigen Entwicklung später gefällt, wahrscheinlich zeitgleich mit den Präsidentschaftswahlen im Sommer diesen Jahres. Die Vereinigten Staaten hätten gern einen Hebel, mit dem sie auf den neuen iranischen Präsidenten Druck ausüben könnten; folglich werden sie einen solchen Hebel auch haben. Die jetzigen Sanktionen sind dafür bestens geeignet. Deshalb wird sich vor der Wahl eines neuen Präsidenten und bevor dieser seine Position dargelegt hat auch nichts groß bewegen.
Esfandiar Rahim Maschaie.
Bild: www.kremlin.ru

Wer genau der neue iranische Präsident wird ist keine leichte Frage. Es existieren zwei Personen mit einem realistischen Anspruch auf diesen Posten – der Bürgermeister Teherans, Mohammad Bagher Ghalibaf, und der Stabschef des Präsidenten Esfandiar Rahim Maschaie. Ersterer ist ein Mensch des Rahbar, letzterer ein Mensch des Präsidenten Ahmadinedschad (und aus purem Zufall sein Verwandter). Der Kampf läuft bereits jetzt, und der ist auch nicht von schlechten Eltern. Es gibt bereits tonnenweise Kompromat und Drohungen: vor kurzem hat Ahmadinedschad unvermittelt blicken lassen, er könne die Präsidentschaftswahlen platzen lassen, wenn Maschaie zu ihnen nicht zugelassen werde. Jedenfalls ist das kein Spaß.

Die übrigen Kandidaten sind Statisten im kommenden Kampf der Titanen.
Man darf dabei auch einen weiteren Trumpf der USA nicht vorzeitig abschreiben – nämlich ihre Fähigkeit, im ohnehin trüben Wasser eine neue “grüne Revolution”, Version 2.0, anzuzetteln. Version 1 von 2009 war ihnen wenig überzeugend von der Hand gegangen, aber immerhin wurde deutlich, dass die USA selbst im Iran etwas bewegen können.
Im Allgemeinen sieht es so aus, als würden die kommenden Ereignisse sich allmählich in den Iran verlagern. Je weiter, desto deutlicher.
Quelle: http://vz.ru/opinions/2013/2/28/622419.html

Große Kehrseiten kleiner Medaillen

Alle Fotos im Artikel: ITAR-TASS
Ein Artikel von ITAR-TASS zur Al-Nusra-Front.
Ungeachtet dessen, dass man unter dem “bewaffneten Arm der syrischen Opposition” gemeinhin die sogenannte Freie Syrische Armee (FSA) versteht, taucht dabei in den Meldungen dazu immer, wie beiläufig, die Phrase “und mit ihr kämpfende radikale Islamisten” auf. Tatsächlich gestaltet sich die Lage zunehmend genau andersherum – es sind die islamistischen Gruppierungen und Einheiten, die eine immer bedeutendere Rolle im syrischen Konflikt spielen und, mehr noch, handelt es sich dabei um transnationale irreguläre Einheiten, in die Leute nach ganz verschiedenen Merkmalen angeworben werden – einzig deren Staatsbürgerschaft spielt dabei keine entscheidende Rolle.
An erster Stelle unter den häßlicheren und tatsächlich gefährlichen Gruppierungen steht die “Unterstützungsfront für das syrische Volk”, Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham, oder kurz: die Al-Nusra-Front. Wie bei jeder Terrororganisation sind die Ursprünge der Al-Nusra-Front vielfach widersprüchlich und nicht belegt. Der Begründer und Leiter der Front ist ein gewisser Abu Muhammad al-Dschulani, die einen Angaben besagen, er sei ein Syrer, andere, dass er ein Araber irakischen Ursprungs sei. Der Name ist höchstwahrscheinlich ersonnen. Al-Dschulani selbst zeigt niemals – auch nicht bei Treffen mit seinen Kampfgenossen – sein Gesicht und ist für jedweden Kontakt mit Außenstehenden nicht zu haben.
Aus dem, was von der Entstehung der Al-Nusra-Front bekannt ist, folgt, dass Al-Dschulani selbst in der Zeit der US-amerikanischen Okkupation des Irak ein Vertrauter von Abu Musab az-Zarqawi gewesen sein soll. Es wurde bereits zwei Mal – 2006 und 2008 – sein Tod vermeldet, jeweils im Irak und in Syrien.
Als Vertrauter von az-Zarqawi kämpfte Al-Dschulani mit diesem gemeinsam in Afghanistan, wonach er zu Beginn der 2000’er mit diesem und einer Reihe von Syrern im Irak eintraf und dort mit der irakischen Al-Kaida gegen die irakischen Schiiten und die US-amerikanischen Truppen kämpfte.
Nimmt man die vermutliche Verbindung zwischen CIA und der irakischen Al-Kaida als gegeben an, so könnte man daraus folgern, dass die Anfang 2012 in Syrien geschaffene Al-Nusra-Front (ihre erste Erwähnung erfolgte am 24. Januar 2012) eines der Glieder der US-Strategie ist, islamistische Terrororganisationen für den Sturz souveräner Staaten einzusetzen. Als Schöpfer dieser Strategie gilt der damalige außenpolitische Block der US-Regierung, namentlich Clinton, Petraeus und Panetta.
Die Al-Nusra-Front ging sofort und auch sehr professionell an die Arbeit – von den 60 Terroranschlägen in Syrien hat sie die Verantwortung für 49 übernommen. Auf diesem Gebiet haben die Kämpfer der Front gewisse prinzipielle Meinungsverschiedenheiten mit der FSA-Führung, welche gegen die Methoden der Front eintritt. Diese Meinungsverschiedenheiten entladen sich auch bereits in Zusammenstößen und reellen Kampfhandlungen der Einheiten der syrischen Opposition untereinander.
Die Al-Nusra-Front verfügt dabei über nicht gering zu achtende Möglichkeiten der Mobilisierung – in erster Linie stützt sie sich dabei auf die irakischen Kollegen. Allein in den ersten Monaten ihrer Existenz hat die Al-Nusra ihre Mannstärke auf um die 5.000 gebracht und hält dieses Niveau in etwa aufrecht, hat dabei die Möglichkeit, Verluste sehr schnell zu kompensieren. Als ein Beispiel: gerade vor einer Woche haben die Kämpfer dieser Front schwere Verluste beim Kampf gegen die syrische Armee bei Al-Safira, südöstlich von Aleppo, erlitten. Die Verluste betrugen mehr als 200 Mann. Und bereits vor einem Tag gab es schon wieder die Meldung, dass um die 1.000 aus dem Irak kommende Bewaffnete der Al-Nusra-Front in der Gegend von Damaskus eingetroffen sind.
Bei alledem ist die Al-Nusra nicht einfach nur eine Kampfeinheit von professionellen Mudschaheddin. Ihre Ideologen widmen der theoretischen Ausbildung und der Schaffung einer ganzen Schicht entsprechender Literatur große Aufmerksamkeit. Es existieren schriftlich formulierte Pläne einer strategischen Ordnung und Visionen eines Nachkriegsszenarios im Nahen Osten. Diese Pläne finden sich in dem recht kompakten, aber mit Informationen reich angefüllten Broschüre “Regionalstrategische Aspekte des Kampfes in Syrien”.
Die Stabskultur der Gruppierung kann man als durchaus wirksam und überzeugend bewerten. Angesichts des nicht allzu hohen Niveaus militärischer Ausbildung in den Reihen ihrer Kommandoebene wird es nicht zugelassen, dass ihre Einheiten einfach nur in die Breite wachsen, sondern dem wird vorgebeugt, indem die Kämpfer einfach in recht kompakte Kampftruppen gesplittet werden. Dabei existiert eine gut organisierte Interaktion der Einheiten untereinander – sowohl auf taktischer Ebene im Kampf, als auch auf operativer Ebene zwischen Einheiten in verschiedenen Regionen in Syrien. Die gewöhnliche Mannstärke einer taktischen Gruppe der Al-Nusra-Front beträgt kaum jemals mehr als 100 Mann. Auf diese Weise kommt man darauf, dass um die 50 taktische Gruppen der Front auf syrischem Gebiet aktiv sein dürften, was es ihr gestattet, praktisch an allen Fronten des syrischen Konflikts präsent zu sein.
Die extreme Brutalität und vollkommene Gleichgütligkeit gegenüber Verlusten innerhalb der eigenen Reihen hebt die Front selbst noch aus dem Spektrum ihrer “Arbeitskollegen” heraus, welche ohnehin schon nicht an übertriebenem Humanismus leiden. Es ist die Urheberschaft der Dschabhat al-Nusra bei den schlimmsten und brutalsten Gewaltverbrechen in Syrien, an Erschießungen von Zivilisten und gefangenen Soldaten sowie an Terroranschlägen, welche Präsident Baschar al-Assad zu der Verlautbarung veranlasst haben, den Kampf gegen diese islamistische Gruppierung bis zu ihrer vollständigen Vernichtung, bis zur Liquidierung ihres letzten Kämpfers zu führen.
Quelle: www.itar-tass.com/c303/657806.html
Datum der Publikation: 22.02.2013

180 Mal schneller in Richtung der Roten Linie

Wahrscheinlich eine der 180 neuen
Hightech-Zentrifugen in Natans

Bedroooohliche Nachrichten aus dem Iran: es seien 180 neue Hightech-Zentrifugen im Anreicherungswerk Natans installiert worden. Die Briten finden “Anlaß zur Sorge”, die Amerikaner sehen einen “provokativen Schritt”, und Netanjahu entblödet sich nicht, an seine “rote Linie” zu erinnern.

Was bedeuten aber 180 Zentrifugen? Es gibt einen netten Bericht namens “Aktueller Stand des iranischen Atomprogramms”, herausgegeben von einem staatlichen Institut der Russischen Föderation, publiziert bei ROSATOM. Dort gibt es Einblicke in das Anreicherungswerk in Natans (Stand Ende 2011):

Das Werk in Natans besteht aus zwei Installationen zur Urananreicherung – eine dient der Produktion, die andere der Forschung.

Die erste dieser beiden Installationen dient der Herstellung von niedrigangereichertem Uran (LEU, Low-enriched uranium) bis zu 5% und besteht aus zwei Werken – Werk A und Werk B. Dem Projekt zufolge soll Werk A 8 Blöcke mit je 18 Zentrifugenkaskaden beinhalten. Zum 02.11.2011 sind 3 Blöcke davon fast vollständig installiert – es stehen 53 Kaskaden, von denen 37 bereits zur Gewinnung von LEU genutzt worden sind. Ursprünglich sollte jede der Kaskaden aus 164 Zentrifugen bestehen, zum derzeitigen Zeitpunkt sind in 15 Kaskaden allerdings jeweils 174 Zentrifugen installiert. Alle installierten Zentrifugen sind vom Typ IR-1. In den übrigen 5 Blöcken des Werks A wurden noch keine Zentrifugen installiert.

Die experimentelle Installation in Natans stellt eine Kaskadenhalle dar, in der 6 Zentrifugenkaskaden Raum haben. Diese Installation dient der Forschung und Entwicklung (Kaskaden Nr. 2-5) und experimenteller Arbeit für die Produktion von LEU mit einem Anreicherungsgrad von bis zu 20% (Kaskaden Nr. 1 und 6). Momentan beinhalten die Kaskaden 1 und 6 je 164 Zentrifugen vom Typ IR-1. In Kaskade Nr. 5 sind 164 Zentrifugen vom Typ IR-2m installiert; auf 54 davon wurden bereits experimentelle Arbeiten durchgeführt. In Kaskade Nr. 4 finden sich 66 Zentrifugen vom Typ IR-4, die allerdings bisher nicht mit Uran-Hexaflorid beschickt worden sind. An den Kaskaden Nr. 2 und 4 werden Versuche durchgeführt, die eine Beschickung einzelner Kaskaden aus je 10 und 20 Zentrifugen mit Uran-Hexaflorid erforschen sollen.

Im Bericht [der IAEA – apxwn] wird angemerkt, dass im Verlauf von etwa einem Jahr, vom 18.10.2010 bis zum 01.11.2011, in der für die Produktion bestimmten Installation 1.787 Kilogramm LEU mit einem Anreicherungsgrad von 5% hergestellt worden sind, innerhalb der Gesamtzeit seit 2007 bis Oktober 2011 insgesamt 4.922 Kilogramm. In der für die Forschung bestimmten Installation sind vom 09.02.2010 (Datum des Beginns einer Anreicherung auf 20%) bis zum 28.10.2011 in den Kaskaden Nr. 1 und 6 insgesamt 79,7 Kilogramm LEU hergestellt worden, wofür man 765,5 Kilogramm LEU aus der Installation für die Produktion von LEU verwendet hat. Auf Angabe der iranischen Seite ist dieses LEU für den Teheraner Versuchsreaktor TRR bestimmt.

Mit anderen Worten: 180 Zentrifugen sind exakt eine Kaskade, zusätzlich zu den schon vorhandenen mehreren Dutzend. Selbst, wenn hier von einer neuen Zentrifugengeneration die Rede ist, so kann deren Effizienz die der bereits vorhandenen wohl kaum um ein Vielfaches übersteigen. Jedenfalls entstammt die obige Reuters-Nachricht also einmal mehr dem Bereich “Meinungsmache” und ist durchaus keine bloße Information.
In den Anreicherungswerken der damaligen Sowjetunion standen hunderttausende Zentrifugen. Für ihren Betrieb wurden eigene Stromkraftwerke errichtet, insgesamt 3% der Stromerzeugung der Sowjetunion gingen für die Urananreicherung drauf. Vor diesem Hintergrund sehen die 180 neuen iranischen Zentrifugen nicht nur blass, sondern geradezu jämmerlich aus.
Der Experte schließt seinen Bericht übrigens mit folgender Anmerkung:

Vom Gesichtspunkt der Entwicklungsperspektiven des iranischen Atomprogramms ist es gerechtfertigt, [im Iran] eigene Kapazitäten zur Urananreicherung zu schaffen.

Wenn hingegen Politiker über das iranische Atomprogramm fabulieren, dann rette sich, wer kann. Tafeln, rote Filzstifte, irgendwelche Striche auf abstrakten und nichtssagenden Diagrammen, Haareraufen, Zeter und Mordio. Der Fachmann sagt simpel: “es ist gerechtfertigt”. Aber die Meinung von Fachleuten interessiert in diesem Kasus niemanden; es ist wie immer: sind die Fakten gegen die Politik, so ist das umso schlimmer für die Fakten.

Terror

Der heutigen barbarischen Terroranschläge in Damaskus forderten bisher 53 Menschenleben, darunter eine Zahl an Kindern, über 230 wurden verletzt. Die in von diversen Medien “unter Ferner liefen”-Berichten verbreitete Angabe, es sei ein Anschlag auf “ein Gebäude der regierenden Baath-Partei” gewesen, ist dabei eine reine Propagandalüge, die offenbar dazu bestimmt ist, den Terror irgendwie schönzureden, da er ja gegen Dasblutigeregime gerichtet sei. In Wahrheit ist es die Botschaft der Russischen Föderation, die – von den Gebäuden – am meisten gelitten hat. Derlei ist also wohl als eine Antwort der Terroristen auf das Angebot der RF zu verstehen, Verhandlungen zwischen allen Beteiligten zu organisieren.
Die bei SANA veröffentlichen Bilder sind schrecklich. ANNA-News und RT bringen jeweils kurze “no-comment”-Videos von den Orten der Anschläge:
Von den insgesamt 60 im vergangenen Jahr verübten Selbstmordanschlägen in Syrien hat die “Al-Nusra-Front” die Verantwortung für 49 übernommen. Die heutigen Anschläge waren ebenfalls Selbstmordanschläge. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass auch er auf das Konto dieser Organisation geht, die man aber natürlich nicht losgelöst von den sogenannten Rebellen betrachten kann. Letztere sind ohnehin überwiegend ein Mediengespinst.
Dabei kann man sagen, dass der Rückgang der Finanzierung die Aggressoren geradezu zwingt, sich solcher Methoden zu bedienen. Die Situation ist analog zu der im Sommer 2012. Wirklich wirksam kämpfen können die Banden nicht mehr, folglich verlegt man sich auf den Terror. Angesichts dessen, dass Gazprom unlängst eine Filiale in Doha eröffnet hat, kann man annehmen, dass die Einstellung der Finanzierung der Terrorbanden eine der Bedingungen der russischen Seite gewesen sein mag. Sicherlich nicht aus humanitären Beweggründen – auf einer solchen Ebene und bei solchen Geldmengen werden Menschen ausschließlich als Zahlen in Berichten betrachtet. Doch die Fortführung des Kriegs gegen Syrien und die Beteiligung Katars daran könnte die beiderseitigen Geschäftsinteressen beeinträchtigen, so dass diese Frage bestimmt von der Gazprom-Führung in Doha gestellt wurde.
Freilich können die Sponsoren der Terroristen nicht einfach so verkünden, dass das Geld, sorry, alle ist. Es braucht einen Grund für den Finanzierungsstopp. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Terrorbrigaden den Sponsoren ihre Schlagkraft unter Beweis zu stellen hätten, um so die in sie gepumpten Mittel zu rechtfertigen. Die Syrer fürchten deswegen momentan, dass die kommenden Wochen in den Städten sehr heiß werden. Es droht eine Terrorwelle vom Ausmaß der heutigen Anschläge. Womöglich mit irgendwelchen lokalen Eskalationen der bewaffneten Auseinandersetzungen. Für einen “Großangriff” wird es allerdings nicht mehr reichen.

Wochenschau, Folge 62

Die vergangene Woche war besonders reich an Skandalen. Erst haben die Nordkoreaner einen unterirdischen Atomtest durchgeführt und damit wieder die sogenannte zivilisierte Welt in Aufruhr versetzt. Der neue US-Außenminister John Kerry wurde darüber so nervös, dass er zum Hörer griff, um Sergej Lawrow anzurufen. Doch dieser war für ein Telefonat leider nicht verfügbar. Die Sprecherin des US State Department Victoria Nuland wurde darüber hysterisch und ließ verlauten, dass der arme Kerry, wie sehr er auch drei Tage lang auf die Knöpfe drückte, keinen Kontakt zu Lawrow aufbauen konnte.

„This subscriber is not available. Try to recall later. Verstanden?“
Tatsächlich traf sich Lawrow in dieser Zeit mit dem Außenminister von Guinea, dem Präsidenten von Algerien und anderen politischen Figuren Afrikas.
Alexander Lukaschewitsch, Außenamtssprecher der RF:

Am 12. Februar haben wir tatsächlich aus Washington das dringende Gesuch erhalten, ein Telefonat zwischen Sergej Lawrow und dem neuen US-Außenminister, Herrn Kerry, zu organisieren. Thema sollte der von der Demokratischen Volksrepublik Korea durchgeführte Atomtest sein. Leider war es zu diesem Zeitpunkt aufgrund des straffen Zeitplans während der Arbeitsvisite des Außenministers der Russischen Föderation in die afrikanischen Länder unmöglich, ein solches Gespräch zu führen. Davon haben wir die amerikanische Seite sogleich in Kenntnis gesetzt.

Anders ausgedrückt hat man Kerry „schmoren lassen“. Damit die Kollegen in ihrem Amerika sich nicht für gar zu wichtig halten mögen. Übrigens, vor genau 4 Jahren passierte exakt die gleiche Geschichte mit der nun schon ehemaligen US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Dame konnte Sergej Lawrow ebenso nicht telefonisch erreichen, als sie das direkt nach ihrer Ernennung versucht hatte, und hat deswegen scheinbar ihre ganze Amtszeit lang den Ärger über den russischen Außenminister mit sich herumgeschleppt.
Ein deutliches Signal sandte Russland auch dem US-amerikanischen Präsidenten. Wenige Stunden vor seinem Auftritt mit der wichtigsten Rede des Jahres „Zur Lage der Nation“ im Kongress besuchten russische strategische Bomber die US-amerikanische Militärbasis Guam. Diese Basis ist die größte US-amerikanische Luftwaffen- und Marinebasis und befindet sich im westlichen Teil des Pazifischen Ozeans. F-15-Jagdflugzeuge nahmen Abfangkurs auf, doch die Bomber verletzten nicht den Luftraum der USA, sondern winkten ihren Kollegen von der anderen Seite des Ozeans lediglich mit den Flügeln.
In Syrien vertreiben die Regierungstruppen weiterhin die Ratten aus allen nur erdenklichen Löchern. In ihrer Verzweiflung beschlossen die sogenannten Rebellen, all ihre Kräfte zu sammeln und zum Gegensturm auf Damaskus zu blasen.
Zuerst wurde ein detaillierter Plan der Kampfhandlungen erstellt, der alle Nuancen und Varianten der Kämpfe berücksichtigte. Nach umfangreichen Vorbereitungen waren die Kämpfer zum alles entscheidenden Angriff auf Damaskus bereit. Und so schlug denn die langersehnte Stunde des Angriffs.
Hat der blutrünstige Assad mal wieder zugelangt…
Die Rebellen sind doppelt sauer, weil der Zustrom ausländischer Hilfsleistungen stetig versiegt. Russland hingegen liefert weiterhin modernste Waffensysteme nach Syrien. Anfang des Jahres bekam Assad eine weitere Lieferung russischer Luftabwehrraketensysteme vom Typ „Panzir-S1“. Der finnische Zoll hielt einen Frachter fest, der angeblich Ersatzteile für Panzer geladen hatte und sich aus Russland in Richtung Syrien bewegte.
Um es Russland wenigstens irgendwie heimzuzahlen, haben die Rebellen sich eine mächtige Artillerieeinheit von den Letten geborgt und einen Vergeltungsschlag verübt.
Apropos Nordkorea. Ungeachtet des #Aufschreis der Weltgemeinschaft bereiten die Nordkoreaner weitere Atomtests vor. Eine entsprechende Aktivität wurde von Satelliten aus festgestellt. Die Europäische Union schnürt deswegen ein weiteres Sanktionspaket, die Südkoreaner installieren immer weitere Luftabwehrsysteme, die Richtung des nordkoreanischen Himmels zielen. Doch all das schreckt Pjöngjang nicht, wo am Sonntag Feierlichkeiten zum „Tag des strahlenden Sterns“ abgehalten wurden – also zum 71. Geburtstag des verstorbenen Kim Jong Il. Sein Sohn und Erbe Kim Jong Un erwies sich als ein gar nicht so willenloser und lustiger Teddybär, wie es anfangs den Anschein hatte. Er versprach, die verfluchten Imperialisten das Fürchten zu lehren und bis Jahresende nicht nur neue Tests durchzuführen, sondern auch eine weitere Rakete zu starten. Angesichts einer solchen Entschlusskraft stellt man sich unbewusst die Frage, ob Russland nicht seinen Teddybär [Medwedew] wegschmeißen und sich einen nordkoreanischen anschaffen sollte.
In Russland beging man in dieser Woche den 24. Jahrestag des Truppenabzugs aus Afghanistan. Es scheint symbolisch, dass dieses Ereignis mit dem festen Versprechen Barack Obamas zusammenfiel, die amerikanischen Soldaten im Jahr 2014 vollständig aus Afghanistan abzuziehen. Und das ist ja ziemlich bald.
Viele fragen, warum die russische Staatsführung sich wohl nicht allzu sehr über diese Perspektive freut. Es scheint ja, dass der geopolitische Gegner aus einer für Russland strategisch wichtigen Region verschwindet. Nun, erstens, er verschwindet eben nicht ganz. Es ist jetzt schon klar, dass die Amerikaner hier weiterhin Schwärme von Drohnen herumschicken werden, welche sich um die lokalen Aufgaben kümmern sollen. Unglücklicherweise sind diese Drohnen für die Taliban nicht erreichbar, die Aggressionen müssen aber irgendwohin ausgeschüttet werden. Das schwächste mögliche Opfer ist das benachbarte Tadschikistan, das außerdem noch als Transitland für Drogen von Interesse ist. Und wenn jemand meint, dass sich mit dem Weggang der Amerikaner die afghanische Drogenproduktion in Luft auflöst, so irrt er gewaltig. Ein Geschäft solchen Ausmaßes ist wahrhaftig „too big to fail“. Tadschikistan wird es also nicht leicht haben, und dabei ist dieses Land Mitglied der OVKS, auf seinem Territorium befinden sich russische Militärbasen. Also muss Russland, ob es will oder nicht, das künftige Feuer auf sich nehmen. Außerdem wird ein bedeutender Teil der US-Einheiten höchstwahrscheinlich auf das Gebiet Usbekistans abgezogen, ein Land, das ganz im Gegensatz zu Tadschikistan Ende des vergangenen Jahres wie auf Bestellung aus der OVKS ausgetreten ist. Usbekistan seinerseits hegt einen alten Konflikt mit Kirgisistan, das ebenso ein Mitglied der OVKS ist. Anders gesagt – es ist wie immer, die Amerikaner haben in Wespennestern herumgestochert und kümmern sich nicht um die Folgen ihrer Handlungen. Und das sind Handlungen, die in diesem Falle direkt russische Interessen berühren.

Chronik eines Ressourcenkriegs

Vorgestern meldete ANNA-News schwere Kämpfe zwischen der FSA und der Al-Nusra-Front in der Provinz Idleb. Grund für den gegenseitigen Ungemach soll ein von den Islamisten getöteter “geistlicher Führer” der FSA gewesen sein.
Was das für ein Führer gewesen sein soll, bleibt unklar, doch die Tendenz ist klar: immer öfter gibt es solche oder analoge Meldungen über Zusammenstöße oder regelrechte Kämpfe der Rebellenbanden untereinander. Gründe dafür gibt es viele. Die Al-Nusra-Front besteht zum überwiegenden Teil aus irakischen Al-Kaida-Leuten. Die Führung der Front – “Abu Dua” und “Abu Muhammad al-Dscholani” – sind Mitstreiter des Aiman az-Zawahiri. Die Al-Nusra-Front ist die wohl kampfstärkste und hochmotivierte Terrorgruppe der Region, in ihren Reihen steht faktisch eine Internationale aus dem gesamten Nahen und Mittleren Osten, doch es dominieren eben die Iraker. Die Organisation ist auch nicht gerade billig – sie braucht eine ordentliche Finanzierung, und das ist es wohl auch, wohin die Gelder aus Saudi-Arabien und Katar gelangen.
So, wie es aussieht, führt die gekürzte Finanzierung von Seiten der Golfmonarchien zu ebensolchen Zusammenstößen zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Die Widersprüche zwischen ihnen sind tief; ähnlich war es bereits in Libyen, wo die Rebellenbanden, die noch gemeinsam gegen Gaddafi gekämpft hatten, sich nicht minder wild aufeinander stürzten. In Libyen kam es jedoch im Verlauf des verhältnismäßig “kurzen” Krieges noch nicht zu einer merklichen Aktivierung solcher Widersprüche, und die Kämpfe zwischen den verschiedenen Gruppen gingen dann schon nach der “Befreiung” Libyens voll los, als dieses leidgeprüfte Land schon keine Schlagzeilen mehr machen (sollte). Von solchen Auseinandersetzungen war also wenig zu lesen, und wenn die Meldungen durchsickerten, wurden sie oft mythologisiert – beispielsweise wurden die Bewohner Bani Walids allesamt zum “Grünen Widerstand” erklärt. Die würden sich wundern. Tatsächlich ging es da eher um den ewigen Kampf zwischen Bani Walid und Misurata.
In Syrien führt der sich in die Länge ziehende Krieg und das offensichtliche Nachsehen der Rebellenbanden in der heutigen Konfiguration zu Verteilungskämpfen um die schwindenden Ressourcen. Nicht nur finanzieller Art. Rebellen gibt es Unmengen, die müssen ganz banal ernährt werden, und mit Versiegen der Finanzierung gibt es eben wohl auch keine Kost & Logis mehr frei. Man muss sich das kaufen. Ebenso verhält es sich mit Waffen und Munition – wie auch immer man die Sache dreht, die Rebellen brauchen Geld.
Teilweise läßt sich dieses Problem wohl mit Raub und Entführungen lösen, was in den “befreiten” Gebieten wohl die florierendste Branche ist. Doch sie reicht nicht und ist nicht “nachhaltig”. So kommt es eben zu den oben beschriebenen Zusammenstößen.
Sicherliche kann sich die Armee nicht darauf verlassen, dass die Rebellen sich irgendwann gegenseitig ausmerzen. Präsident Assad hat den Syrern nach dem Massaker in Aleppo vor einiger Zeit bereits versprochen, die Al-Nusra-Front bis zum letzten Mann zu vernichten.
Hierunter noch ein Gespräch, das Marat Musin von ANNA-News mit Journalisten der Moskauer Zeitung “Zavtra” führte. Der Titel dieses Posts stammt von dort – mir fiel kein anderer ein, obwohl er die Inhalte hier sicher nur ungenügend widerspiegelt. Marat Musin läßt sich in diesem Interview über die aktuelle Lage in Syrien (die er ja selbst erlebt) und über Zusammenhänge im Hintergrund aus. Es ist in meiner Erfahrung sehr schwierig, seine frei gehaltenen Reden zu Papier zu bringen. ZAVTRA.ru hat’s versucht, aber man merkt schon einiges Chaos. Trotzdem lesenswert, mindestens als Zeugnis aus erster Hand und von der Frontlinie. Anm.: Marat Musin ist ein Dr. der Wirtschaftswissenschaften und Professor (Lehrstuhl für strategisches und Krisenmanagement an der Staatlichen Wirtschafts- und Handelsuniversität in Moskau).

ZAVTRA: Marat Masitowitsch, Sie sind der Leiter einer Gruppe von Journalisten der Nachrichtenagentur ANNA-News, und sind vor ein paar Tagen von der Frontlinie zurückgekehrt, wo sie syrischen Streitkräfte gegen die Rebellenbanden kämpfen. Wie ist derzeit die Lage in Syrien? Was passiert in Damaskus?

Daraja – Front nahe der Hauptstadt

Marat Musin: Wir sind in Daraja, einem Vorort von Damaskus, gewesen, wo eine größere Gruppe Rebellen umstellt ist; wir sind bis in Sichtweite ihres Haupt-Kommandozentrums vorgedrungen. In manchen Augenblicken befand sich der Gegner kaum zwei Meter von uns weg, hinter einer Wand… und wir warteten auf den Angriff.
Unter den Rebellenbanden gibt es sehr viele Ausländer. Auf jeden Fall habe ich dutzende ihrer verbrannten Leichen dokumentiert. Die Leichen der Ausländer werden verbrannt, damit man sie nicht identifizieren kann. Syrer werden hingegen beerdigt.
Angeworben werden in diese Banden Syrer aus den kaum gebildeten Schichten und Arbeitslose – gegen ein paar Groschen und Drogen. An den Frontlinien finden wir andauernd Spritzen, Ampullen und Tabletten – sie liegen direkt auf den Straßen herum.
Auf einem Schützenpanzerwagen kamen wir unter der Deckung von zwei Panzern zu einem eingenommenen Kommandopunkt der Rebellen heran – es handelte sich dabei um ein paar unterkellerte Gebäude, die mit Schießscharten und Schützenpositionen ausgestattet waren. Um diese Gebäude gab es 9 Tage lang heftige Kämpfe. Wir wurden auch beschossen, in der Panzerung blieben die Spuren von 12,7-Millimeter-Geschossen zurück. Hier, im Bereich der Medresse von Daraja, wurde eine recht große Einheit Salafiten vernichtet. Bei der Erstürmung sind 4 Soldaten und ein Leutnant unter schwerem Gegenfeuer in das Erdgeschoss des Gebäudes eingedrungen und haben dieses Stockwerk gesichert. Daraufhin haben acht Soldaten unter dem Kommando eines Oberst das zweite Stockwerk eingenommen. Die Rebellen zogen sich in die Kellergewölbe zurück und saßen still, ohne zu schießen. Als die Hauptmacht der Armee ins Gebäude einzog, schossen sie den Soldaten durch Ritzen und Löcher in die Beine. Acht von denen, die zu Boden gingen, wurden durch Kopfschüsse getötet. Nach dieser Episode wurden verständlicherweise keine Gefangenen mehr gemacht. Die Leute waren wirklich in Rage. Man hat später über 90 Leichen aus diesem Kellergewölbe geborgen. Der Kommandeur dieser Salafitenbrigade war ein Saudi, er und sein Sohn sind dort erschossen worden.
Später kamen wir an Stellungen, von denen aus die Erstürmung eines befestigten Viertels der Banditen beginnen sollte. Wir haben gehört, wie sich die Offiziere mit den Rebellen im Nachbarhaus in Wortwechsel einließen; die Banditen lehnten es ab, sich zu ergeben, und antworteten mit Schimpftiraden. Die Soldaten verloren also die Lust am Verhandeln, eine Sturmgruppe ging los und vernichtete sie.
Auf derlei Einsätze gehen bei den Syrern nur Freiwillige – das habe ich mit eigenen Augen gesehen.
ZAVTRA: Die syrisch Armee führt unentwegt Kämpfe in Ortschaften, erstürmt die Positionen der Terroristen und unternimmt Anti-Terror-Einsätze. Wie ist Ihre Meinung zu den Fähigkeiten der Soldaten, was deren Einsätze und die persönlichen Qualitäten anbelangt?

Motivation & Moral

M.M.: Die syrischen Soldaten und Offiziere legen Beharrlichkeit und Heldenmut an den Tag. Mitunter grenzt ihre Aufopferung an Leichtsinn. Doch diese Eigenschaft zeugt ohne viele Worte von ihrer Furchtlosigkeit und der Bereitschaft, sich für ihr Vaterland zu opfern.
Syrische Soldaten.
Foto von Anhar K. Von ihr selbst gibt’s nichts Neues
Als wir unterwegs durch eine gefährliche Gegend waren, wurden wir von einfachen Soldaten, die nicht einmal Schutzwesten trugen, rechts und links abgeschirmt. Unser Begleiter hat uns dann und wann einfach gewarnt: “Vorsicht, hier ist es gefährlich!” und uns durch seinen eigenen Leib abgeschirmt. In Daraja gerieten wir unter Scharfschützenfeuer. Wir mussten über eine Straße sprinten, die durchschossen wurde. Beinahe wäre unser Kameramann erschossen worden. Der Scharfschütze tat einen Fehlschuss. Als ich auf dieser Strecke stolperte und fiel, kamen sogleich zwei Soldaten heran, um mich aus dieser Lage zu retten. Beide waren auf offener Straße in der Schußlinie. Dabei kenne ich nicht einmal die Namen dieser Soldaten.
Und solche Fälle gibt es viele. Unter den einfachen Soldaten gibt es wirklich Helden. Wir kamen einmal unter Sperrfeuer. Unser Begleiter, ein junger Mann von vielleicht 20 Jahren, wurde von einer Kugel kurz unterhalb des Herzens getroffen. Die Wunde war schrecklich, alles war zerrissen. Er überlebte, verbrachte drei Monate auf der Intensivstation und kam später in seine Einheit zurück, mit Kalaschnikow und Pistole. Er hat sich eben entschieden.
ZAVTRA: Woher haben die Rebellen in Syrien denn so viel Waffen?
M.M.: Waffen haben sie genug. Scharfschützengewehre, Panzerabwehrwaffen, Maschinengewehre – alles ist da. Es gab viel alten Plunder, denn z.B. aus Libyen kamen frachterweise Waffen, darunter auch aus US-amerikanischer und israelischer Produktion. Weiterhin ist der Kanal aus der Türkei offen. Wir haben selbst gesehen, wie die Syrer Lufteinsätze flogen, und die Rebellen beharkten sie mit Boden-Luft-Raketen.
Die syrische Aufklärung hat Informationen darüber, dass in den Flüchtlingslagern in der Türkei britische und amerikanische Instrukteure Al-Kaida-Leute ausgebildet haben, welche denn auch mit den MANPADS ausgerüstet wurden. Die Rebellenbanden benutzen auch Flammenwerfer, eine Waffenart, die ich bei den Syrern nicht gesehen habe. Sie besitzen auch hochpräzise, weitreichende Scharfschützengewehre und Computersysteme zur Steuerung derselben, Panzervernichtungswaffen… Die Syrer benutzen hingegen unsere Panzer, T-72 mit dynamischer Panzerung. Sie kämpfen und besiegen diese aufgepeppte internationale Militärmaschinerie.
ZAVTRA: Trifft es zu, dass es unter den Rebellenbanden eine große Zahl an Ausländern gibt?

Freiheit für Palästina = Terror gegen Syrien?


M.M.: Das trifft zu. Dabei denken viele von denen sogar, dass sie.. auf dem Territorium Israels für die Freiheit Palästinas kämpfen! Da gibt es beispielsweise Afghanen, die gar nicht wissen, was Syrien überhaupt ist. Ich habe unzählige solcher Leichen gefilmt, die sie nicht zu verbrennen geschafft haben. Saudis und Pakistanis kann man zum Beispiel oft an den mit Henna gefärbten Bärten erkennen. Wir finden auch unentwegt Geld in ausländischen Währungen, aus Libyen, dem Sudan, der Türkei.
Marat Musin war als erster Journalist nach dem Massaker
von Al-Hula vor Ort.
Die geheuerten Söldner sind vor allem Islamisten aus Problemgebieten. Das Anwerben kostet nicht viel: für 400-500 US-Dollar gehen sie in den Tod. Schuhada werden gekauft. Väter verkaufen einfach ihre Söhne, damit diese sich irgendwo in Syrien in die Luft sprengen. Aktiv sind auch und vor allem irakische Zellen der Al-Kaida. Ich habe insgesamt 12 Mann interviewt, die Kommandeure verschiedenen Ranges in der sogenannten Al-Nusra-Front waren. Vor ungefähr einem Monat hat das US-State Department diese Struktur auf die Liste der terroristischen Organisationen gesetzt. Das ist wie der Klassiker: “Ich habe dich geboren, ich werde dich auch töten.” (Anspielung auf Nikolaj Gogols “Taras Bulba” – apxwn.)
ZAVTRA: Was denken Sie, wird der Zustrom von Söldnern nach Syrien noch zunehmen, oder ist die Spitze bereits hinter uns und die Zahl dieser Gruppierungen wird sinken?

Hintergründe: Strategiewechsel der US-Nahost-Politik

M.M.: Wenn man in Betracht zieht, dass die USA ein Fiasko ihrer Nahost-Politik eingestanden haben, so kann man annehmen, dass sie von ihrer Doktrin, Krieg mit den Händen salafitischer Kommandos zu führen, Abstand nehmen. Dieser Prozess nahm nach dem Mord am US-Botschafter in Libyen am 11. September 2012 seinen Anfang. Gerade dieser Botschafter war es ja, der die Al-Kaida gewissermaßen betreut hatte. Wir sind inzwischen sehr sicher, dass die USA den Abbau der Trainingslager von Terroristen durchgewunken haben.
Die Ablösung von David Petraeus, welcher der Urheber des militärischen Konzepts ist, das auf den “salafitischen Komintern” setzt, zeugt davon, dass die Kriegspartei der NATO abgelöst worden ist. Mit dem Amtsantritt des neuen US-Verteidigungsministers, der dem Iran gegenüber etwas freundlicher gesinnt ist, wird klar – Washington zieht seine Schlüsse aus den Fehlern, und auch dort treten etwas vernünftigere Leute auf die Bühne. Syrien nun ist zu einer Deponie geworden, wo die Rester des aufgegebenen salafitischen Projekts entsorgt werden.
ZAVTRA: Fachleute führen an, dass, nachdem man Syrien zwei Jahre lang mit Krieg gebeutelt hat, inzwischen die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA und ihrer Verbündeten in den Vordergund rücken. Worin macht sich das bemerkbar?
M.M.: Offensichtlich wird man sich jetzt mit dem Iran darüber einigen, die Erdgasleitung Iran – Irak – Syrien zu verlegen. Katar bleibt im Fokus der strategischen Interessen der Vereinigten Staaten: das ist nichts anderes als Exxon-Mobile. Unsere Analytiker sagen, dass das Tandem USA-Katar Ägypten quasi aufgekauft hat. Vor einem Monat gaben sie den Ägyptern einen Kredit über 5 Milliarden US-Dollar, von denen eine Milliarde geschenkt war. Weitere 23 Milliarden werden in eine Erweiterung des Suezkanals investiert sowie in ein Erdgasverflüssigungsterminal an der Küste. Die Amerikaner haben ihren Präsidenten in Ägypten eingesetzt, indem sie das von ihnen kontrollierte Projekt “Moslembrüder” aktiviert haben. Wenn Mursi sich seinerzeit in den Vereinigten Staaten mit Raketentechnik befasst hat, so ist es nur normal, ihn mit den Geheimdiensten dieses Landes in Verbindung zu wähnen. (…) All das läuft im Rahmen der Strategie, das Erdgas aus dem Norden – aus Russland – durch das Erdgas aus dem Süden zu ersetzen, welches von den US-Verbündeten oder zu ihnen neutralen Staaten stammt. Das ist nichts weiter als ein Schlag gegen Gazprom, ein Preiskrieg und eine Überführung unserer potentieller Verbündeter ins Lager unserer potentiellen Konkurrenten und Feinde. Das Ziel besteht darin, Iran von China zu entfremden und ihn mit Gazprom kollidieren zu lassen – also mit Russland. Dass sieht man recht gut am Vorgehen Katars und den Neubesetzungen im US State Department.
Was Syrien in dieser Situation zu tun hätte, ist soweit klar. In diesem Jahr wird der Krieg vorübergehen. Die Versuche, Baschar al-Assad zu liquidieren, werden noch um die 6-9 Monate anhalten. Katar hat Israel seinerzeit zwei Jahre kostenlose Erdgaslieferungen angeboten, wollte der Mossad die gezielte Tötung Assads vornehmen. Der Mossad hat allem Anschein nach diese Information durchsickern lassen. Bekannt ist jedoch auch, dass private europäische Militärfirmen Gelder für die Liquidierung syrischer Regierungsmitglieder empfangen haben (…).
ZAVTRA: Es gab die Meldung, dass die Familie Baschar al-Assads schon de facto an Bord eines russischen Militärschiffs ist…
M.M.: Unsinn. Erstens war ich Zeuge von Telefonaten meiner Bekannten mit dem syrischen Präsidenten. Mitunter beschweren wir uns bei ihm auch, dass unsere Arbeit behindert wird. In Syrien werden Journalisten behütet, und wir filmen ja nun gerade an den Frontlinien. Sicher, wir versuchen, keine Militärgeheimnisse mit preiszugeben.
Ich möchte noch einmal unterstreichen – der Druck wird noch maximal ein halbes Jahr aufrechterhalten. Das sieht man übrigens auch an der Art der Terroranschläge. Während man ehedem Bomben sprengte, um möglichst viele Menschen unter der Zivilbevölkerung mit in den Tod zu reissen, so attackiert man inzwischen gezielt Einrichtungen der Grundversorgung, um die Bevölkerung zu provozieren und das alles auf Assad abzuwälzen.
M. Musin in der Zitadelle von Aleppo
Wir kamen beispielsweise nach Harasta – eine gesäuberte Ortschaft. Kurz bevor wir ankamen, wurden drei Arbeiter einer Großbäckerei erschossen. Harasta blieb eine Woche lang ohne Brot. Und wer trägt die Schuld? Die Rebellen stellen auch Videokameras auf, und “plötzlich” geht an der Stelle, an der sie filmt, eine Granate nieder und reißt 60 Menschen in den Tod, die dort nach Brot anstanden. Solch ein Online-Terrorangriff! Sie können dreimal raten – wessen Granate ist das, wenn die Rebellen vorher wissen, wo sie zu filmen haben? Getönt hat es aber in der ganzen Welt: “Baschar hat vom Flugzeug aus eine Schlange nach Brot anstehender Menschen weggebombt.” Damit ist aber klar, dass die Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln, oder mit Heizöl zum Beheizen der Wohnungen dazu da sind, die Menschen auf die Straße zu treiben. Die salafitischen Brigaden sind an dieser Aufgabe gescheitert. DIe Banditen, Vergewaltiger, die Junkies unter den Syrern, die Ausländer, die man dort zu Hunderten hat ins Gras beißen lassen, haben ihren Auftrag nicht erfüllt.
Wenn die amerikanische Militärdoktrin auf menschenfresserische Strömungen setzt, auf solche, wie den “salafitischen Komintern”, so ist das ein Weg in den Abgrund. Die Rebellen sagen: “Wir killen alle, die keine Salafiten sind, die Frauen und Töchter werden wir vergewaltigen, sie werden zu unseren Sklavinnen.” Sie sehen selbst, welche Wahl jeder normale Mensch hat – entweder sich außer Landes begeben, oder zur Waffe greifen und seine Stadt, seine Straße, sein Haus, seine Verwandten und Freunde beschützen. Viele in Syrien haben ihre Entscheidung getroffen. Natürlich gibt es auch eine gewisse Menge an Feiglingen, Verrätern, welche der Meinung sind, dass sie die Sache aussitzen können. Das ist eben wie überall.
Diese menschenfresserische Kriegskonzeption ist es aber auch, die in Syrien zur Gegenreaktion geführt hat: die Menschen begannen zu kämpfen, Syrien hat seinen Himmel mittels Luftabwehr dichtgemacht. Hätten wir damals solche Systeme die Donau hinauf zu den Serben gebracht, bevor die Aggression gegen Jugoslawien begann, so hätte die NATO-Luftwaffe dort kein so leichtes Spiel gehabt. Syrien nun ist “dicht”, es sind moderne Systeme der Luftabwehr in Stellung und Alarmbereitschaft. (…)
Dem syrischen Volk steht eine vollkommen andersartige Organisation, andere Werte, ein leicht zu manipulierendes, agressives Medium gegenüber. Bei den Rebellenbanden sind Fatwas im Umlauf, die es ihren Mudschaheddin gestatten, unter den Bedingungen des “heiligen Krieges” Menschen zu vergewaltigen… in Homs habe ich einen zweifach vorbestraften Banditen befragt. Dieser Bandit, selbst ein Sunnit, hat Sunniten vergewaltigt. Und sich rechtfertigt: “Ich habe sie doch nicht getötet!”.
M. Musin in Homs, Baba Amr
In den christlichen und alawitischen Vierteln von Homs sind von den dort lebenden ca. 20.000 Frauen um die 1.200 entführt, vergewaltigt und umgebracht worden. Auf der “anderen Seite” wirkt ein krimineller Pöbel. Die Technologien sind erprobt – Gelder aus dem Ausland, Blockade von Straßen, Raub, Mord. In gewissen NATO-Dokumenten liest man zu dieser Technologie auch im Klartext: solches Humanmaterial wird von Instrukteuren gesteuert. Offen und pragmatisch wird da auf hirnverbrannte Verbrecher gesetzt. Es ist wie in Libyen, als man solche Leute en masse aus den Gefängnissen herausließ und sie dann in den Kampf schickte.
ZAVTRA: Nicht nur die syrische Armee, sondern wohl auch die gewinnen an Erfahrung, welche dieser entgegenstehen. Gibt es dadurch für Russland ein erhöhtes Risiko, mit einer solchen Masse an Wahhabiten zusammenzustossen, die auch noch im Nahen Osten ihre Erprobung durchlaufen haben?

Wohin “nach Syrien”?

M.M.: Scheich al-Qaradawi, der die Terroristen schon damals während des zweiten Tschetschenienfeldzugs unterstützte, ruft sie ja jetzt bereits schon dazu auf, gegen Russland vorzugehen. Und er ist es ja, der als eine der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten in wahhabitisch-salafitischen Kreisen gilt. Am 12. Oktober des vergangenen Jahres, als es um Fragen der Finanzierung salafitischer Extremisten ging, hat er offen verkündet, dass der Hauptfeind nicht die USA sind, sondern Russland.
Es wird Versuche geben, die Situation im Wolgagebiet, im Ural und im Nordkaukasus zu destabilisieren. Allerdings geht derzeit die von US State Department wohlwollend unterstützte Finanzierung dieser Strömungen zurück. Im Großen und Ganzen ist dieser strategische Plan der Angelsachsen gegen Russland gescheitert.
Meine Bekannten unter den Armeeangehörigen schätzen, dass man die Salafiten noch im Verlauf von vielleicht zwei Jahren in Syrien vernichten werden muss. Ich meine, der amerikanische politische Zyklus ist recht kurz – sie werden sich vielleicht noch ein halbes Jahr lang in Geduld üben, hernach wird verhandelt. Sie werden die für sie passenden Entscheidungen, auch in Russland und im Iran, dann einfach kaufen, sicherlich nicht, ohne vorher unsere Verhandlungsposition maximal geschwächt zu haben, um es möglichst billig zu haben. Allerdings werden die Saudis klammheimlich, wie es scheint, aufgegeben. Darin sind sich die Experten eigentlich einig. (…)
ZAVTRA: Es scheint, als widmen wir dem Schlüsselland Türkei etwas zu wenig Aufmerksamkeit…
M.M.: Die Türkei wollte wohl zu einer Art Ukraine werden (aus russischer Perspektive ein Transitland für Ressourcen – apxwn). Den Türken gefiel der Gedanke, dass, geht der Erdgastransport einmal durch ihre Gebiete, sie profitieren und sich entspannt zurücklehnen können; deshalb haben sie bei der ganzen Sache auch so aktiv mitgemacht. Doch wie es sich herausstellte kann man Erdgas verflüssigen, und man muss dabei eben nicht unbedingt eine Pipeline durch die ganze Türkei ziehen. Insofern ist Erdogan eine politische Leiche, denn er hat die Armeeführung ausgetauscht, die sich kategorisch gegen einen Krieg ausgesprochen hat. Die Türken bekamen Probleme, als sie erfuhren, dass man um ihrem Einflussbereich herum auch zivile Flugzeuge abzuschießen gedenkt. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass die NATO-Instrukteure die Al-Kaida-Kämpfer darauf abrichten, auch solche Flugzeuge ins Zielfeuer zu nehmen. Sicher ist Russland für sie Feind, aber die Türkei liegt nun einmal viel näher, so dass sie sich erst einmal dort umtun werden. Käme es zu einer Islamisierung in deren radikaler Auslegung, so bedeutete das ein Auseinanderfallen der Türkei. Solche Prozesse gehen dann Richtung Europa weiter – beispielsweise in Frankreich und Deutschland. Gegen die Türken wirkt auch der kurdische Faktor. Warum sollten die Kurden sich keine tragbaren Boden-Luft-Raketen beschaffen können?
ZAVTRA: Stehen die Kurden in der jetzigen Situation eher auf Seiten der syrischen Regierung?
Syrisch-türkische Grenze
M.M.: Nun, sie haben annähernd die Hälfte der syrischen Grenze zur Türkei dicht gemacht. Es ist eine andere Sache, dass, hast du einmal weitreichendere Autonomie gekostet, du sie nicht wieder hergeben willst. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Das wird es wohl auch sein, warum man die Drusen nicht unter Waffen gestellt hat. Sie hätten ja die Grenze nach Jordanien sichern können.
ZAVTRA: In der berühmten Januarrede hat Baschar al-Assad ausgesagt, dass ein Krieg unter einer neuen Maske gegen Syrien geführt wird. Was hat das zu bedeuten?

Terror-Technologien

M.M.: Gegen Syrien werden Technologien einer Manipulation der Gesellschaft eingesetzt. Die Aufgabe der Rebellenbanden ist es, die Bevölkerung auf ihre Seite zu bringen, entsprechende Bruchstellen zu finden, damit auch andere Kreise – Beamte, Ärzte, Sozialarbeiter – die Seiten wechseln. Die einen kauft man, die anderen bedroht man, irgendwo schießt man mit Granaten auf eine Menschenmenge und sagt dann, “das war Assad”. So funktioniert das. Im Großen und Ganzen ist es nicht so wichtig, was passiert ist, sondern das, wie das gezeigt wird. Das ist wohl das Merkmal der Rohstoffkriege des 21. Jahrhunderts, im Unterschied zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Wie sich allerdings herausgestellt hat, kann man dieser gigantischen Medien- und Gehirnwäschemaschinerie widerstehen.
ZAVTRA: Viele Syrer sind der verbreiteten Meinung in die Falle gegangen, dass es sich hier um einen Konflikt zwischen der Regierung und der Opposition handelt. Es sieht so aus, als seien auch viele Menschen in Russland und in der ganzen Welt diesem Irrtum aufgesessen.
M.M.: Man muss immer zu verstehen suchen, wessen Interessen hinter diesem oder jenem Prozess stehen, mit wessen Händen er durchgeführt wird. Was ist das für ein Konflikt – ein künstlich geschaffener oder ein objektiv vorhandener? Die USA haben den Syrern verkünden lassen: “Jungs, wir werden euer Land umformatieren und es in den Asphalt stampfen… alles das für euer kommendes Glück – ihr werdet besser leben, für euer eigenes Geld, denn eure Bürokratie hat sich einfach zu viel unter den Nagel gerissen. Die Konten frieren wir ein, geben den Rebellen und Salafiten von der Al-Kaida die Möglichkeiten, alles schnell zu bereinigen.” So wurde Libyen gekauft, zerlegt und zerstört, dort, wo jetzt die Hungerleider klagen: “Wir dachten, dass wir besser leben werden, es ist aber viel schlimmer, als unter Gaddafi!”. Dort ist ja sogar schon die Selbstmordrate auf Grundlage dieser sozialen Lage merklich angestiegen.
Was habt ihr denn gedacht? Man hat es euch doch klar gesagt: “Was tut ihr? Ihr vernichtet euer eigenes Land im Interesse des Rockefeller-Clans, der britischen und französischen Erdölhändler.” War doch aber klar, Berlusconi hat alles offen gesagt…
Quelle: zavtra.ru

Syrien – keine Gefangenen

Moas al-Chatib, Chef der syrischen Nazikoalition, erklärt, dass er sein Verhandlungsangebot zurückzieht, sollten bis zum morgigen Sonntag nicht “alle Frauen” aus den Gefängnissen freigelassen werden. Das Gezerre, hin und her, ist recht charakteristisch für solche Situationen – Angebot machen, Angebot zurückziehen. Spielereien und Erpressung gehen los. Es ist klar, dass keine Regierung so mir nichts, dir nichts einfach unreflektiert Großpackungen Gefangener nach geschlechtlichen, sozialen oder religiösen Merkmalen an die Luft setzt. Eine Amnestie wäre eine zuvor wohl abzuwägende Sache, denn sonst kann man sich Gelichter freilassen, dass einem nur so die Ohren schlackern. Libyen hat das zum Beispiel durch.
Insofern war al-Chatibs Forderung nach der Freilassung irgendwelcher 160.000 Gefangenen von Anbeginn an mindestens eine nicht zu erfüllende Prämisse, was er mit Sicherheit auch selber weiß. Doch allein der Fakt, dass er überhaupt von Verhandlungen sprechen musste, nachdem schon allein ein solcher Gedanke zwei Jahre lang von den Banditen & deren jeweiligem politischen Flügel strikt verworfen wurde, zeugt davon, dass die Dinge bei der „Opposition“ nicht eben zum Besten stehen.
In den letzten drei-vier Tagen ist die Härte und Unerbittlichkeit der Kämpfe in Syrien noch einmal enorm angestiegen. Allerdings hat jetzt fast ausnahmslos die syrische Armee die Initiative. In Damaskus und Umgebung verbleiben, wie das syrische Militär mitteilt (und u.a. ANNA-News bestätigt), fast nur noch ausländische Dschihadisten, die nichts haben, wohin sie sich zurückziehen oder fliehen können. Sie besetzen nur mehr recht eng umrissenes Territorium, deshalb nehmen die Kämpfe an Brutalität zu. Es kommt laufend zu Nahkämpfen und Handgemenge, da man inzwischen so nah auf den Pelz rückt.
Ein Teil der Truppen wird so frei, das Militärkommando setzt sie nun in Ost-Ghuta und Duma ein, um Aleppo intensivieren sich die Anti-Terror-Operationen; beispielsweise ist die Armee wieder in Al-Safira eingerückt, das vor ungefähr einem Monat samt seinem Chemiewerk in die Hände der Rebellenbanden gefallen ist. Außerdem nehmen die Streitigkeiten innerhalb der diversen Rebellenformationen zu, es kommt auch zu bewaffneten Konflikten der Banden untereinander.
Seit ca. Mitte der Woche kommen Nachrichten über verstärkte Kampfhandlungen in Damaskus selbst bzw. den diversen Vororten. Das ist nicht nur Propaganda, sondern zum Teil wahr: die Rebellen versuchen verzweifelt, sich in zwei Richtungen durchzuschlagen und aus Duma auszubrechen. Wenn man bedenkt, dass sie in den vergangenen zwei Monaten schwerste Verluste hinnehmen mussten – nicht weniger als 5.000 Tote im Großraum Damaskus – sowie auch, dass es sichtlich keine nennenswerte Aufstockung ihrer Reihen mehr gibt (die Kindervideos der letzten Tage sprechen Bände), so kann man das, was jetzt aus Damaskus gemeldet wird, sicher nicht als “Erstürmung der Hauptstadt” bezeichnen. Hier geht es schlicht und ergreifend um verzweifelte Versuche der Dschihadisten, die Situation wenigstens irgendwie zum Besseren zu wenden. Man kann von vornherein annehmen, dass diese Versuche zum Scheitern verurteilt sind, denn ohne Reserven und Nachschub sehen sie eher ungesund aus. Andererseits haben sie keine andere Wahl – die Armee macht keine Gefangenen mehr, sofern es sich eben um ausländische Guerilla handelt.
Die Frage ist, wie das mit der Initiative des Moas al-Chatib über Verhandlungen mit der syrischen Führung zusammenhängt. Hängt diese Initiative mit der Verschlechterung der Lage der Rebellen zusammen, oder ist es anders herum – die Lage eskaliert aufgrund dieses Verhandlungsangebots? Bevor solche Verhandlungen beginnen (falls das passiert), werden die Parteien sich alle Mühe geben, ihre Positionen maximal auszubauen.
Die Einschätzung der Armee, dass zur Jahresmitte die wesentlichen Städte und Ortschaften von Banditen befreit sein sollen, sieht so etwas realistischer aus. Wenn der Westen sich nicht zu einer Intervention entschließt – die Möglichkeit bleibt bestehen, wenn sie auch verschwindend gering scheint – so wird der Konflikt dann in den Modus von reinen, relativ lokalen Anti-Terror-Einsätzen übergehen, und bis dahin können die sich nun neu heranbildenden inneren Streitkräfte den wesentlichen Teil der Sicherung übernehmen, wähend die Armee die Grenzen unter Kontrolle nimmt.
Sobald die derzeitigen Durchbruchsversuche um Damaskus zurückgeworfen und die Rebellenbanden wieder in die Ruinen zurückgedrängt werden, wo man sie weiter planmäßig bügeln wird, kommt al-Chatib schätzungsweise mit der nächsten Verhandlungsinitiative mit nun schon neuen Bedingungen.
Als Abspann noch ein kleines Video, das am 6. Februar 2013 in Bustan al-Harir (Provinz Daraa) aufgenommen wurde. Nachdem dieser Ort befreit worden war. Man sieht bei 01:22 einen Blondschopf unter den Soldaten.

Tentakeln nach Persien

STRATFOR, das auch als “Privat-CIA” bekannt ist, hat letztens einen recht umfangreichen Artikel veröffentlicht, der die Beziehungen zwischen Iran und den USA zum Inhalt hat und versucht, die Entwicklung dieser Beziehungen in der zweiten Amtszeit Obamas zu prognostizieren. Zwei prinzipielle Möglichkeiten werden betrachtet: entweder die Fortsetzung von militärischem und Sanktionsdruck gegen den Iran, oder ein Übergang zum Dialog. Geht man von den vorsichtigen, aber durchaus deutlich wahrzunehmenden Formulierungen aus, so empfiehlt STRATFOR einen Übergang zum Dialog, selbst, wenn das “Israel ärgert”. Hier wird selbst die Verbesserung der Möglichkeiten zur Urananreicherung im Iran als umso besserer Grund und Anlass für Dialog (anstatt, wie bisher, als “rote Linie”) beschrieben.

Offenbar beginnt man, die Fühler über die iranische Führung gleiten zu lassen, und eine Frist wird auch erwähnt – Juni 2013. In diesem Monat finden im Iran Präsidentschaftswahlen statt, zu denen Mahmud Ahmadinedschad nicht mehr antreten kann. Zwar ist auch den Amerikanern klar, dass Ahmadinedschad durchaus nicht der verbohrte Fanatiker ist, als der er immer dargestellt wird, doch sie scheinen es vorzuziehen, den Wechsel in der iranischen Führung abzuwarten – sicher, damit man den US-Wählern nicht erst erklären muss, warum die Beziehungen zum Iran nun plötzlich etwas entlastet werden.
Bei STRATFOR heißt es durchaus diplomatisch und geschmeidig, dass die “diplomatischen Unpässlichkeiten innerhalb des letzten Jahrzehnts sich negativ auf Washington und Teheran niedergeschlagen haben”. Das sind nicht die gewohnten Schuldzuweisungen und Verteufelungen.
So scheint denn auch das Szenario zu sein, dass man einander erst einmal minimale Zugeständnisse macht und die öffentliche Meinung im jeweiligen Lande auf künftige, merkliche Änderungen vorbereiten wird. Wenn STRATFOR sich um das Anwachsen des Extremismus in der Region bekümmert, so scheint man in diesem Zusammenhang wohl zu meinen, dass Iran die Rolle eines stabilisierenden Faktors in der außer Kontrolle geratenden Region übernehmen könne.
STRATFOR tut seinen Teil in den USA, aus dem Iran (bzw. aus Ägypten) hört man von Präsident Ahmadinedschad himself, dass das Angebot der Amerikaner (zu Direktgesprächen) “neu und positiv” sei, und dass, kommt es zu einer Änderung des Verhaltens, die Iraner “das Angebot wohlwollend prüfen” werden. Na, das ist doch etwas. Die vorsichtigen Andeutungen über eine Änderung der gegenseitigen Politik und Diplomatie zwischen den USA und Iran kommen schon den dritten Monat in Folge. Erst auf Ebene von niederen Beamten und Fachleuten, dann kamen höhere Regierungsbeamte und jetzt schließlich hören wir das aus den Mündern und den Federn der Chefetage. Gerade gestern traten neue Sanktionen gegen den Iran in kraft. Doch Ahmadinedschad äußert sich dazu nicht, sondern singt ein ganz anderes Lied. Das kann man als charakteristisch für die derzeitige Entwicklung werten.
Eine Notiz an u.a. TomGard, der sagt, nicht die USA, sondern der Iran bewege sich: der Rahbar ist momentan vehement gegen solche Direktgespräche. Da muss nach Biden wohl noch eine etwas grauere Eminenz nachlegen.
Gleichzeitig werden im Verlauf von nur einer Woche vom Europäischen Gerichtshof die Sanktionen gegen zwei iranische Großbanken – Mellat und Saderat – aufgehoben. “Keine Beweise”, sagt man. Der Iran und der Westen beginnen zweifellos damit, sich gegenseitig unerwartete und angenehme Geschenke zu machen, bevor am 26. Februar in Kasachstan wieder die Sechsergruppe zum iranischen Atomprogramm zusammenkommt. Bis dahin müsste der Iran noch irgendeinen wohlwollenden Schritt unternehmen – er ist dran.
Es ist das übliche Szenario, dass der Westen dabei insgesamt keine Zugeständnisse hat machen müssen – durch die Sanktionen will er ein Einrücken des Iran erwirken. Durch eine Rückkehr auf die “alten” Positionen bleibt für den Westen alles, wie es war, plus ein paar kooperative Eingeständnisse Teherans. Zu den Verlierern kann man Saudi-Arabien zählen, welches man dazu gebrauchte, den durch die Sanktionen drohenden Anstieg des Ölpreises zu dämpfen. Vor rund einem Jahr erhöhten die Saudis ihre Ölförderung bis zum Anschlag, beflügelt durch die Erfolge im Widerstreit mit den Persern. Der Ölpreis hielt allein dank der maximalen Auslastung der Fördermöglichkeiten des Königreichs stand – ein halbes Jahr liefen die Rohre heiß.
Nun haben die Saudis wohl begriffen, dass man sie lediglich als Bauern in einem komplizierten Spiel gebrauchte; sie haben ihre Fördermenge zurückgeschraubt, aber das schlug sich nicht auf dem Ölpreis nieder – der Markt lebt in der Hoffnung auf Lockerung der Sanktionen gegen den Iran.