Wochenschau, Folge 63

Ich würde ja Thierry Meyssan nicht unbedingt als Kronzeugen für irgend etwas heranziehen. Die Kollegen aus Perm tun’s aber in dieser Folge der „Wochenschau“, was ihnen gegönnt sei. Unvergessen bleibt jedenfalls sein Live-Bericht aus dem Rixos-Hotel im libyschen Tripolis, als dieses von NATO-Kommandos infiltriert und erstürmt wurde.


Die Ereignisse vom Beginn dieses Jahres geben uns einen Grund dafür, uns kurz vom Laufenden abzuwenden und die Lage der Welt etwas globaler zu betrachten. Es hat sehr wichtige Änderungen in den Machtstrukturen der USA gegeben. Wir haben diese schon in vergangenen Folgen im Voraus betrachtet, nun wollen wir einmal sehen, was genau abgelaufen ist.
Der US-Senat hat am vergangenen Dienstag den 66-jährigen Chuck Hagel als Verteidigungsminister bestätigt. Zuvor war seine Aufstellung als Kandidat im House Armed Services Committee ziemlich problematisch verlaufen und fand nur unter einer knappen Stimmenmehrheit statt. Die Ursache dafür war wohl die Unzufriedenheit der Republikaner mit dem Kandidaten sowie eine massive Kampagne der Israel-Lobby gegen ihn.
Die Sache liegt gar nicht so sehr in der Person Hagels begründet. Obama hat für seine zweite Amtszeit eine Mannschaft versammelt, die keinen Zweifel daran läßt, dass er die Spielregeln ändern will. Das ist das wichtigste, denn gleichzeitig wurde John Kerry als US-Außenminister eingesetzt, CIA-Chef ist nun John Brennan. Dabei wurde die alte “Falken”-Mannschaft nicht einfach nur friedlich nach Hause entlassen, sondern aufgrund ihrer Überflüssigkeit faktisch vor die Tür gesetzt.
Wir wollen uns nicht wiederholen und jeden der Neuen einzeln beleuchten, sondern die Position der neuen Obama-Mannschaft insgesamt betrachten. Erstens, und das ist das Wichtigste – diese Neuen sehen Russland nicht als Feind an, sondern eher als Konkurrenten, mit dem man sich zu Schlüsselfragen absprechen kann und auch sollte.
Zweitens, diese Leute haben wohl nicht die Absicht, den Konflikt im Nahen Osten, einschließlich in Syrien, auszuweiten, sondern suchen nach Kompromissen. Drittens, sie haben bezüglich Israels keinerlei Illusionen und halten das Land nicht für die geheiligte Kuh wie ihre Vorgänger. Viertens, sie halten den Iran nicht für das Reich des Bösen und wären bereit, Zugeständnisse zu machen und einen gemeinsamen Ausweg aus der Situation zu suchen. Und schließlich fünftens, sie sind sich der Gefahr des durch die USA selbst herangezüchteten radikalen Islamismus bewußt und haben wohl nicht vor, weiter mit diesem zu liebäugeln.
Das allgemeine Bild sieht für Russland also geradezu günstig aus, doch wollen wir mit solchen Schlüssen nicht voreilig sein und schauen etwas genauer hin.
Recht interessante Schlüsse aus der aktuellen Konstellation zieht der bekannte Politologe Thierry Meyssan. Er ist überzeugt davon, dass Obama dazu bereit ist, den Kurs der US-Nahostpolitik radikal zu ändern. Syrien soll so Gelegenheit bekommen, mit den immer schwächer werdenden Banden “aufzuräumen”, und dem Land sollen internationale Friedenstruppen zur Hilfe gestellt werden. Was wichtig ist: es sollen Truppen aus OVKS-Staaten sein. Diese sollen damit auch zu einem Garant der Stabilität in der Region werden.
Baschar al-Assad soll Verhandlungen mit der Opposition führen, die sich nicht am bewaffneten Kampf beteiligt, und die auch von Russland anerkannt wird, wodurch ein politischer Kompromiss herausgearbeitet werden soll. Letztlich würde so Russland dank seiner Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit in der syrischen Krise hier seine Positionen nachhaltig festigen, Baschar al-Assad wird insofern auch wahrscheinlich am Steuer bleiben und zu einer Symbolfigur des Sieges über die Dschihadisten werden.
Gleichzeitig soll es zum großen Prozess einer kompletten Umformatierung des Nahen Ostens kommen. Russland wird in Syrien als Garant dafür auftreten, dass die Araber nicht über Israel herfallen und umgekehrt. Das israelisch-palästinensische Problem wird unter der Mittlerschaft Syriens und nicht eben zugunsten Israels endgültig beigelegt werden. Der Irak teilt sich, es bildet sich ein kurdischer Staat, die Kurden in der Türkei erhalten ihre langersehnte Autonomie. Die Sanktionen gegen den Iran werden aufgehoben, die Verteufelungen des Landes hören auf, im Ausgleich dafür stoppt der Iran sein Engagement in Lateinamerika.
Und schließlich das interessanteste – Saudi-Arabien hört auf, als einheitlicher Staat zu existieren, was ein Abflauen des Wahhabismus weltweit nach sich zieht. Ohne Sponsoren gibt es eben keinen Wahhabismus.
Sicherlich sind die Prognosen Meyssans sehr gewagt, doch enthalten sie eine Menge an vernünftigen Schlüssen. Beispielsweise sind die USA inzwischen schon nicht mehr in der Lage, ihre militärische Präsenz und die Finanzierung des Arabischen Frühlings im Nahen Osten aufrecht zu erhalten – sie haben genügend eigene Probleme. Das hatten wir schon mehrfach angemerkt.
Weiterhin sehen wir, wie massiv die USA ihre eigene Erdöl- und Erdgasförderung ausbauen. – Sicherlich ist Schiefergas ein ziemlich undurchsichtiges und uneindeutiges Thema, doch es ist schwer, mit Zahlen zu streiten – die Kohlenwasserstoffförderung der USA wächst und wird in recht kurzer Zeit die Fördermengen Saudi-Arabiens übertreffen.
Das könnte zum Rückgang des Interesses an den Saudis als einem Faktor auf der politischen Arena führen. Was wiederum zu einem Umschwenken der gesamten Konzeption der US-amerikanischen Außenpolitik führen wird und bereits schon führt.
Wir sind uns dessen bewußt, dass die meisten unserer Zuschauer sich fragen, woher denn die plötzliche Freigebigkeit der USA gegenüber Russland rührt. — Wie immer gibt es auch hier einen Haken. Obama oder die Kreise, die hinter ihm stehen – je nachdem, wie ihr das gern sehen wollt – haben bei alledem durchaus pragmatische Ziele. Indem sie einen Teil der Verantwortung im Nahen Osten auf die Schultern Russlands legen und sich Israel und Saudi-Arabien vom Hals schaffen, werden die USA ihre Bemühungen im Asiatisch-Pazifischen Raum konzentrieren können.
Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, sondern ist ein unzweifelhafter Fakt, der von genügend offiziellen Verlautbarungen und Maßnahmen der US-Regierung bestätigt wird. China wirft durch sein beharrliches Wachstum unvermeidlich die Frage danach auf, wie man es wohl eindämmen kann, wenn die USA ihre Dominanz in der Welt bewahren will. Der Alptraum der Obama-Administration wie auch eines jeden US-Politikers ist eine weitere Annäherung zwischen Russland und China. In absehbarer Zukunft werden wohl viele Bemühungen der USA darauf gerichtet sein, eine solche Annäherung zu verhindern. — Genau deshalb bekommt Russland einen Teil der Verantwortung in Nahost, denn ebenso wie die USA ist Russland eigentlich nicht dazu in der Lage, gleichzeitig in allen Richtungen effektiv zu agieren. Mit anderen Worten, durch ein solches Konzept wählen die Amerikaner das geringere Übel. Sie pflegen damit also durchaus keine Wohlfahrt, wie es hätte scheinen können. Das ist nun jedenfalls wie gewohnt.

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  • Franz

    Kaum vorstellbar für mich…und wie soll dieser Richtungswechsel nach Aussen kommuniziert werden ohne dass die Herren ihr Gesicht verlieren?

  • Anonymous

    vmtl. gar nicht…

    Ich persönlich dachte eher, daß die US-amerikanische Schiefergasrevolution dazu benutzt würde die USA zu reindustrialisieren (billige Energie ist dazu Grundvoraussetzung) und gleichzeitig Russland & IRAN zu ruinieren.

  • Anonymous

    Die Schiefergasproduktion wird in den USA in einigen Jahren wieder einbrechen da die Vorkommen nicht sehr ergiebig sind. Schon jetzt fallen die Förderungen der ersten Bohrungen ab und nur durch Erschließen von neuen Quellen hält bzw. steigt die Produktion.

    Ich frage mich halt welche langfristige Pläne die USA haben um auch in 10 Jahren noch genug billige Energie zu haben.

    • Schiefergas ist dem Erdgas kein Konkurrenzrohstoff, wird es auch nicht sein. Es ist ein Substitut. Also ein Ersatzprodukt. Seine Aufgabe ist es, den eigentlichen Rohstoff zu ersetzen und einen Angebotsüberschuss zu erzeugen, nichts anderes. Schiefergas wird und soll Erdgas nicht „verdrängen“, sondern einen Puffer schaffen, der es gestattet, im Konkurrenzkampf besser mit den Erdgasvolumina zu manövrieren und so Druck auf den einen oder anderen Markt auszuüben.

  • kaumi

    OT

    Anbei ein kroatischer Presse-Bericht, in dem von einer „ausgedehnten“ Luftbrücke zwischen Zagreb und Amman gesprochen wird, zur stärkeren und schwereren Bewaffnung der syrischen Söldner.
    Recht rührend auch die mitgelieferten Videos, in denen die „syrischen Freiheitskämpfer“ diese neuen Waffensysteme bei der Arbeit auf syrischem Boden präsentieren.
    Jordanien im Allgemeinen und der gekaufte Monarch im Besonderen haben sich in diesem Konflikt eine schwere Schuld aufgeladen. Wenn man sich das Verhalten der Führer der Mitgliedsstaaten der Puppets-Liga (vulgo arabische Liga) anschaut, ahnt man, dass ein Überleben Assads gleichbedeutend mit deren (zumindest politischen) Todes ist. Im Grunde darf Assad aus deren Sicht NIEMALS lebend aus diesem Konflikt kommen.
    http://www.jutarnji.hr/u-4-mjeseca-za-siriju-s–plesa–otislo-75-aviona-sa-3000-t-oruzja/1089573/

  • Anonymous

    Die Aussichten trübe. Das dunkle Zeitalter hat begonnen; auch für Russland.
    http://becklog.zeitgeist-online.de/2013/03/09/syrien-gibt-es-ein-geheimes-zusatzprotokoll-zwischen-russland-und-den-usa/

    „Syrien wird zugunsten von russischen Konzerninteressen geopfert“

    • kaumi

      Was oft zu sein scheint, ist nicht immer so….
      Ich habe in den letzten 2 Jahren Schwadronen von „Analysen“ zu Verknüpfungen, Interpretationen und Erklärungsversuchen in mannigfaltigen Blogs gelesen. Diese gingen von einem Extrem zum Anderen. Nicht viel hat sich bis jetzt bewahrheitet. Es gab nicht den „3. Weltkrieg“, es gab nicht das Auflösen der russischen Basen in Syrien, es gab nicht den Sieg der Allianz und auch nicht die Vernichtung der Rebellen.
      Im Grunde hat sich wenig an der Ausgangssituation vom März 2011 geändert. Die Fronten sind die Gleichen, ebenso die üblichen Verdächtigen. Es gab keine „Wechsler“. Die Verhaltensweisen und Rhetorik sind erschreckenderweise ebenso identisch. Einzig die innersyrische Bevölkerungssituation ist um ein vielfaches dramatischer und tragischer geworden. Eine Schande für die gesamte UN.

      Im obigen Artikel wird fabuliert, dass die USA und die Russen sind geeinigt hätten: „ihr bekommt Syrien, wir behalten Tartus“. Das ist gelinde gesagt Schwachsinn.
      „Wasche mich, mach` mich aber nicht nass“ ist ein schönes deutsches Sprichwort, welches die Unmöglichkeit dieses „Übereinkommens“ sehr hübsch charakterisiert.

  • Anonymous

    Hat TomGard Urlaub? ;)

    Wie sieht es dann jetzt gerade mit der nun offenen und direkten Unterstützung der „Freiheitskämpfer des Islam“ in Jordanien durch die USA aus? Offensichtlich überschätzt der Autor dieser „Analyse“ den Willen der USA ihre Rolle als Regisseur im Nahen Osten beizubehalten, Haushaltslage hin oder her. Wer wie die USA beliebig Geld drucken und in die Welt transferieren darf, hat immer ein paar Millionen für Regimechange und andere Operationen übrig. Der geht per Definition nicht Pleite, verstanden?

    Unterschätzt bitte nicht die Entschlossenheit mit der das „greater middle east project“ durchgeboxt werden soll. Der Widerstand Syriens verschiebt nur ein wenig den Zeithorizont, sonst nichts. Die Russen haben nach wie vor keine Eier in der Hose offen einzugreifen wie z.B. die USA.

    Das Trauma der Niederlage gegen die USA im kalten Krieg sitzt in der russischen Seele offenbar zu tief, als das man ausser einer weitgehend begrenzten Unterstützung Syriens etwas zu leisten im Stande wäre.

    • Durchgebost – ja, aber wohl inzwischen eher mit fremder Leute Händen – das ist für die Goldene Milliarde nicht nur schonender, sondern auch wesentlich billiger. Dazu sitzen die US-Amerikaner bestenfalls noch irgendwo am Joystick. N.b.: diese Folge ist im Wesentlichen eine Wiedergabe dessen, was Thierry Meyssan mal irgendwo geäußert haben muss. Kann man also alles getrost kritisch sehen.

    • Pause – Headcrash

      von TomGard Pro @ 2013-02-28 – 18:21:48

      Festplatte kaputt (oder Prozessor, ist noch nicht raus), Linksammlung weg, Dokumente weg. Nächste Woche, vermutlich, schaut sich ein Bekannter den Schaden an, dann seh ich weiter.

      http://tomgard.blog.de/2013/02/28/pause-headcrash-15577685/

    • Malkaye

      „Festplatte kaputt (oder Prozessor, ist noch nicht raus), Linksammlung weg, Dokumente weg.“

      Bei der Arbeit kein täglich synchronisiertes Back-Up auf einer, was sag ich… ZWEI externen Festplatten?!