Zur Lage am Euphrat

Die Einnahme (weiter Teile) der Provinzhauptstadt ar-Raqqa ist eine durchaus effektive Maßnahme der Rebellenbanden als Antwort auf die Verstärkung des militärischen Engagements der Armee im Norden des Landes. Ein klassisches Beispiel für eine indirekte Strategie; allerdings ist es eher zweifelhaft, dass die Banden die Operation in aller Kürze selbst geplant und durchgeführt haben. Als Minimum kann man voraussetzen, dass eine solche Operation nicht ohne ein professionelles militärisches Kommando irgendwo im Hintergrund abgelaufen ist.
Der Sinn der Einnahme dieser Stadt ist es zuallererst, die für die Befreiung von Aleppo eingesetzten Armeekräfte abzulenken und zu zerstreuen, wo es seit ca. 2 Wochen wieder verstärkt zur Sache geht. Jetzt muss die Armee ihre Aufmerksamkeit einer weiteren Provinz widmen. Die Einnahme der Stadt als solche hat wahrscheinlich keine größeren Schwierigkeiten bereitet, dort gab es von Anfang an bis jetzt keine größeren Aufgebote an Armee- oder Sicherheitskräften, die Regierung der Provinz hat den größten Teil ihrer Kräfte den Flüchtlingen gewidmet – seit Beginn der Gewalt in den umliegenden Provinzen sind um die 500.000 Flüchtlinge in der 250.000-Einwohner-Stadt aufgenommen worden.
Die Frage nach dem “Wie” ist allerdings berechtigt: eine mehr oder weniger in der Wüste gelegene Stadt, flache, offene Gegend, ungetrübte Lufthoheit der syrischen Luftwaffe, die (von der Zahl der Militärflugzeuge und -hubschrauber) eine der schlagkräftigsten der Region ist. Man kann wieder Parallelen zu den Konflikten im Nordkaukasus, also Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan, ziehen. Auch mit der allerbesten russischen Luftwaffe und Luftüberlegenheit haben jeweils eine Handvoll Banditen ganze Städte eingenommen, wonach die regulären Streitkräfte gezwungen waren, bedeutende Kräfte zu deren Befreiung zusammenzuziehen. Budjonnowsk 1995, Kisljar 1996, das Moskauer Dubrowka-Theater 2002, die Schule in Beslan 2004. Auch die beste Luftwaffe kann ein solches Land wie Russland (oder Syrien) nicht permanent und komplett unter Beobachtung haben.
Die aus Daraya bekannte Taktik der Banditen ist ein durchaus anschauliches Beispiel, wie die Verteidigung von ar-Raqqa vonstatten gehen kann – Scharfschützen und kleine mobile Gruppen können die Zeit, die für die Säuberung benötigt wird, durchaus signifikant in die Länge ziehen und so Kräfte binden. Dabei wird gleichzeitig eine zweite offensichtliche Aufgabe der Rebellen gelöst – durch die Kämpfe wird auch diese Stadt unvermeidbar in Schutt und Asche gelegt.
Die international gültigen Normen des humanitären Rechts haben den Rebellen von Anfang an nichts bedeutet. Ihre Taktik ist seit jeher darauf ausgerichtet gewesen, sich in bewohnten Gegenden zu verschanzen und Zivilisten als Schutzschilde einzusetzen. Und in ar-Raqqa gibt es diese, im Gegensatz zu Daraya, en masse.
In und um Damaskus waren und sind Einheiten der Republikanischen Garde eingesetzt, in ar-Raqqa muss man nun auf reguläre Truppen zurückgreifen, unter denen es auch genügend einfache Wehrpflichtige gibt. Das wird sich unweigerlich im Verhältnis der Verluste niederschlagen. Jedenfalls wird die nun notwendige Säuberung eine Wanderung auf Messers Scheide, hier gibt es massig Gelegenheit für Fehlentscheidungen. Denn andererseits bekommt nun die Regierung Zeitnot; sie braucht alsbald einen entschiedenen strategischen Umbruch zugunsten der Armee und ist so zu Risiken gezwungen. Wie es bei solchem Risiko schiefgehen kann, sieht man nun in ar-Raqqa.
Wahrscheinlich wäre es für die Armee sinnvoller, die Stadt nicht gleich wieder zu erstürmen, sondern sie durch die inzwischen ausgerückten Kräfte der 17. Armeedivision abzuriegeln und zu versuchen, einen Korridor für Zivilisten aufzumachen. Und beharrlich in Aleppo weiterzuarbeiten, denn ansonsten hätten die Banden, die man nach ar-Raqqa geschickt hat, ihren Zweck vollauf erfüllt.
Nach jüngsten Meldungen aus Damaskus soll heute eine geschlossene Sitzung des Parlaments stattgefunden haben, auf der die Minister für Verteidigung, Inneres und Auswärtige Angelegenheiten zu den Ereignissen Stellung nehmen. Das, besonders der geschlossene Modus der Sitzung, ist doch ein recht außerordentliches Ereignis.
Ebenso wird mitgeteilt, dass die ersten Flüchtlinge aus ar-Raqqa im 130 Kilometer entfernten Deir az-Zur eingetroffen sind; nach deren Zeugnis fahren die Banditen u.a. auf nagelneuen “Humvees” durch die Straßen der infiltrierten Stadt.

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