Fällt die Bajonette

Nach den aktuellen Meldungen aus Damaskus zu urteilen läuft dort bereits seit einigen Tagen eine Militäroperation nördlich der syrischen Hauptstadt. Im gesamten Bereich von Harasta bis Duma nimmt die Armee die Rebellenbanden unter schweren Beschuss.
Das sieht nach einer Reprise der Ereignisse von Ende November 2012 aus: es wurde eine maximale Konzentration der zum nächsten “Sturm auf Damaskus” bereitstehenden Rebellen abgepasst und diese dann in einem Präventivschlag unter Feuer genommen. Der Präventivschlag ist sicher nötig, nur, wie man an Daraya sieht, kann sich die Ausmerzung der in urbanem Gelände verschanzten Terrorbrigaden über Monate hinziehen. Auf diversen Internetknoten der Rebellen konnte man schon vor einer Woche lesen, wie die Kommandeure sich für die Siegesfeier im Präsidentenpalast anmeldeten. Die Einladungen können sie nun wohl zu ihrer sicher umfangreichen Kollektion an Souvenirs stellen.
In Damaskus selbst gibt es wohl aufgrund dieser Lage Schwierigkeiten mit der Stromversorgung. Schwer zu sagen, ob das infolge der Kampfhandlungen so ist, oder ob das Armeekommando auf diese Weise, ähnlich wie beim Ende November geplanten zweiten “Vulkan”, gezielt die Kommunikation lahmlegt. Die Leute von ANNA-News werden das sicher auf die eine oder andere Weise kommentieren. Ende November / Anfang Dezember hatten sie es auch hinbekommen, ihre täglichen Updates per Satellit nach Moskau zu übertragen, von wo aus sie auf ihrem Youtube-Kanal erschienen.


Als Blog, das nicht unbedingt in der Verantwortung für die Echtheit und Authentizität von Informationen geradestehen muss, können wir uns hier dann und wann einmal gestatten, unüberprüfbare Informationen in den Raum zu stellen. Eine solche Information habe ich hier aus “russischen Kreisen”, und vorab noch einmal: sie ist nicht überprüfbar, was aber nichts macht – die Sache liegt in der Vergangenheit. Vor ungefähr einem Jahr während der Eskalation in Homs wurde zwischen gewissen Führungsetagen in Syrien und Russland (nicht auf der allerhöchsten, aber doch recht weit oben in der Hierarchie) eine konkrete Vereinbarung getroffen, dass mit dem nächsten Flug Moskau – Damaskus ein halbes Dutzend Dreiergruppen bestimmter Fachleute ohne großes Aufsehen in Syrien einreist und sich nach Homs begibt. Der Plan war simpel: 100 Köpfe pro Dreiergruppe. Ausführen, Meldung machen und das Land ebenso ohne Pomp wieder verlassen. Mit der Ausführung ging es auch schon los: die Ausrüstung wurde herangeschafft, die entsprechenden Fachleute (die natürlich keinerlei vielsagende Tatoos oder andere Identifizierungsmerkmale aufwiesen) wurden engagiert, doch im allerletzten Moment machte sich jemand in den hohen russischen Kabinetts gelinde gesagt in die Hose und ließ die Aktion abblasen. Zu dem Zeitpunkt hatten sich um die 2.000 Rebellen in Homs verschanzt. Die Aktion hätte die ganzen Vorgänge dort ganz anders ausgehen lassen können.
Diese wunderliche und ganz sicher vollkommen unglaubwürdige Story soll uns aber auf etwas aufmerksam machen. Zum heutigen Zeitpunkt erproben und führen der Westen, die Golfmonarchien und die Al-Kaida mittels vollkommen neuartiger Technologien Krieg in Syrien. Rein äußerlich sehen sie natürlich aus wie die Kriege vergangener Jahrzehnte – Partisanenkriege, industrielle Kriege, Sondereinsätze, Anschläge, aber es ist trotz alledem schwer zu leugnen, dass der jetzige Konflikt in Syrien sich von allem, was vorher stattfand, signifikant unterscheidet.
Raketenangriff der Rebellen auf Stellungen der 49. Luftabwehr-
brigade bei Deraa, 02. April 2013
Das bezieht sich auf die Einsätze und die Kosten dieses Kriegs. Anhand der Meldungen darüber, wieviel “Gehalt” einem Rebell gezahlt wird – monatlich zwischen 300 und 500 US-Dollar – sowie der etwaigen “Produktionsrate” der Trainingslager in Jordanien, dem Libanon, der Türkei, in Libyen und Ägypten (ja!) – also etwa 1.000 (?) Einheiten Humanressourcen pro Monat pro Ausbildungslager – kommt man, vollkommen π mal Daumen – auf monatlich etwas gegen 5 Millionen USD, plus Material aus alten Waffenbeständen aus Ost- und Südosteuropa (Kroatien war mal in den Meldungen) und der Staaten, die durch den “Arabischen Frühling” destabilisiert und demontiert wurden. Plus natürlich Logistik und Infrastruktur in den Trainingslagern. Aber wie maximal man die Summe anhand der Gegebenheiten auch schätzt, sie ist verschwindend gering im Vergleich mit der “herkömmlichen” Kriegsführung, und das bei einem vergleichbar zerstörerischen Effekt, den die Aggressoren in Syrien erreichen. Schaut euch Daraya an (im YT-Kanal von ANNA-News vielfach zu sehen); das einprägsame Bild aus Sirte, das 2011 als Symbol der Verwüstung durch die NATO und deren Rebellen um die Welt ging, ist dagegen fast schon als idyllisch zu bezeichnen.
Die Länder des Westens (Jörg mag sie anders bezeichnen), die Golfmonarchien und die “Al-Kaida” schaffen, erproben und perfektionieren Kooperationsstrukturen, Rollenverteilung und Logistik. Diese Strukturen werden mit der Zeit nur effektiver und besser. Deswegen wäre genau das eigentlich das Ziel für  Gegenmaßnahmen. Nicht so sehr oder so vorrangig die fertigen Banditen von der Al-Nusra-Front oder der Liwa al-Islam; diese werden von der syrischen Armee mühsam, aber effizient zermahlen. Sondern diese massive, effektive und dabei so preiswerte logistische und Infrastruktur der Aggressoren. Seinerzeit konnte das Deutsche Reich die Produktion von Panzerfahrzeugen und Jagdflugzeugen der Sowjets nicht zerstören, weil deren Produktion kurzerhand außer Reichweite verlagert wurde; deshalb mussten die Deutschen eben gezwungenermaßen gegen fertige Panzer und Luftwaffe kämpfen, derer es immer mehr wurden. Der Ausgang ist bekannt.
Die Vernichtung von Rebelleneinheiten ist nur die Spitze des Eisbergs an Aufgaben, die vor der syrischen Regierung und der zivilisierten Welt stehen. Selbst, wenn diese Vernichtung, wie jetzt, in industriellen Maßstäben läuft und monatlich 5-7 Tausend Banditen liquidiert werden, wird das die Aggressoren doch nur veranlassen, ihre Mobilisierungs- und Kriegslogistik-Maschinerie effizienter zu machen und auzubauen, neue Trainingscamps einzurichten und die Scheichs vom Golf werden eben monatlich nicht 10-15, sondern 30-50 Millionen Dollar darein investieren. Was die Humanressourcen angeht, so kann man sich die derzeitige Lage in Ägypten anschauen – nur eines der Länder des “Arabischen Frühlings”, wenn auch ein Schlüsselland. Ägypten hat rund 85 Millionen Einwohner und steht kurz vor dem Kollaps. Als Gamal Abdel Nasser regierte, war es nur ein Viertel der heutigen Bevölkerungszahl, was Aufschluss über die Altersstruktur der Bevölkerung gibt. Zu deutsch: Millionen recht junger, energischer Hungerleider.
Die Zeit für Gegenmaßnahmen auf diesem Niveau ist längst gekommen. Es braucht Gegentechnologien, Fachleute verschiedenster Profession, Syrer wie auch Russen, Iraner, Weißrussen – all der Länder, die nach Syrien dran sind. Es braucht Leute in Syrien, die in der Lage wären, den Demontage-Technologien der Aggressoren etwas entgegenzusetzen. Und diese Leute müssten alles zur Hand haben, was sie dafür brauchen: wenn es Scharfschützen sein müssen, sollen sie die bekommen. Brauchen sie Einheiten für Sondereinsätze, so müssen sie diese bekommen. Brauchen sie Hacker, so muss man ihnen welche zur Verfügung stellen.
Freilich gibt es in jedem Spiel ohne Regeln dennoch gewisse Grundfesten. Auch im Krieg gegen Syrien hält man sich daran: die Aggressoren leisten den Terrorbanden jedwede Hilfe und Unterstützung, aber direkt und offiziell beteiligen sie sich nicht an dem Krieg. Das bedeutet, dass auch für Gegenmaßnahmen eine solche Regel gelten muss, ansonsten kommt eine vollkommen symmetrische Antwort, die keines der Länder der – nennen wir sie so: Resistance – sich leisten kann.
Das Fazit, aus dessen Kontext auch die Überschrift dieses Texts ist: die Situation in Syrien entwickelt sich so, dass wir heute fast in Einzelheiten wieder in derselben Lage sind, wie vor 80 Jahren im spanischen Bürgerkrieg. Die Aufgabe der Unterstützer Syriens ist es, Fachleute, Instrukteure und Berater auszubilden und nach Syrien zu entsenden und ihnen jegliches Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, das sie brauchen – Technik, Personal, Infrastruktur, Know-how – die aber dabei formal nichts mit den Regierungen der befreundeten Staaten zu tun haben. Wenn es nötig würde, sollen sie auch private Atom-U-Boote bekommen, um ein paar Frachter mit Waffen- und Personallieferungen der “Rebellen” zu versenken. Ja, das wäre Piraterie, und ich bin mir sicher, dass Russland und die übrigen einen solchen Fakt im UN-Sicherheitsrat scharf verurteilen werden und der Weltöffentlichkeit Hilfe dabei leisten, dieses Übel zu bekämpfen.
Ob es einem gefällt oder nicht, man muss zugeben, dass der “Point of no return” längst überschritten ist. Denn eigentlich gibt es keine Wahl: die Unterstützer Syriens werden diese Probleme so oder so in ein paar Jahren anzugehen haben. Dann schon näher am eigenen Territorium oder darauf. Doch man geht sie besser an, nachdem man seine Gegenmaßnahmen geschaffen, erprobt und etabliert hat, statt sich fieberhafte Gedanken darüber zu machen, wie man denn jetzt in einem Vorort von Moskau oder Teheran verschanzte Rebellen aushebt.

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