Islamische Kredite

Ägypten manövriert sich immer sicherer in die Lage der späten UdSSR. Präsident Mursi nimmt behende Kredite und Schulden auf. Inzwischen gibt es auch vom Nachbarland Libyen einen sogenannten “islamischen”, also zinslosen, Kredit in Höhe von 2 Milliarden US-Dollar. Vorher hatte Katar 2,5 Milliarden USD zur Verfügung gestellt und stellt nun weitere 3 Milliarden in Aussicht. Nebenbei verhandelt Ägypten mit dem IWF über weitere fast 5 Milliarden. Das ist geradezu ein spätsozialistisches Tempo.
Dabei ist Ägypten kein armes Land. Es fördert Erdöl und Erdgas, es ist im Besitz eines der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Welt – des Suezkanals, und sieht damit wie ein durchaus solider Kreditnehmer aus. Nun wird aber der Großteil der aktuellen Kredite aus der Not heraus und zum sofortigen Verzehr aufgenommen. Das damit verfolgte kurzfristige Ziel ist klar: Abbau der akuten sozialen Spannungen. Doch sieht eine solche Behandlung der Krankheit aus, als wolle man das jetzige akute Stadium im Eiltempo in ein chronisches Leiden verwandeln wollen.
Im Endeffekt wird Ägypten nach der Aufnahme solcher kaum zu bewältigender Kredite schätzungsweise gezwungen sein, sich von seinen Aktiva zu trennen und den Gläubigern seine Industrie, seine Rohstoffvorkommen und weitere wichtige Einnahmequellen zu überlassen. Eine Staatsmacht im nicht nur nominellen Sinne dieses Worts gibt es nach wie vor nicht. Die Eliten sind gespalten, die Revolution geistert immer noch durchs Bewußtsein der Massen. Es wird kaum möglich sein, unter solchen Umständen zu garantieren, dass die Kreditmittel nicht simpel und einfach in düsteren Kanälen verschwinden.
Bisher führt die Politik der ägyptischen Regierung das Land direkt und ohne Umweg in die Katastrophe. Ein Zusammenbruch des bevölkerungsreichsten Landes in Nordafrika und Nahost bringt mit Sicherheit Effekte mit sich, in Vergleich mit denen der ganze Arabische Frühling mit all seinen Revolutionen und Kriegen sich wie ein Sommertraum ausnehmen mag.
Noch ein Detail zur Stimmung im Lande: Demnächst läuft die 15-tägige Frist der neuerlichen Festnahme Hosni Mubaraks ab. Das ist eine formaljuristische Sache – das Verfahren gegen ihn ist in Berufung gegangen, das vormalige Urteil ist aufgehoben worden, folglich muss die Festnahme befristet sein. Diese Formalität kann aus einer juristischen aber zu einer politischen werden, die imstande ist, eine neue Welle von Unruhen zu provozieren.
Der Richter, welcher dem Prozess gegen Mubarak vorstehen sollte, hat heute schnell mal das Handtuch geworden, und nun stehen die Machthaber vor dem Dilemma, entweder wider das Gesetz zu handeln und Mubarak länger festzuhalten, oder aber Unruhen zu riskieren. Weder das eine, noch das andere ist eigentlich annehmbar.
Die dritte Gewalt Ägyptens, nämlich die Nomenklatura der vormaligen Mubarak-Regierung, werden immer selbstsicherer, wenn es darum geht, die aktuellen Machthaber zu diskreditieren und sie in scheinbar ausweglose Situationen zu manövrieren. Es ist ja immer geschickt, wenn die “Revolutionäre” sich gegenseitig die Köpfe einrennen, immer wieder Unruhen aufflammen, Instabilität herrscht, die man regulieren und dosieren kann und irgendwann, zum passenden Zeitpunkt, genügend “vorglüht”, so dass eine Rückkehr an die Hebel der Macht durchaus realistisch wird. Die Frage ist nur: wer will schon an die Macht? Jeder beliebige Machthaber wird in der derzeitigen katastrophalen Lage in Ägypten schleunigst hunderte von Problemen anzugehen haben, die sich teilweise schon vor der Revolution angesammelt hatten, das Land aber in den seither vergangenen zwei Jahren der Anarchie weiter in Richtung Koma gebracht haben.
Nichtsdestotrotz wird die alte Garde nicht so einfach verschwinden. Es sieht ein wenig so aus, als versuche sie die Strippen an die Moslembrüder zu legen, derer sie sich dann und wann bedienen will, damit es letzteren niemals einfallen möge, die Privilegien und das Eigentum der “Aristokratie” aus Mubarak-Tagen anzutasten. Wenn die “Brüder” solche Winke allerdings nicht verstehen sollten, so kann es sein, dass es weiteren Druck und am Ende vielleicht doch einen Versuch geben wird, sich die Macht zurückzuholen.

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  • kaumi

    Für 1 Milliarde Dollar aus dem KSA überelgt es sich der jordanische König doch nochmal mit der „Neutralität“ bezüglich Syrienkonflikt:
    http://www.guardian.co.uk/world/2013/apr/14/syria-jordan-spearhead-saudi-arms-drive

    Ich bleibe dabei: wenige gezielte Schüsse reichen aus um dem Ganzen eine andere Wendung zu geben.

    • Anonymous

      „Ich bleibe dabei: wenige gezielte Schüsse reichen aus um dem Ganzen eine andere Wendung zu geben.“

      Auf Adolf Hitler wurden 42 Attentate verübt, unter
      anderem von Claus Schenk Graf von Stauffenberg,
      Georg Elser, Maurice Bavaud, Henning von Tresckow
      & Fabian von Schlabrendorf, und vielen anderen mehr.
      Unter Hitlers Attentätern waren Handwerker,
      Militärs,feindliche Agenten ebenso wie engste Vertraute.
      Es gibt ein sehr lesenswertes Buch des britischen
      Autors Roger Moorhouse zu diesem Thema,
      „Killing Hitler – Die Attentäter, die Pläne & warum
      sie scheiterten“.
      Festzuhalten bleibt, Politiker & Könige sind einfacher zu ermorden als Diktatoren.

      Hanauer

    • Nobilitatis

      Das trifft dann wohl neben Assad auch auf den saudischen und jordanischen und auch katarischen Monarchen zu. Und auf Erdogan. Während der Machtwechsel in Frankreich und in Israel und den USA nichts geändert hat.

    • Anonymous

      Politiker & Könige geben sich meistens Volksnah und
      sind deshalb „einfachere Ziele“, als menschenscheue
      Diktatoren, die sich in Bunkern & sogenannten
      „Hochsicherheitszonen“ verstecken.
      Beispiele für Politiker wären Olof Palme, JFK,
      Abraham Lincoln, Ylva Anna Lindh, Oskar Lafontaine,
      Wolfgang Schäuble, usw … .
      Für Könige (und zuküftige Könige) kann man den
      Erzherzog Franz Ferdinand, Gaius Julius Caesar,
      Wilhelm I von Deutschland, etc … aufführen.
      Wie gut sich die Despoten von SA & Katar, oder
      der Jordanische abschirmen & beschützen lassen
      entzieht sich meiner Kenntnis.

      Hanauer

    • ISKANDER

      @kaumi
      der kleine dicke König von Jordanien und seine Vorfahren waren noch nie souverän. Erst als Minimy des Saudi Reiches abgezweigt, eine Art Hofnarr des britischen Grenzregimentes, dann 5. Kolonne der zionistischen Landräuber, Verräter der palästinensischen Sache par excellence, nun zusätzlich ein Knecht der USA – immer dort zu finden wo ein Lüftchen weht – dient er sich nun den Wahabiten an in vollkommener Realitätsverkennung seiner Lage. Jordanien steht noch vor Saudiland auf der Agenda der Terroristen. Dankbarkeit kennen die nicht.
      Gebe ihm maximal noch 3 Jahre als King und dann heißt es Exil. Seine Armee ist nicht kampffähig wie Syriens Truppe. Jordaniens Fall geht wieselflink.

  • ISKANDER

    Die Struktur in Nahost ist etwas anders als in westlichen Staaten in Bezug auf „Kurswechsel“ nach gewaltsam herbei geführtem Ausfall der Integrationsfigur.
    Denken wir an Libanon an den 1982 ermordeten Bechir Gemayel (Christl. Maronit) und gewählter neuer Präsident des Libanon gemäß Proporzsystem.)
    Sein Tod führte zu keiner Veränderung, sein Bruder führte das zerbrechlich anmutende System des Landes weiter und diente getreu den Interessen Israels.
    Präsident Sadat`s Ermordung in Ägypten änderte nichts. Der Israel hörige Mubarak führte das Regime fort.
    Nein, ein Kurswechsel ist defacto bei den Golfparasiten und Ägypten nicht zu erwarten.
    Erinnert ihr euch noch an die verdächtig lange Phase zwischen Mubaraks Sturz und der Inthronisierung des US – Knecht`s von heute?
    Da war man im westen lange ratlos, wer denn geeignet sei um eingesetzt zu werden. Dieser Knecht mit dem losen Maul ist ein Papiertiger, ein Bettler im Westen, im Golf und ja – eben ein Muslimbruder. Was brauchts der Worte mehr?

    • kaumi

      Richtig ist, dass in deinen Beispielen eine gewaltsame Änderung an der Spitze zu keinem signifikanten Wechsel in der politischen Ausrichtung geführt hat. Das liegt aber daran, dass hier die „entfernten“ Köpfe nicht DAS System waren, sondern IN einem System waren – und hieraus ausgetauscht werden konnten.
      Im Falle der Petro-Monarchien, und vor allem unter Berücksichtigung der innersaudischen Gemengelage, ginge ich fest davon aus, dass die zeitnahe Beseitigung des saudischen und des qatarischen Königs bzw. Emirs einen entscheidenden Einschnitt bringen würde:
      in und um Riad ginge der königlichen Folge eine Art großangelegter „Familienkrieg“ voraus, und im Falle Doha wäre DAS System Qatar erledigt.
      Dazu käme die psychisch wirksame Botschaft aus der syrisch-iranisch-russisch-chinesischen Allianz, “ wir haben uns entschieden, euer Spiel mitzuspielen…“

    • Anonymous

      @kaumi

      Qatar und deren Foundation sind echt was besonderes. Der Westen ist so geldgeil, dass er die Infiltration zwar erkennt, aber felsenfest daran glaubt, die Kontrolle über alles behalten zu können. Mal sehen…
      http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58575

  • Anonymous

    In Ägypten ist das Verhältnis von Staatseinnahmen &
    Staatausgaben schon in normalen Jahren schlecht.
    Das liegt mMn unter anderem an nachkolonialen
    Strukturen, starkem Bevölkerungswachstum,
    ungleicher Verteilung von Reichtum, einem hohen Militäretat, an der Begrenztheit von
    landwirtschaftlicher Nutzfläche, Korruption & einer starken fixierung auf den Tourismus.
    Seit 2 Jahren bleiben aber immer mehr ausländische
    Touristen weg & diese Einnahmen fehlen dem
    ägyptischen Staat. Ich nehme an, daß die Kredite
    die entstandene Lücke füllen sollen.

    Hanauer

    • Mal sehen ob das noch jemanden erreicht, nach so langer Zeit…
      Der größte Makel der Ägyptischen Wirtschaft liegt meiner Einsicht nach in 3 wesentlichen Punkten:
      1. Nur mangelhafte Physikalische Produktion an Gütern
      2. Die schon erwähnte Fixierung auf Tourismus
      3. Die Landwirtschaft produziert nicht genug um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Das liegt weniger an der Begrenztheit der Anbaufläche, sondern eher an der Konzentration auf exportfähige Produkte. Diese Flächen fehlen zur Ernährung der heimischen Bevölkerung, und ist ein direktes Erbe der Kolonialzeit.