Von Löwen und Bären

Wadim Fefilow (NTV) unter Dschihadisten in Aleppo
Es gibt immer wieder Unklarheiten darüber, wie sich denn nun “Russland” letztlich bezüglich Syrien verhalten wird, und dabei reichen die Meinungen von “Putin hat Syrien abgeschrieben” bis “Russia Suriya my friend” [sic im jüngsten Video von ANNA-News aus Süd-Daraya]. Die Unklarheit rührt daher, dass eine solch gespaltene Einstellung bis in die hohen politischen Ränge der RF besteht, was man mitunter auch an der Berichterstattung nachvollziehen kann.
Vor drei Tagen brachte der russische, quasi staatliche TV-Sender NTV eine Reportage über die Rebellen in Aleppo. Federführend war der bekannte russische TV-Journalist Wadim Fefilow, der ebenso vor einiger Zeit bereits durch gar nicht so schlechte Reportagen über “Al-Kaida” glänzte. Bei der letzteren war er in den Tiefen des Jemen und Somalias unterwegs und hat wirklich eine Menge an interessantem Material zu einer teils ernüchternden Dokumentation zusammengefasst, die denn auch den Titel “Terra Al-Kaida” bekam und damit leidlich bekannt wurde. Die Rebellenreportage aus Syrien nun heißt, vielleicht daran angelehnt, “Das Territorium der AK”, wobei er “AK” primär als Kürzel für das bekannte russische Maschinengewehr versteht, dabei aber sicherlich auf “Al-Kaida” anspielt.
Der erste Gedanke beim Anlaufen dieser Reportage war: super, da sind welche dem hier beliebten Prinzip “audiatur et altera pars” verschrieben. Fefilow rennt in einem Pressekittel durch die Gegend, auf dessen Rücken in großen kyrillischen Lettern “Presse” steht, gibt sich damit aber bei den Rebellen mal für einen Polen, mal für einen Holländer aus, weil Russen ja aus bekannten Gründen dort nicht so beliebt sind. Eingeschleust wurde das Filmteam über die Türkei und unter dem Schutz einer der zahlreichen Banditengruppierungen, welche auch die gesamte Verweildauer von ungefähr 2 Wochen die Hand über den Russen hielten.
Gezeigt werden Rebellen, alles Syrer, ehemalige Raumdekorateure, Jurastudenten auf Semesterurlaub, desertierte Soldaten, Polizisten, Händler, Schafhirten und so weiter, die nun alle eins tun: gegen Dasblutigeregime kämpfen, wobei alle vollkommen ahnungslos darüber sind, wofür überhaupt: selbst solche globalen Ideen wie “Scharia” oder “Kalifat” sind den gezeigten Protagonisten nicht so ganz klar. Das, was einem “Verbrechen des Regimes” am nächsten kam, war das Zeugnis des alten und gebrechlichen Vaters, eines Mufti, eines der Rebellen, der angab, in den 1980ern im Knast gesessen zu haben, wo die Wärter ihm in den Tee pinkelten.
Der zweite Gedanke: dieser Film ist Propaganda. Und zwar Pro-Rebellen-Propaganda, welche die Terrorbrigaden als romantische Glamourfiguren darstellt, die “mit dem Gebet auf dem Gewehrlauf der Regierung bereits das halbe Land abgenommen haben” (Zitat aus dem Film). Die gezeigten Rebellen-Prototypen sind verschiedenen Ursprungs, aus verschiedensten Bevölkerungsschichten, und dargestellt werden sie allesamt sehr human. Ohne Halsabschneidereien (logisch), aber auch ohne allzu ausufernde Sympathien. Ein betont losgelöster Blick auf Menschen unter den Bedingungen eines vollwertigen Bürgerkriegs. Nicht mehr nur einer Rebellion und nicht einer auswärtigen Intervention, sondern eben gerade ein Bürgerkrieg wird gezeigt.
Es gibt noch eine Menge anderer Dinge, die man aus der Tiefe des Fefilow-Films fischen könnte, zum Beispiel könnte man darüber sinnieren, aus welchem kühlen Grunde alle der gezeigten “Rebellen” – Syrer und Vertreter wirklich aller Bevölkerungsschichten, darunter ehemals erfolgreiche Großunternehmer und Studenten – plötzlich nichts weiter formulieren und denken können als “Dschihad und Kalifat”. Das wäre der dritte Gedanke und ein eigenes Thema. Also keine Pro-Rebellen-Propaganda, sondern eine Warnung an die ganze Welt.
Denn es gibt noch die andere, ebenso russische Seite. Anastasia Popowa, Protagonistin des WGTRK-Filmteams, das vor einer Weile mit dem “Syrischen Tagebuch” für Aufsehen sorgte, ist vorgestern in New York mit einem “Briefing” zur Situation in Syrien aufgetreten. Unter dem Mantel der UN, genauer gesagt: der ständigen UNO-Vertretung der RF. Unter Teilnahme namhafter Vertreter diverser Organisationen wie etwa HRW oder dem Roten Kreuz. Sinn der Sache ist es, den Leuten die Augen zu öffnen, denn für die meisten ist dieser “alternative” Standpunkt etwas vollkommen neues. Dabei kann man sich sicher sein, dass man nicht einfach als x-beliebiger Reporter bei der UN auftreten kann. Hinter dieser Möglichkeit stand die russische UN-Mission, so dass man annehmen darf: es gibt in der russischen Regierung Kräfte, die an diesem Vektor der Berichterstattung interessiert sind. (Im Vesti-Bericht über den Auftritt in N.Y. wird in einem Nebensatz angemerkt, dass Anastasia Popowa bereits bei der UN in Genf mit dieser Sache zu Gast war und als nächstes nach Deutschland kommen soll. Genaueres weiß ich aber nicht.)
Anastasia Popowa mit Baschar al-Dschafari, dem syrischen UN-Botschafter

„Briefing“ mit dem „Syrischen Tagebuch“ in der russischen UN-Mission

Soviel zum “Vergeltungsschlag”, den Jörg von Putin fordert oder erwartet: es kommt in Russland wahrscheinlich darauf an, wer an welchem Hebel sitzt. Mehr oder weniger typisch für einen Staat, der von den übrigen “Großen” nicht (mehr) als ernstzunehmender Player betrachtet wird, weil die ganze Machtvertikale schon durchkorrumpiert ist. Treffend (wie meistens) dazu Brzezinski über die “russiche Elite”, sinngemäß so auf dem “Globalen Politischen Forum” 2011 in Jaroslawl (RF): “Russland kann so viele Koffer mit den Schlüsseln für seine Atomwaffen haben, wie es will. Ungefähr 500 Milliarden Dollar, die der russischen Elite gehören, befinden sich in unseren Banken. Deswegen werdet euch erst einmal klar darüber, ob das eure Elite ist oder vielleicht sogar schon unsere? Ich kann mir keine Situation vorstellen, bei der Russland sein Atomwaffenpotential einsetzen könnte.”

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