Totgesagte, Teil 2

Der vor ein paar Tagen wieder einmal gemeldete klinische Tod des saudischen Königs Abdullah wurde, weil man es wohl schon gewohnt ist, ziemlich gleichgültig durch die Kolumnen gejagt. Keine Titelseiten, kein Börseneinbruch, keine bankrotten “Börsianer”, die sich aus den Wolkenkratzern stürzten.

Die Gleichgültigkeit ist verständlich: zum Einen ist das iranische Press-TV die “große” Quelle, mit Verweis auf unbekanntere Asharq Al-Awsat. Press-TV hat sich nun bereits durch verschiedenste Hurrameldungen eine gewisse eigene Reputation erarbeitet. Die jetzige Meldung nun ist interessanterweise nichts weiter als ein wenig bearbeitetes Copy+Paste, also die nahezu wortwörtliche Wiederholung einer analogen Meldung, die exakt ein halbes Jahr zuvor kam. Der einzige Unterschied ist – eingangs in der Meldung – dass die Todesursache diesmal keine akute Atemwegsinfektion, sondern Nieren- und Herzversagen sein soll.

Zum anderen: König Abdullah hat schon dermaßen viele klinische Tode überlebt, dass es für alle Fälle sinnvoll ist, nicht im Voraus zu trauern, sondern das Endgültige abzuwarten. Dabei ist die Statistik so, dass zwar der König dann und wann klinisch tot ist, begraben werden aber eher seine Kronprinzen. In den vergangenen anderthalb Jahren sind es ihrer drei, die aus “biologischen Gründen” ihre Aspirantenposition an den jeweils nächsten weiterreichen mussten. Die jüngste Nachricht ist also vielleicht eher für Salman ibn Abd a-Aziz, den derzeitigen Kronprinzen, Grund zur Sorge.

Nichtsdestotrotz ist es um den König so bestellt, dass Press-TV irgendwann auch einmal einen Treffer landen kann. Tritt sein Tod in diesen Tagen ein, so könnte die Arabische Halbinsel von einer Vielzahl von ernstzunehmenden Problemen ergriffen werden. Es hat also Sinn, diese Meldungen weiter zu verfolgen.

Bislang gab es aber weder Bestätigungen noch Dementis dessen, was Press-TV meldete. Was es aber noch gibt, ist folgendes: König Abdullah hat die saudische Nationalgarde in den Rang eines Ministeriums erhoben und Prinz Mutaib bin Abdullah folglich zum Minister ernannt. Dem Datum der Meldung zufolge zwei Tage vor seinem klinischen Tod.

Die Nationalgarde oder “Weiße Armee” ist eine Parallelstruktur zur regulären Armee, die sowohl zahlenmäßig beeindruckend groß aufgestellt, als auch militärtechnisch modern ausgerüstet ist, einschließlich Panzerfahrzeugen, Artillerie und immerhin Kampfhubschrauber. Im Grunde ist die Nationalgarde so etwas wie die Streitkräfte im Inneren, welche für Saudi-Arabien, das vor etwas über achtzig Jahren aus Flicken zusammengebaut und nach wie vor von bedeutenden inneren Widersprüchen geprägt ist, sicherlich seine Aktualität hat.

Interessant ist dabei auch noch, dass während sich die Streitkräfte und die Polizei samt Sicherheitsdiensten unter den Fittichen des Sudairi-Clans befinden, die Nationalgarde von Abkömmlingen aus dem Stamm der Schammar befehligt werden – König Abdullah ist mütterlicherseits ein Schammar und war auch vor Mutaib, bis 2010, Chef der Nationalgarde.

Die Erhebung der Garde in die Höhen eines königlichen Ministeriums und damit auch die Erhebung von Mutaib bin Abdullah kann man eigentlich fast nur als eine Verschärfung der Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Clans der Dynastie deuten. In diesem Sinne ist vielleicht gerade die abermalige Meldung zum Tod Abdullahs kein Zufall; es ist dabei nicht einmal so wichtig, wie es dem König wirklich geht, wichtiger wäre, wann diese Meldung kommt. Auch früher gab es sicherlich bei absehbaren Machtwechseln in Saudi-Arabien Probleme, aber der jetzige bringt neben den Machtbestrebungen der einzelnen Clans auch noch einen unvermeidlichen Generationenkonflikt an die Oberfäche. Fast bekommt man den Eindruck, als habe der Reichsgründer Abd al-Aziz ibn Saud sein Erbe mit einem Verfallsdatum von rund 80 Jahren versehen. Insofern werden auch die innenpolitischen Leibesübungen komplizierter, wie das die Sache mit der Nationalgarde veranschaulicht.

Zur Erläuterung: das Problem besteht nicht darin, wer der Thronfolger Abdullahs sein wird. Es gibt ihn ja bereits. Die Machtübertragung wird also wohl normal und konfliktlos verlaufen. Kronprinz Salman ist zwar nicht viel gesünder als König Abdullah, aber er lebt wirklich, weshalb der Prozess der kommenden Thronfolge keine Fragen aufwirft. Es geht hier um die verschiedenen Interessen bei der Benennung des künftigen Kronprinzen. Also wer der Thronfolger des möglichen Königs Salman werden wird. Es gibt die Vermutung, dass man bei einem König Salman Prinz Mukrin zu seinem Kronprinzen ernennt – er ist wohl der letzte halbwegs zurechnungsfähige Vertreter der Kinder Abd al-Aziz’. Er ist der Sohn einer Jemenitin und hat aus diesem Grunde nicht die besten Aussichten, aber als Übergangsvariante für die Zeit interner Machtkämpfe würde seine Kandidatur reichen.

Die wichtigste Frage stellt sich allerdings nach der Beteiligung Saudi-Arabiens an dem Konflikt in Syrien. König Abdullah ist der Motor hinter der Parteinahme der Saud und der Finanzierung der Salafitenbrigaden. Ein bedeutender Teil der saudischen Familienelite ist davon nicht begeistert, weil sie davon ausgehen, dass Saudi-Arabien in diesem Krieg keinerlei strategische Perspektiven verfolge.

Es gibt aber eben auch die gegenteilige Meinung, der König Abdullah anhängt. Was treibt den König zu diesem gefährlichen Experiment? Gefährlich, weil der Krieg die Region zu ergreifen droht. Und das ist es: ein Krieg, in dessen Zuge Jordanien fällt. Die Saud sind angesichts der US-amerikanischen Vorstellung von einem Großjordanien, das weit nach Süden bis an die Küste des Roten Meeres reichen, während die heiligen Städte Mekka und Medina einem neuen “heiligen islamischen Staat” zufallen sollen, doch seit geraumer Zeit in Teilen recht nervös.

Die Logik des Königs kann man durchaus nachvollziehen – das Projekt “Großjordanien” muß durch die Demontage Jordaniens verhindert werden. Es bräuchte nur den syrischen Konflikt in noch mehr lose regierte Nachbarstaaten überschwappen zu lassen. Flüchtlingslager hat Jordanien schon mehr als genug…

Diese Idee ist nun wiederum schwer zu realisieren und andererseits in ihren Folgen höchst gefährlich. Und hinter dem Rücken des Königs spielt der Emir von Katar ein kompliziertes Spiel mit seinen Moslembrüdern, der ganz offensichtlich eigene Ansichten über die Gebiete am Jordan hat.

Es gibt aufgrund all dessen eine gute Chance, dass Saudi-Arabien nach dem Tod König Abdullahs seine Beteiligung am syrischen Konflikt herunterfährt, was wiederum sein Verlöschen bedeuten würde – allein wird Katar die Sache nicht finanzieren können. Vielleicht hängt die Weigerung der europäischen Kolonialmächte, das Waffenembargo “gegen Syrien” zu verlängern, auch mit dieser Variante zusammen. Für den Fall, dass Saudi-Arabien als Aggressor ausfällt, können solche Waffenlieferungen die Aktivität der in Syrien agierenden Todesschwadronen und Marodeure einige Zeit lang am Leben halten.

Tags:

Trackback von deiner Website.