Aleppo: Volkxsturm

Das “Scharia-Kommitee der Provinz Aleppo” verkündete vor wenigen Tagen eine Generalmobilmachung “aller Moslems der Provinz” zum Dschihad.

Was genau dieses “Scharia-Kommitee” ist, bleibt dabei nicht so ganz klar, doch es sieht nach einer Art bürgerlicher oder quasi-bürgerlicher und dabei natürlich bewaffneter Selbstverwaltung aus. Auf den von den Rebellenbrigaden kontrollierten Gebieten schießen diverse solche Strukturen: Kommitees, “Emirate”, Standgerichte, Ordnungsdienste und so weiter – wie die Pilze aus dem blutgesättigten Boden, um kurz darauf wieder umgemäht zu werden. Siehe auch Libyen vor 1-2 Jahren. Rein geographisch könnte es sich bei diesem “Scharia-Kommitee” um ein Organ der Al-Nusra-Front handeln. Und es waren wohl diese “Jungs”, die man unlängst eine FSA-Fahne durch ihr schwarzes Todesbanner ersetzen sah.

Danach (und nach den Informationen im Zusammenhang mit der inzwischen in aller Munde kursierenden Operation “Nordsturm”) zu urteilen, ist die Lage der Terrorbrigaden in Aleppo inzwischen nahezu verzweifelt. Kurz vor der Verbreitung dieses Aufrufs gab es wieder verstärkte Versuche, das Gefängnis von Aleppo zu stürmen, in welchem verschiedenen Angaben zufolge mehr als 1.000 Rebellenkämpfer einsitzen. Vor drei Tagen wurde die türkische Grenze für die Einreise (also in die Türkei) geschlossen, woraufhin es dort zwischen A’zaz und Kilis einige heftige Gefechte zwischen der türkischen Armee und Al-Nusra-Brigaden gegeben hat, die dahin durchzubrechen versuchten. A’zaz, seit Mitte/Ende Juli 2012 unter Kontrolle der FSA, ist nach meinen letzten (zugegebenermaßen nicht mehr allzu frischen) Informationen eines der derzeitigen Zwischenziele der syrischen Armee.

Es sieht danach aus, als würde die Falle langsam zuschnappen und die Massen der Militia werden sich allmählich darüber klar, dass sie der Vernichtung unterliegen. Der Versuch einer solchen Generalmobilmachung zeugt davon, dass es offenbar keine andere Möglichkeit mehr gibt, ihre Reihen aufzufüllen. Es ist natürlich klar, dass unter Waffen gestellte Zivilisten, zumal solche, die man zum bewaffneten Kampf zwingen muss, im Sinne einer Kampfkraft weniger als nichts taugen. In der Vergangenheit mag es Fälle gegeben haben, bei denen ein solches eilig zusammengeworfenes Aufgebot einen anstürmenden Gegner eine Weile lang aufzuhalten vermochte, wie etwa im 2. Weltkrieg bei der Schlacht um Moskau ab Ende 1941 oder der sogenannten “Luga-Linie” zwischen Pskow und Luga im Sommer 1941. Es hat aber kaum Sinn, das mit der jetzigen Lage in Aleppo zu vergleichen – die Mobilmachung im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjets folgte auf eine ganz andere Qualität an Motivation, zumal die mobilisierten Zivilisten sich damals wohl darüber im Klaren war, dass ihr Tod Zeitgewinn bedeutet, damit Raum für neue Verteidigungslinien schafft, an denen der Feind wieder und wieder ins Stocken gerät und langsam zermürbt wird – durchaus auch zu einem solchen Preis.

Zeit bekämen die in und um Aleppo hausenden Rebellen dadurch höchstens vor ihrem eigenen Ende. Reserven für “Verteidigungslinien” in feindlichem Gebiet gibt es nicht, deswegen richtet sich der Aufruf auch an “alle Moslems” und bedient damit eine von vornherein schwache und abstrakte Ebene der Gruppenidentifikation. Hier haben wir es also sicherlich mit einer Verzweiflungstat zu tun. Ein merklicher Effekt wird also höchstwahrscheinlich ausbleiben.

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