Adolf Romney hatte Recht

Die US-amerikanische “Foreign Policy” unternimmt wohl den ersten Schritt zum öffentlichen Eingeständnis dessen, was den Amerikanern bisher immer nur in Form von Kritik, Häme und Karikaturen vor die Nase gehalten wurde: Die USA und NATO haben mit dem islamistischen Terror gleiche Ziele, gleiche Interessen und sind folglich  mit diesem alliiert. Oder sollten es sein. Bisher folgt das nur als eine Art Schlussfolgerung aus den geopolitischen Verschiebungen seit 9/11. Bleibt abzuwarten, wann ins offen Gespräch kommt, dass das Eine in weiten Teilen Kind des Anderen ist.

Dass die Amerikaner die Russen als Feind Nummer bezeichnen, ist natürlich viel der Ehre, aber es stimmt nicht mehr ganz. Der Feind Nummer Eins ist inzwischen schon ein anderer. Der Artikel in “Foreign Policy” ist aber überwiegend auf den US-amerikanischen Konsumenten mit seinen Stereotypen zugeschnitten, es braucht gewisse gängige Gedankenstützen dafür, den wesentlichen Sinn des Geschriebenen zu verstehen. Dass man Russland hernimmt und ihm gewohntermaßen die Rolle des Evil Empire anhängt, ist also aus Sicht des Autors ein legitimes Mittel.

Wichtig an dem Text ist aber etwas anderes. Die Amerikaner zeichnen ein ziemlich genaues Bild ihres Gegners im Nahen Osten. Dieser Gegner ist ein Alliierter Russlands. Und der Gegner ist kein Staat oder Land – dieses Prinzip ist überholt – sondern wird nach Konfessionszugehörigkeit definiert. Es erfolgt eine genaue Positionierung: die Schiiten sind die “Bösen”, die Sunniten – die “Guten”. Gut sind sie nicht, weil sie gut sind, sondern weil sie gegen die “Bösen” kämpfen. Und dann greift die Logik, welche zu “perversen” (sic) Gedankengängen führt, die aber nichts weiter als ein Eingeständnis sind:

“…eine jegliche erfolgreiche Initiative könnte ein wahrhaftig perverses Denken erfordern. Es wäre eigentlich konsequent, die [irakischen] Sunniten zu unterstützen, welche derzeit den schiitischen, Teheran-freundlichen Machthabern in Bagdad Widerstand leisten; und pervers scheint das, weil genau das auch ein Ziel der Al-Kaida ist. Auch der Sturz Assads in Syrien, etwas, was die Obama-Administration wiederholt gefordert hat, eint uns mit der Al-Kaida und ihren Zielen. Sicher, hätten wir seinerzeit davon abgesehen, Saddam Hussein zu stürzen, hätten wir dieses ganze Wirrwarr vermeiden können; aber das war damals, wir leben jetzt. Eine konsequente Strategie, die darauf abzielt, das Erreichen russischer geostrategischer Ziele zu vereiteln, bedeutet, dass man sich auf die Seite der Sunniten im Irak stellt.”

In der Tat, so schreibt John Arquilla in der FP, wir werden die Al-Kaida schon allein deshalb unterstützen, weil sie gegen die Schiiten ist, gegen Assad, gegen den Iran und gegen die Schiiten in Bagdad. Q.e.d. Diese Passage wird von dem einen oder anderen Autor in verschiedenen Variationen sicher noch eine gewisse Weile lang wiederholt werden, bis die Amerikaner es endgültig geschluckt haben: die Schiiten, das sind die Bösen, die Diktatorenbrut, das ist der kollektive Hitler von heute. Mal ganz ungeachtet dessen, dass ein “schiitischer Block” heute noch nicht besteht, gehen die USA bereits daran, eine dagegen angesetzte Begriffsdefinition zu betreiben und sie im Bewusstsein der Massen anzupflanzen.

In diesem Sinne sind sie den Ereignissen voraus, während Russland nach wie vor beharrlich davon redet, für den Frieden in der ganzen Welt und insbesondere im Nahen Osten zu sein. Es gibt in dieser Lage zwei Möglichkeiten. Entweder spielt man nach diesen von den USA aufgezwungenen Spielregeln und gibt damit implizit sein Einverständnis mit dem von ihnen heraufbeschworenen künftigen Konflikt, innerhalb dessen das “Feinderkennungssystem” – also “Freund” oder “Feind” – nach der jeweiligen Version des Islam bestimmt wird, oder man versucht, sein eigenes Erkennungssystem in dem trotzdem unvermeidlichen Konflikt zu definieren und es ebenso zu popularisieren.

Syrien ist trotz aller Erfolge “am Boden” immer noch hinterher, was die Informationen und Medien betrifft. Schon allein deshalb, weil es dem vom Westen aufgezwungenen Modell der Konfliktinterpretation (“Alawiten vs. sunnitische Mehrheit”) nichts entgegenzusetzen hat. Die Syrer versuchen unentwegt zu vermitteln, dass das unwahr sei und sie in einem säkularen Staat leben, in dem konfessionelle Unterschiede keine solche Rolle spielen. Aber dabei handelt es sich um einen Aufholversuch, es ist eine vollkommen reflexive Taktik. Es gibt derzeit kein Modell, dass dem eines angeblichen Konfessionskriegs gewachsen wäre und das man dem weltweiten Informationskonsumenten in Form von einfachen Sätzen, in Kolumnen und Comics vermitteln könnte. Es bleibt also kein anderes Mittel, als der militärische Sieg. Der nun ist aber sowohl schwierig zu erreichen und in allen Hinsichten teuer. Solange es kein griffiges, meinetwegen ebenso auf ideologischem Niveau funktionierendes Gegenkonstrukt gibt, können die Feinde Syriens immer neues Kanonenfutter heuern, welches aufrichtig glauben wird, sie ziehen in den Dschihad. Die Kriege der Neuzeit sind nun einmal überwiegend Informationskriege und tragen einen kognitiven Charakter. Ist man in diesem Bereich unbewaffnet, riskiert man den Untergang oder muss für einen Sieg einen wahrscheinlich unannehmbar hohen Preis zahlen.

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