Archiv für Juli, 2013

Beati Pacifici

Ahmad Badreddin Hassoun, der Großmufti Syriens, am 24. Juli 2013 in Damaskus. Sehr lesenswerte Rede. Ich publiziere sie ohne eigene Kommentare aus dem Sommerloch heraus. Die Aufzeichnung der Rede des syrischen Großmufti sowie die ursprüngliche Übersetzung ins Russische ist von Anhar Kotschnewa.

„Preis sei dem Herrn, dem Schöpfer der Welten, dafür, dass er uns jene sandte, die uns die himmlischen Botschaften überbrachten und dass er uns mit Frieden beglückt hat.

Ich möchte Herrn Akram, den Leiter des Nationalrats sowie Herrn Muhammad Dschihad al-Lahham begrüßen.

Damen und Herren, Brüder und Schwestern!Wir bedurften einer Begegnung. Allerdings nicht dazu, um gemeinsam zu Abend zu essen, sondern um Gedanken dazu auszutauschen, wohin Syrien geraten ist, dem Gott alle drei gesegneten Religionen niedergesandt hat.

Heute trägt unsere Heimat eine Vielzahl von Wunden. Diese Wunden müssen unserer Familie zum Anlass gereichen, sich zu vereinigen. Sonst wird sie in viele Teile zerrissen werden. In den vergangenen zwei Jahren hat unser Volk und haben unsere Bürger gezeigt, dass sie ein Ganzes sind. Das Feuer des Religionskrieges wurde angefacht, aber das Volk hat es durch seine Friedfertigkeit und Güte gelöscht. Es wurden drei religiöse Bekenntnisse ausgerufen, aber das Volk antwortete mit der Einheit im Glauben. Sie haben versucht, uns in Konfessionen aufzuteilen, doch wir bekennen den Glauben an das Licht der Liebe und der Güte. Sie haben uns in Strömungen unterteilt, doch unsere Strömung ist die Blüte unserer Heimat. Ihr Ziel ist die Vernichtung der Menschheit. Wir aber wollen einen Menschen schaffen, der zum Wohle seiner Nächsten lebt. Herr Hussein, der uns hier versammelt hat, versteht all das. Und versammelt hat er jene, deren Herzen sie nicht auseinanderreissen konnten.

Interna: Sommerloch

Bis mindestens Ende der ersten Augustwoche wird es hier schätzungsweise keine Updates geben. Das gesamte gigantische Redaktionskollegium geht auf allen zwei Rädern in unbezahlten Sommerurlaub. Wie immer gilt: bleibt artig. Die Kommentare bleiben offen; die Einstellungen sind für den Sommer so verändert, dass man auf (fast) alle Beiträge, die jeweils nicht älter sind als 30 Tage, noch kommentieren kann. Schönen & friedlichen Sommer an alle!

 


Update. Hierunter die Schafe von 2013:

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Al-Qabun: Straßenarbeiten

Die Dokumentation des Einsatzes in Al-Qabun geht weiter. Einige Dinge rufen Kopfschütteln hervor. Vor allem der Fakt, dass die Straße für den Militäreinsatz offensichtlich nicht gesperrt wurde. Zivile Busse, Lkws, Linientaxis und Pkw rasen mit Vollgas durch’s Trommelfeuer der Republikanischen Garde. Unglaublich. Zu dem Einsatz unter dem eingebetteten Video noch ein Lagebericht von Marat Musin (ANNA-News) vom gestrigen Sonntag. Die Aufnahmen stammen wohl vom Samstag.

Al-Qabun: Vor dem Angriff

ANNA-News dokumentiert seit einer Weile den Einsatz der syrischen Armee in Al-Qabun (Hintergrund: „Syria army recaptures Damascus neighborhood„). Gestern wurde eine kurze Reportage veröffentlicht, die – bis auf die Schlußsekunden – vollkommen undramatisch ist, aber doch einige interessante Dinge enthält, ganz besonders, wenn man sie mit den bekannten Allahu-akhbar-Clips der Rebellenbanden vergleicht. Nein, auch hier wird mit Waffen gewedelt. Aber… die Gesichter, die Moral, die Freundlichkeit der Männer hier. Oder der seit ungefähr einem halben Jahr immer wieder zu sehende improvisierte RPG-Schutz am Turm der T-72. Oder die beiden Typen mit rosa Hello-Kitty-Rucksäcken (die man in dieser Montur auch schon im Einsatz erleben konnte). Oder wie ein BMP beinahe einen vorbeifahrenden Pkw rammt (7:40). Und welche Freude es machen muss, einen Panzermotor im Leerlauf kurz aufheulen zu lassen, und eine 180-Grad-Wendung auf Asphalt zu machen. Dabei kann jeder, der es mal erlebt hat, sagen, dass es auch unter vollkommen friedlichen Umständen nichts als schmerzhaft ist, in einem BMP mitzufahren.

In die Ecke, Besen…

Im unter der Hand laufenden, dabei aber nicht allzu sorgfältig kaschiert stattfindenden Wettbewerb zwischen Katar und Saudi-Arabien um eine gewisse regionale Vormachtstellung sieht es so aus, als liege dabei nun jemand anderes vorn. Vielleicht nicht für lange Zeit, aber: Katar tritt allem Anschein nach vorerst ins Zwielicht zurück.

Der neue Emir Tamim hat den ehemaligen Premier und Außenminister Hamad ibn Dschasim al-Thani nicht nur aus seinen staatlichen Ämtern, sondern auch vom Posten des Chefs des katarischen Investmentunternehmens Qatar Investment Authority entlassen. An seine Stelle wurde der momentan 37-jährige Ahmad Mohammed al-Sayed gesetzt. Dieser war bis dato Funktionär in ähnlichen Institutionen – unter anderem bei der Börse des Katar – und ist ein Profi, was Investitionen und Finanzen angeht. In der Politik hat er aber, im Unterschied zu Hamad, weder Erfahrung noch, wie es aussieht, Ambitionen.

Der neue Emir beginnt also damit, Wirtschaft und Politik zu trennen. Beides zu vermengen scheint zu teuer und auch zu gefährlich geworden zu sein.

Die ursprüngliche Strategie des “alten” Emir Hamad bestand darin, dass Katar im Wesentlichen am Erdgasexport verdient – koordiniert wurde diese Strategie von Abdullah bin Hamad al-Attiyah, welcher auf die Flüssiggastechnologie setzte -, und die aus dieser Quelle gewonnenen Mittel wurden weltweit investiert. Diese Investitionen verliefen unter der Leitung der Qatar Investment Authority, also unter Hamad ibn Dschasim al-Thani. Schöne Dinge wie “The Shard” in London sind die Folge davon.

Al-Qabun: Wühlarbeit

Vor einer Weile schrieb hier mal jemand, als die Sache mit den Tunneln (ich glaube, es war in Harasta) aufkam: ach was. Der Boden sei felsig oder steinig, es ist undenkbar, dass man um Damaskus und in Syrien generell irgendwelche Tunnel wühlt. Das ist natürlich längst widerlegt. ANNA-News zeigt uns heute nun zwar nicht den ersten, aber doch einen der … längenmäßig wohl beeindruckendsten. Ganze 500 Meter lang in Al-Qabun, einem nordöstlichen Vorort von Damaskus. Alle Schikanen, die man sich als Ratte wünschen kann: Verzweigungen, Schießstände, Stromgeneratoren, Werkzeug, Videomonitoring-Posten, Matratzen mit Klimaanlage.

Einfühlungsvermögen

BBC bringt, ohne auf die näheren Umstände einzugehen, ein Interview mit Abu Sakkar, dem als “Menschenfresser” bekannt gewordenen Banditen, mit genau dem, der im Mai zu sehen war, wie er Herz, Lunge, oder Leber eines kaltgemachten Opponenten kostete.

Wahrscheinlich ist es ein Anzeichen von gutem Journalismus, wenn man wirklich alle zu Wort kommen läßt, aber der Text auf BBC liest sich doch sehr wie eine Apologie: “Der Krieg macht Menschen zu sowas.” Und ganz nebenbei liest man, dass Abu Sakkar das Herz, oder was immer es war, gar nicht “gegessen”, sondern nur… wahrscheinlich angeleckt hat, oder so. Eine gewisse arabische Version von “taste, but don’t swallow”, falls sich jemand an diesen recht guten Film erinnert.

Und überhaupt zog Abu Sakkar diese Show ab, um damit gegen die Untätigkeit des Westens zu protestieren, der die Rebellen nicht mit schweren Waffen und Flugverbotszonen unterstützt. Mit der Logik ist bei Abu Sakkar auch soweit alles in Ordnung: die westlichen Kuffar, die mittelfristig sowieso durchdschihadisiert werden müssen, sollen ihre künftigen Henker gefälligst ausrüsten und unterstützen, ansonsten kommen noch viel schlimmere Dinge auf Youtube. “Wir haben noch gar nichts gesehen.”

Seltsam. Er hätte auch gleich konkret damit drohen können, demnächst noch barbarischer zu protestieren. Denkbar wäre eine auf Handycam gefilmte Kopulation mit einem Nil-Krokodil. Oral. Um die Tierschützer psychisch zu traumatisieren. Die haben ja im Falle von Libyen auch mit für eine Flugverbotszone gesorgt; dieser Erfolg inspiriert.

Mursibey

Kaumi schreibt:

Meine große Hoffnung ist erfüllt. Ein sunnitisches Land befreit sich von den Ichuan und erteilt dem rückständig-salafistisch angehauchten Islamismus made in Gulfstates eine Abfuhr. Der Kreis ist geschlossen: Die Bruderschaft stirbt dort wo sie geboren wurde. Ein guter Tag für Syrien, ein fabelhafter Tag für Ägypten und ein dunkelschwarzer Tag für die dicken Scheichs.

Sagt Kaumi. Den Optimismus hinsichtlich Syrien würde ich gern teilen, könnte ich nur. Elchibey lässt mich nicht – dazu gleich. Aber: die Bruderschaft stirbt? Ein Land befreit sich? Wohl kaum. Das Land ist nach wie vor in etwa 50/50 gespalten. Das Militär hat gesprochen und mag statt demokratischer Experimente nun eventuell einmal ein Krisenmanagement durchsetzen. Das wird sich zeigen.

Es gab seinerzeit einen Mann namens Abulfaz Elchibey. Wen Details dazu interessieren, der kann getrost nachlesen. Kurz gesagt: ein Dissident aus Sowjetzeiten, Panturkist, hausgebackener Intellektueller, Russophobe, dabei ein durch und durch anständiger Mann und genauso durch und durch inkompetent in allen Dingen mit Ausnahme der Philologie, speziell arabischen und der Turksprachen. Er wurde auf der Welle der dominomäßig um sich greifenden Unabhängigkeitserklärungen der ehemaligen Sowjetrepubliken von den aserbaidschanischen Volksmassen mehr oder weniger in das Präsidialkabinett getragen, umgab sich mit “makellosen Patrioten” und ging daran, das aserbaidschanische Nationalparadies zu erbauen. Recht schnell ließ er allerdings die Nase hängen, das Land verfiel in noch schlimmeres Chaos, was anfangs unvorstellbar war – schlimmer geht nimmer, dachte man. Doch es ging. Die Korruption und die Armut der Massen wurden durch die Serie militärischer Niederlagen in Berg-Karabach zum Zeichen seiner kurzen Amtszeit, so dass er schließlich, nun schon aller Leute Buhmann und von allen gehasst, die ihn gerade noch vergöttert hatten, durch einen Militärputsch abgesetzt und ins Exil geschickt wurde. Heydar Aliyev übernahm und machte recht schnell Schluss mit den Unruhen und etablierte seinen Clan an der Spitze Aserbaidschans.