Mursibey

Kaumi schreibt:

Meine große Hoffnung ist erfüllt. Ein sunnitisches Land befreit sich von den Ichuan und erteilt dem rückständig-salafistisch angehauchten Islamismus made in Gulfstates eine Abfuhr. Der Kreis ist geschlossen: Die Bruderschaft stirbt dort wo sie geboren wurde. Ein guter Tag für Syrien, ein fabelhafter Tag für Ägypten und ein dunkelschwarzer Tag für die dicken Scheichs.

Sagt Kaumi. Den Optimismus hinsichtlich Syrien würde ich gern teilen, könnte ich nur. Elchibey lässt mich nicht – dazu gleich. Aber: die Bruderschaft stirbt? Ein Land befreit sich? Wohl kaum. Das Land ist nach wie vor in etwa 50/50 gespalten. Das Militär hat gesprochen und mag statt demokratischer Experimente nun eventuell einmal ein Krisenmanagement durchsetzen. Das wird sich zeigen.

Es gab seinerzeit einen Mann namens Abulfaz Elchibey. Wen Details dazu interessieren, der kann getrost nachlesen. Kurz gesagt: ein Dissident aus Sowjetzeiten, Panturkist, hausgebackener Intellektueller, Russophobe, dabei ein durch und durch anständiger Mann und genauso durch und durch inkompetent in allen Dingen mit Ausnahme der Philologie, speziell arabischen und der Turksprachen. Er wurde auf der Welle der dominomäßig um sich greifenden Unabhängigkeitserklärungen der ehemaligen Sowjetrepubliken von den aserbaidschanischen Volksmassen mehr oder weniger in das Präsidialkabinett getragen, umgab sich mit “makellosen Patrioten” und ging daran, das aserbaidschanische Nationalparadies zu erbauen. Recht schnell ließ er allerdings die Nase hängen, das Land verfiel in noch schlimmeres Chaos, was anfangs unvorstellbar war – schlimmer geht nimmer, dachte man. Doch es ging. Die Korruption und die Armut der Massen wurden durch die Serie militärischer Niederlagen in Berg-Karabach zum Zeichen seiner kurzen Amtszeit, so dass er schließlich, nun schon aller Leute Buhmann und von allen gehasst, die ihn gerade noch vergöttert hatten, durch einen Militärputsch abgesetzt und ins Exil geschickt wurde. Heydar Aliyev übernahm und machte recht schnell Schluss mit den Unruhen und etablierte seinen Clan an der Spitze Aserbaidschans.

Das Ding ist, dass Elchibey schon im Augenblick seines Triumphs verloren war. Was auch immer er oder die jubelnden Massen im Baku des Jahres 1992 sich ausgemalt haben mögen, die eigentliche Strategie wurde von ganz anderen Leuten gefahren. Von klugen und berechnenden Leuten, die dazu in der Lage waren, das Risiko abzuschätzen, das es im Zusammenhang mit den außer Kontrolle geratenen Volksmassen und der notwendigen Befriedung derselben gab. Wie in Ägypten, so war auch dort von vornherein klar, dass die Mischpoke der tagträumenden Ex-Dissidenten in recht kurzer Zeit alles, was wirtschaftlich noch funktionierte, kaputtregieren werden, oder dass die “makellosen Patrioten”, welche man anstelle der “korrupten sowjetischen Parteinomenklatur” (in Ägypten: “Mubarak-Regime”) setzte, zwar weiterhin lauthals fabulierend, so aber doch in die eigenen Bäuche arbeiten werden, sobald sie erst einmal in die Nähe des staatlichen Futtertrogs kommen würden.

Mit anderen Worten: um das Absurde unter Kontrolle zu bekommen, muss man nur für eine Weile in die Schatten treten (dabei natürlich die eigentlichen Hebel in den Händen behalten) und es dem Absurden gestatten, über alle denkbaren und undenkbaren Grenzen zu eskalieren, wonach die Massen, die nicht verstehen, weshalb denn nach dem langersehnten Machtantritt eines “Guten” die Lage nicht nur schlimmer, sondern vollkommen unerträglich geworden ist, ihre gestrigen Idole in die Gosse treten und an ihrer Stelle jedem Applaus spenden, der ihnen das Heil bringt. Das heisst dem, der von den klugen und berechnenden Strategen schon “damals” eingeplant worden war, als die ganze Sache erst angeleiert wurde. So war es in Aserbaidschan. So war es auch in Georgien. Und gleiches scheint sich in Ägypten zu wiederholen. Gestern bereits tauchte der Name des ägyptischen Favoriten der Demokraten von 2012 wieder auf. Na?

Wozu “macht” man denn “einen Tahrir”? – Weil es eine bedrohliche Lage gibt, weil es ernsthafte Bedrohungen abzuwenden gilt.

Man kann ja nicht eben sagen, dass sich Ägypten unter Marschall Husni nicht weiterentwickelt hätte. Sehr wohl entwickelte es sich in dem Maße, in dem sich Ägypten überhaupt entwickeln kann, jedoch waren die natürlichen Folgen einer solchen Entwicklung populationsmäßig explodierende Vorstädte, Unmengen an jungen Leuten, die trotz Ausbildung in rauen Mengen umherirrten und keine Ahnung hatten, wo man sie braucht, und zum gefährlichen Sprengstoff wurden. Dazu die Verarmung der ländlichen Region. Dazu die Agitation der “Ichwan”, die Kaumi oben erwähnt – ihre Autorität ist in den Vororten und ländlichen Regionen nahezu absolut, denn sie versprechen es ja, alle Probleme zu lösen. Dazu die Ambitionen der Intellektuellen, die einmal Westluft schnüffeln durften. Und vor dieser Lage hatte Ägypten einen Präsidenten, der aufgrund seines Alters und seiner Krankheiten schon kaum noch etwas zu kontrollieren in der Lage war – selbst die Kontrolle über seinen eigenen Parteiapparat war ihm entglitten, wo üblicherweise die “kapitalen Burschen” saßen. So dass allen klar war: geht der Pharao, so hat sein Sohn Gamal keine Chance mehr, die Lawine aufzuhalten. Und um die zu entschärfen, kam es zum Schmelzofen, dem Tahrir.

Wie das Szenario es nun einmal vorschreibt, durften die Ichwan in Person des Mursi eine Weile lang am Ruder stehen, und haben von ganzer Seele gerudert, so dass die Wirtschaft nunmehr in einem Zustand ist, in dem jeder Kairoer Tagelöhner sich nach einem Tageslohn von 1.50 USD, wie noch 2011 üblich, sehnt. Übrigens sah man in den vergangenen Tagen genau diesen Pöbel, der damals noch den Pharao gestürzt hatte, wieder auf den Straßen. Pöbel, denn allein schon die vergewaltigte Journalistin und andere ihres Schicksals geben dafür ein beredtes Zeugnis ab. Die auf den ersten Blick erstaunliche Zahnlosigkeit der Ichwan erklärt sich auch: die Vororte der Großstädte zu kaufen, wie das noch vor zwei Jahren machbar war, das können sich die “Brüder” nicht mehr leisten oder wollen es nicht mehr, und aus den Dörfern karrt man auch keine Menschen mehr an, denn auch dafür braucht es Kohle, die es nicht mehr gibt.

Im Prinzip war’s das. Buhmann Mursi hat seine Schmutzarbeit getan, zuletzt noch die Beziehungen zu Syrien abgebrochen. Ihn, den Helden von gestern, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit  wegen irgend etwas verurteilen. Da findet sich auf jeden Fall etwas, man muss sich gar nichts ausdenken. Ihn und die Demokraten, die sich in den Zeiten des Triumphs der Demokratie als besonders eifrig hervogetan haben. Und die Bühne betritt der langersehnte Aliyev. Äh, Schewardnadse. Pardon. El-Baradei.

Genau, jener Kandidat aus der IAEA, handzahm, vom Westen 2011 massiv unterstützt, und dann erstmal in den Schatten “warmgehalten”, bis der Sturm vorüberzieht. Jetzt gibt es einmahl mehr eine “Übergangsphase”, und dann, versteht sich, “demokratische Wahlen”. Die Feinheit besteht zwar momentan darin, dass bei solchen Wahlen die “Ichwan” wieder gewinnen würden – ganz einfach deshalb, weil sie die ländlichen Gebiete hinter sich haben, und das sind dreimal soviel Wähler wie in den Städten. Hier wird’s natürlich darauf ankommen, wer bestimmt, was “transparent” und “legitim” ist – reale Mehrheitsverhältnisse spielen dabei keine vordergründige Rolle.

Also, Kaumi, Ägypten kommt wahrscheinlicher in die Phase einer auswärtigen Kontrolle, als dass es ihr entgleitet. Gottlob wird man dem armen Husni wohl eine Amnestie gewähren, die Islamisten werden gehorsam in allen Fragen, auch, was Syrien angeht – keine Eigeninitiativen mehr, bitteschön.

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