Archiv für August, 2013

Im Auge des Sturms

In Israel weiß man seit mindestens 4 oder 5 Tagen nicht nur, dass es die syrische Armee gewesen ist, welche chemische Kampfstoffe eingesetzt hat, sondern kennt sogar den Ort, von dem aus die Raketen abgefeuert wurden (Westhang des Bergs Kassiun) und von wem (155. Brigade der 4. Syrischen Armeedivision). Dazu natürlich die Namen der Kommandeure der Einheiten, welche die chemischen Kampfstoffe an die Abschußpositionen lieferten sowie die Namen derer, die schließlich den Befehl ausführten.

Noch dazu wird dann allerdings schon gemutmaßt, dass es wahrscheinlich nicht Baschar, sondern dessen böser Bruder Maher gewesen sei, der die Initiative in der Sache hatte. Diese Konfiguration erinnert ein wenig an Libyen, wo man das Bild eines unberechenbar brutalen Khamis Gaddafi zeichnete, über den “der Diktator” keine Kontrolle mehr hat. Mit anderen Worten, man wirft das Bild eines Kontrollverlust im syrischen Staat an die Wand.

Baschar al-Assad im Interview für "Izvestia"

Der Präsident der Syrischen Arabischen Republik spricht im Exklusivinterview mit “Izvestia” über die Gefahr einer Intervention durch die USA und den Westen, über seine Beziehungen zu Wladimir Putin und die Gemeinsamkeit der Schicksale von Russen und Syrern. Quelle: Izvestia.ru

Foto: Pressedienst des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad (via Izvestia.ru)

Auf dem Höhepunkt der Krise trafen sich Aleksandr Potapow und Jurij Mazarskij in Damaskus mit dem Präsidenten des Landes, Baschar al-Assad. In einem Exklusivinterview für “Izvestia” erzählt er davon, wer es ist, der chemische Waffen einsetzt, er kommentiert die Statements der westlichen Politiker über deren Vorhaben, militärischen Druck auf Syrien auszuüben und bewertet die Hilfe, die das syrische Volk von Russland und dessen Präsidenten erfährt.

Herr Präsident, die brennendste Frage dieser Tage ist – wie ist die Lage in Syrien? Welche Territorien verbleiben unter der Kontrolle der Aufständischen?

Es geht nicht so sehr um Territorien, die unter der Kontrolle der Terroristen sind und jene, welche von der Armee kontrolliert werden. Es gibt keinen solchen Feind, der unser Land besetzt hätte. Wir haben es mit Terroristen zu tun, die in die Dörfer und Vororte von Städten eindringen. Es handelt sich um Verbrecher, welche unschuldige Zivilisten ermorden und Objekte der Infrastruktur zerstören.

ANNA-News im C-Waffen-freien Dschobar

Vorbemerkung: Ich bekomme die Sache mit den Untertiteln technisch nicht hin. Es wird zu viel und zu schnell gesprochen. Eine deutsche Neusynchronisation würde zu lange dauern. Deshalb folgt die Übersetzung des Beitrags als Klartext (nach „…weiterlesen »“)…

Brühe in Dschobar

photo credits: Anhar

RT meldet, dass Armeeeinheiten in Dschobar ein Chemiewaffenlager der Rebellen aufgebracht haben. Einige Armeeangehörige sind bei dieser Operation, wie es auf der russischen Verseion von RT heißt, durch die Kampfstoffe ums Leben gekommen.

Anhar Kotschnewa schreibt derweil aus Damaskus, dass die Banditen in Dschobar chemische Kampfstoffe gegen die Armee zur Anwendung gebracht haben. Allein wird auch das nicht viel an der Gesamtlage ändern – niemand zweifelt inzwischen mehr daran, dass die Rebellen über chemische Kampfstoffe verfügen. Es gibt auch gar nicht so viele Versionen, woher sie das Zeug haben können. Dass es aus den syrischen Chemiewaffenarsenalen stammt, ist wenig wahrscheinlich. Die seit längerem diskutierte libysche Spur ist um einiges plausibler. Fälle, in denen die Rebellen bereits chemische Kampfstoffe angewandt haben, waren im Sinne des Einsatzes dieser Mittel wenig „effizient“; das kann von einer teilweisen Denaturierung dieser Mittel zeugen. Ein Argument für die libysche Variante – noch unter Gaddafi ging man daran, die alten Waffen dieser Art zu vernichten, neue wurden nicht mehr angeschafft.

Heute im Verlauf des Abends kommt (hoffentlich) noch die Reportage von ANNA-News aus Dschobar vom 21.08. mit deutschen Untertiteln, worin die Rede davon ist, dass es den aktuellen Kriegsvorwand, den angeblichen Einsatz von Chemiewaffen durch die Armee, so nicht gegeben hat.

Was tun, Akela?

Akela Husseinowitsch Obama

Die Generalstabschefs der Briten und der Amerikaner haben ihren Politikern jeweils Rede und Antwort zu den Perspektiven eines “militärischen Eingreifens” in Syrien gestanden. Keiner von beiden hat dazu etwas Neues geäußert. Im wesentlichen warnten sie, dass ein Krieg nicht begrenzt ablaufen kann, wenn die Politiker ein Resultat haben wollen. Ausgehend von ihren “Erfahrungen” im Irak und Afghanistan sollte man sich vorher überlegen, was nach dem Krieg in dem unterjochten Land zu passieren habe – speziell, dass es eine funktionierende Regierung geben sollte. Ansonsten wird das Land, wie schon mehrfach bekannt, in ein jahre- oder jahrzehntelanges Blutbad gestürzt:

„The use of U.S. military force can change the military balance,” Dempsey said. “But it cannot resolve the underlying and historic ethnic, religious and tribal issues that are fueling this conflict.“ Dempsey has … continually warned the country’s political elite against stronger military commitment in the conflict, citing the US experience in Iraq and Afghanistan. Dempsey thus supported the Obama administration’s current policy of providing humanitarian assistance and some limited help to moderate opposition, saying that would be “the best framework for an effective U.S. strategy toward Syria.“ (Quelle)

Anders gesagt warnt Dempsey, dass die Streitkräfte eine Entscheidung zum Krieg zwar ausführen werden, die Politiker sich jedoch vorher um die Folgen zu kümmern hätten. Das war überhaupt eine der Grundthesen Obamas, der noch vor seinem ersten Wahlsieg meinte, die Republikaner hatten sich, als sie noch regierten, zu leicht in militärischen Konflikten engagiert, ohne deren Folgen abzuwägen – weder die für die “befreiten” Länder, noch für sich selbst.

Von Werten und Unwerten

Wer aktuelle Nachrichten und Betrachtungen zu Syrien und Nahost erwartet, mag diesen Text überspringen. Den meisten mögen die folgenden Überlegungen auf den ersten Blick an diesem Ort “Off topic” erscheinen, sie gehören aber in den Kontext “Russland” und beschäftigen sich mit der globalen Homo-Hysterie, die seit einiger Zeit gegen das Land und eines seiner Gesetze, das kaum einer unter den Hysterikern kennt, anstürmt. Gleich vorweg eine kurze Bemerkung: etwas zu kennen oder sich mit etwas zu beschäftigen ist nicht modern. Wähler und Steuerzahler sollen in Slogans, simplen Symbolen und Hashtags denken. Solche Hashtags, wie beispielsweise “Antisemit”, oder “FreeSyria”, oder eben “homophob” braucht man dann bloß in den Kontext eines anzugreifenden Ziels zu bringen, und schon rollt die Lawine.

Anlaß für die aktuelle Empörung der zivilisierten Welt ist ein russisches Gesetz, das die Propaganda von sexuellen Deviationen unter Minderjährigen verbietet. Die Kampagne gegen Russland begann in etwa auf der Leichtathletik-WM in Moskau, nachdem der US-amerikanische Sportler Nick Symmonds seine Silbermedaille “den Homosexuellen” widmete. Jelena Isinbajewa wurde tags darauf Stabhochsprung-Weltmeisterin und äußerte sich bekanntermaßen positiv zu dem Gesetz und begründete das mit der Sorge um die Zukunft der Nation. Wie auf Kommando sprangen sie alle an: “Homphobe Isinbajewa gehört abserviert”, titelt, stellvertretend für alle, die “Welt”, aber die Toleranz der Gutmenschen ging noch weiter. Der italienische Politiker Gianluigi Piras meinte sinngemäß: “Isinbajewa! Du solltest auf der Straße vergewaltigt werden!”.

Für nichts

Die neuerliche Ankunft von UN-Inspektoren in Syrien wurde traditionsgemäß durch eine schreckliche Provokation markiert. Was genau passiert ist, kann man auch tags darauf nicht wirklich mit Sicherheit sagen, doch die Rebellen und mit ihnen die “zivilisierte Welt” zeichnen eilends das Bild eines markgefrierenden “Verbrechens des Regimes”, das Zivilisten mit etwas beschießt, was an chemische Waffen erinnert.

Marat Musin gestern in Dschobar

Der gesamte Korpus an Beweisen besteht aus Youtube-Clips mit Leuten, die in Ruinen herumirren und -wühlen, mit am Boden liegenden, sich in Schmerz und Ohnmacht windenden Opfern, mit unzähligen Leichen ohne sichtbare äußere Verletzung. Die ganze Palette. Allerdings gibt es in diesem Beweismaterial so viele Unstimmigkeiten, dass man gar keine Lust hat, sie alle herauszuarbeiten – damit hat “die Community” überdies schon begonnen. Allein das, dass am Ort des vermeintlichen Giftgasangriffs Leute nicht nur ohne Gasmasken, sondern selbst ohne Atemschutz (keine Pali-Tücher mehr in Syrien?) geschäftig umherirren, spricht Bände. Wie der Zufall es will, war ANNA-News (ohnehin) am Ort, von dem die Rebellen meinten, dort habe es die Giftgasattacke gegeben: Dschobar & Umgebung. Drei der vier, darunter Marat Musin, wurden gestern im Verlauf Dreharbeiten leicht verletzt (Granatsplitter, Glasbruch), aber von Giftgas keine Spur. Da sie die federführend dort operierende Einheit der Republikanischen Garde begleiten, kann man zumindest einmal zur Kenntnis nehmen, was sie vom gestrigen Tag berichten:

Aus dem Königreich der Totgesagten

Принц Саудовской Аравии Бандар Бен Султан.

Bandar bin Sultan. Foto: president.kremlin.ru

Dass nach einer Meldung des Pressedienstes des russischen Präsidenten der saudische Prinz Bandar bin Sultan am 31. Juli 2013 zu Besuch bei Putin in Moskau gewesen sei, ist nicht deswegen interessant, weil damit einmal mehr Thierry Meyssan durch die Realität widerlegt wird. Es gibt ein paar andere Dinge, die dadurch angedeutet werden. Dabei ist die Meldung auf der Seite des russischen Präsidenten mehr als nur knapp – es gibt nicht einmal ein aktuelles gemeinsames Foto mit Putin und Bandar. Geheimdienstler unter sich. Die Meldung lautet vollständig:

Wladimir Putin empfing den mit einer Visite in Moskau weilenden saudi-arabischen Prinzen, Sekretär des Sicherheitsrates und Geheimdienstchef Saudi-Arabiens Bandar bin Sultan. Es wurden zahlreiche Fragen der beiderseitigen Beziehungen, die Lage im Nahen Osten und Nordafrika besprochen.

Derweil trifft sich Prinz Bandar, eine der einflussreichsten Personen nicht nur in Saudi-Arabien, sondern in der sogenannten “Weltpolitik”, nicht zum ersten Mal mit Putin: es ist mindestens sein sechster Besuch innerhalb der letzten sieben Jahr in Moskau, und er war es auch, der den Besuch Putins in Riad 2007 organisierte. Allerdings liegt die Meldung über den letzten Kontakt noch vor dem “Arabischen Frühling”, und seither hat sich die Lage in der Region grundlegend geändert: die Ereignisse in Libyen, Syrien und Ägypten, nach denen die Länder der Möglichkeit beraubt worden sind, in der Region Einfluß auszuüben, machten die ohnehin mächtigen Saud wahrscheinlich endgültig zur einflußreichsten Macht in der arabischen Welt. Und auch wenn diese nach wie vor maximal an Washington orientiert sind, nimmt man dann und wann, aber deutlich genug Bemühungen um eine eigene Linie wahr, selbst auch in Fragen, in denen sie weiterhin mit den Amerikanern gemeinsame Front machen. Die wichtigste dieser Fronten ist derzeit Syrien. Man braucht also nicht zu bezweifeln, dass das “syrische Problem” es war, das den Prinzen diesmal hauptsächlich nach Moskau geführt hat. Zumal, mehr noch, Bandar früher nur in seiner Eigenschaft als Chef des saudischen Sicherheitsrats unterwegs gewesen ist, so ist er heute zusätzlich noch mit dem Amt des Geheimdienstchefs dekoriert, das er seit einem Jahr bekleidet. Vor einem Jahr war es auch, dass man den Prinzen totsagte; mehrere Wochen lang haben die Medien Spekulationen über seinen Tod durch einen Anschlag hin- und hergekaut (Suchanfrage auch hierher bis heute oft genug: “bandar bin sultan tot”).